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Laufberichte

Galtür – Viel Sonne, viel Berg, viel Charme

27.08.07

Galtür ist ein kleines, beschauliches Bergdorf und mit 1584 m Seehöhe zugleich der höchstgelegene Ort in der Silvretta. Seit 120 Jahren lebt das Dorf hauptsächlich vom Tourismus, trotzdem sucht man Bettenburgen vergebens. Hier dominiert ganz eindeutig die außergewöhnliche Bergkulisse. Und man kann tief durchatmen. Galtür ist der erste 1997 offiziell anerkannte Luftkurort Tirols und ist auch daher für outdoor-Aktivitäten prädestiniert. Wandern/Laufen, Bergsteigen, Klettern, Biketouren, alles ist möglich. Eine Sehenswürdigkeit ist das Alpinarium, das in eine imposante Lawinenschutzmauer integriert Museum, Akademie, Cafe und Kletterhalle in einem ist. Die Außenseite der Schutzmauer ist die größte Naturkletterwand Österreichs.

 

Für Regentage hält das Sport- und Kulturzentrum u. a. ein Erlebnishallenbad sowie eine Tennis- und Sqaschhalle bereit. Und für uns Läufer? Mehr als 250 km markierte Wanderwege laden zum Training oder zum Genießen ein. Wer mehr über Galtür erfahren möchte, nimmt sich einen der Themenwege vor, z. B. den Besinnungsweg, der zu den vielen Kapellen von Galtür führt. Oder meldet sich zum Wettkampf an. Wie auch immer, nachher weiß man, was ein richtiger Berglauf ist. 

 

Der Silvretta-Ferwall-Marsch/Marathon wurde 1974 ins Leben gerufen und wird vom Skiclub Silvretta Galtür organisiert. Beim Abendessen im Hotel Alpina am Samstag sitze ich zusammen mit Walter Stillhard und seiner Frau am Tisch, die aus Frauenfeld/Schweiz angereist sind. Er schwärmt von dem Marathon und berichtet, dass er bereits 10 Mal teilgenommen hat und dabei 8 Mal durchgelaufen ist. 1634 Höhenmeter durchlaufen, na ja, das ist nicht ganz meine Kategorie. Er läuft inzwischen in der  M55 und läuft dieses Jahr zum ersten Mal den Halbmarathon. Auf jeden Fall weiß ich, der Lauf morgen kann nur ein Erlebnis werden.

 

Am Abend treffe ich mich noch mit den „Obmännern“ vom Skiclub, Christoph Pfeifer, Josef Bachler und Martin Walter sowie mit Josef Kurz vom Tourismusverband Paznaun-Ischgl. Alle sind mit Leib und Seele dabei und das ganze Wochenende voll im Einsatz. „Wer nicht unbedingt arbeiten muss, ist irgendwie beim Marathonspektakel dabei“, erklärt Christoph. So sind sie, die Galtürer, der  Zusammenhalt funktioniert, oder wie man hier gern sagt: „passt“. Sie erzählen in aller Bescheidenheit über ihre Arbeit rund um den Marathon, nur gelegentlich merkt man, dass sie auch  ein wenig stolz sind, diesen organisatorischen Kraftakt nunmehr schon zum 34. Mal zu stemmen. Und froh, dass Petrus in diesem Jahr den Läufern wohl gesonnen ist. Sicher hat es seinen ganz besonderen Reiz, durch 30 cm Neuschnee über Felsplatten zu laufen wie im letzten Jahr, aber noch dazu ein Start im Regen ist einfach nicht der Traum eines Organisators.

 

 
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Pünktlich um 7.00 Uhr geht es am nächsten Morgen bei wolkenlosem Himmel auf die Piste. Gestartet wird am Dorfplatz. Der Lauf beginnt flach mit Blick auf die schon sonnenverwöhnten „Hausberge“ von Galtür, die Gorfen- und die Ballunspitze. In der Nähe von Wirl geht es dann hoch Richtung Zeinisjoch, die ersten 200 Höhenmeter sind hier zu bewältigen. Die Strecke lässt sich gut laufen mit einem faszinierenden Bergpanorama vor Augen. Am Zeinis Gasthof befindet sich die erste „Labestation“, schon mit Traubenzucker im Angebot. Wer 34 Mal einen Marathon veranstaltet, wird schon wissen warum. Der Blick schweift über den tiefblauen Kopsstausee. Überhaupt möchte ich hier gar nicht weiterlaufen, sondern die Bergkulisse genießen.

