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Laufberichte

Eine Seefahrt, die ist lustig ... (2)

 

Grenadian Rum Runners der etwas anderen Art

 

Es gehört zum guten Ton und zur Lebensweise auf Grenada, „the spice island of the caribbean“ mit einem Überangebot an Gewürznelken, Ingwer, Muskatnuss und Zimt, das Nationalgetränk Rhum (die Einheimischen fügen nach dem „R“ noch ein „h“ ein) nicht nur zu produzieren, sondern auch selbst zu konsumieren. Besonders am Wochenende wird durchgefeiert, am Sonntag geht man um die Mittagszeit in eine der zahlreichen Kirchen oder hört sich im Radio eine Direktübertragung des Gottesdienstes „contra the sinners“ an.  Da scheint für sportliche Betätigungen eher wenig Freiraum zu bleiben.

Die „Costa Deliziosa“ erreicht St. George’s am 19. Januar pünktlich um 7 Uhr 30, ab 8 Uhr dürfen die 2800 Passagiere an Land gehen. Viele haben einen Ausflug gebucht, Trekking-Tours, Zip-Lining, Tauchgänge, Schnorcheln am Riff, Mountain-Biking oder eine Bootsfahrt mit einem der zahlreichen Rum-Runners stehen u.a. am Programm. Wir haben solche Boat-Trips schon mehrmals im Laufe der Jahre mitgemacht, man spielt Reggae-Musik an Bord, es wird getanzt und nach wenigen Stunden sind einige schon im Öl. Aber es macht Spaß, dabei zu sein.

 
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Doch dieses Mal sieht unser Tagesprogramm anders aus: Meine Frau und Tochter wollen zum Grand Anse Beach, einem der schönsten Strände in der Karibik, vom Port mit einem Zubringerboot in ca. 15-20 Minuten erreichbar. Ich hingegen bin mit Marc, dem Präsidenten der Grenada Triathlon Association, für 8 Uhr 45 vor seinem Cafe Mocka Spoke in True Blue, nahe dem internationalen Flughafen und der St. George’s University, verabredet. Die Taxifahrt dauert rund 15 Minuten und kostet 20 US$. Marc organisiert den diesjährigen 27. internationalen Triathlon in Grenada über die olympische Distanz, der am 20. April stattfinden wird, weiters Segelregatta-Rennen, Mountain-Bike-Touren, lehrt an der Uni und ist bemüht, sein knapp 20 Mitglieder umfassendes Triathlon-Team zu coachen.  Er lebt mit seinen Eltern und seinem Bruder bereits in 17. Generation in Grenada, die Familie ist teilweise britischer Herkunft, er besitzt auch einen UK-Pass.
Ein passionierter (und notorischer) Marathonsammler wie ich kommt auf allerlei Einfälle, wenn am 19. Januar auf den weit entfernten Bahamas und dem noch weiter nördlich gelegenen Bermudas ein Marathonlauf angesetzt ist.

Organisatorisch ist durch den Ausfall von Antigua wegen der Rettungsaktion eines Segelschiffes mit einer 7-köpfigen Besatzung rund 1000 km südlich der Kap Verden eine mögliche Teilnahme an einem der Läufe ohnehin zeitlich erschwert worden, man müsste über Miami anreisen, das ist ziemlich mühsam. Daher habe ich mit Marc vereinbart, dass er für mich auf seiner Webseite einen Freundschaftsmarathon über 42,195 km in vier Runden zu 10,550 km für den 19. Januar ausschreibt. Mehr als ein halbes Dutzend Mitglieder seines Clubs haben zugesagt, doch als ich hinkomme, sind wir nur zu dritt. Ein anderer Mark hat überhaupt seine Laufkleidung noch nicht angezogen, sondern sitzt im gebügelten Poloshirt bei einem Mokka. Der Chef des Tourismusverbandes gesellt sich im blütenweißen Hemd zu uns und berichtet, dass er wegen einer Knieverletzung leider seit Jahren nicht mehr zum Laufen komme und mich  bewundere, wenn ich hier und heute daran denke, 42 km bei dieser Hitze zu rennen.

