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Laufberichte

Comrades - Race of Heroes

31.08.06

Fotos: Klaus Neumann

 

81. Comrades Marathon - Laufen am Ende der Welt

 

87 Km durch KwaZulu-Natal - wo liegt das eigentlich?

 

Nach 11,5 Stunden Flugzeit und nachdem ich vor 21 Stunden Hersbruck verlassen habe, komme ich in Durban an. Das ist die drittgrößte Stadt Südafrikas mit ca: 3,5 Mill. Einwohnern und der bedeutenste Hafen ganz Afrikas. Durban liegt in Natal und das kommt aus dem portugisischen und heißt Weihnachten, womit ein Teil der Geschichte eigentlich geklärt wäre.

 

Vasco da Gama ging dort Weihnachten 1497 an Land. KwaZulu ist der nördliche Teil dieser Provinz und besagt,  dass es das Land der dort lebenden Zulus ist. Nach der Appartheit kam es zum Zusammenschluß und so wurde KwaZulu-Natal daraus mit der Hauptstadt Pietermaritzburg (PMB).

 

Durban und PMB sind auch die Städte, die beim Comrades eine wichtige Rolle spielen. 81 Jahre ist dieser Lauf nun alt und das kam so: Vic Clapham, ein alter Kriegsveteran, wollte an die Kameradschaft der Soldaten im 1. Weltkrieg erinnern und etwas Besonderes veranstalten. Dafür setzte er sich Jahre lang ein und bekam 1921 die Erlaubnis, einen Gedenklauf zwischen PMB und Durban durchzuführen. Damals waren 34 Läufer am Start, wovon 14 das Ziel erreichten. Wer konnte ahnen wohin das mal führt?

 

 
Vic Clapham
© marathon4you.de

Nur in den Kriegsjahren des 2. Weltkrieges pausierte dieser Lauf und hat sich seit den 90-er Jahren bei 10.000 bis 15.000 Teilnehmern eingependelt, wovon die meisten aus RSA kommen. Es ist damit der größte und auch älteste Ultramarathon der Welt.

 

Start und Ziel wechseln jedes Jahr, sodass einmal ein Up und einmal ein Down Run stattfindet. Dabei sollte man aber erwähnen, dass es eigentlich nur rauf und runter geht, nur befindet sich in einem Jahr das Ziel in PMB bei 650 müM und im anderen Jahr in Durban bei 0müM.

 

Wer nicht an der Strecke stehen kann oder versucht, ein Comrade (Kamerad) zu werden, schaut sich die Liveübertragung im Fernsehen an. Unvorstellbar, dass ein Ultralauf 12 Stunden (!) live im Fernsehen übertragen wird. Hier in Deutschland gilt man als verrückt, wenn man soviel Ausdauer hat. Wo doch alles hier eher immer bequemer wird. Dort ist man ein Held, und das kann man schon im Flieger spüren.

 

Und wer kann auch verstehen, dass man nur für den Lauf so eine lange Strecke zurücklegt und soviel Geld bezahlt? Sicher würde ich auch gern mal ein paar Wochen bleiben..... Am Ende hab ich fast selber gedacht, dass das ziemlich bescheuert ist, aber dann kam endlich der Tag des Abflugs. Als ich im Flieger saß,  wusste ich, dass ich das Richtige getan habe. Materielles und Geld sind vergänglich, aber das kann mir keiner mehr nehmen! Es ist mein Traum - und den lebe ich!

 

Dieses Jahr ging es nun von Durban nach PMB und ich war verdammt froh, vom letzten Jahr her zu wissen, was mich da jetzt erwartet - obwohl ich die Strecke so herum nicht kannte. Außerdem war ich auch besser vorbereitet - letztes Jahr war ich viel zu aufgeregt. Ich konnte nur gewinnen, musste nur durchlaufen. Trotz einer großen Vorfreude und Aufregung, war ich auch ruhig und entspannt.

 

Der Flug war gut. Nur konnte ich mal wieder kein Auge zumachen. Ich finde es aufregend, über Afrika zu fliegen, über all diese Länder hinweg, die ich am liebsten mal besuchen möchte. So hing ich meinen Gedanken und meiner Fantasie nach.

 

4:30 h war´s,  als ich aus dem Fenster sah. Wir waren gerade über Sambia, kurz vor Zimbawe. Im Osten über Tansania und Kenia ging die Sonne auf und weil wir so weit oben in der Luft waren, konnte ich es sehen. Der ganze Horizont hat gebrannt. Dass das, was ich da sehe gerade einmalig ist, war mir klar, denn nur wenn man Richtung Süden fliegt kann man das so sehen, schoß es mir in den Kopf. Ich weiß nicht, ob ich schon mal so was Schönes gesehen habe und war tief gerührt, als wir über den Sambesi flogen. Alles hatte sich an dieser Stelle schon gelohnt, da war ich mir ganz sicher!

 

Endlich wieder in Durban angekommen, erkannten mich sogar ein paar Hotelangestellte wieder. Ja, ich bin wieder da! Und es gab auch ein Wiedersehen mit den Japanern aus dem letzten Jahr, aber die sind ja nun wirklich überall......

