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Laufberichte

Silesia Marathon Katowice

03.05.12
Autor: Joe Kelbel

Meine schlesischen Wurzeln

 

Wenn man nach 67 Jahren in die Stadt seiner Kindheit zurückkehrt, ist dies ein bewegender Moment. Kann man die Strasse des Elternhauses wiederfinden? Den Kindergarten, die Kirche, die Schule? Kann man sich an den Geruch erinnern? Der Silesia Marathon ist die Gelegenheit, meine Mutter zum ersten Mal in ihre Geburtsstadt mitzunehmen.

Den  Flug von  Köln nach Kattowitz in Oberschlesien gibt es bei WizzAir ab 17,99 Euro. Der Transfer zum Hauptbahnhof PKP (Glowny) 3 Euro.

Um 16 Uhr sind wir am Hauptbahnhof Kattowitz, besser dem Ersatzgebäude, denn das alte Gebäude verfällt. Mutter steht hier wie vor 67 Jahren, doch  seitdem ist viel passiert.

Ziemlich auf den Tag genau, die Rote Armee ist in der Stadt,  der Bahnhof wimmelt von russischen Soldaten.  Meine Großmutter versucht Fahrkarten zu erhalten, während meine kleine, blonde Mutter auf ihre drei jüngeren Geschwister aufpasst. Der „Verkauf“ des jüngsten Bruders ging schnell, doch ehe der Rotarmist mit dem Kinderwagen abdampfen konnte, kam meine Großmutter angeschossen.  Die handgreifliche Stornierung des „Kaufvertrages“ bewirkte, dass die Teilfamilie den Zug verpasste. Es war der letzte Zug nach Dresden, der Zug, in dem alle Insassen noch im Bahnhof verbrannten. Es waren die Amerikaner, die zwei Monate nach der mörderischen Bombardierung Dresdens durch die Engländer, mit 572 Kampfbombern die zahlreichen Flüchtlingszüge, die auf die Einfahrt in den Bahnhof warteten, mit 1385 Tonnen Sprengbomben zudeckten.

Als die österreichische Kaiserin Maria Theresia nach dem verlorenen Schlesischen Krieg 1742 Kattowitz an Preussen abtreten musste, weinte Theresia um ihr Goldstück Schlesien. Die Preussen beorderten französischen Glaubensflüchtlinge, die sich in  Berlin niedergelassen hatten, für die  Reformation ins katholische Kattowitz. So wurde mein XUrgrossvater Schloßverwalter des Fürsten von Pless.

Ob polnisch, deutsch, katholisch oder evangelisch, der Versailler Vertrag forderte die Trennung. Die Volksabstimmung 1922 ergab 85,4 % für den Verbleib bei Deutschland. Doch Frankreich, Herkunftsland  meiner Xurgroßväter,  zusammen mit den Italienern Mandatsmacht in Oberschlesien,  wollte es wieder mal anders.

So kämpfte mein Großvater in zwei Weltkriegen für zwei Nationen und in besagter Nacht 1945 durchwühlte er die Waggons in Dresden auf der Suche nach Resten seiner Familie, ohne zu wissen, dass diese zum Glück wegen Verkaufsverhandlungen meiner Mutter den Zug nach Berlin nehmen mussten.

Von Berlin flüchtete die Teilfamilie zu Fuß nach Warschau, von dort  im Sommer 1945 per Zug  zurück nach Kattowitz, wo sie an der Litfaßsäule eine Suchmeldung meines Großvaters fanden. Also ging es dann wieder zu Fuß  über Breslau nach Berlin.

Wenn die Stimmung ein wenig weinseelig wurde, dann sprachen meine Großeltern gerne schlesisch mit mir, dies war die Freizeitsprache. Einigen Wörter sind geblieben,  kaum im Polnischen zu gebrauchen, aber hier in Kattowitz kann ich mich damit verständigen.

Nicht alle Deutschen sind nach dem Krieg in den Westen geflohen. Etwa 20.000 deutschstämmige Schlesier leben noch in Kattowitz. Die Schlesier  gelten jetzt als autochthone Minderheit, weder deutsch noch polnisch. So lerne ich in den nächsten fünf  Tagen meine autochthone Verwandschaft kennen, meine Großcousins samt zweier nachfolgender Generationen. Wir sprechen eine Mischung aus schlesisch-deutsch, bisschen polnisch.

