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Lohners lohnt sich

 

Ich muss schnell sein, der nächste Ausbruch ist überfällig, sagen diejenigen Wissenschaftler, die die Gegend seismisch überwachen. Im Laacher See sprudelt es mehr als früher, es ist Kohlendioxid, was da aus dem Erdinneren aufsteigt. Mofetten nennt man diese Austrittsstellen. Am Ostufer ist eine größere Mofette. Dort stand einst eine Villa der Jesuiten, 80 Meter lang, 10 Meter breit, mehrere Stockwerke hoch. Es gab sogar zwei Kegelbahnen. Lediglich eine Treppe zum Seeufer ist vom Geisterhaus geblieben, das nur von 1871 bis 1872 bewohnt war. Die Patres sind mysteriös gestorben. Die offizielle Version erklärt die Todesfälle mit einer TBC-Epidemie.  Die Einheimischen aber wissen, es war Mofettengas. Über den Mofetten wächst in den letzten Jahren vermehrt Gras: Sauergras, carex acutiformis, eine Pflanze, die Kohlendioxid liebt.

Ich liebe auch dieses Gas, wenn es im Bier ist. Die Vulkanbrauerei in Mendig hat den tiefsten Bierkeller der Welt. Im Biergarten ist an diesem Frühlingsabend kein Platz mehr, ich genieße an der Theke den Krustenbraten vom Eifler Schwein mit Klößen und Rotkohl in Biersoße. Deftig sehen auch die Häuser in Mendig aus, sie sind aus tiefschwarzen Basaltblöcken gebaut.

Der Laacher See hat keinen Abfluss, deshalb hat man Stollen durch den 100 Meter hohen Kraterrand gegraben. So lässt sich der Wasserstand des Sees regeln. Einer davon ist der Laachgraben, der in Mendig bis zur Kreissporthalle reicht, in der ich im Lehrerzimmer übernachte. Am Laachgraben liegt das Vulkanbad, interessant für Läufer ist das „behindertengerechte Durchschreitbecken“.

 

 
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Bis zum Firmengelände des Hauptsponsors Lohners reicht der Graben nicht, denn dazwischen fließt die Nette, deren Wasser für das Nettepils gebraucht wird. Lohners macht aus Gerste auch etwas, nämlich Backwaren. 1800 Mitarbeiter arbeiten in den Bäckereien mit Snackabteilungen in Rheinland Pfalz und NRW. Man sucht übrigens dringend Arbeitskräfte. Mit ein Grund für den Erfolg der im Jahre 1912 gegründeten Familienfirma ist eine perfekte IT-Vernetzung der Zentrale mit den 135 Filialen. In Polch weiß somit sofort, ob in der Filiale 109 gerade Rhabarberteilchen oder Rosinenbrötchen gefragt sind.

Um 5:30 Uhr werde ich in meinem Lehrerzimmer geweckt, schaue durch die Scheibe in die Sporthalle: Die Mitglieder vom LC Laacher See rücken an, kurze Anweisungen, die verstehen sich. Rhabarberteilchen hat Lohners auch schon geliefert, ich nehme aber ein herzhaftes Wurstbrötchen. Jeder Läufer bekommt ein dickes Brot von Lohners und einen Müsliriegel geschenkt. Die Startertüte ist gefüllt mit Gutscheinen und Goodies. Oben in der Halle gibt es eine Kuchentheke, die Robert Cimander begeistern würde. Die Rhabarber- Baiseetorte sieht traumhaft aus.

Die Halle ist groß und nicht belebt, es treten ja nur 90 Marathonläufer an. Erst später treffen unglaublich viele Kurzstreckler ein, der LC Laacher See kann sehr gut motivieren. Chef Klaus Jahnz hat stets gut gelaunt alles unter Kontrolle. Auch das Wetter, denn das ist nicht schlechter, als letztes Jahr.

Wir begeben uns also im Regen in das Stadion und starten um 8 Uhr. Nach einer Ehrenrunde durchs Stadion geht es zügig in eine durch Vulkanaktivität geschaffene Senke.

