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Laufberichte

Nix war’s mit Frühling in Paris

06.04.08

Alle reden wieder mal nur vom Wetter, angekündigt ist uns ein ziemlich nasskaltes Wochenende. Aber ein Fünkchen Hoffnung besteht ja immer und ich verbinde Paris irgendwie mit schönem Wetter. Als unser Flieger am Freitag in Paris landet, empfängt uns dann auch wunderbares sonniges Frühlingswetter mit 14 Grad. Das wär doch genau nach meinem Geschmack für den Marathon.

Unser erster Weg führt uns nach dem Beziehen der Hotelzimmer gleich auf die Marathon Expo. Direkt an der Metro-Station „Porte de Versailles“ befinden sich die Pariser Messehallen, das ist nicht schwer zu finden. Das Abholen der Startunterlagen wird im Erdgeschoß erledigt und geht ruckzuck, Freitagnachmittag ist hier wenig los und alles in allem benötigen wir 6 Läufer/innen vom Team TOMJ vielleicht mal 10 Minuten. Begleitet werde ich noch von Margot, Karin, Jan, Hans und Sherin, die kommt aber erst später mit einem Abendflug, da sie mit ihren 19 Jahren noch zur Schule geht.

Beim Paris Marathon darf man nur starten, wenn man eine ärztliche Bescheinigung vorlegen kann. Das sind nur ein paar Zeilen und  wenn man seinem Arzt die Arbeit ersparen will, kann man den genauen Wortlaut gleich von der Website des Marathon de Paris runterkopieren, ausdrucken und seinem Doc vorlegen, der braucht nur mehr unterschreiben und einen Stempel drauf machen. Ich habe es auf alle Fälle so gemacht, natürlich nach der entsprechenden Untersuchung.

Zur Startnummer bekommen wir auch gleich noch einen kostenfreien schwarzen Championchip mitgeliefert, der eigene Gelbe wird hier nicht anerkannt. Beim Zieleinlauf wird er einem dann wieder vom Schuh genommen. Im Startgeld inbegriffen ist noch ein sehr schönes Baumwoll-Shirt und jeder bekommt schon mal im vorab eine Wärmefolie für den Startbereich. Na, wenn das mal kein schlechtes Omen ist.

Dann geht’s in den 1. Stock, hier haben die Sportartikel-Hersteller und der offizielle Merchandising Abteilung von Reebok ihre Stände. Wir schlendern gemütlich durch die Halle, aber ein bisschen enttäuscht sind wir schon, Schnäppchen gibt’s hier kaum zu holen und die Gratis-Kostproben für Essen und Trinken halten sich doch sehr in Grenzen. Das haben ich auch schon anders erlebt.

Versöhnt werden wir dann aber doch noch mit einigen Gaumenfreuden. Zuerst verköstigt uns der Stand des „Marathon du Beaujolais Nouveau“ mit einem wunderbaren Tropfen seines roten Rebensaftes Jahrgang 2007. Nebenbei füllen wir noch einen Zettel aus, wo man eine Teilnahme zu ihrem Marathon gewinnen kann. „Schau mer mal“, vielleicht hat ja einer Glück. Gleich ein paar Meter weiter bleiben wir bei Yves hängen, er vertritt den „Marathon du Vignoble D’Alsace“ aus dem Elsass. Der „Weisse“, den er uns anbietet, mundet uns auch recht gut. Auf deutsch erzählt er uns ausführlich von seinem Marathon und der Strecke und würde uns natürlich gerne dort als Teilnehmer sehen.

Bei der hochkarätigen Weinmarathon-Ansammlung darf natürlich auch nicht der „Marathon du Mèdoc“ fehlen, der ist dann eine Ecke weiter und hier lassen wir uns wieder zu einem Gläschen „Roten“ überreden. „Also mir hat am besten der Beaujolais geschmeckt, mmh ...obwohl der weiße Elsässer war auch nicht schlecht“. Die Weinmarathons haben mit uns auf alle Fälle wieder ein paar Freunde gewonnen, wir werden sicher irgendwann einmal den Einen oder Anderen laufen.

