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Laufberichte

Marathon Lake Tahoe: Die fünf Phasen

 

Fotos: Andrea Helmuth, Natascha Sambach, Robyn Denny

Einige Menschen sind der Meinung, dass ein Marathon innerhalb eines IRONMAN nicht in einer Marathon-Statistik gewertet werden sollte, weil er in keinem unabhängigen Wettkampf absolviert wurde. Diese Einschränkung zwingt mich nun dazu, mir für Nordamerika  in meiner Kontinenten-Wertung einen zusätzlichen 42er zu suchen.

Der IRONMAN findet am nördlichen Lake Tahoe in Kalifornien statt (siehe separaten Bericht ) und glücklicherweise – allerdings schon ein Wochenende danach – wird am südwestlichen Lake Tahoe ein Marathon angeboten. Da muss ich nicht lange überlegen und melde mich auch dazu an. Als ich meiner Tochter, Natascha, von meinen amerikanischen Sport- und Reiseplänen erzähle, ist sie sofort begeistert und würde so ziemlich alles, tun um mitzureisen… Andrea Helmuth

Zwei Kilometer vor dem Ziel sagt meine Mutter zu mir: „Einen Marathon in Kalifornien; jetzt geht gleich dein Traum in Erfüllung.“ Meine Antwort: „Das ist nicht mein Traum!“ – Denn hätte ich tatsächlich einen Marathonzieleinlauf für mich erträumt, dann wären darin sicherlich mehr Menschen an der Zielgerade; vor allem aber höhere Häuser und der Central Park eingeschlossen gewesen. Doch dafür ist es jetzt auch zu spät und immerhin sind es ja auch nur noch 2 KM. Das hier ist definitiv kein Traum! 


Phase Eins – Bereuen


Im Moment der Anmeldung war mir schon bewusst: Diesen Klick würde ich bereuen. Anders als bei meinem Freund Christian (Autor vom Berlin Marathon 2012 und 2013) habe ich gegenüber meinen Eltern niemals den Wunsch geäußert, einen Marathon laufen zu wollen. Und anders als Christian, habe ich mich in den nunmehr 10 aktiven Marathonjahren meiner Eltern, immer mit der Euphorie zurück gehalten. Oft habe ich an der Strecke gestanden, angefeuert, mitgefiebert, Split-Zeiten kontrolliert, Konkurrenz analysiert und Koffein geliefert. Ob an der Strecke oder aus der Entfernung, ich war und bin ihr größter Fan.

Aber selbst auf die Strecke? Nein, das wäre mir nie in den Sinn gekommen. Und doch muss man mir in den letzten Jahren, gelegentlich bei Laufmessen an einem bestimmten Stand, aber immer spätestens einmal im Jahr in der ersten Novemberwoche ein Blitzen in den Augen entdeckt haben. Hatte das meine Mutter entdeckt, als sie mir vorschlug, „mein Debut“ in Kalifornien zu geben und eine Woche nach ihrem IRONMAN meinen ersten Marathon zu laufen? Es muss wohl, sonst wäre es ja niemals zu dieser Anmeldung gekommen.

Das Training sollte im Frühling beginnen. Bedingt durch den Haushalt, in dem ich bis zu meinem Schulabschluss und meinem Umzug nach Frankfurt (Oder) und Berlin gelebt habe, weiß ich, dass das eigentlich schon zu spät ist. Doch auch ich habe denselben Berliner Winter erlebt wie Christian und deshalb Kuchen und Couch der Kälte und dem Muskelkater vorgezogen. Und als es dann wirklich (endlich) so richtig losgehen sollte, da habe ich jeden Lauf wegen Knieschmerzen nach etwa 5KM abbrechen müssen.

Zum Glück gibt es in Berlin Ärzte wie Sand am Meer, die einen auch ohne viele Fragen zu MRT und Physiotherapie überweisen. Nach sechs Terminen keine Besserung. Die Zeit rannte, was ich von mir nicht sagen konnte. Enttäuschung und Ärger wuchsen: Über mich selbst, weil ich mich auf diesen Marathon-Irrsinn überhaupt eingelassen habe und über mein Knie, was mich jetzt bei der Umsetzung auch noch im Stich ließ.