 

Meine Reisegruppe war super! Ich hab mich richtig wohl gefühlt. Wir haben viel erzählt über Afrika, über das Leben, über uns und über den Lauf. Und wir haben vor allen viel gelacht. Ich war angekommen....

 

 
Die behinderten Kinder der Ethembeni School
© marathon4you.de 2 Bilder

Wieder stand einen Tag später die Streckenbesichtigung auf dem Plan mit der Wall of Honour, der Ethembeni School, dem Kinderheim für körperlich behinderte Kinder, die wir jedes Jahr besuchen und die uns am Tag des Rennens den ganzen Tag anfeuern, obwohl manche nur auf Krücken "stehen" können. ( www.ethembenischool.com ) Wir schauten uns das Ziel an und besuchten wieder das Comrades Marathon House in Pietermaritzburg.

 

 
Wall of honour
© marathon4you.de 2 Bilder

Dann hatten wir noch einen Ruhetag, bevor es ernst wurde. Was ging Einem da nicht so durch den Kopf. Bei mir war es vor allen die Vorbereitung. Der lange kalte Winter. Schnee von allen Seiten. Über, unter und durch den Schnee, aber auch durch Eiswasser, kalter Wind von vorne und mit Schneeketten (neu aus den USA, für Läufer) über Eis. All das konnte mir nichts anhaben, denn ich hatte ein Ziel. An der Stelle hätten viele gesagt, das geht nicht mehr, aber es ging doch!

 

Manchmal bin ich sogar im dunklen gelaufen, weil ich wusste, was die Leute denken. Und immer war ich in Gedanken in Südafrika, wo zur selben Zeit gerade Sommer war...... Mir viel ein Spruch von einen guten Freund ein. Er hat recht: "Das Ziel muss im Kopf sein, dann verheißt der Horizont nur Unendlichkeit." Jetzt hatte ich ihn verstanden! Aber mein Ziel war auch im Herzen, schon seit 13 Jahren - und so schrieb ich mich auch ins Buch im Marathon House ein mit den Worten : I love Comrades!

 

Dann kam der Tag des Rennens. 3:20 Uhr bin ich von allein aufgewacht. Die Sachen lagen schon bereit und ich ging zum Frühstück. Das schmeckt nicht wirklich um diese Zeit, aber muss sein.


Um 4:45 Uhr ging ich allein zum Start. Ich wollte jetzt allein sein, mich konzentrieren und alles auf mich einwirken lassen. Die Menschen sangen und tanzten spontan, als sie sahen, dass immer mehr Läufer unterwegs in Richtung der Straße waren, in der der Start war. Autos hupten und im Startbereich spielten sie immer wieder Shosholoza, das Lied der Schwarzen Minenarbeiter.

 

 
Vor dem Start
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Um 5:30 wurde die Anspannung von einem Kanonenschuss unterbrochen. Start. Jetzt ging es noch im Dunklen raus aus der Stadt. Natürlich erstmal berghoch. Nach etwa einer Stunde wurde es hell. Überall jubelnde Menschen. Die Weißen (Nachkommen der Buren / Holländer) haben sich schon Tage zuvor einen Bereich abgesteckt, wo sie den ganzen Tag über grillen und uns dabei anfeuern konnten. Die Schwarzen standen so da und schrieen oder liefen auch mal ein Stück mit.

 

 
Fields Hill
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Ich hatte wieder mein altes Nationaltrikot an mit aufgenähtem Namen. So hörte ich immer wieder: „Lady, Mam, Germany, Deutschland, Nicole, we love you,“ und am Ende des Laufes immer wieder: "Nicole, welcome in South Africa." Ich war sehr gerührt und es tat besonders gut, als es schwer wurde. Über die big five des Comrades musste man hinweg, aber das waren nur die großen Anstiege. Die Kleinen haben keinen Namen, können einen am Ende aber das Leben schwer machen.

 

 
Halfway
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Kurz vor der Hälfte kam die Wall of Honour. Schön zu wissen, wo man ist. Ich ging in etwa 3:41 h durch. Hier war soviel los, dass man dachte, man läuft schon ins Ziel. Die Hälfte war richtig groß aufgebaut und über die ganze Straße spannte sich ein Banner mit der Aufschrift : Half Way . Alles war über gut 500m abgesperrt, so das keiner von außen an uns ran kam.

 

Jetzt bei der Hälfte begann der Lauf. Kurz dahinter begann Inchanga. Hinter Cowie´s Hill und Botha´s Hill der dritte große Berg. Ich war mir ganz sicher, das heute wird gut, ich muss nur laufen........

 

 
Kinder der Ethembeni School
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Dann kamen endlich die Kinder der Ethembeni School. Die waren wieder voller Eifer dabei und ich klatsche auf meiner Seite fast alle Hände ab und ehe ich mich versah, hatte ich eine kleine Fahne in der Hand.

 

Langsam taten mir die Muskelansätze weh, meine Beine wurden steif und es wurde  langsam hart. Rauf und runter, so ging es über den höchsten Punkt der Strecke:  "Umlaas Road" bei 820 müM oder so. Noch fast 20 Km lagen vor mir und ich kämpfte.

