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Laufberichte

Romantik auf die harte Tour

 

 

Raus aus der City, rein in die Natur

 

Das war es dann. Mit dem gemütlichen Teil des Streckenkurses. Jenseits der Alten Brücke, in Heidelberg-Neuenheim, ist das kulturelle Intro (fast) beendet, jetzt geht es zur Sache. „Herrlich, höher, härter“ lautet das Motto, das der Veranstalter ausgegeben hat.   

Noch ein kurzes Stück weit folgen wir dem Ufer des Neckar. Dann steigt der Kurs bergzugewandt über die Hirschgasse kräftig an. Eine Blöße will sich hier jedoch noch keiner geben. So macht sich der verstummende Pulk heftig schnaufend, aber noch im gedämpften Laufschritt an diese Hürde. Aber nicht lange. Noch steiler wird es und dominoeffektmäßig fällt einer nach dem anderen ins Marschtempo.   

Der Anstieg katapultiert uns hinauf auf den sogenannten Philosophenweg. Quasi als Belohnung für die Mühen eröffnet sich uns von dem Höhenweg aus ein wundervoller Ausblick auf Altstadt, Schloss und Neckartal. Die Ablenkung für Geist und Sinne währt aber nur kurz. Denn am Ende des Philosophenwegs wartet schon ganz unphilosophisch weitere physische Mühsal in Form des nächsten Anstiegs in Richtung Heiligenberg.

Durch dichten Laubwald traben wir moderat, aber beständig bergan, zunächst noch auf Asphalt, dann auf einem bequemen Naturweg, der sich zusehends verengt. Die erste von zehn Verpflegungsstellen nach 6,5 km kommt wie gerufen. Anständig nachtanken sollte man auch schon deshalb, weil ein weiteres kräftezehrendes Streckenhighlight gleich vor uns liegt: Die Thingstätte.

Die Thingstätte ist keineswegs, wie der Name suggerieren könnte, ein alter germanischer Kultplatz, sondern eine in den 1930er-Jahren nach dem Vorbild griechischer Theater erbaute Freilichtbühne, allerdings mit üppigen Dimensionen. 20.000 Zuschauer hatten hier einst Platz. 178 Stufen sind es, die von ganz unten nach ganz oben führen. Und die sind auch von uns zu bewältigen.

Ich lasse es mir nicht nehmen, die Stufen allesamt im Laufschritt anzugehen, muss dies allerdings mit einem kräftigen Schweißschub bezahlen. Der Ausblick auf die Stätte von oben ist überaus beeindruckend. Einst hatte man von den Tribünen über die Bühne hinweg bis hinab nach Heidelberg spähen können. Dichtes Baumwerk versperrt aber mittlerweile den Fernblick. Ein gutes Gefühl bedeutet die Eroberung der Thingstätte für uns aber auch deshalb, weil damit der erste der drei „Gipfel“ des Streckenkurses erobert ist.

 

Durchs Mühlental zum Weißen Stein

 

Uns ein eindrückliches Trailerlebnis zu vermitteln, ist ein besonderes Anliegen des Veranstalters. Und so werden wir, mehr als noch beim Premierenlauf im letzten Jahr, weg vom Asphalt über allerlei Naturpfade gelotst. Auf einem schönen Waldpfad mit butterweichem Boden geht es weiter, beständig bergab. Locker und leicht traben wir dahin. Aufpassen müssen wir dennoch, im trockenen Bodenlaub nicht etwas zu übersehen. 

Kurz hinter dem km 10-Schild macht sich zusehends ein durch den Wald wabernder  Lärmschwall bermerkbar. Das Mühlental und damit die erste Wechselzone der Teamläufer am Ortsrand von Handschuhheim ist erreicht. Und die machen, auf ihren Teamgefährten lauernd, mächtig Stimmung.