Was mir in Zeiten der Enttäuschung und Ärger bisher immer geholfen hat, war Shoppen. Und auch diesmal sollte es sich als die beste Therapie herausstellen. Zwei Tage vor einem mittelwichtigen (mich durchaus fordernden) 10KM-Wettkampf kaufte ich mir ein neues Paar Laufschuhe. Meine ersten eigenen; war ich sonst immer die unbeliebten meiner Mama gelaufen, wenn sie diese entweder doch zu groß, zu hässlich oder einfach falsch gekauft hatte. Als Studentin nimmt man, was man kriegen kann und bei 10KM macht mich so ein Mix bunter Kunststoffe auch nicht schneller. Nach zwei Stunden Laufanalyse, dutzenden Schuhtests und Erklärungen zu Sprengung und Stützverhalten war ich nicht nur um ein paar Schuhe reicher, sondern bekam zusätzlich zu einer guten Physioadresse auch wieder neue Lust am Laufen.

Die Zeit rannte (gnadenlos) weiter und ich rannte zwar noch nicht in ihrem Tempo, aber immerhin: Ich lief. Übermotiviert meldete ich mich und Christian dann auch noch für eine Belastungsanalyse an. Nachdem der Schweiß auf Laufband und Ergometer wieder getrocknet und unsere Ergebnisse ausgewertet worden waren, war ich vor dem Ergebnis so aufgeregt, wie vor den Halbjahreszeugnissen. Hat man in einem Fach nicht so gut abgeschlossen, dann bleibt trotzdem noch ein bisschen Zeit, um sich zu verbessern. Auf dem Rad war ich wohl durchgefallen, der Arzt zieht die Augenbrauen hoch. Aber beim Laufen muss ich ihn doch beeindruckt haben. Ich hätte keine optimale Läuferfigur, aber Geschwindigkeit und Laktatwerte seien ganz gut für meinen Trainingszustand. (Welchem Trainingszustand? Zweimal 10KM in der Woche sind doch kein Trainingszustand.)Wie lange es noch sei bis zu meinem Marathon, will er wissen. Noch etwa 12 Wochen, meine Antwort. Er wünscht mir Erfolg.

Im Juli beginnen die Semesterferien. Üblicherweise heißt das Bibliothek von morgens bis abends, bis am Ende mindestens eine und im besten Fall zwei Hausarbeiten geschrieben, ein Praktikum abgeleistet  und der Stoff des vergangenen Semesters aufgearbeitet wurde. Nicht so in diesem Jahr. Am 14. Juli lasse ich Christian in Berlin für die Sommermonate zurück und mache mich auf den Weg in mein persönliches Trainingslager – zu meinen Eltern. Und spätestens jetzt habe ich Zeit, meine Marathonentscheidung zu bereuen: Morgens auf den 10 Radkilometern zu meinem Sommerjob. Abends auf den 10 Radkilometern wieder nach Hause. Wenn ich meine Mama zum Schwimmtraining oder in die Gymnastik begleite und natürlich bei jedem Laufkilometer in der unsagbar langweiligen Nachbarschaft bei unsagbarer Hitze. Auf den kalten Winter folgt, nachdem der Frühling ausgefallen war, ein heißer Sommer. Ich bereue meine Entscheidung.

Während sich Christian strikt an einen Trainingsplan hält und neben Laufen auch noch Yoga macht, habe ich just diesen Plan bereits nach einer Woche in der Heimat über Bord geworfen. Statt kontinuierlicher Steigerung von Intensität und Länge der Trainingseinheiten, laufe ich jetzt einfach immer dann, wenn ich Zeit habe und mache so nur noch einen Ruhetag pro Woche. Meine beste Freundin Isabella begleitet mich tapfer so oft sie kann, auch wenn sie noch weniger Spaß am Laufen hat als ich und sich ihre sportliche Freizeit eigentlich auf Rhythmische Sportgymnastik und Geräteturnen konzentriert. Zusammen geben wir zwar ein eher gesprächiges, als zielbewusstes Trainingspaar ab, aber verbessern immerhin als Teil einer Triathlon-Staffel unsere 5KM-Bestzeiten.

Meine Trainingseinheiten sind alles in allem für sich genommen nicht sehr lang und auch schon gar nicht sonderlich schnell. Aber ich nutze den Weg ins Büro und laufe so manchmal zweimal am Tag 10KM auf dem Seitenstreifen der L3262 durch den Wald. Die Strecke ist nicht spannend, sie war es nicht, als ich sie das erste Mal lief und wurde auch nicht spannender. Nach 6 Wochen wusste ich, wo die toten Tiere lagen und wann die Bahnschranke geschlossen wird.