 
Messehalle
© marathon4you.de 5 Bilder

Gut gelaunt verlassen wir die Hallen und begeben uns ein paar Meter weiter in eine Pizzeria, die haben wir schon beim Hergehen ausgespäht. Die meisten Gäste sitzen bei dem herrlichen Wetter noch draußen, wir riskieren lieber nichts. Die „Italiener“ sind zwar alle Franzosen, trotzdem werden wir sehr freundlich bedient. War doch leichter als wir im Vorhinein gedacht hatten, an unsere Pasta zu kommen. „Sherinibini“ dirigieren wir vom Airport gleich direkt hier ins Lokal.

Am Samstag ist es aber vorbei mit der Wetter-Herrlichkeit, schon in der Früh ist der Himmel Wolken verhangen. Gleich nach dem Frühstück machen wir uns auf dem Weg zum Montmartre und Sacré Cœur. Es hat doch leider genau so, wie vorausgesagt, ziemlich abgekühlt und die ersten Regenschauer erwischen uns auch schon.

Nächste Station ist der Triumphbogen, wir wollen uns unbedingt schon mal den Start und Zielbereich anschauen und uns ein bisschen orientieren. Von hier führen zwölf Straßen strahlenförmig in alle Himmelsrichtungen, die breiteste und berühmteste davon, die Avenue des Champs-Elysées ist für den Marathon Start reserviert. Als Fußgänger gelangt man zum Arc de Triomphe nur durch eine Unterführung, was Margot heute egal ist, sie steuert schnurstracks geradeaus auf den Torbogen durch den ca. 6-spurigen Kreisverkehr zu. „Ich bin schließlich in der Stadtmitte aufgewachsen und weiß wie das geht“, klärt sie uns auf. Die genaue Anzahl der Fahrspuren kann man im Übrigen nur schätzen, Straßenmarkierungen gibt’s hier nicht.

Zum Start am Sonntag fahren wir mit der Metro bis zur Haltestelle Charles de Gaulle Étoile, die liegt direkt unterm Arc de Triomphe. Probleme mit überfüllten Zügen oder sonstige Wartezeiten gibt es nicht. Die Aufbewahrungsstellen für das Gepäck sind ca. 600 – 800 m vom Start entfernt, nahe dem Ziel in der Avenue Foch. Heute können wir den Kreisverkehr am Triumphbogen bequem oben überqueren, es hat zwar den Anschein, dass er jetzt 1 ½ Stunden vor dem Start noch nicht für den Verkehr gesperrt ist, aber die wenigen die noch fahren, haben es ganz schwer sich gegen die Läuferhorden durchzusetzen. 35.000 Startplätze wurden ausgeben, letztendlich sind heute noch 29.706 übrig geblieben und am Start. Im November waren die begehrten Tickets bereits alle vergriffen.

Auf dem Weg zur Kleiderabgabe werden hier an fast  jeder Ecke Aufkleber verteilt, womit gegen die Menschenrechtsverletzungen Chinas im Tibet protestiert wird. Drauf steht: „Ich laufe, ohne auf Menschenrechten herum zu trampeln“, wir sollen das alle auf unsere Laufkleidungen kleben, der Aufforderung kommen auch viele nach. Fast ganz unten am Zieleinlauf liegen die Zelte zur Gepäckabgabe, die Abgabe ist in 1000er Schritten nach Startnummern unterteilt. Obwohl wir nicht sonderlich früh dran sind, gibt’s für keinen einzigen irgendwelche Probleme mit Wartezeiten. Ich habe mir noch ein paar alte Klamotten von zu Hause mitgebracht, die lasse ich noch an. Eigentlich lagen sie schon für die Altkleidersammlung bereit, hier erfüllen die noch mal wunderbar ihren Zweck und ich werde sie kurz vor dem Start abwerfen. Die Morgentemperatur liegt bei ca. 3 Grad aber wenigstens ist es trocken. Margot wiederholte die Gepäckabgabe gleich dreimal, jedes Mal hatte sie irgendwas vergessen, was der Mann an der Abgabe aber immer wieder sehr freundlich und bereitwillig ausführt.

