Der Seenlandmarathon fehlt uns noch in der Sammlung. Also machen sich Judith und ich auf den Weg nach Pleinfeld im Fränkischen Seenland, 50 km südlich von Nürnberg. Mit dem Zug geht es ohne Umsteigen und ohne Überfüllung, da wegen der Oktoberfesteröffnung bei den Passagieren eher die entgegengesetzte Richtung gefragt ist.
Vom Bahnhof sind es wenige Schritte zu Fuß zur Marathonmesse auf dem Festplatz. Dort ist gerade die Hölle los, die Bambiniläufe stehen an. Aufgerufen sind die Altersklassen bis hinunter zu „25“. Ich überlege noch, ob das 1925 bedeutet, aber nein, da sind die Allerjüngsten unterwegs. Zwei Runden um die Buden herum sind zu absolvieren. Wobei die Kleinen anscheinend nicht immer den Charakter der Veranstaltung verstehen. Aber Spaß macht es allen.
Ich bin von der Anzahl der Verkaufsstände überrascht, so viele hatte ich nicht erwartet. Die Startnummer gibt es im Veranstaltungszelt. Damit wäre man sehr gut auf regnerisches Wetter vorbereitet, das aber aktuell nicht angesagt ist. Im Umschlag mit den Startunterlagen sind Infos über Pleinfeld, eine Parkberechtigung und viele schöne Sachen wie z. B. eine Sonnenbrille mit Seenland-Logo und zwei Gutscheine, die wir gleich in eine Schale „Knödelinos“ und ein Bier vom Titelsponsor Fürst-Carl-Schlossbrauerei umsetzen.
Zum Motel geht es durch das Zentrum von Pleinfeld. Ein schöner Ort mit einem Stück Stadtmauer, vielen alten Häusern und einer recht großen und alten Brücke über ein kleines Flüsschen. Generell ist alles hier sehr gepflegt. Scheint eine wohlhabende Gegend zu sein.
Das nagelneue Motel im kleinen Industriegebiet ist komplett ausgebucht und wir lernen gleich zwei junge Marathonnovizinnen kennen, die mit ihren Müttern hierhergekommen sind und nebenan übernachten. Eine Mitfahrgelegenheit können sie aus Platzmangel nicht anbieten. Und der Porsche Taycan an der Ladestelle vor unserem Zimmer gehört leider nicht mir.
Zweieinhalb Kilometer sind es für Judith und mich zum Festplatz, aber wenigstens über verkehrsarme Straßen. Kaum angekommen, treffen wir Roland, der nicht weit weg von hier wohnt. Unsere Taschen können wir ohne Warten abgeben und stellen uns in die wärmende Sonne. Heute soll es noch mal einen schönen Spätsommertag geben.
Auf der Bühne werden gerade einige Honoratioren interviewt. Dann in den Startbereich. Roland begrüßt einen Bekannten, Ralf Edelhäuser, Bundestagsabgeordneter des nahen Wahlkreises Roth. Der meint, dass er zwar Zehnkämpfer ist, aber das Laufen überhaupt nicht mag. Ich bin beeindruckt, wie jung Politiker inzwischen sind. Vielleicht liegt das aber auch an meinem eigenen fortgeschrittenen Alter? Und dann der nächste Bekannte, der Schwabacher Bürgermeister Peter Reiß, der sich heute an den 3:45-Pacer hängen will.
300 Marathonis stellen sich auf, da bleibt es recht luftig vor dem großen Startbogen, und pünktlich um neun Uhr werden wir auf die Strecke geschickt. Nachmeldungen, auch für den Halbmarathon, waren noch möglich.
Die Strecke führt uns zweimal um den großen Brombachsee, samt einer Begegnungsstrecke. Hin- und Rückweg zum See sind unterschiedlich. Die ersten Meter absolvieren wir auf einer Landstraße. Judith setzt sich schon ab, während ich ein wenig aufpassen muss, weil mich ein leichter Schnupfen quält. Kurz danach geht es schon nach links auf eine schmalere Straße. Wir kommen zu einigen alten Gebäuden, der Mandlesmühle, Richtig idyllisch ist das hier, viele kleine Flussläufe und Seen. Hier verläuft auch die Wasserscheide zwischen Donau und Main/Rhein. In der Mühle befindet sich ein Infozentrum vom Wasserwirtschaftsamt.
Das südlich von Nürnberg gelegene Fränkische Seenland besteht aus mehreren künstlich angelegten Seen. Es entstand vor allem, um Wasser aus dem regenreicheren Südbayern in das niederschlagsärmere Nordbayern zu leiten. Die Idee, die schon anno 793 unter Karl dem Großen aufkam, wurde in den 1970er Jahren erneut aufgegriffen, um die Wasserversorgung für Städte, Landwirtschaft und Industrie zu verbessern und den regenreichen Süden vor Hochwasser zu schützen. Gleichzeitig wollte man neue Arbeitsplätze schaffen und den Tourismus fördern.
