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Laufberichte

Faszination Freiheit

17.08.13
Autor: Joe Kelbel

Zum Zeitpunkt des Mauerbaus gab es keine Wehrpflicht in der DDR, wäre sonst ein zusätzlicher Grund gewesen, den Osten zu verlassen. Mit dem Bau der Mauer hatte sich die Sorge erledigt, 1962 wurde die Wehrpflicht eingeführt.

“Der bescheuertste Soldat konnte sehen, dass die Anlagen dazu da waren, die eigenen Bürger am Passieren der Grenze zu hindern”, berichtete ein Grenzer. Das Rittergut  Groß Glienicke war damals richtig eingemauert, jetzt wunderbares Wochenenderlebnis. Aber das Kopfsteinpflaster! Wer mir viel Spaß für so einen Lauf  wünscht, der kann mir auch geriebene Möhren vorsetzen und mir guten Appetit wünschen.

 

Die Mauer stand direkt am Ufer, auf  DDR-Gebiet, die eigentliche Grenze inmitten des Sees war durch Schwimmbarrieren gesperrt. Die alten und neuen Seeanwohner betrachteten das Ufer zu ihrem Grundstück gehörig, zogen eine neue Mauer, um Besucher vom Ufer fernzuhalten.

Die Potsdamer Stadtverwaltung entfernte 2010 die westliche Sperranlagen. Dennoch ist es nicht erwünscht, dass wir Läufer den Uferweg benutzen. Plakate “Freies Ufer”  erzählen vom schwelenden Konflikt.

Wunderschöne Häuser, vor allem rechts oben auf der einzeitlichen Hangmuräne. An der Straße parken vierradbetriebene, hochhackige Autos, teils mit Kennzeichen aus dem Bonner Raum. 

VP 14 (km 80) Schloss Sacrow Cut-Off-Limit 21 Uhr, es ist 17 Uhr) “Bis später, Joe!” rufen mir diejenigen zu, die hier hängen bleiben.

VP 15 (km 86) Die Revierförsterei Krampnitz ist am westlichsten Arsch von Berlin. Keine Infrastruktur, nur schöne Natur und der Reiterhof, in einer Bucht gelegen, die an Neuseeland erinnert. Unter dem Beifall der Zuschauer wird guter Reitsport präsentiert, edle Hufe werfen Staub wie Feuerwerk in die Lüfte der ringsum bewaldeten Bucht, während wir über schmerzhafte Vorkriegswege eiern.

VP 16 (km 93) Brauhaus Meierei, hier gibt’s Bier, eiskalt vom Fass. Da kommt die Nachricht, dass Maria gestürzt ist, scheiß Vorkriegswege, Blut, Gehirnerschütterung, Notarzt, Krankenhaus. HaWe ist der Held des Tages, er war den ganzen Tag mit Maria zusammen, begleitet sie nun ins Krankenhaus. 3 Stunden Beistand, Formulare und sonstiges, dann lässt er sich zurücktransportieren und finisht wenige Sekunden vor Zielschluss. Danke im Namen aller Läufer für dieses vorbildhafte Verhalten! 

Über 186 Wachttürme gab es um Westberlin herum. Dort oben kochte man heimlich Kaffee oder zapfte die Stromleitungen an, mit denen der Grenzzaun belegt war, um Eier oder Buletten zu brutzeln.

Kurz vor der Glieniker Brücke über den Teltowkanal, die in die Enklave Klein Glienicke führt, entdeckt Rolf hinter einem Baum den fluchtbereiten Horst. Rolf fährt mit dem Kübelwagen den Kolonnenweg rückwärts, doch er wird von Horst erschossen. Rolfs Beifahrer lässt sich aus dem Fahrzeug fallen und erschießt Horst.

Jetzt wird es politisch unübersichtlich. Links die Straße führt nach Klein Glienicke. Wir brauchen sie dieses Jahr glücklicherweise nicht zu laufen, die “Straße” ist Schrott. Wir nehmen die Abkürzung geradeaus, vorbei an den protzigen, breit geparkten Autos, deren Besitzer im goldumrahmten Bürgershof (1873) schlemmen.

Es ist das Fitzelchen hässlicher Geschichte, das den Schampus versüßt. Keiner der hier geparkten SUV´s würde die 300 Meter-Straße rund um Klein Glienicke fahren.  Wer geht mit einem Finishershirt zu den Wight-Watchers?

Rechts, scharfe Kurve in den Wald. Der Weg ist hervorragend markiert. Manchmal bleibe ich stehen, suche kurz, denn die Mauer hatte keine sinnvolle Linie.

VP 17 (km 99) Gedenkstätte Griebnitzsee.  Schon komisch, aber die Elemente, die hier zusammengetragen wurden, stammen aus Grabungen. Nicht die sechs Mauerelemente, die sind hierher befördert worden, sondern die Fundamente des Wachturms, die Großpflastersteine.

Der Westen ist jetzt im Norden, im Süden ist Steinstücken, (400x300 Meter) eine der berühmtesten Exklaven.

1,2 Kilometer lang war die Straße, die von Westberlin durch die DDR nach Steinbrücken führte. Dort wohnten einige hundert Westberliner. Wasser und Strom lieferte die DDR, der Telefonanschluss stammte aus Vor-Mauerzeit. Wir nehmen die Abkürzung über die Kohlhasbrücke, laufen den Königsweg bis zum Ende.

Zum Ortsteil Albrechts Teerofen laufen wir dieses Jahr nicht, es ist ein schmaler Westberliner Streifen, dessen Südende an der Autobahn endet, dort war Checkpoint Bravo.

Übergangsstelle Drehwitz/Dreilinden, Weihnachten 1962: Minus 20 Grad, im Scheinwerferlicht erscheint nach kilometerlangem Anlauf ein röhrender Koloss mit stählernem Rammbock. Zwei Familien mit Kindern sitzen in dem zum Panzer umgebauten Bus, Baujahr 1941. Zwei Kilometer breit war hier der Grenzstreifen. Unter dem Kugelhagel der Grenzer gelang den acht Personen in einem infanalischem Gedröhn der Motoren der Durchbruch in den Westen.

 
 

Informationen: 100 Meilen Berlin
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