 
© marathon4you.de 33 Bilder

Am 2. Mai finden im  Slaski (Schlesien, sprich slongski ) Park Kultury i Wypoczynk,  auch Wojewodzki Park Kultury i Wypocznku , oder besser WPKW genannt, die Marathonmesse und der Frühstückslauf statt. Dorthin fährt die Strassenbahn 6,11 und 19 ab Rynek (Marktplatz nach Magdeburger Stadtrecht) bzw Rondo vor dem Spodek (Untertasse). Ausstieg Wejscie Glowne ( nach WPKW ) und dann 200 Meter zum Kapelusz gehen.

Das Biuro Zawodow ist die  Startnummernausgabe ( oder  auch Officu Startynumeri auf schlesisch) wo ich meine Startnummer ( numer startowy) bekomme. Margenna ist irgendwie ein Großurcousine, fährt mich mit Mutter zum Kapelusz ( Hut), einer hutförmigen Messehalle, im Slaski Parc, neben dem Slaski Stadion, was eigentlich für die EM vorgesehen war, aber in diesem Jahr nicht fertiggestellt wird. Dort treffe ich Agnieszka , ich habe sie über FB kennengelernt, sie ist vom Marathondirektorium (Organizatorem) und wird den Frühstückslauf anführen, der über die letzten 4 Kilometer der Marathonstrecke führt. Wir sind fünf Läufer. Nach dem Lauf genieße ich die frühsommerlichen Sonne bei einem Kattowitzer Bier (Tyskie= Krone) im Slaski Parc bei 30 Grad. In der kühlen Kapelusz-Halle ist  abends die Pasta Party (4 Zly= 25 Cents) und morgen  die  Umkleide (Przebieralnia) und Kleiderabgabe (Depot). Was ich nicht brauche, da ich ein Hotel direkt am Start, dem Spodek-Stadion habe. 

Margenna holt mich mittags ab. In Ligota (Idaweiche) vor dem Haus meines Großonkels, wo sie jetzt mit ihrer Mutter Zoza wohnt, liegen schon die Fotos und der Familienstammbaum auf dem Tisch und ein Foto von mir, Jahre her, ich als Kuhhirte in den Beskiden.

Auf dem Friedhof des Franziskanerklosters liegen die Geschwister meines Großvaters.  Mein Urgroßvater Josef  arbeitete in der Oheimhütte ( KopalniaWujek), er war die Nr. 7 der Bergleute, als diese Miene ca 1896 eröffnet wurde. Wenige Wochen später war er tot, Streitigkeiten unter den Nationen. Der Platz vor der Miene erinnert an die Toten des Solidarnosc-Aufstandes von 1981.

 
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Die Kneipje Fajrantje (sprich Kneipje Feierabend) war die frühere Kantine, von außen unscheinbar, von innen First-Class-Restaurant, njet drogi (nicht teuer), mit schlesischen Spezialitäten: Rolladen, Sparerips und gegrilltes Eisbein mit schwarzen Klößen (Kluski). Schwarze Klöße macht man, indem man die rohen Kartoffeln einfach an der Luft liegen lässt.

Der Marathontag ist Donnerstag, am 3 . Mai, dem Nationalfeiertag, Tag der Verfassung von 1791, die erste moderne Verfassung Europas, und die zweite weltweit, zentraler Aspekt der Verfassung ist die französischen Aufklärung gemäß Jean-Jacques Rousseau. In den ersten Maitagen befindet sich ganz  Polen wegen der Brückentage in  Urlaub, die meisten oben in den Beskiden, Teil der Karpaten am Rande der Hohen Tatra, in Wisla, wo mein Großvater ein Wochenendhaus hatte. Die Kinder machen  blau, weil eh niemand in dieser Woche zur Schule geht.

 
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Startgeld 15-30 Euro, für über 65 jährige 7 Euro, beinhaltet eine Wunschstartnummer, Übernachtung in Turnhalle, Medaille, T-shirt, Schulter-Rucksack, Sponsorengeschenke, Pasta Party, Mahlzeit nach dem Rennen und Freifahrt mit Bus und Bahn. Zeitlimit 6 Std. Halbmarathon, Kinderlauf, Staffelmarathon und Nordic Walking-Rallye (was ist das denn? ) gibt es auch noch.

Die website www.silesiamarathon.pl ist auch ein wenig auf deutsch und englisch geschrieben.

Es gibt einen Leihchip und die Startnummer, allerdings ohne Sicherheitsnadeln (Sichherka).

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