Der Bau veränderte die eher strukturschwache Region nachhaltig. Heute ist das Fränkische Seenland ein beliebtes Erholungsgebiet für Einheimische und Urlauber. Der Große Brombachsee ist der größte und tiefste See der Region und über 30 Meter tief. Er wird zum Baden, Segeln, Surfen, Kitesurfen, Angeln und Bootfahren genutzt.
Und dann sehen wir bereits den hohen Damm vor uns. Oben sind schon die Schnellsten unterwegs. Der Weg hinauf ist lang und daher nicht so steil. Und wer wird bei km 2 schon über Anstiege jammern? Oben auf dem Damm ein breiter Teerweg. Ein Helfer mit einem Wassercontainer auf einem Handwagen überholt mich laufend. Hatte ich schon geschrieben, dass ich nicht so fit bin? Aber so langsam? Beeindruckend, wie wenig Wasser im See ist. Viele schwimmende Stege und Anleger liegen schon auf dem Trockenen. Eine Trommelgruppe spielt konzentriert.
Der erste große Verpflegungspunkt dann am Seezentrum Allmannsdorf. Da ist schon einiges los. Weiter auf einem Kiesweg am See entlang. Immer im Grünen. Der begleitende Radweg wird oft auf einer eigenen Trasse geführt. Obwohl wir den ganzen Tag Radlerinnen und Radler sehen werden, geben diese keinen Anlass zu Beschwerden. Die passen gut auf, uns nicht in die Quere zu kommen.
Ein kleiner Einschnitt wird über ein Brückchen überquert. Links gibt es auch ein großes Kunstobjekt zu sehen, welches aktuell ein Läufer abstützt - oder andersherum. Ich freue mich, dass hinter mir doch noch einige Mitstreiter unterwegs sind. Ein paar Kilometer geht es so dahin, dann erreichen wir das Strandbad Enderndorf. Hier, wie auch an einigen anderen Stellen, wurde für den Ausflugstrimaran eine provisorische Anlegestelle errichtet, da die offizielle auf dem Trockenen liegt. An den Badestellen gibt es oft auch öffentliche WCs.
Der VP empfängt uns mit Wasser, Iso-Getränken, Bananen, Obst, Riegeln und Gel in Tuben. Wir biegen auf einen Damm ab, der zwischen dem Großen Brombachsee und dem Igelbachsee liegt. Letzterer scheint genug Wasser zu enthalten. Und ich sehe, dass Enderndorf sogar zwei Strandbäder besitzt.
Stoisch mein Tempo laufend, bin ich nun mit drei jungen Marathonis unterwegs und höre den Diskussionen über Vor- und Nachteile von Geltüten und Geltuben zu. Und der Frage, wann man mit einer ersten Gehpause beginnen sollte. Heute bin ich eher in mich gekehrt und mische mich nicht ein. Ein kleines Fischerboot auf dem großen See. Das ist ein so idyllisch er Anblick, dass ich beim Fotografieren fast den Abhang in den See hinunterrutsche. Ein paar hundert Meter durch den Wald kommen wir zum nächsten Damm, der den Kleinen Brombachsee abgrenzt. Der ist auch noch gut gefüllt. Vom Ende des Damms ertönt Musik, ein oder eigentlich zwei VPs warten auf uns. Der Moderator fragt, ob es uns gut geht: Natürlich, Daumen hoch.
Und dann nach rechts auf die fast zwei Kilometer lange Begegnungsstrecke am Kleinen Brombachsee. Da kann ich sehen, wer vor und hinter mir läuft. Auch einige Staffeln mit gelber Nummer, 30 Minuten nach uns gestartet, sind nun unterwegs. Bei der Wendestelle für die Halbmarathonis geht es für uns noch eine ganze Weile geradeaus. Hier auch Zeitmessung. Ich sehe die beiden jungen Läuferinnen aus dem Motel. Die werden ihren ersten Marathon in flotten 3:40 beenden. Gratulation! Kurz dahinter die 4-Stunden-Truppe, dann die 4:15er, gefolgt von Roland und kurz danach Judith. Ein gutes Stück weiter dann die Wendestelle für die Marathonis. Und ich liege mit meinen Wohlfühltempo gar nicht so weit hinten. Außerdem lässt der Veranstalter den Marathonis 6,5 Stunden bis zum Zielschluss. Da ist also null Druck.
Ab und zu erhaschen wir einen Blick auf den See, An einer großen Skulptur in Form einer Echse vorbei. Wie schreibt jemand in Google Maps: „Schöne Aussicht auf den See und den FKK-Strand gegenüber“. Na, der ist doch weiter als einen Kilometer entfernt.
Wir kommen zum Ende der Begegnungsstrecke und müssen geradeaus weiter. Direkt danach ein VP nur mit Getränken. Rechts ein hoher Zaun mit der Warnung, dass dahinter noch Sprengstoffe aus dem Zweiten Weltkrieg lagern. Dann müssen wir merklich bergauf. Oben feuern uns zwei Helfende an. „Fast oben“, rufen sie. Wir sind auf dem Regelsberg. Ein langer, schnurgerader Weg führt nach unten. Es ist wirklich eine landschaftlich sehr schöne Strecke. Alles so unterschiedlich grün. Macht mir Spaß.