Es werden zwei Schleifen gelaufen, die hinauf auf den Kraterrand führen. Der Marathonläufer bewältigt diese zweimal und hat somit 800 Höhenmeter vor sich. Der Kraterrand entstand vor 11.000 Jahre. In Tourismusbroschüren steht zwar, der Ausbruch wäre vor 15.000 Jahre gewesen, aber das ist falsch, ich habe Fotos auf Instagram gesehen. Aufsteigende Lava traf damals auf  den Kratersee, den der Vorläufervulkan (200.000 Jahre) hinterlassen hatte. Jeder Läufer kann sich vorstellen, was passiert, wenn Hitze auf kohlensäurehaltiges Wasser trifft.

Der Auswurf war also gewaltig, verstopfte nicht nur das Dixiklo, sondern auch den Rhein, der sich bis nach Basel aufstaute. Man hat berechnet, dass der Tuffausstoß bis in eine Höhe von 30 Kilometern gelangte. Naja, Felix Baumgartner war 9 Kilometer höher und hat nix verstopft. Dann brach der Damm, die Sintflut machte bis zur Nordsee alles platt. Die Arche Noah sucht man noch, einen Einbaum im Uferschlamm des Laacher Sees hat man schon gefunden.  Die Uferregion ist fruchtbar, die Fische aus dem 50 Meter tiefen, glasklaren See schmecken vorzüglich.  

 

 
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Das Leben in der Eifel ist einfach, wäre da nicht die Startzeit um 8 Uhr und die ungerade Kilometerzahl, wo ich Getränkestellen finden soll: 3,2  5,7  7,4  12,6 usw.. Wer soll sich das denn merken? Und ist es nicht unmenschlich, uns zwischen Kilometer 7,4 und 12,6 so eine lange Durchstrecke zuzumuten? Es gibt heute 11 Verpflegungsstationen.  In Mendig gab es einst sogar 28 Getränkestellen. Ehrlich, es gab tatsächlich 28 Brauereikeller, offiziell, inoffiziell natürlich mehr. Das Bier wurde im kühlen Basaltgestein gelagert.  Es sind ehemalige Lavaströme, aber nicht die vom Vulkan des Laacher Sees, sondern die des Vorgängervulkans, des Wingertsberg, und der war mächtiger.

Mit dem Wendepunkt bei Kilometer 11 kommen wir recht nahe an den alten Wingersberg. In der Grube Zieglowski war ich oft an Wochenenden. Es war zu einer Zeit, als es noch nicht diesen Marathon gab. Das ist heute die 36. Austragung. Ich suchte damals nach dem tiefblauen Hauyn. Das ist ein wunderschöner, glasklarer, knapp ein Zentimeter großer Kristall, der nur an zwei  Plätzen auf unserer schönen Erde gefunden wird. Zunächst hatte ich meine Funde auf Mineralienmessen verkauft, es gab 20 bis 50 Mark.

Später brachte ich die Steine per Fahrrad nach Idar Oberstein zum Schleifer. Hauyn ist nicht einfach zu schleifen und daher recht teuer. Aber unterm Strich kam ich auf  500-800 Mark. Aber bitte: Nur mit Genehmigung suchen, Adresse übers Internet. Und bitte nicht alleine, man kann hier sehr schnell verschüttet werden. Der rauchige Titanit kommt häufiger vor, die Kristalle sind wunderschön. Die 50 Meter hohe Wingertsbergwand, ein großer Aufschluss der Tuffablagerungen, ist auch in dieser Richtung hinter der A 61 zu finden. Hier ist Wühlen aber verboten.

Erlaubt ist, neugierige Kinder im Bierkeller der Vulkanbrauerei ruhig zu stellen. Auch im nebenan gelegenen Lava-Dome, wo einst die Mühlsteine gebrochen wurden, kann man Plagegeister beschäftigen. Unglaublich tief und düster ist dieser Keller und nur mit warmer Kleidung und festem Schuhwerk begehbar. Dann gibt es noch den Lava-Keller und die Museumslay, wo man kleinere Plagegeister, samt Mutter los wird, sodass man sich bei diesem Marathon Zeit lassen kann. Ich lass mir eh Zeit - und das schon ab der ersten Steigung. Christoph Mintgen macht den „Nachläufer“: „Joe, das Zeitlimit bestimme ich!“ Wir haben uns dann auch nur auf den zahlreichen Begegnungsstücken gesprochen, wo er mir mitteilte, an welchem VP mein Vulkanbier deponiert ist.