Im Start- und Zielgelände habe ich jetzt noch was ganz Tolles entdeckt. Sieht aus wie eine kleine, ca. zwei Meter hohe Plastikpyramide und ist aufgeteilt in 4 Bereiche. Es ist das Gegenstück zum Dixiklo, ein Freiluftpissoir für den Mann. In passender Höhe ist eine Art Schüssel und der dazugehörige Abfluss. Links und rechts stehen noch kleine Schamwände raus. Vier Mann können sich hier, aus jeder Himmelsrichtung einer, vom Druck befreien. Da kaum Andrang herrscht, im Gegensatz zu den Dixies, probiere ich es gleich mal aus. Ich bin begeistert, das ist wirklich mal was Nützliches aber natürlich nur für uns Männlein eine tolle Erfindung.

 
Team TOMJ vor dem Triumphbogen
© marathon4you.de 6 Bilder

Eine gute halbe Stunde vor dem Start machen wir uns auf in unsere Startbereiche, jeder ist genau nach vorgegebener Bestzeit eingeteilt. Hans und ich dürfen in den 3:30er Block. 15 Minuten haben wir noch Zeit als wir uns hineinbegeben wollen, aber das ist gar nicht so einfach, zwar ist der von hohen Stahlgitter abgetrennte Bereich erst mäßig gefüllt, aber am Eingang drängeln sich jetzt doch viele Gleichgesinnte, die den gleichen späten Einlass bevorzugen. Kein Wunder, wenn man erst mal drin ist, kommt man hier nur mehr schwer wieder raus, falls noch mal die Blase drückt. Die Ordner kontrollieren wirklich streng, auf der Startnummer ist bei jedem der farbige Bereich seiner Qualifikation angegeben. Wir schaffen es aber doch rechtzeitig und drinnen geht’s ganz locker zu.

Über uns kreist der Eurosport Hubschrauber, er wird dem TV heute ganz tolle Luftaufnahmen für die Live-Übertragung bescheren. Pünktlich wird mit einem Knall gestartet, Musik oder eine Nationalhymne werden hier nicht gespielt, wie ich es von den großen Städtemarathons wie New York, Chicago, Hamburg oder Wien gewohnt bin. Jetzt geht’s los mit der Sightseeing Tour im Laufschritt. Die ersten paar hundert Meter müssen wir uns aber über unglaubliche Mengen von Müll bewegen, ich komme mir vor wie auf einer Müllberg-Besteigung. 

Zwei Kilometer geht es jetzt erstmal leicht bergab die berühmte Les Champs runter, wie sie umgangssprachlich genannt wird. Der Blick hinunter auf diese Prachtstraße mit den Läufermassen ist wirklich grandios. Ihren heutigen Namen trägt die Avenue des Champs Elysées seit 1789. Er bedeutet „Elysische Felder“ und leitet sich ab von dem gesegneten Gefilde Elysion, wohin - laut griechischer Mythologie – nur auserwählte Helden versetzt werden. Das passt doch auch zu uns Marathonis, oder? Nur drei Mal im Jahr wird sie gesperrt, am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, zur Tour de France und am Marathonsonntag.

Hans und ich laufen ziemlich genau einen 5er Schnitt, schneller ist eigentlich momentan in diesem Pulk nicht möglich. Mein Zeitziel für heute ist um 3:25 oder zumindest die Boston-Quali und die liegt für mich bei 3:35:59. Da müsste ich aber schon noch etwas schneller angehen.

