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Back on the Track

07.07.07

Zurück bei Freunden

 

Nein, gut geschlafen hatte ich wirklich nicht. Auf den Wecker hätte ich auch verzichten können. Weit eine Stunde vorm Klingeln lag ich schon wach und nervös im Bett. Die Vorbereitungen waren getroffen. Da man mit neuen Schuhen keinen Marathon laufen sollte, hatte ich die Treter schon im Januar gekauft. Trainingsumfang seitdem insgesamt 20km. Auf dem zeitgleich gekauften Alternativschuh ebenfalls 20km. Zum Ausgleich hab ich die Schuhe noch beim orthopädischen Schuhmachermeister Michael Singer in Schnaittach feintunen lassen.

 

Mein Marathon-Comeback steht an. Den letzten meiner bislang 85 Marathonläufe hatte ich vor fast 2 Jahren ebenfalls in Hemsbach absolviert. 25 kg zeigt die Waage mittlerweile mehr an. Es wird heute mein erster Start in der Ü 100 Klasse. Meine Schwester hab ich in der Zwischenzeit noch zur ihrer Marathonpremiere in Berlin und die Woche drauf gleich noch in Köln gecoacht. Meine Laufaktivitäten beschränkten sich auf das Lesen der Ergebnislisten und der Berichte bei marathon4you.

 

Das Comeback ist von langer Hand geplant. Eigentlich hätte es schon am Ostersonntag beim ersten Knastmarathon in Wolfenbüttel stattfinden sollen. Ein grippaler Infekt macht Laufen unmöglich. Mit Bernhard Hertinger, den „Sklaventreiber“ vom Lauftreff  Hemsbach verabrede ich mich zum Knastmarathon in Darmstadt. Ich kneife. Angst vor der eigenen Courage. Muss mich gerade noch im Knast blamieren, nein.

 

Doch jetzt gibt es kein Zurück mehr, zig mal hat Bernhard angerufen, zig mal hab ich ihm versprochen: klar, ich komme zu eurem 1. Waldmarathon. Dann war ich noch so unvorsichtig und hab mir den Fidelitas Nachlauf vom Fahrrad aus angeschaut. Was musste ich dann über mich lesen: Der „Ex-Läufer“ mit „walrossartigen Verdickungserscheinungen“. Freunde, jetzt reichts. Der Schweinehund wird weggesperrt und auf geht’s.

 

Von wegen „nur Teilstrecken beim Hemsbacher Waldmarathon zurücklegen“. Ich war noch nie ein Sprinter und deswegen kommen Läufe unter der magischen Distanz von 42,195km erst gar nicht in die Tüte. Ein Marathon mit 1200 Höhenmetern völlig untrainiert? Da hätte ich meine Serie beim Montafon-Arlberg Marathon letztes Jahr nicht abreißen lassen müssen. Dieses Jahr wäre Montafon-Arlberg zeitgleich mit Hemsbach, wäre auch nur einmal den Berg raufgegangen, und keine sechs Mal wie hier, doch versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen.

 

Der Fahrkartenautomat überrascht mich noch mit der Anzeige, dass er ab 10. 6. keine Zuschlagskarten für den Intercity mehr verkauft. Na ja, gewohnter Service im Serviceentwicklungsland Deutschland. Im Zug treffe ich auf Klaus Neumann und Karlheinz Kobus, die mit Jürgen Teichert zusammen nach dem Lauf gleich nach Herbrechtingen zum nächsten Marathon weiterfahren. Ich überlege den Bruchteil einer Sekunde: das wäre doch auch was für mich! Nein, nein nur nicht gleich beim ersten Mal übertreiben.

 

Ein Privattaxi bringt uns zum Startplatz an der Förster Braun Hütte, an dem die kirchliche Trauung für Andrea und Robert Feller vom Bärenfelslauf schon begonnen hat. Standesamtlich sind sie schon seit elf Jahren ein Paar, doch wie sagt der „Lauftreffeigene Pastor“: Der Lauf des Lebens ist für die beiden noch lange nicht vorbei. Thematisch völlig im Einklang ist auch der Trauspruch der beiden: „Christus spricht: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“.