 

 
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Die Wege werden schmaler, aber immer noch breit genug für entgegenkommende Biker, die zum Teil mit einem Affenzahn den Berg hinunterrasen. Wieder sind 156 Höhenmeter zu bezwingen, aber immer auch für einen Flachlandtiroler wie mich ganz erträglich. Hinter mir läuft Richard Ramhapp aus Wien, der hier ebenfalls zum ersten Mal dabei ist. Es ist sein dritter Marathon. Er ist begeisterter Skilangläufer und hat erst knapp 3 Jahre Lauferfahrung. Es läuft gut bei ihm, obwohl er im Winter wenig gelaufen ist.

 

Bis zur Verbella Alpe geht es dann leicht bergab. Auf dem weiteren Weg zur Heilbronner Hütte kommen dann die roten Blutkörperchen richtig ins Schwitzen, ich eher nicht, denn hier oben ist es windig und kühl. Ein Bild ist schöner als das andere. Ich könnte die ganze Zeit stehen bleiben und Fotos schießen. Natürlich ist allein dies der Grund, warum ich hier so langsam raufgekrochen bin. Den Luftkurort genießen. Apropos Luft: Sie wird langsam dünn.

 

 
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Ich laufe ein Stück zusammen mit Erwin Schleuning aus Friedberg/Hessen, der hier seit 1999 bei jedem Marathon am Start war. Inzwischen hat er insgesamt rund 100 Marathonläufe bestritten. Seine Bestzeit erzielte er in Frankfurt in 2:55. Dem Laufen hat er es zu verdanken, dass ein Nierentumor rechtzeitig entdeckt wurde und folgenlos verheilte. Die Symptome zeigten sich nach der besonderen Anstrengung eines Marathonlaufs. Heute ging er mit Muskelkater an den Start. In den Vortagen hat er bereits mehrere Bergtouren unternommen. Zeit spielt keine Rolle.

 

Auf der Heilbronner Hütte stehen Martin und Benjamin mit Tee, Sportgetränken, Powergel und Obst. Die Gegensätze zum WM-Marathon in Osaka könnten nicht größer sein: Hier oben ist es recht frisch, und niemand muss sich um die Verpflegung reißen, es gibt von allem mehr als genug. Und die Rundumsicht ist einfach phänomenal. „Blick bis Moskau“ ruft einer, aber der Kreml war dann doch nicht ganz klar zu erkennen.

 

 
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Weiter geht es zum nordöstlichen Jöchligrat, wieder schön aufwärts. Dieses Teilstück besticht durch das intensive Grün der Moose neben der steinigen Laufstrecke. Richtung Ochsental-Bach geht es wieder ein Stück bergab, aber auf dem unwegsamen Gelände kann ich das bei mir nicht gerade „Zwischensprint“  nennen. Der Ochsental-Bach ist heute nur ein Rinnsal, die Füße bleiben trocken. Und jetzt geht es Richtung Muttenjoch, mit 2.620 m der höchste Punkt der Strecke. Ich denke an Walter vom Vorabend und frage mich, wie man dieses Teilstück durchlaufen kann. Wo vor ein paar Stunden noch Muskeln waren, sind jetzt nur noch Sehnen. Die roten Blutkörperchen versagen. Die Lunge möchte gern platzen. Hier läuft niemand. O.k. es ist auch kaum ein Läufer in der Nähe. Langsam rücke ich dem Ziel näher, und schon beim Anblick der Labestation ist die Anstrengung fast vergessen. Hier wird richtig zugelangt und dann die Aussicht genossen. Die Zeit spielt keine Rolle.

 

Dann geht es bergab. Und zwar fast 1.100 Meter. Zunächst ca. 500 Meter bis zur Friedrichshafener Hütte. Das Gelände ist so unwegsam, dass hier an schnelles Laufen nicht zu denken ist. Dieses Teilstück könnte unter dem Motto: „Gib deinem Schutzengel eine Chance“ stehen.  Andererseits springt da plötzlich eine Gazelle mit der Startnummer 19 alias Simone Berndt aus Ruhpolding an mir vorbei, als hätten wir hier eine Tartanbahn unter den Füßen. Offenbar muss man nur genug trainieren.