Nach 10 Minuten sind wir schon am Place de la Concorde, Zuschauer stehen hier heute relativ wenige. In den Jahren 1793 – 95 war das bestimmt ganz anders, da stand hier nämlich die Guillotine und der Platz hieß noch Place de la Révolution. In den zweieinhalb Jahren wurden 1119 Personen geköpft. Unter anderem wurden hier König Ludwig XVI., Königin Marie Antoinette, Danton und Robespierre öffentlich hingerichtet. Anstelle des Schafotts steht heute der 3200 Jahre alte Obelisk von Luxor. Er war ein Geschenk des 1833 regierenden ägyptischen Königs Muhammad Ali Pascha an den französischen König Louis Philippe. Der Transport von Ägypten nach Frankreich dauerte zwei Jahre. Ursprünglich errichten ließ ihn Pharao Ramses II. im antiken Theben.

Die Runde um den ovalen Platz ist bestimmt 300 m lang. Wer jetzt genau in der Mitte vor dem Obelisk stehen bleibt, am Obelisk vorbei über die Champs Elyseés durch den Arc de Triomphe durchvisiert, hat einen spektakulären Blick auf den neue Triumphbogen, die La Grand Arche, ein supermodernes 110 m hohes Bauwerk. Diese einzigartige Sichtachse nennt sich „Axe historique“ und die Gerade reicht vom Arc de Triomphe du Carrousel vor dem Louvre, hier über den Place de la Concorde bis zur Grande Arche. Der Architekt dieses ausgehöhlten Kubus hat dessen Öffnung als Fenster in das 3. Jahrtausend bezeichnet. Ich habe es mir natürlich schon am Vortag ganz genau angeschaut, weil ich während des Rennens keine Zeit habe den beeindruckenden Blick zu genießen.

 
So sieht es aus, wenn alle weg sind
© marathon4you.de 9 Bilder

Nach einer Rechtskurve biegen wir in die noble Rue de Rivoli ein, rechterhand liegt der Jardin des Tuileries, ein im französischen Stil gehaltener ehemaliger Schlosspark, die Königinnen und Gespielinnen werden hier früher lustgewandelt sein, so wie wir es auf der Laufstrecke tun. Am Ende des Parks schließt sich die frühere französische Königsresidenz Louvre an. Die Pyramide, den Eingang des heutigen Museums kann man von der Laufstrecke aus aber nicht sehen. Dafür aber wenig später umso besser das Hotel de Ville. Nach ca. 5 km liegt es auf der rechten Seite. Hôtel de Ville ist der französische Begriff für Rathaus. Dieses hier ist das am Ende des 19. Jahrhunderts im neoklassizistische Stil errichtet worden und das größte Europas. Der Vorplatz war in den vergangenen Jahrhunderten berüchtigt für seine öffentlichen Hinrichtungen. Galgen, Pranger und Richtblock standen hier, während der Revolution auch eine Guillotine.

So richtig frei laufen kann man auf dieser relativ engen Straße nicht. Hans ist es jetzt zu langsam, er setzt rechts auf dem Bürgersteig zum Überholen und einer damit verbundenen Tempoverschärfung an, ich versuche erstmal an ihm einigermaßen dranzubleiben. Bei km 6 geht es halb um den Kreisverkehr am Place de la Bastille. Gut besucht ist der Platz heute, wir werden lautstark angefeuert.

Früher war hier der Standort der Bastille, einer Bastion, deren Erstürmung 1789 den Ausbruch der Französischen Revolution bedeutete. 1790 wurde sie aber dem Erdboden gleichgemacht. In der Mitte des Platzes steht die Julisäule, auf der Spitze kann ich die weit leuchtende blattvergoldete Figur sehen, sie soll den Geist der Freiheit darstellen.