 

 
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Die Streckenführung ist etwas verwirrend, aber perfekt markiert. Zusätzlich stehen den ganzen Tag Helfer im Regen, sodass man nicht aus Versehen falsch laufen kann. In diesem Regen hebe ich den Kopf und entdecke ein wundersames Graffiti auf einem Basaltschlot. Solche Schlote sind Ausbrüche, die unterhalb der Erdoberfläche stecken geblieben sind und nun durch die Erosion freigelegt wurden. Es ist eine Zeichnung, die 1935 zur 400 Jahresfeier von Junker Schilling graviert wurde. Ein Junker ist ein Adliger ohne Ritterschlag. Dieser Junker hatte seinen gesamten Wald verschenkt, wohl aus Angst vor dem Ausbruch des Vulkans.

Man muss in diesem grünen Irrwald genau hinsehen: Immer wieder passieren wir verwitterte Basaltkegel und –ströme. Bei Kilometer 16/35 führt unsere Laufstrecke durch ein grün bemoostes Gebiet, das aussieht wie das Schlachtfeld von Verdun. Wir sind auf dem Kottenheimer Winfeld, einem Basaltbergwerk aus dem 19. Jahrhundert. Die tiefgrünen Mauern links und rechts markieren die Strecke der einstigen Transportbahn von 1859, die direkte Verbindung zur Rheinschiene hatte.

An der nächsten Weggabelung, wo es zum lustigen VP geht, stand bis 1994 ein mehrstöckiges Basalt-Brechwerk, das wichtig für den Straßenbau war.  100 Jahre lang hat man dort die Reste der Halden zerkleinert. Vor uns die Reste der alten Schmiede.

Wir laufen nun schnell den alten Bremsberg hinunter, vorbei an der ehemaligen Fahrzeughalle.  Oben wurden die Lohren befüllt, die dann  hinunter zur Bahnlinie Andernach- Mayen rollten. Dabei zogen die gefüllten Lohren die leeren Lohren wieder hier hinauf. Das wäre auch für Läufer praktisch: Die schweren Läufer steigen oben rein  und ziehen die leichten hinauf. Da dann der Dickste, also der Letzte, der Gearscht ist, verwerfe ich diesen Gedanken und laufe mit eigener Kraft wieder hinauf, um ein wenig Gewicht zu verlieren.

Mir ist klar, dass kein Läufer diese wundersame  Stelle  aus meiner Jugendzeit erkennen kann, es fehlt jede Beschilderung. Immerhin hat man in den letzten Jahren den Vulkanpark geschaffen, das rechnet sich auch tourismusmäßig.

Als ich bei der intakten Bahnlinie ankomme, erschreckt mich der Zugführer mit einem lauten Hupen. Ich springe zur Seite und zeige ihm meinen Mittelfinger. Ich hoffe, das hat ihn beeindruckt. Beeindruckt bin ich von der Menschenmasse, die nun aus der Bahnunterführung kommt. Es sind die 5 Kilometerläufer. Frauenanteil 80 %! Zwei Mädchen, halb so alt wie ich, unterhalten sich: „Ey, früher war ich schneller!“ „Ja, ich war in der Schulzeit beste Läuferin der Klasse!“ „ Ist halt nicht mehr so einfach, in unserem Alter fit zu bleiben!“ Vor Mitleid lege ich einen Zahn zu laufe hinunter zur Abzweigung und steige hinauf in die zweite Runde, in der ich nun Ruhe habe, theoretisch.

Dann holt mich ein Typ mit Fahne ein. Bald drauf höre ich wieder Schritte hinter mir: „ Welche Strecke lauft ihr?“ „ 10 Kilometer Walking“ und schon brausen die Typen vorbei.  Es gibt auch Stöckchenschwinger irgendwo auf der Strecke. Mit einem lauten „Vorsicht“ verschaffe ich mir Respekt, das klappt wunderbar. Ich bin kein militanter Gegner von Stöckchenschwingern und Kurzstrecklern, meine Bemerkungen sind väterlich gemeint. Ich bedanke mich brav, wenn sie mich vorbeilassen.

 

 

Bedanken will ich mich auch beim LC Laacher See für die familiäre Betreuung, die jeder Läufer erfahren darf. Während der Siegerehrung, bei der die Sieger die viele Gaben anhängermäßig wegschaffen, genieße ich ausgiebig die heimischen Produkte. Auch wenn ich nicht wöchentlich 5 Lieblinge von Lohners gewonnen habe, ich habe diesen Marathon lieb.

 

 

Informationen: Vulkan-Marathon
Veranstalter-WebsiteE-MailErgebnislisteHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 

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