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Laufberichte

Auf Du und Du

11.06.11

Es soll Betreiber von Websites geben, welche ihre Zugriffsstatistik schönen, um sich bei Werbekunden und Besuchern interessanter zu machen als sie sind. Einer hat das zurzeit nicht nötig. Meine bevorzugte Site für Wetterprognosen wurde in der vergangen Woche von mir so häufig angeklickt, dass der Zähler buchstäblich explodiert ist. Wie damals als Kinder, als wir in den Tagen vor dem Nationalfeiertag immer wieder an das Barometer geklopft hatten, in der Hoffnung, wir könnten damit beeinflussen, dass sich der Zeiger in die richtige Richtung bewege und das Wetter für Augustfeier, Höhenfeuer und Feuerwerk freundlich werde.

Nachdem ich vor zwei Jahren völlig durchnässt und durchfroren im Ziel ankam und unter der Dusche hunderte von Litern heißes Wasser über mich ergießen ließ, bis ich aus der Winterstarre erwachte, hoffte ich im Vorfeld, die schöne Strecke bei ebensolchem Wetter erleben zu können.

Nach der letzten der unzähligen Konsultationen der Vorhersage – mit der URL bin ich auf Du und Du - fahre ich mit der leisen und unsinnigen Hoffnung des Unbelehrbaren bei freundlichem Wetter ins Ländle. Ich habe Glück, auf meinem Anfahrtsweg  sorgt der Pfingstverkehr nur für geringfügige Behinderung. 

Im Hotel hundert Meter neben dem Zielbereich treffe ich Bernie, der mit der gleichen Absicht hierher kam. Bei ihm liegt das schlechte Wetter allerdings erst ein Jahr zurück. Im Restaurant nebenan gehen wir ans Salat- und Pastabuffet, das hier und an zwei weiteren Orten im Fürstentum am Vorabend des Marathons zu einem Spezialpreis angeboten wird. Beim Gespräch finden wir heraus, dass wir in zwei Wochen wiederum von der gleichen Veranstaltung berichten werden, dann allerdings von unterschiedlichen Bewerben. Es wird dann erst das dritte Mal sein, dass wir als Berichterstattergespann vor Ort sein werden. Mal sehen, wie viel Überschneidungen und Ergänzungen es in unseren Berichten geben wird oder ob wir darin auch schon auf Du und Du sind.

Beim Verlassen des Restaurants wird das letzte Fünkchen Hoffnung auf anständiges Wetter bereits von den ersten Regentropfen gelöscht. Immerhin zeigt am Morgen der Blick aus dem Fenster, dass sich die Wettersituation nicht viel verschlechtert hat. 

Die zwei Sonderbusse zum Start nach Bendern fahren um 07.00 Uhr. In unserem Bus zeigt die Anzeige nicht nur die Uhrzeit, sondern auch die Temperatur: 7°C. Die Meteorologen nennen das die Schafskälte, ich würde Saukälte sagen. Doch das ist doch schon ein Grad mehr als die prognostizierte Tageshöchsttemperatur. Die Hoffnung flammt wieder auf. Mindestens so lange, bis wir bei der Ausfahrt aus dem Tunnel von dicht an den Hängen des Rheintals klebendem Nebel umgeben werden.

Nicht nur Schönwetterfanatiker müssen tapfer sein. Auch Vegetarier. Die Starnummernausgabe mit allem Drum und Dran befindet sich in der Herbert Ospelt Anstalt. In Institutionen mit dem Namen Anstalt will man uns Vielläufer immer wieder verweisen. In dieser hier könnte man uns nicht einmal zu Tierfutter verwerten. Die meisten von uns sind zu knochig und sehnig.

Diese Anstalt ist ein Fleisch verarbeitender Betrieb mit bekannten Spezialitäten für Mensch und Tier. Der Malbuner Rohschinken wäre meine letzte Hürde auf dem Weg zu einer fleischlosen Ernährung und das neuste Premiumprodukt für Katzen hat bei unseren von Werbung unbeeinflussten Samtpfoten jeden Vergleichstest gewonnen.

