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Laufberichte

Panoramalaufstrecke in Waldesruh

 

Nach zwei Jahren Pause auf der Marathondistanz ist die Neuauflage des Fichtelgebirgsmarathons für den 15. Juli 2017 im 2 km von Wunsiedel entfernten Bad Alexandersbad auf einer neuen Strecke vorgesehen.

Nach einer turbulenten Marathonserie in Bad Blumau, in deren Verlauf sich mein vor Jahren operiertes rechtes Knie mit Schmerzen wieder meldete, ist völlig unklar, ob ich nicht eine längere Pause benötige. So verpasse ich den Online-Anmeldungstermin, entschließe mich aber einen Tag vor dem Marathon mit dem Auto die 540 km von Wien über die A1, A3 und A93 bis Marktredwitz und weiter nach Bad Alexandersbad, eine Gemeinde unter 1000 Einwohnern im oberfränkischen Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge, zu fahren. Das Navi kündigt anfangs optimistisch 5 Stunden 13 Minuten an, bis ich am Freitag am frühen Abend ankomme, sind allerdings 7 Stunden vergangen – bedingt durch den starken Wochenendverkehr, Staus, Engstellen und Tempobeschränkungen.

Dank des Bemühens der Veranstalter um Peter Karl können die Teilnehmer/innen im noblen Hotel Bad Alexandersbach, einen Steinwurf vom Mineral- und Moorheilbad entfernt, um ermäßigte 55,- Euro inkl. Frühstück nächtigen und haben nach dem Rennen die Möglichkeit, sich im neuen Bäderhaus Alexbad zu duschen. Nachmelden kann man sich im Haus des Gastes in Bad Alexandersbad am Freitag, den 14. Juli zwischen 17 und 21 Uhr. Die Startunterlagen werden auch am Renntag ausgegeben. Für den Leihchip muss man 5 Euro vorstrecken, die einem nach Abgabe wieder zurückerstattet werden. Leider gibt es kein Erinnerungs-Shirt, aber das empfinde ich nicht als Manko, zumal das Startgeld mit 34,- Euro (inkl. 5,- Euro Nachmeldegebühr) äußerst läuferfreundlich kalkuliert wurde.

 

 
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Aus alter Gewohnheit besorge ich mir stets vor einem Marathon, wenn es die Infrastruktur zulässt, noch irgendwelche Fressalien. Ich fahre daher zum Edeka in Wunsiedl und kaufe allerlei ein – darunter die von mir sehr geschätzte echte oberfränkische Leberwurst im Glas, ein Qualitätsprodukt, das es in Österreich nicht gibt. Dazu mehrere Flaschen nicht alkoholfreies Weizenbier der Brauerei Maisel, die laut Ankündigung auf der Webseite mit einem Ausschank am Marathontag vor dem Start- und Zielbereich auf den Schlossterrassen Bad Alexandersbad vertreten sein wird.

In der Nacht von Freitag auf Sonntag regnet es heftig. Das Thermometer beim Hoteleingang zeigt 12 Grad C Lufttemperatur an, als ich nach einem morgendlichen Rundgang vor dem Frühstück ab 7 Uhr zurückkomme. Ein gutes Dutzend Läuferinnen und Läufer haben im Hotel Bad Alexandersbach Quartier bezogen, die Mehrheit trifft aber erst am Renntag knapp vor dem Start ein. Parkplätze stehen in Nahbereich ausreichend zur Verfügung. Vom meinem Balkon aus kann ich die 200 m Luftlinie gut übersehen und das Geschehen beobachten.

Eine gute Viertelstunde vor Rennbeginn treffe ich im Start- und Zielareal ein. Franz Schwengler im Trikot des FC Nürnberg mit Rückenummer 42 sitzt auf einer Bank und wartet bis es losgeht. Wir unterhalten uns, ich will wissen, ob die Strecke zumindest 5 ½ Stunden offen ist, bei ausgewiesenen 800 Höhenmetern wäre das für mich eine Rückversicherung.

Peter Karl, der Chef des Orga-Teams, hält eine Ansprache. Er erklärt die neue Strecke – es handelt sich um einen Begegnungskurs. Die Halbmarathonläufer/innen, ca. 200 an der Zahl, werden um 11 Uhr, zwei Stunden später, in der Nähe der Ortschaft Leupoldsdorf starten und den langsameren Marathonläufern, die von Bad Alexandersbad kommen, entgegenlaufen. Die schnelleren hingehen, die für den ersten 21,1 km weniger als zwei Stunden benötigen, werden die Halbmarathonis nur kurz bei der Wende erblicken.

Mein Blick schweift auf das Startfeld, lauter erfahrene und wohl auch schnelle Kollegen mit ausdrucksstarken Gesichtern sind startbereit. Eine Handvoll Frauen sind darunter, auch sie hinterlassen einen sehr sportlichen Eindruck. Am Fichtelgebirgsmarathon scheinen keine Novizen teilzunehmen. Zwei Helfer haben ein rotes Starttuch vor den Tross gespannt, Peter Karl zählt herunter bis Null, es geht los. Ich schau, dass ich auf den Franz Schwengler aufschließen kann. Die Stufen hinunter finde ich harmlos, da bin ich anderes Terrain gewohnt, wenn ich an so manchen Trail im Hochgebirge denke.