 

 
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Von der Gazelle geht es dann gleich weiter zum nackten Elend: Zwei morsche Walker kommen mir entgegen, die Stöcke in den Händen, parallel zum Boden. Dazu stierer Bodenblick. Immerhin fuchteln sie nicht wild mit den Stöcken herum. Kein Blick, kein Gruß, einfach fertig. Im Vorbeigehen geschieht dann in diesem Luftkurort noch etwas, was mir in fester Erinnerung bleiben wird: Sie verströmen einen Geruch als hätte ihre Haut schon tage-, nein wochenlang keinen Tropfen Wasser mehr und nichts anderes gesehen als dasselbe Hemd und dieselbe Hose. Beeindruckend. So, jetzt reicht es aber. Zurück zum Lauf.

 

Diese Bergabpassage bis zum Grüngürtel und dann bis zum Paznaunerhof hinterlassen Spuren. Während des Laufes merke ich es noch nicht. Aber später. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen intensiveren Muskelkater erlebt zu haben als in den Tagen nach diesem Marathon. Trotzdem: Jetzt in der Grüngürtelpassage mit intensivem Tannennadelgeruch kann man den Lauf nur genießen. Am Paznaunerhof wird kräftig aufgetankt. Richard Thelen aus Bonn hat mich eingeholt. Er hat schon viele Bergläufe absolviert, insbesondere Jungfrau-Marathon, Swiss-Alpin-, Zermatt-Marathon und Graubünden-Marathon, hier ist er auch zum ersten Mal. Und er ist sichtlich zufrieden.

 

Zur Lareinalpe geht es jetzt wieder bergauf, aber auf festen Wegen, no problem. Immer wieder sehen wir als „einzige Zaungäste“ Walker, aber ausnahmslos gutgelaunt. Auf dieser Teilstrecke ist wenig vom Gebirgspanorama zu sehen, dafür gibt es hier wieder phantastische Blicke ins Tal. Hier treffe ich Brigitte Stadlwieser aus Zams. 2004 hat sie den Lauf in 4:02 gewonnen. In dieserm Jahr konnte sie nur wenig trainieren, wird aber noch Gesamtsechste. Es ist schon ihr 7. Marathon in Galtür.

 
Nach der Lareinalpe beginnt eine schöne, gut zu belaufene Bergabpassage nach Galtür. Zum Teil sind es herrliche schmale Pfade. Hier kann man allenfalls noch auf den Kuhfladen ausrutschen. Schon nach kurzer Zeit ist der rote Kirchturm von Galtür zu sehen. Aber es ist noch einmal eine Schleife von einigen Kilometern zu laufen, bis der Ort in greifbare Nähe rückt. Immer geht es nur leicht bergab. Aber was man oben an Zeit verloren hat, ist jetzt nicht mehr gutzumachen. Trotzdem macht dieser Abschnitt nach der Anstrengung in den Bergen besonderen Spaß. Zieleinlauf ist am Sport- und Kulturzentrum. Wer das Zeitlimit von 7 Stunden nicht einhält, hat Pech und kommt nicht in die Wertung.  Leider gibt es insgesamt nur 84 Finisher/innen. Und das bei einem Erlebnislauf, der perfekt organisiert und durchgeführt wird. Wer hier nicht gelaufen ist, hat definitiv etwas verpasst.

 

 
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Nach dem Lauf kommt Walter Stillhard aus der Schweiz auf mich zu und fragt, wie es denn war. Ich kann nur sagen, dass er mit seinen Schilderungen nicht übertrieben hat. Und wie ist es bei ihm gelaufen? Er wird Erster in seiner Altersgruppe M55 und Gesamtneunter in 1:26:18.27. Und der Halbmarathon hier ist mit 461 Höhenmetern auch kein Zuckerschlecken.

 

Im Ziel sehe ich die Obmänner des Skiclubs und Josef Kurz vom Tourismusverband wieder. Sie sind voll in Aktion, entweder bei der Siegerehrung oder bei der Bewirtung der Gäste vor dem Sport- und Kulturzentrum. Viel Arbeit, aber die Mühen haben sich gelohnt: Der Silvretta-Marathon ist zweifellos ein Highlight, das kaum mehr zu verbessern ist! Oder wie man in Galtür sagt: Passt! In jeder Hinsicht.

 

Fazit:

Silvretta Marathon in Galtür: Vielleicht einer der schwierigsten, ganz sicher einer der schönsten Bergläufe Europas!

 

Informationen: Silvretta-Ferwall-Marathon
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