Auf der Laufstrecke würde ich mir auch mehr Freiheit wünschen. Ddicht gedrängt bewegen wir uns alle vorwärts, ich hab’s jetzt aufgegeben Hans zu folgen, die Überholvorgänge über das Trottoir sind mir einfach zu anstrengend, außerdem sind Teile der Straße hier des Öfteren mit ca. 80 cm hohen Betonpollern abgetrennt, da muss man schon sehr aufpassen um bei der Dichte der Läufer nicht mal einen zu übersehen und hängen zu bleiben, das wäre bestimmt nicht so angenehm. Die nächste halbe Kreisverkehr-Umrundung kommt bei km 8, am Place de la Nation. Jetzt haben wir schon viel gesehen, was einen lohnenswerten Stopp beinhaltet hätte. Insgesamt waren bis hier schon einiges an Zuschauern an den Straßen, aber es hätte schon noch mehr vertragen.

 
Rue de Rivoli
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Sehr ruhig wird’s ab km 10, wir laufen jetzt in den Bois de Vincennes ein. Der Wald von Vincennes war früher ein beliebtes Jagdgebiet von Ludwig VII. Er wurde, wie so vieles in Paris, im 19. Jahrhundert umgestaltet. Diente er vorher vornehmlich militärischen Zwecken, ist er seither ein beliebtes Naherholungsgebiet für die Pariser Bevölkerung. Gleich zu Anfang kann ich auf der rechten Seite einen ganz ungewöhnlichen Felsen sehen, richtig grau und hoch ragt er spitz in den Himmel, irgendwie sieht er für mich recht künstlich aus …aber nee, Disneyland Paris liegt doch wo ganz anders. Ich muss auf alle Fälle immer wieder hoch schauen.

2 km weiter passieren wir das Schloss Vincennes. Schon von weitem kann man seinen 50 m hohen Wohnturm ausmachen, es ist neben dem Louvre eines der bedeutendsten Schlösser in der Geschichte Frankreichs und gilt als das höchste befestigte Gebäude Europas aus dem Mittelalter. Der eigentliche Schlossbezirk ist eine rechteckige Anlage, die von einer 1.200 m langen Mauer mit neun Türmen und einem breiten Wassergraben umgeben ist. Sieht toll aus, ganz anders als die Gebäude an denen wir heute schon vorbei gekommen sind.

Bis fast zur Halbmarathonmarke tut sich jetzt wenig, wir laufen insgesamt ca. 11 km durch diese grüne Lunge mit wenig Publikum, aber mal ein bisschen Erholung vom vielen Schauen schadet auch nichts, mich stört’s auf alle Fälle weniger. Dann kommt es dafür deutlich heftiger. Kurz vorm Halbmarathon laufen wir wieder in die Stadt ein und jetzt sind hier richtig viele Leute an den Straßen. Ganz eng, durch ein richtiges Spalier von Menschen geht es, da kommt schon ein bisschen Gänsehaut-Feeling auf. Am Straßenrand kann ich Gabi und Siggi, unsere Fotografen ausmachen, sie wechseln per Metro öfters ihre Position. Ich habe dafür heute die Kamera nicht am Mann, sondern lasse fotografieren, da ich ja auf Zeit laufe. Hier bedarf es ziemlicher Konzentration, sein eigenes Lauftempo kann man nur sehr schwer laufen, immer wieder wird man spürbar heruntergebremst.

Und dann passiert’s doch, von hinten stellt mir einer ein Bein und ich schlage einen wunderbaren Salto ins Läuferfeld hinein. Der Blick von unten in hunderte von Läuferbeinen ist ziemlich aufregend, das wäre ein tolles Foto gewesen. Mir passiert bis auf ein paar Schürfungen und einer kleinen Prellung an der Hüfte relativ wenig. Durch meine frühere Karriere als Fußballtorwart ist das Abrollen für mich in Fleisch und Blut übergegangen. Dem Verursacher des Sturzes ist das alles ziemlich peinlich, er entschuldigt sich mehrmals. Das kann schon mal passieren, macht ja keiner mit Absicht. Ich kann wieder ohne große Pause Tempo aufnehmen und problemlos weiterlaufen.