 

 
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Bald sind wir aus dem Ortsgebiet draußen, zunächst geht es auf Asphalt einen Kilometer in westliche Richtung. Dann steigt der Kurs auf einem Zubringerweg für landwirtschaftliche Fahrzeuge alsbald an. Franz enteilt mir, ich laufe langsam und kontrolliert hinterher. Noch sind wir umgehen von bewirtschaftetem Agrargebiet, die Laufstrecke wird eingesäumt von schmalblättrigen Weidenröschen, die zur Familie der Nachtkerzengewächse gehören. Das kleinblättrige Weidenröschen gilt als Männerkraut und wird in der Pharmakologie als Heilmittel angeboten. Bei der ersten Labe schon nach 2,4 km, die ich nicht beanspruche und so auf den Franz fast wieder aufschließe, kündigen sich die Vorboten des dichten Waldgebietes im Fichtelgebirge an, das sich bis zu 1051 Meter im Nordosten Bayerns erhebt. Im Jahre 1971 wurde auf einer Fläche von 1020 km² der Naturpark Fichtelgebirge geschaffen. Kleinere Teile davon befinden sich im Nordwesten Tschechiens, der südliche Bereich des Naturraumes Fichtelgebirge liegt im Naturpark Steinwald.

Es ist nicht erwiesen, dass der Name Fichtelgebirge, der von Alexander von Humboldt erstmals gebraucht wurde, von der Fichte als Baumgattung stammt, oder auf die Wichtelmänner, die in nordischen Sagen vorkommen, zurückgeht. Eher glauben Forscher an eine Zuordnung  zum Bergbaugeschehen. Aus dem in einer Urkunde von 1317 genannten „Vythenberg“ könnte sich das Wort „Vichtel“ oder „Fichtel“ gebildet haben.

Die Marathonstrecke steigt nun ständig an. Sind die Anstiege zu steil, was ja relativ ist, dann stelle ich auf Walking um. Kommt eine Abwärtspassage, liege ich bald wieder gleich auf. Noch vor der zweiten Labe bei 4,2 km überhole ich u.a. auch den Franz, der aber dranbleibt.  Auch die anderen wenigen hinter mir liegenden Kollegen lassen nicht locker.

Vielleicht habe ich nicht genau aufgepasst oder die Sehenswürdigkeit einfach übersehen, nämlich den berühmten Wenderner Stein, der sich zumindest nahe dem Marathonkurs befindet soll. Es handelt sich um eine imposante Felsformation aus Phyllitschiefer, die inzwischen ein geschütztes Naturdenkmal auf einer Anhöhe südöstlich des Dorfes Kleinwendern ist, das zur Gemeinde Bad Alexandersbad im Landkreis Wunsiedel gehört. An der Westseite befindet sich eine kleine Mariengrotte.

Trotz der Anstiege kommt man auf den befestigten Forststraßen gut voran. Als ich stehen bleibe, um einige Steinchen aus den Schuhen zu entfernen, kommen die Verfolger dicht heran. Die dritte Labe befindet sich nach 8,8 km bei Kössein, es gibt Wasser, Cola, Iso, Schoko, Apfelspalten – niemand im Startfeld hat einen Grund zu klagen. Nach 10 Kilometern zeigt meine Uhr 1:08 Stunden an – die Zeit ist annehmbar, ich verspüre keinen Druck, obwohl ein halbes Dutzend Läufer hinter mir nachkommt.

 

 
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Als dann die Laufstrecke endlich und gut erkennbar nach dem Tröstauer Forst, wo die nächste Labe aufgebaut ist, 150 bis 200 Höhenmeter abwärts führt, finde ich Gelegenheit, verlorene Zeit wieder aufzuholen. Doch beeindruckend ist, dass bald darauf  die Schnellen schon wieder auf dem Rückweg sind und den z.T. steilen Anstieg bei Fahrenbach heraufstürmen. Von nun an laufen wir auf Asphalt, die Trailstrecke wird neutralisiert oder, anders formuliert, entschärft. Bei der letzten Labe schon im Ortsgebiet von Tröstau gönne ich mir eine kurze Pause und schlucke ein Gel hinunter. Inzwischen kommen mir die Starter/innen des Halbmarathons im dichten Feld entgegen. Ich bin von der Wende noch 1 ½ km entfernt. Den einen oder anderen Scherz bringe ich an: „Freue mich, Sie bald wiederzusehen, lassen Sie sich Zeit!“ Ich sollte die attraktive Mittvierzigerin leider nicht mehr einholen, da habe ich mich total verschätzt.