 
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Keine Bange, niemand wird bei der Startnummernausgabe in der urigen Kantine mit den Produkten des Betriebs konfrontiert, dafür servieren Mitarbeiter Kaffee und Croissants. Die Stimmung ist entspannt, keine Spur von der Düsterkeit, welche das Wetter draußen verbreitet. Als Vielstarter treffe ich viele Bekannte. Man kennt sich und freut sich, dass andere genau gleich der Laufleidenschaft verfallen sind. Wer da jemandem „Sie“ sagt, ist in der Läuferzunft und in Liechtenstein ein Neuling. Läufer duzen sich und Liechtensteiner ebenfalls – nur die Fürstenfamilie wird gesiezt. Man ist auf Du und Du.

Wie lichtscheues Gesindel schleichen in Plastikplanen und Müllbeutel verhüllte Gestalten den Fabrikmauern entlang und versuchen, sich unter jeglicher Art von Vorsprüngen möglichst lange trocken zu halten. Der Regen hat sich wieder etwas verstärkt, es tun sich gleichzeitig aber auch immer wieder helle Löcher in der Wolkendecke auf. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Mit ihr bin ich auf Du und Du.

Wie meistens reihe ich mich am Schluss des Feldes ein und laufe zusammen mit Andrea los. Die Geschäftsführerin des Zermatt Marathons übernimmt an diesem Lauf des Mountain Marathon Cups die Aufgabe der Zugläuferin für 6:00. Statt mir wird voraussichtlich Klaus Klein vom Jubiläumslauf hoch zum Gornergrat berichten, also nutze ich die ersten Kilometer, um noch ein wenig mit Andrea zu plaudern.

 
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Das erste Stück des Marathons verläuft auf der Hauptstraße, es steht also genügend Platz zur Verfügung, und so ist das Feld auch schon gut sortiert, als es rechts auf einen Feldweg abbiegt.

Am Rheindamm geht es in einem bewaldeten Abschnitt stromaufwärts. Abwärts geht es hingegen bereits mit meiner Kamera. Es sind vermutlich Rückstände von Schweiß und Trail-Staub, welche sich in der hohen Luftfeuchtigkeit zu einer zähen Pappe verbinden und die Kontakte verkleben, jedenfalls kann ich den Auslöser so lange und fest drücken wie ich will, es nimmt kein Bild auf. Gut, dass ich nicht der einzige Berichterstatter bin. Ich hoffe, dass sich bei Bernies Kamera alles im grünen Bereich bewegt und er diesen Teil der Dokumentation für mich auch übernehmen kann.

Nach fünf Kilometern, gleich bei der ersten Verpflegungsstelle auf der Höhe von Schaan, treffe ich auf ihn und erhalte die beruhigende Gewissheit, dass seine Kamera brav ihren Dienst verrichtet. Gleichzeitig nimmt auch meine ihren Dienst wieder auf. Der Niederschlag hat sich für meine Begriffe in der Zwischenzeit marginalisiert, anscheinend auch für meine Kamera. Immerhin gelingt es mir wieder, ein paar Aufnahmen in den Kasten zu bekommen.

Gleich danach führt der Weg auf den Rheindamm, auf dessen befestigtem Radweg die folgenden fünf Kilometer bis Vaduz zurückgelegt werden.

Wir kommen am Rheinpark-Stadion vorbei, wo erst kürzlich Liechtenstein im EM-Qualifikationsspiel Litauen 2:0 niedergerungen hat. Diesen Sieg gönne ich ihnen, läuferisch will ich mich aber nicht von Liechtenstein niederringen lassen. Vor allem nicht vom Anstieg, der bevorsteht. Beim Hineinlaufen nach Vaduz und bei der zweiten Verpflegungsstelle ist es unübersehbar: Das Schloss des Fürsten thront über dem Städtle, nicht weit entfernt, doch ziemlich viel höher. Und das ist erst der Beginn des Anstiegs, der auf uns wartet.

Zuerst geht es aber durch die Fußgängerzone. Bei schönerem Wetter – so stelle ich mir vor – würde es links und rechts der Strecke vor Leuten wimmeln. Aus den Straßencafés kämen Zurufe und Anfeuerungsrufe. Diesen Teil übernimmt der Sprecher, die potentiellen Zuschauer sitzen wohl noch daheim und sind froh, dass sie keinen Hund haben, der auch bei diesem Wetter nach draußen will, oder sie erholen sich irgendwo von den langen Stunden eines  Pfingstverkehrsstaus.

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Informationen: LGT Alpin Marathon Liechtenstein
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