Richtig voll ist es am Straßenrand und auch stimmungsmäßig sind die 10 km ab HM-Marke doch deutlich der schönste Abschnitt. Am Boulevard Henri IV bei km 24,5 steht die La Garde Rèpublicaine, eine Kapelle in tollen Blau-Roten Uniformen. Als ich vorbei komme, spielen sie gerade den Triumphzug aus Aida. Ich bin absolut begeistert wie sie das spielen. Bisher habe ich auf Marathons noch nichts Besseres gehört. Das versetzt mich in ein richtiges Hoch und beflügelt mich richtig. Ich kann sie bestimmt zweihundert Meter hören, so spielen sie auf.

Ca. 100 m vor mir kann ich jetzt auch wieder den 3:30 Pacer ausmachen, den Kontakt hatte ich bei meiner Sturzeinlage verloren, dennoch bin ich eigentlich schon um einiges hinter meinem mir vorrangig gesteckten Zeitziel zurück und mir ist schon klar, dass heute allerhöchstens die Boston-Quali-Time drin ist.

 
Chateau de Vincennes
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Bei km 25 passieren wir wieder ganz seitlich den Place de la Bastille und dann geht’s runter an die Seine. Am Ufer hat man jetzt einen ersten wunderbaren Ausblick auf den Eiffelturm. Freilich - ein paar Kilometer ist er schon noch weg. Nach ca. 26 km laufen wir eine Rampe hinunter direkt an die Uferstraße „Voie Georges Pompidou“, die nur wenig über dem Wasserspiegel liegt. Mir gefällt das super. Einen tollen Ausblick hat man links rüber auf die Île de la Cité, eine Binneninsel in der Seine die zugleich der älteste Teil der französischen Hauptstadt ist. Sie vergrößerte sich im Laufe der Jahrhunderte von ursprünglich 8 auf 17 Hektar und ist durch neun Brücken mit den beiden Seineufern, sowie mit ihrer Nachbarinsel Île Saint-Louis verbunden. Dort ist auch der Standort der Notre Dame de Paris, die charakteristischen abgeschnittenen Türme kann man gut erkennen.

Und dann geht`s rein in einen ersten ca. 1 km langen Tunnel, der ist auch zugleich der längste und liegt genau entlang der Tuilerien. Die Läufer machen untereinander selbst ein bisschen Stimmung. Richtig dampfig und warm ist es hier herinnen. Ich habe mich am Start ja für langärmlig entschieden, aber im Verlauf des Rennens hätte ich mir schon immer wieder das Kurzarmshirt gewünscht. Bis jetzt haben wir mit dem Wetter sehr viel Glück gehabt, immer wieder spitzt mal leicht die Sonne durch und erwärmt das Ganze. Unter Frühling verstehe ich allerdings  noch was anderes. Insgesamt 8 km laufen wir direkt an der Seine entlang mit drei zu durchlaufenden Tunnels.

Wir sind jetzt auf der Avenue de New York und nach einer leichten Linksbiegung steht er vor uns. Groß und mächtig – der „La Tour Eiffel“ – das Wahrzeichen von Paris und Symbol für ganz Frankreich. Er wurde in den Jahren 1887 bis 1889 anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der französischen Revolution erbaut. Er ist 300 Meter hoch und stieß zunächst auf Widerstand in der Pariser Bevölkerung, die ihn für einen Schandfleck hielt. Empörte Künstler nannten ihn „tragische Straßenlaterne“ und empfanden den „düsteren Fabrikschornstein“ als Entehrung der Stadt. Ursprünglich hatte Gustave Eiffel nur die Genehmigung, den Turm für zwanzig Jahre stehen zu lassen, darum sollte er im Jahre 1909 wieder abgerissen werden. Als er sich aufgrund seiner Höhe jedoch als wertvoll für die Kommunikation herausstellte und die ersten transatlantischen Funkverbindungen des neuen Jahrhunderts ermöglichte, durfte er weiterhin stehen bleiben und so dürfen wir ihn auch heute noch genießen.