 

Wie im Fluge vergeht die Zeit bis zum Start. Ich kläre Birgit, neue Lauf- und Lebenspartnerin von Bernhard Sesterheim, noch über meine heutige Kleiderwahl auf. Das Shirt der Winteredition des Vollmondmarathons, auf dem am linken Unterarm einer meiner Besten verewigt ist: „Marathonlaufen ist wie eine Geburt, da kann man nicht mittendrin aufhören.“

 

Kurz nach 9 dann der Start. Strahlend blauer Himmel, Sonnenschein, der verfrühte Herbstanfang scheint unterbrochen. Die Runde wird links herum gelaufen, nach wenigen Metern bergab gleich die erste Härteprüfung. Steiler Anstieg am steinernen Gaul vorbei zum Kreuzberg. Grundmauern einer Kirche lassen darauf schließen, dass dieser Wallfahrtsort auch schon mal bessere Zeiten gesehen hat. Dann zwischen Km 3 und 4 die erste und einzige Verpflegungsstation auf  der Strecke. Es gibt Wassser, sehr schön, in großen Bechern und, man merkt, hier sind Experten am Werk, Iso, Tee, Cola, Melonen, Müsliriegel und Salzstangen. Auf besonderen Wunsch auch Bier und Prosecco.

 

Auf Granitsplittern geht es dann ebenso steil wieder bergab, vorbei an einem schönen Aussichtspunkt mit Blick nach Heppenheim und über das Rheintal bis zum Pfälzer Wald. Der Weg schlängelt sich unspektakulär am Hang entlang nach oben, um dann das Ende der Runde wieder mit einem Bergablauf zu komplettieren. Die ersten Runden lege ich mit Bernhard und seinem Hund Cora zurück. Wir sind zwar nicht die Schnellsten, haben aber unendlich viel Spaß. Die erste Runde haben wir nach 50 Minuten absolviert, so kann es weitergehen.

 

Wir laufen auf Birgit auf, ich versuche sie zu überreden, heute das erste Mal einen vollständigen Marathon zurückzulegen. Es gelingt mir nicht, nach 4 Runden hört sie auf. Bernhard verabschiedet sich nach der 2. Runde, er möchte gleichmäßig weiterlaufen, während ich auf jeden herannahenden Läufer warte, anhalte und fotografiere. Der Halbmarathon wird problemlos abgespult. Nichts und niemand wird mich daran hindern, heute mein Comeback zu feiern.

 

Der Anstieg zu Beginn der Runde wird mit jedem Mal steiler. Am Schluss habe ich das Gefühl, die Zugspitze zu bezwingen. Die letzten zwei Runden haben mit Laufen nicht mehr viel zu tun. Bei jedem Schritt drücken sich zwei Zentner durch die Schuhsohlen auf die Granitsplitter. Es gibt wirklich Schöneres. Kurz vor Ende der vorletzten Runde überrundet mich Bernhard. Ich fange schon an, den Sieg des Geistes über den Körper zu feiern. …Ich bin wieder hier, in meinem Revier, war nie wirklich weg, hab mich nur versteckt…, so gehen mir Text und Melodie von Marius Müller-Westernhagen durch den Kopf.

 

Ab und an stecke ich mir ein paar Brombeeren in den Mund. Der Rest des Feldes ist längst im Ziel, als ich mich zu meiner letzten Runde aufmache. Bernhard salutiert. Er kann ermessen, welche Willensleistung ich heute erbringe. Den Bergen Respekt zollend wechsle ich zwischen langsamen Gehen und dem „Ultraschlappschritt“. Die Verpflegungsstation ist längst verwaist, liebvoll hat man mir noch jeweils einen Becher Tee, Iso und Wasser hingestellt. Leider kann ich bergab die Hangabtriebskraft auch nicht mehr wirkungsvoll nutzen.

 

Unter Begleitung des Roller fahrenden Krimiautoren Manfred Krämer laufe ich ins Ziel ein. Ich schmeiße meine Mütze in die Höhe, ich schreie, ich bekreuzige mich, ich küsse meine Medallie, ich bin happy. Einen schöneren Lauf hätte ich mir für mein Comeback nicht vorstellen können. Die Tränen des Glücks habe ich schon auf der Strecke gelassen. 

 

 …und jetzt bin ich mir sicher, wieder zuhause zu sein…

 

Ein erstes Bier mit Bernhard, dann nichts wie auf die Massageliege. Ich habe das Gefühl, die Massage dauert so lange wie mein Lauf, sensationell wohltuend.  Mit Fellers noch auf die Hochzeit angestoßen und mit Volker Berka parlierend wieder feste Nahrung zu mir genommen.

 

Bei der leider viel zu kurzen After-Run Party (der einzigen Schwäche der Veranstaltung) bedankt sich Elke Scheib noch mal in aller Form bei ihren Helfern und stellt klar, das es wohl keine 2. Ausgabe des Hemsbacher Waldmarathons geben wird. „Es hat alles gut geklappt, und das wollen wir so in Erinnerung behalten“ so ihre Worte. Schade, ein Teilnehmer wäre schon sicher. 

 

Informationen: Hemsbacher Waldmarathon
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