Die Erholungsphase hat damit für uns ein Ende. Eine anspruchsvolle Etappe steht uns bevor. Über die nächsten 10 km führt sie uns hinauf bis zum zweiten „Gipfel“, dem Weißen Stein. Auf einem asphaltierten Weg folgen wir zunächst dem langsam ansteigenden bewaldeten Talgrund. Dann zweigt ein Naturweg ins Nirwana ab. Im Zickzack, hin und her, mal auf Asphalt, mal über breite Forstwege, mal über Stock und Stein auf Pfaden geht durch den trotz Herbst immer noch meist üppig grünen Wald. Auf- und Abwärtspassagen wechseln einander immer wieder ab, sodass der zunehmende  Höhengewinn sich nur ganz allmählich vollzieht und bemerkbar macht.

Was die Orientierung angeht, muss man sich ganz der Streckenmarkierung des Veranstalters anvertrauen, denn die geht binnen kürzester Zeit verloren. Aber Muße zur Orientierung bleibt gerade auf den Traileinlagen ohnedies keine, tut man doch gut daran, sich voll auf den Untergrund zu konzentrieren. Heimtückische Wurzeln und Stolpersteine lauern nur darauf, uns zu Fall zu bringen. Aber: Genau das wollen wir! Die anspruchsvollsten, unwegsamsten Passagen durch die unkultivierte Natur sind ohne Zweifel auch die schönsten und diejenigen, die das Trailerlebnis erst  ausmachen.

Schon seltsam ist, wenn einem nach langer Zeit der Waldesruh aus der Ferne auf einmal „TNT, I'm dynamite, TNT, I'll win the fight“ entgegen schallt. Wenn sich ein bestgelaunter AC/DC-Fan mit fetter Lautsprecherbox, Klappstühlen und Begleitpulk an der Strecke aufstellt, ist das nicht nur eine tolle Idee, sondern auch ein klares Indiz, dass die Zivilisation nicht fern sein kann. Und tatsächlich: Wenige Minuten später taucht ein wuchtiger Steinturm aus dem Baummeer auf. Der Weiße Stein (548 m üNN) , die Nummer zwei unter den Strecken-„Gipfeln“ ist erreicht. 20 km können wir damit auf dem Laufkonto verbuchen. Ein lauschiger Biergarten lädt zum Verweilen ein. Ich gebe offen zu: Ich bin nahe daran, der Versuchung zu erliegen ….

 

Wald ohne Ende

 

Die nächsten 10 km haben rein optisch sehr viel mit den vorangehenden gemein: Bäume, Bäume, Bäume. Wald, soweit das Auge reicht. Wobei der Blickfeld zumeist äußerst limitiert ist. Ein wesentlicher Unterschied ist allerdings, dass es jetzt merklich und beständig abwärts geht und vermehrt Passagen auf langen Forstwegen zu bewältigen sind. Das ist natürlich weniger stressig, aber läuferisch auf die Dauer auch wenig animierend. Umso mehr freut es da, wieder einmal auf einen Waldpfad abgeleitet zu werden.

Weiter und weiter geht es hinab und es erstaunt mich, wie viele Höhenmeter es doch gewesen sein müssen, die wir uns zuvor läuferisch aufwärts erarbeitet haben. Eine Spitzkehre eröffnet uns auf einmal neue Perspektiven. Durch das im Sonnenlicht fast schon frühlingshaft leuchtende, lichte Grün des Blätterdachs blicken wir tief ins Neckartal hinab und auf die glitzernden Fluten des sich darin träge dahin windenden Flusses. Das nun kräftige Gefälle fordert heftig die Beinmuskulatur, vor allem, als es auf Asphalt durch die Außenbezirke Ziegelhausens downhill geradewegs gen Fluss geht. Ein kühles Lüftlein erfrischt uns beim Queren der Neckarbrücke. Doch meine Beine sagen trotz Intervention durch Cola, Energy-Gels, Bananen und sonstigem, was der Versorgungsposten jenseits der Brücke hergibt, erst einmal „nein“. 30 km sind geschafft und ich bin platt. 

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Informationen: GELITA Trail Marathon Heidelberg
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