Ausgerechnet nach der Wende in Tröstau, wo zwei aufmerksame Helfer die Startnummern der Marathonläufer/innen notieren – eine Messung der Halbmarathonzeit findet offenbar elektronisch nicht statt, meine Uhr hat 2:18 angezeigt – muss ich kurz austreten. Und siehe da, der Franz ist bis auf 200 m aufgerückt. „Hoffentlich ist die Strecke 5 ½ Stunden geöffnet“, schreie ich ihm zu. Er wirkt cool und sorglos. Ich versuche jetzt von den Letzten etwas wegzukommen, dabei hilft mir das leichte Abwärtsgefälle. Bei der Labe trinke ich zwei Becher Cola und hoffe, den nun folgenden ziemlich steilen Anstieg im schnellen Gehtempo zu meistern. Fast hätte ich ein Laufpärchen wieder eingeholt, doch die beiden haben Reserven und sind bald nicht mehr zu sehen.

Wenn man die gleiche Strecke zurückläuft, sieht man Dinge, auf die man auf dem Hinweg vielleicht nicht geachtet hat: Schöne Waldblumen, Quellen und Rinnsale mit stark eisenhaltigem Wasser, kleine Sümpfe und Moorlandschaften, Hochsitze zur Wildbeobachtung,  dicht bewaldete Abschnitte, dessen Gesteinsformationen aus Granit die Landschaft im Fichtelgebirge prägen. Eine wunderschöne, naturbelassene  Gegend kann ich als Älpler, der in Oberkärnten und Osttirol aufwuchs, nur anerkennend erwähnen.

Ich laufe und gehe flott, mehrere Läufer überhole ich so bis Kilometer 32. Doch niemand aus dem Tross der Halbmarathonstarter/innen ist noch auf der Strecke, die Viertelstunde Vorsprung auf mich reicht für alle aus, um nicht mehr eingeholt zu werden. Bei Kilometer 35 zeigt die Garmin 4:15 Stunden an, mein Ziel unter 5:15 zu bleiben, werde ich heute erreichen. Vor der letzten Labe auf dem Rückweg, etwas mehr als 2 km vor dem Ziel, nähere ich mich zwei betagten Spaziergängern. Wir grüßen einander. Ich sage, dass mich die mächtigen Fichten hier im Wald sehr beeindrucken. „Sind Sie nicht aus der Gegend?“, fragt die geschätzt ca. 75-jährige Frau. Als ich antworte, dass ich aus Wien komme, meint sie: „Na dann verstehe ich Ihre Bewunderung, in so einer Großstadt fällt man alle Bäume und baut Wohnsilos aus Beton.“ Wie Recht sie hat, die Bauträger sind scharf auf die letzten Grünflächen in den Ballungszentren. Immer mehr Menschen flüchten inzwischen aus der Stadt in den ländlichen Raum. Wer sich wie ich heute in so einer schönen Landschaft bewegt, dem wird bewusst, dass wir Naturlandschaften auch in Städten schützen und erhalten müssen und nicht aus Profitgier und Vorspiegelung städtebaulicher und ökonomischer Notwendigkeiten zerstören dürfen.

 

 
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Wenn ich kämpfe, könnte ich vielleicht unter 5:10 bleiben. 300 Meter vor dem Ziel nähere ich mich einem Halbmarathonläufer. Seine Enkeltochter begleitet ihn auf den letzten Metern, die aufwärts führen. Diese Passage kostet mich schließlich eine Finisherzeit unter 5:10, aber Hauptsache, gut angekommen. Die Zuschauer bejubeln den hinter mir eintreffenden mit 80 Jahren ältesten Starter bei den Halbmarathonis.

Das Maiselbier habe ich mir verdient, nach und nach kommen weitere hinter mir liegende Kollegen aus dem Marathonstarterfeld nach. Ich gebe den Leihchip zurück. Erinnerungsfotos habe ich heute ausreichend gemacht. Am Weg zur Dusche spricht mich ein Läufer mit ostdeutschem Akzent an. Er kenne mich und lese meine Berichte auf M4Y. „Machste wieda eenen von heute?“

 

 

Ja, ein Bericht ist wohl angebracht, der zusammenfassend so ausfällt, dass der neu organisierte Fichtelgebirgsmarathon von mir das Prädikat „Panoramalaufstrecke in Waldesruh“ bekommt. Wer den Wald liebt und das Gefühl der Einsamkeit in herrlicher Natur als Weg zu sich empfindet, kommt auch  bei einem Startfeld von 100 Läufern nie in Bedrängnis, auf das Genießen beim Sport verzichten zu müssen. Das geringe Startgeld ist ein weiteres Zeichen, dass Cheforganisator Peter Karl zuallererst an den Laufsport denkt und – was ich besonders schätze – der kommerzielle Gedanke nie im Mittelpunkt steht.

 

Sieger bei den Herren:
1. Stepan Bohacek (DEU) – 3:01:45
2. Sören Schramm (DEU) –3:06:57
3. Jürgen Steiner (DEU) – 3:08:32

Damenreihung:
1. Heike Gipser (DEU) – 3:21:06
2. Antje Müller (DEU) – 3:32:57
3. Angela Frisch (DEU) – 3:55:10

89 Finisher beim Marathon

 

 

Informationen: Fichtelgebirgsmarathon
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