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Laufberichte

Laufen hinter Mauern

18.05.08

Knastmarathon ?? Wie ?? Laufen im Gefängnis ?? – Genau mit solchen fragenden Blicken saß ich zu Beginn des Jahres ebenfalls vor meinem PC, als ich auf der Suche nach den passenden Laufveranstaltungen für 2008 war.

Gerade im Mai bieten sich doch jede Menge Marathon-Veranstaltungen an: Düsseldorf, Luxemburg, Mainz, Winterthur, Mannheim, oder Lodz um nur einige zu nennen. Da hat man die Qual der Wahl. Aber für mein diesjähriges Vorhaben, nämlich jeden Monat einen Marathon zu laufen, sollte es schon ein etwas Besonderer sein. Als ich schließlich unter marathon.de dann fündig wurde, war mein Erstaunen groß: Laufen im Knast!

Nachdem ich mich auf der Homepage des Darmstädter Knast-Sportvereins (SV Kiefer Darmstadt) eingelesen hatte, war die Entscheidung schnell gefallen und die Anmeldung innerhalb kürzester Zeit abgeschickt und das, obwohl 24 Runden mit je 1,758km zu absolvieren sind. Ich hatte Glück, denn laut Ausschreibung waren nur 100 Startplätze für externe Läufer vorgesehen und ich erwischte so gerade den vorletzten.

Der Gefangenensportverein der Darmstädter Justizvollzugsanstalt (JVA DA) wurde vor 16 Jahren von drei Inhaftierten und vier Bediensteten gegründet. Mit dem Eintrag ins Vereinsregister wurde schließlich auch der Anschluss an den Hessischen Fußballverband geschafft und man spielt mit respektablen Ergebnissen in der Hobbyliga. Wen wundert´s, dass es dabei nur Heimspiele gibt!! 2006 machten sich die sportlich Ambitionierten der JVA erstmals Gedanken über ein zeitlich begrenztes Laufprojekt, das als Abschluss mit einem Marathon gekrönt werden sollte. Heraus kam der 1. Darmstädter Knastmarathon. Obwohl 2007 nur drei Insassen und ca. 50 Externe daran teilnahmen, war der Lauf ein voller Erfolg und bald war die Absicht einer Wiederholung für 2008 bekundet.

Am 5.11.07 wurde das neue Projekt und damit der 2. Knastmarathon ins Leben gerufen. Diesmal mit einem wesentlich höheren Zuspruch auch innerhalb der JVA. Von anfangs 58 interessierten Häftlingen blieben schließlich 25 Starter übrig, allesamt Marathon-Neulinge. Begleitet und trainiert wurden die Häftlinge zusätzlich vom erfahrenen Läufer und Lauforganisator Dieter Bremer, dessen Trainingspläne bis zu 5 Einheiten pro Woche vorgaben (und Fußball gespielt wurde außerdem noch).

Vielen Freunden, denen ich von meinem Vorhaben erzählt hatte, schauten anfangs ebenfalls skeptisch, später eher neugierig, ja sogar sensationslustig. Ich selbst muss mir auch eingestehen, dass anfangs die Sensationslust die treibende Kraft für mich war, mich anzumelden. Spätestens jedoch auf der Fahrt nach Darmstadt am frühen Sonntagmorgen begannen sich meine Gedanken konkreter mit dem Umfeld und den Teilnehmern dieses Laufes zu befassen und die Frage war: wie begegnet man diesen Straftätern? Wegen welcher Vergehen sitzen sie ein ? Wie werden die „Externen“ empfangen? Es sollte ein Tag bleibender Eindrücke und neuer Erkenntnisse werden.

Als ich um kurz nach 9 Uhr am großen Eisentor vor der JVA stehe, winkt mir ein Wachmann durch seine Panzerglaskabine zu und öffnet mir per Druckknopf die kleine stählerne Seitentür. Der kleine Vorraum platzt mit nur acht Personen gefüllt fast aus allen Nähten. Der Grund des Auflaufs ist das Nadelöhr in Form einer Gepäck- und Ganzkörperkontrolle, der sich jeder, der die JVA betreten will, unterziehen muss. Im Tausch gegen meinen Ausweis erhalte ich ein grünes Band ums Handgelenk geklebt: „Damit wir Sie besser identifizieren können“, sagt einer der Wachhabenden. Wir stehen einen Augenblick und warten bis sich ein Grüppchen von 6 „Gefilzten“ angesammelt hat. Dann wird das nächste Schleusentor freigeschaltet und es geht in den nächsten Zwischenhof. Wieder ein kurzes Warten, das nächste Tor öffnet sich. Ich bin drin. Umgeben von einer endlos hoch anmutenden Betonmauer auf der mehrere Rollen Stacheldrahtzaun übereinander aufliegen.

Vor mir erblicke ich bereits das Herzstück des Laufes: den Start-Zielbereich mit Versorgungsstand, Meldetisch, Sanizelt, Massagezelt und ein Zelt für die Verköstigung danach. Der Moderator ist schon voll im Geschäft und macht über eine gewaltige Beschallungsanlage die ersten Ankündigungen, die übers gesamte Gelände zu hören sind. Gemessen wird mit Champion-Chip und über eine Großbildleinwand wird den Läufern ihre Rundenzahl angekündigt. Perfekt durchdacht, denn um die Leinwand vor Sonneneinstrahlung und somit vor Unleserlichkeit zu schützen, wurde eigens eine Hütte drum herum gesetzt. 