 

 
Polly Shortts
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Noch 10Km vor dem Ziel dachte ich, ich schaffe eine Zeit von 7:50 bis 7:55h, aber ich hatte den letzten Berg vergessen. Plötzlich baute sich vor mir eine Wand auf. Unten stand ein Schild mit den Worten: " Polly Shortts. " Oh, nein! Ich kann nicht mehr! Das reichte doch jetzt wirklich! Zum ersten Mal in meinen Leben dachte ich: "Ich hasse Berge!" Tränen der Wut, Erschöpfung und Verzweiflung schossen mir in die Augen, aber ich lief weiter, immer mit dem Blick auf die Uhr. Jetzt wurde es knapp. Die 8 Stunden wackelten. Alle um mich herum fingen an zu gehen. Ich lief an ihnen vorbei. Nein, ich würde hier keinen Schritt gehen! Keinen!

 

Worte von Bruce Fordyce, dem 9 maligen Sieger gingen mir im Kopf rum: "I run for the love of the race ". Aber kann ich diesen Lauf so sehr lieben, um mich so zu quälen? Ich kann!
 
Endlich kam ich oben an! Ich hatte ein paar Minuten verloren und es wurde verdammt knapp. Oben lief ich über eine Matte, wie schon ein paar Mal und weiß,  das unsere Begleiter im Ziel jetzt informiert sind, wo ich bin. Auch im Internet war es die ganze Zeit über zu sehen. Jeder hatte einen Chip am Schuh, der dieses Signal sendete. Ich fühlte mich beobachtet. Später mailte mir ein guter Bekannter: "Ich habe immer wieder geschaut, wo ihr gerade seid!"

 

Noch 4 Km vor dem Ziel war ich über eine Minute über meiner Zeit. Das Schlimmste, was jetzt passieren konnte war, dass ich 30 Sekunden oder so über 8 Stunden laufe. Ich wollte es trotzdem noch versuchen. Wenn nicht, wollte ich einen Kilometer vor dem Ziel 2 Minuten warten, machte ich mit mir aus.

 

 
Pietermaritzburg
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Schon 2 Kilometer vor dem Ziel waren links und rechts Absperrgitter. Mit langem Hals hielt ich Ausschau nach dem Stadion. Es wollte nicht kommen. Dann der letzte Kilometer. Eine Uhr stand ca: 500m vor dem Ziel und zeigte mir 7:56 an. Ja! Ich schaff das! Wir liefen durch ein enges Spalier von Menschen, die dicht an dicht standen, bis endlich das Stadion kam. Unter einer Brücke durch, mit den Worten: Welcome in PMB!

 

 
Flora Golden Mile
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Ich spürte den weichen kurz gemähten Rasen des Stadions, winkte zu meiner Gruppe, die nicht zu übersehen war mit der Deutschland-Fahne. Im Stadion war die Hölle los. Die Menschen schrieen, jubelten, schlugen mit den Händen auf der Bande, laute Musik kam aus den Boxen und ein Stadionsprecher versuchte, alle zu übertrumpfen. Ich wurde begrüßt als Gast aus Germany.

 

Die ganze Anspannung der letzten Stunden, die Hoffnung unter 8 Stunden zu bleiben, das harte Traning, alles fiel von mir ab und ich schaffte kaum noch die letzten Meter aufrecht. Schon viele sind hier auf allen Vieren durch, wurden gestützt oder trugen sich gegenseitig. Alles verschwamm vor meinen Augen. Ich hatte es geschafft!

 

Nach 7:58:41h löste ich für heute den letzten Pipton aus, als ich über die Zielmatte laufe, auf zwei Beinen!

 

 
Nicole Kresse mit ihren Medaillen
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Back to Back! Einmal hin und wieder zurück! Das ist meine zusätzliche Medaille dieses Jahr. Die ist neu und man bekommt sie, wenn man in einen Jahr hin und im anderen wieder zurück läuft.

 

Ich wurde zum Internationalen Zelt geführt, wo ich erstmal Michael Schläbitz, unseren Reiseleiter in die Arme fiel und die nächsten 5 min nichts anderes raus brachte als: "Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr!" Und wieder rollten mir Tränen über die Wangen, diesmal vor Erleichterung und Stolz!

Ich war 55 Minuten schneller als letztes Jahr und hatte mich um 160 Plätze verbessert! Also Platz 33 heuer!

 

Ich zog mich um und streifte mir das Finisher-Shirt über. In Höhe des Herzens stehen die Worte: It comes from within.

 

Ob ich es trotz aller Strapazen wieder mache? I run for the love of the race!

 

Thank you South Africa! - Bye to 2007

 

Anmerkung der Redaktion:

 

Falls Ihr auch dabei sein wollt, beim größten und traditionsreichsten Ultralauf der Welt: wir veranstalten im nächsten Jahr zusammen mit Top Trail Tours eine Leserreise zum Comrades-Marathon. 

 

Links zur Ausschreibung und zur Buchung auf dieser Seite.

 

Informationen: Comrades Marathon
Veranstalter-WebsiteE-MailErgebnislisteHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 

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