Am Wochenende ließen sich die Kommandanten im Lager schon mal etwas Besonderes einfallen: Läufe am Feldberg im Taunus oder auf den Wingertsberg in Dietzenbach sollten mich auf die Anstiege am Lake Tahoe vorbereiten. Ich genoss genau diese Läufe, bei denen die Zeit am Ende keine Rolle spielt, sondern der Erfolg vielmehr am anhaltenden Muskelkater gemessen wird, und Gott, war ich erfolgreich. Und eine weitere Weisheit lernte ich bei diesen mittelhessischen Bergkilometern: Je  härter der Lauf, desto schöner die Aussicht.
Und während die Wochen nur so rannten, schaffte ich es, mich konsequent vor den „langen Läufen“ zu drücken. Zwei Wochen vor Beginn unseres Kalifornienurlaubes besuchte auch Christian das hessische Trainingslager.

Unseren Jahrestag feierten wir bei einem langen Lauf: Und als wir wieder am Gartentor ankamen, zeigte die Uhr genau 30.02KM. Mir ging es gut und wenn ich gemusst hätte, wäre ich auch noch weiter gekommen. Wenn Forrest Gump über 30 Jahre laufen kann, dann werde ich doch auch noch einmal wenigstens 30 Minuten dran hängen können. Aber dies zu tun oder einfach ein paar Tage später nochmal 30KM zu laufen, dazu konnte ich mich nicht motivieren. Bis zum Marathon sollte dies der einzige 30er bleiben.

Als wir am 16. September im Flugzeug von Frankfurt nach San Francisco sitzen, die ersten Bordsnacks verdrückt, zwei Filme am Stück geguckt und nochmal gedanklich die Reisepläne für die kommenden vier Wochen durchgegangen sind, freue ich mich. Ich freue mich auf Amerika, auf Land und Leute, auf Hamburger, Cookies und angemessen proportionierte Colaflaschen. Endlich geht es los. Und ich bereue meine Entscheidung, mich für den Marathon angemeldet zu haben, kein bisschen mehr. Das Geld, für das ich diesen Sommer gearbeitet habe, gilt es nun auszugeben und die Medaille, die ich mir in den letzten Wochen verdient habe, will ich nun abholen: Beim 18. Lake Tahoe Marathon.


Phase Zwei – Wut


Als wir in San Francisco landen, erwartet uns schönstes Sommerwetter. Nicht zu warm, nicht zu kalt. Wir holen unseren Mietwagen ab und machen uns gleich auf den Weg zu unserer ersten Etappe. Ziel für die erste Woche ist die Kleinstadt Truckee am nördlichen Teil des Sees. Die Stadt liegt auf 1800m Höhe und wir sind so früh angereist, um uns an genau diese Höhe zu gewöhnen. Ich habe im Internet gruselige Berichte über Höhenkrankheit und die damit verbundenen Risiken gelesen. Wenn ich in den vergangenen Jahren Skifahren war, habe ich die Höhe zwar nie gespürt, geschweige denn hat sie mich in irgendeiner Form krank gemacht. Aber ich kann mich auch nicht daran erinnern, jemals auf vergleichbarer Höhe auch nur ein paar Kilometer gejoggt zu sein.

Während also Mama mit dem Aufbau ihres Rennrades kämpft, die eine oder andere Ausfahrt macht und sich ein Probeschwimmen im kalten See gönnt, nutze ich die Zeit, meinen liebgewonnenen Schuhen Kalifornien zu zeigen. Weit komme ich dabei aber nicht. Bereits nach 5KM ist die Stadt zu Ende und der Freeway beginnt. Trotz meiner Erfahrung auf der L3262, möchte ich hier nicht der Highway Patrol erklären müssen, dass ich für einen Marathon trainiere und ich mich gerade an die Höhe gewöhne. Also kehre ich um und erreiche nach gerade einmal 8KM wieder unser Hotel.

Einige Tage später schnüre ich wieder die Schuhe. Ich starte in Kings Beach und überquere laufend die Grenze von Kalifornien nach Nevada. Was sich weit anhört, endet auch nur als 9KM-Lauf entlang der Hauptstraße neben stinkenden SUV‘s und Triathleten, die ihrer Konkurrenz vor dem großen Tag noch einmal ihr textiles und muskulöses Equipment präsentieren wollen. Meine Versuche der Akklimatisation waren nicht sehr erfolgreich, auch wenn ich von der Höhe selbst noch nichts spüren konnte.

Trotzdem bin ich wütend. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Einen 30er wollte ich zwar auch hier nicht laufen, aber nicht mal die üblichen 10KM habe ich schaffen können. Nach dem IRONMAN beginnt auch meine letzte Woche vor dem Marathon und weil wir uns entschlossen haben diese Woche für den Besuch des Yosemite Nationalparks (300KM südlich des Lake Tahoe) zu nutzen, werde ich keinen weiteren Lauf mehr schaffen. Die Trail-KM im Yosemite zu den Nevada Falls und hinauf auf den Sentinel Dome müssen ausreichen.

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