Ich werde von kasernenförmigen Gebäuden umgeben, hinter deren vergitterten Fenstern ich vereinzelt Gesichter erkennen kann. Hin und wieder sind Rufe zu vernehmen. Ein Wachmann weist mir den Weg zu den Garderoben und Duschen, wo mir ein JVA-Wäschesack zugewiesen wird. Kurz danach bin ich mit meinen Vorbereitungen fertig und übergebe meinen Sack der Wäscheaufbewahrungsstelle.

Draußen haben sich bereits fast alle Läufer eingefunden. Dank der grünen Armbändchen kann nun auch ich die „Externen“ von den „Internen“ trennen. Über die Sprechanlage werden die Ultraläufer Dagmar Großheim und Achim Heukemes, die frisch vom New Yorker 10-days-run eingetroffen sind, als Promi-Teilnehmer vorgestellt. In Ihrem kurzen Interview höre ich dann zum ersten Mal etwas über „Gefangenen-Resozialisierung“ und „Lebensmotivation“.  

Allmählich wird zum Start gebeten und die Teilnehmer reihen sich zaghaft hinter der Startlinie ein, denn keiner weiß so recht, wer hier schließlich das Geschehen aus sportlicher Sicht beherrschen wird. Nach dem Startschuss kristallisiert sich aber bald Manfred Scherer als Titelaspirant heraus. Seine Siegeszeit am Ende 2:53:06 h.

Inzwischen sind die nicht laufenden Häftlinge, die durch ihre weinrote Kleidung auffallen, auf Hofgang und bilden neben den Wachposten, den DRK- u. den THW-Helfern die einzigen Zuschauer. Direkt nach der Startgeraden knickt die Strecke nach rechts ab, wo sie nach nur knapp 150m einen ersten Wendepunkt direkt vor dem Hochsicherheitstrakt hat. Die Häftlinge auf dieser Seite sind während des Hofgangs zusätzlich durch Zäune abgegrenzt. Entsprechend groß ist mein Respekt. Der Weg führt zurück, am Start vorbei, in einer großen Schleife rüber auf die andere Seite des Geländes. Entlang der stacheldraht-bedeckten Mauer, wo in regelmäßigen Abständen postierte Wachen unsere Schritte beobachten. Vorbei an diversen Wirtschaftsgebäuden wieder bis an den Startbereich heran, bevor der zweite Wendepunkt den Weg zurück vorgibt.

Schnell zieht sich das kleine Läuferfeld auseinander. In der dritten Runde überhole ich bereits die ersten Mitstreiter. Ich selbst werde in der neunten Runde zum ersten Mal vom Führenden überholt, obwohl ich die HM-Marke in nur 1:35 h absolviere. Der Lauf bekommt einen familiären Charakter. Durch die zwei Wendepunkte trifft man sich pro Runde mindestens zweimal im Vorbeilaufen oder man tut sich gleich zusammen und teilt das Läuferleid, wie viele unter den Häftlingen. Denen ist die Strecke natürlich wohl bekannt und sie haben sich als Kontrolle das Tempo in Laufzeit pro Runde umgerechnet. 

Die nicht teilnehmenden Häftlinge verschwinden zwischendurch zum Mittagessen und außer uns Läufern ist fast niemand mehr zu sehen. Als ich zum wiederholten Male an der Mauer entlang laufe, erinnere ich mich an ein Foto, das während einer der Trainingseinheiten hier im Hof geschossen wurde und das ich im Vorfeld auf der Homepage der JVA entdeckt hatte. Ich versuche mich in die Trainingskonditionen der Häftlinge hineinzuversetzen. Der Gedanke ist erdrückend.  

Inzwischen ist es deutlich wärmer geworden und die Sonne drängt sich durch die Wolken. Ich verliere allmählich meinen Rhythmus und muss nach jeder Runde zum Getränk greifen. Meine Laufzeit ist inzwischen nebensächlich geworden. Ich werde so bei 3:30 h landen. Die Eindrücke, die ich gewinne, stehen im Vordergrund. Ralf, ein Häftling, der den Lauf allein angegangen war, steht am Rand und hat Krämpfe. Ruth, eine „Externe“, hilft ihm, die Beine zu dehnen. Von nun an laufen die beiden zusammen. Erst gegen Ende muss Ruth abreißen lassen. Später (ich habe bereits geduscht und bin wieder im Zielraum) kommt Ralf ins Ziel. Er überquert die Zeitmess-Schleife nicht, sondern dreht um und läuft wieder zurück, um Ruth zu suchen. Nach 4:44 h überqueren die beiden gemeinsam die Ziellinie. Beispiel einer Resozialisierung !?  

Lange bleibe ich im Zielbereich stehen und genieße die Freude der Marathon-Erstbezwinger. Allen voran natürlich die 25 Häftlinge, von denen alle ins Ziel kommen. Einer der Wärter klärt mich über die Wichtigkeit dieser einzelnen persönlichen Erfolge auf: „Viele von diesen Jungs haben selbst noch nie was erreicht im Leben. Mit diesem Projekt können sie für sich selbst ein Ziel setzen und erarbeiten.“

Als nur noch wenige Läufer im Ziel fehlen, breche ich auf. Die Siegerehrung kann ich nicht mehr abwarten, da ich noch lange fahren muss. Mein letzter Gang gilt der Abgabe meines leeren Kleidersacks. Meiner „Entlassung“ steht nichts mehr im Wege. Als sich das Stahltor hinter mir schließt und ich zu meinem Wagen zurückgehe muss ich an den Satz einer der Häftlinge denken: „Nach 2-3 Stunden Laufen kann es vorkommen, dass ich mich frei fühle.“ – Laufen hat für mich heute eine neue Bedeutung bekommen.   

 

Informationen: Knastmarathon Darmstadt
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