 
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Marc hat alles bestens vorbereitet. Jeder hat eine Startnummer zugeteilt bekommen, die Strecke ist GPS vermessen, es gibt zwei Labestationen, die zweite ist direkt am Wendepunkt aufgebaut. Marc teilt mir mit, dass ihn einige wegen ausgiebiger Feierlichkeiten am Samstagabend im Stich gelassen haben und vielleicht später dazu stoßen werden, das heißt eine oder zwei Runden, also 10 oder 20 km, mitlaufen würden. Ich selbst bin allerdings wider alle Vernunft zu Marc gefahren, um an einem sehr heißem Tag mit 30 Grad C und rund 85 % Luftfeuchtigkeit mit allen Symptomen einer Virusinfektion im Bronchialbereich, dazu  körperlich geschwächt, um 9 Uhr 30 beginnend einen Marathon zu laufen. Marc hat allen registrierten Teilnehmer/innen eröffnet, jederzeit abbrechen zu dürfen, weil es auf Grenada und speziell in seinem Club nicht üblich sei, bei größter Hitze zu rennen. Und wenn, dann nur kurze Distanzen von 3 bis 6 Meilen, also ca. 5 bis 10 km. Es sieht so aus, dass ich der einzige Teilnehmer sein würde, der 4 Runden durchhalten muss, um sein Ziel zu erreichen.

Der Kurs führt von Marc’s Cafe entlang des Maurice Bishop Highway, vorbei an der Grenada Montessori School zur Rechten und der berühmten Grand Anse Beach 5,5 km auf der linken Seite in Richtung St. George’s und zurück. Wir haben uns für die erste Runde eine Zeit um 70 Minuten vorgenommen, so würden sich vielleicht 5 Stunden ausgehen. Die Strecke ist natürlich nicht  gesperrt, wir müssen auf den teilweise starken Linksverkehr aufpassen, es gibt aber zumeist schmale Gehwege, so dass wir hintereinander laufen können. Der  32-jährige Marc erzählt mir, dass er selbst noch nie einen Marathon gelaufen sei, beim olympischen Triathlon seien 10 km der Maßstab. Außerdem sei er in den letzten Jahren mehr zum Organisator geworden und nehme nicht mehr so oft an Wettkämpfen teil. Grenada sei eine Insel mit vielen Steigungen, leider betrifft das auch unsere Strecke. Schon bei der Hinfahrt mit dem Taxi ist mir aufgefallen, dass einige bevorstehende langgezogene Anstiege in der prallen Sonne das Selbsterfahrungsabenteuer eines „Grenada-Marathons“, den es offiziell gar nicht gibt, erschweren würden.

Bei einer Bushaltestelle stehen drei Farbige in Sonntagskleidung, eine der beiden Frauen trägt ein Kleid in den Rastafarben rot, gelb, grün, die auch Bestandteil der Nationalfahne sind. Ich spreche sie an und frage, was sie vorhaben. Die bunt gekleidete Frau antwortet für die Gruppe, dass alle drei in die Kirche gehen wollen. Nach ca. 3,5 km erreichen wir Grand Anse Beach, die  Aussicht von  oben entlang der steilen Küstenstraße ist grandios.

Postkartenwetter, blaues Meer, kleine und größere vor Anker liegende Segelboote, dahinter das große Kreuzfahrtschiff. Marc und ich fotografieren uns gegenseitig. Es dämmert mir, dass heute die Laufzeit keine Rolle spielt, vielmehr die Eindrücke und die Gespräche mit den Laufpartnern auf den noch anstehenden weiteren Runden. Bei der Labestelle erwartet uns die Mutter von Marc. Liz ist 57, sieht um 10 Jahre jünger aus und ist selbst Triathletin Sie wird uns auf der 3.Runde begleiten, sagt Marc.

Aufgrund von vielen Stopps, der Hitze, meinen körperlichen Beschwerden brauchen wir für die ersten 10,5 km rund 1:20. Auf der 2. Runde läuft Inga mit mir. Sie ist 34 Jahre, in Topform, beruflich als Veterinärmedizinerin tätig. Erst am frühen Morgen hat sie noch ein Pferd medizinisch betreuen müssen. Inga hat tschechische Großeltern, die in den 1968er Jahren infolge der Besetzung des Landes durch die Sowjets nach Kanada ausgewandert sind. Von ihr erfahre ich, dass CNN gemeldet habe, dass an Bord meiner „Costa Deliziosa“ eine Influenzaepidemie ausgebrochen sei, und an die 70 Passagiere erkrankt seien, mehrere befinden sich im Hospital an Bord. Jetzt weiß ich, warum es mich auch erwischt hat und mehr und mehr Leute nicht mehr zum Abendessen kommen. Aber Inga hofft, dass ich sie nicht anstecken werde und heute fit genug sei, durchzuhalten.

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