 
Tunnel
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Nach ca. 33 km verlassen wir die Seine und laufen zum Zugang des zweiten großen Stadtparks, dem Bois de Boulogne. Zuschauer sind jetzt wieder deutlich weniger geworden und von Stimmung ist nichts mehr zu spüren, viele Läufer kämpfen schon ziemlich mit sich selbst und könnten wahrscheinlich etwas Anfeuerung brauchen. Mir geht’s noch ganz gut und ich freue mit auf die Tennisstadien von Roland Garros. Wir erreichen sie bei km 35. Da ich ja auch noch aktiver Tennisspieler bin und es auch als Zuschauer noch nie bis hierher geschafft habe, schaue ich mir alles ganz genau an. Die außen liegenden roten Sandplätze sind doch deutlich heller als die bei uns zu Hause fällt mir auf. Mir macht das Appetit für die bald beginnende Tennissaison. Das ganze Areal gilt es zu umrunden bevor es in die gefährlichen Wälder geht.

Der Bois de Boulogne hatte seit je einen ziemlich schlechten Ruf. Fahrende, Straffällige, von der Justiz Verfolgte und andere zwielichtige Elemente versteckten sich früher hier in den Wäldern. Während des Absolutismus gaben sich hier die französischen „gentilhommes“ frühmorgens Duelle mit Degen oder Pistolen. Heute duellieren sich höchsten noch ein paar Marathonläufer auf ihren letzten Kilometern, obwohl,  ich glaube die meisten werden froh sein, wenn sie das Ziel unspektakulär erreichen.

Meine Zeittabelle sagt mir, dass ich jetzt bei diesem Tempo knapp die 3:35 verfehlen werde. Da ich auch nicht die Kraft habe, um noch mal richtig zu forcieren, verzichte ich auf eine Tempoverschärfung. Bei km 36,5 kann ich dafür ganz links am Rand den Stand des „Marathon du Beaujolais Nouveau“ erkennen, die kenne ich schon von der Expo. Ich lasse mich jetzt hinreißen und genehmige mir ein Schlückchen von dem edlen Tropfen. Der Nachschub war im übrigen mit einem Fass auf der Marathonstrecke unterwegs.

 
Nachschub des Marathon du Beaujolais Nouveau
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Der Park nimmt irgendwie kein Ende, da habe ich mir das Streckenbild wohl nicht richtig angeschaut. Eigentlich dachte ich, wir erreichen die Avenue Foch viel früher und haben beim Zieleinlauf noch den Triumphbogen ein längeres Stück vor Augen. Das Läuferfeld hat sich jetzt tatsächlich doch noch weit auseinander geschoben. Das nützt mir aber leider zu diesem Zeitpunkt nichts mehr. Bei km 40 werden vom Sponsor Reebok noch rosafarbene Schildmützen verteilt, ich bin leider ganz weit in der Mitte dieser Straße und verpasse es, meiner Frau eine mitzubringen. Schade, sie hätte sich bestimmt sehr gefreut. Jetzt fallen auch noch tatsächlich aus einer Wolke ein paar Tropfen vom Himmel, es sind aber so wenig, die spürt man kaum.

Bei km 42 verlassen wir den Park und es geht’s über einen Kreisverkehr in die Avenue Foch rein, da habe ich genau noch 200 Meter Zieleinlauf mit dem Arc de Triomphe vor Augen. Bei 3:37 und noch was bleibt die Uhr stehen. Das bedeutet für mich klipp und klar: alle Ziele verpasst. Aber trotzdem bin ich glücklich im Ziel und freue mich über den wirklich tollen Marathon und die sehr schöne Medaille.

Gleich rechts nach dem Zielbogen kann ich das Zelt der Dopingkontrolle sehen, nach den Desastern mit den Radlern scheint man dieses Thema hier in Frankreich ziemlich ernst zu nehmen. Ob freilich auch Amateure wie ich kontrolliert wurden, weiß ich nicht. Mein „Weinerl“ hätte aber auch bestimmt nicht angeschlagen. Hier gibt es auch gleich für jeden einen Regenponcho mit Kapuze, das ist auch einmal was ganz anderes als die für gewöhnlich ausgehändigten Wärmefolien. Wunderbar warm hält er und wiederverwenden kann man ihn auch für den nächsten Marathon.

Hans passierte das Ziel mit 3:23, so hätte ich mir das eigentlich für mich vorgestellt. Sherin kommt kurz nach mir mit 3:48 ins Ziel und belegt damit in ihrer Altersklasse den 6. Platz, tolle Leistung wenn man bedenkt, mit wie wenig Training sie diese Zeit läuft. Jan ist auch gleich dahinter und Karin kommt mit 4:19 nach einer noch nicht lange zurückliegenden Knie-OP gut ins Ziel. Auf Margot warten wir noch ein bisschen, sie hat sich etwas Zeit genommen, um ja nichts von Paris zu verpassen. Bei der Kleiderabholung, die im übrigen wieder reibungslos und ohne großes Anstehen abläuft, kann sich der Ordner wieder an Margot erinnern, freut sich mit ihr und gratuliert recht herzlich.

 
Der Autor im Ziel
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An dieser Stelle möchte ich noch mit einigen Vorurteilen gegenüber den Franzosen aufräumen -  sie seien unfreundlich und die Kommunikation klappe nur sehr schwer. Wir können das in den 4 Tagen Aufenthalt absolut nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil: wir sind nur auf sehr freundliche und aufgeschlossene Einheimische gestoßen und hatten überhaupt keine sprachlichen Probleme. Mit einem Mix aus Französisch, Englisch und Deutsch kamen wir überall problemlos durch.

Insgesamt sollen 200.000 Zuschauer an den Straßen gestanden haben. Bis auf die Kilometer 21 – 30 könnten es aber ruhig noch ein paar mehr sein. Trotzdem kann ich jedem diese Stadt und den Marathon ruhigen Gewissens empfehlen. Für einen Lauf auf Bestzeit ist er aber aufgrund seiner Streckenenge vielleicht nicht ganz geeignet.

Am späten Nachmittag besuchten wir noch den La Grande Arche im Stadtviertel La Defense. Ihr erinnert euch, das ist der moderne Triumphbogen und das derzeitige Ende der „Axe historique“, mit dem Blick, den ich euch vom Place de la Concorde empfohlen habe. Sollte man bei einer Paris Besichtigung unbedingt auch einplanen, ist freilich was ganz anderes als das alte Paris. Heute wurde es für uns aber dann doch noch recht grauslig. Es fing nämlich an zu schneien und der Wind pfiff durch die supermodernen glatten Hochhäuser. Soviel zum Thema: Frühling in Paris.

 
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Sieger

Männer

1 KEBEDE Tsegaye EH 02h 06' 40" 
2 ARUSEI Moses SH 02h 06' 50" 
3 ROTICH Hosea SH 02h 07' 24"

Frauen

1 KOMU Martha SF 02h 25' 33" 
2 TOLA Worknech SF 02h 25' 37" 
3 CHERUIYOT Lenah SF 02h 26' 00"

Teilnehmer:
35.000 Startplätze werden vergeben, 29.706 waren am Start.

Streckenbeschreibung:
Strecke ist fast zu 100% asphaltiert mit wenigen Pflasterabschnitten und bis auf ein paar Gefälle keine Höhenmeter. Für die Menge an Läufern meistens sehr enge StraßenSehr viele Sehenswürdigkeiten unterwegs.

Zeitnahme:
Schwarzer Champion Chip, wird gratis vom Veranstalter gestellt.

Auszeichnung:
Medaille, Baumwoll T-Shirt, Urkunde (? wird wahrscheinlich zugeschickt, keine Druck-Möglichkeit über das Internet).

Verpflegung:
Nudelparty, Wasser in Plastikflaschen, Obst (Bananen, Orangen, Datteln)

Zuschauer:
200.000 Zuschauer, vorwiegend zwischen km 21 und 32.

Unterhaltung:
75 Musikgruppen und Entertainer an der Strecke.

 


 

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