Dann links die Erklärung für die weißen Hütchen, die wir vom gegenüberliegenden Ufer aus sahen: Es handelt sich um schwimmende Bungalows. Wie in der Karibik quasi. Ramsberg mit seiner großen Sandbucht weckt weitere Urlaubsgefühle in mir. Viel Zuschauerunterstützung an den Kiosken und Kneipen am See. An der Werft des Trimarans vorbei. Die Schienen im Boden sind mit Platten abgedeckt. Dann die 21-km-Markierung. Die Kilometrierung scheint hier überall perfekt zu sein. Ein gutes Stück weiter sieht man den langen Damm vom Beginn der Seeumrundung.
Aber erst einmal sehe ich nur grünen Rasen, Sandstrand und dünne Palmenstämme. Wow. Ich bin hin und weg von so viel Exotik. Wobei sich die Palmen bei näherem Hinsehen als eher pinienartig entpuppen. Aber mein Ziel für einen Sommerausflug steht damit fest: Badestrand Pleinfeld - ok, der Name müsste noch mehr nach „Beach“ klingen. Und Cocktails würden zum Ambiente auch gut passen.
Immerhin gibt es kurz danach am VP auch alkoholfreies Bier. Zurück am großen Brombachseedamm. Hier treffen wir auf die Halbmarathonis, die um 11:15 Uhr gestartet sind und jetzt gnadenlos vorbeipreschen. Der Weg ist breit, sodass ich am Rand mein Tempo laufen kann. Nach einer Weile kommen die 1:45-Pacer. Also wird das Überholen noch ein gutes Weilchen weitergehen. Dafür steigt nun die Zuschauerzahl und damit auch die Stimmung. Hinter dem Seezentrum Allmannsdorf dann auf die Piste. Ein Sandwolke umhüllt uns. Leider habe ich nun auch einige Mitstreiter aus den Augen verloren. Ein Läufer aus der Dreiergruppe hat sich abgesetzt. Die anderen müssen hier bei mir sein. Und eine Läuferin, mit der ich mir über viele Kilometer die Führungsarbeit geteilt habe, scheint nun um einiges voraus zu sein. Dafür habe ich nun eine „Laufmaus“ vor mir. So steht es zumindest auf ihrem Hemd.
In Enderndorf hält mir eine Dame ein Schild vor die Nase: „Ich warte auf dich“. Erst nach einem Augenblick sehe ich den Pfeil auf ein Bierglas. Ach so! Km 30 ist erreicht. Ich beantworte einem Begleitradler die Frage, was wohl die blauen Nummern bedeuten: Marathonis. Laut rufe ich aus: „Schon 30 Kilometer“. Sollen sich die ach so schnellen „Halben“ doch mal schämen. Kurz danach hinter der HM-Wendestelle sind die Marathonis wieder unter sich. Judith ist jetzt schon ein gutes Stück weiter vor mir. Dann die Wende. Ich bin augenscheinlich nicht der Letzte.
Ende der Begegnungsstelle. Nun hat die Zahl der Halbmarathonis stark abgenommen. Ich genieße die Strecke. Irgendwie gefällt es mir hier am besten. Auch den Anstieg meistere ich mit Bravour. Ein neuer Begleiter muss leider hier abreißen lassen. Meine Zielzeit ist locker unter 5 Stunden.
Ich habe den Kampfgeist wiedergewonnen und strenge mich nun richtig an. Ich freue mich schon auf das finale Stück vom Damm hinunter. Leider vergesse ich, dass es am VP dort Bier gibt, und greife nach einem Becher Cola.
Und dann auf einmal ein Anstieg. Ich muss gehen. Es dauert nicht lang, dann geht es im Wald recht steil nach unten. Ich ziehe voll durch. „Cycling is always the answer“ steht auf dem T-Shirt eines Wanderers, der sein Rad offensichtlich vergessen hat.
Und plötzlich sieht es danach aus, dass ich mit einem 5-Minuten-Schnitt noch unter 4:50h bleiben kann. Ein kurzes Stück Schotter, dann sind wir auf der Straße. Der Festplatz ist gefühlt noch so weit weg. Ich kämpfe. Links auf den blauen Teppich. Jetzt ist es nicht mehr weit. Unter dem Jubel des Publikums laufe ich durch den Zielbogen. 4:49:31 zeigt die Uhr an. Judith und Roland erwarten mich schon mit einem Bier.
Das lief doch viel besser als erwartet. Wir genießen die Zielverpflegung im Zelt: alkoholfreies Bier, Cola, Obst und das letzte Stück Kuchen.
Massagen gibt es auch, warme Duschen in der nahen Brombachhalle. Wer noch Hunger hat, kann sich an den Essensständen verpflegen oder bei den Sponsoren vorbeischauen: Jetzt weiß ich beispielsweise, dass Gore viel mehr herstellt als nur die Faser Goretex.
Der Seenlandmarathon ist ein abwechslungsreicher Landschaftsmarathon, sehr gut organisiert von engagierten Leuten aus der Region Fränkisches Seenland rund um Pleinfeld. Und schon bald ist es wieder soweit: Im Jahr 2027 wechselt er auf den 11. April.
Siegerinnen
1. Atzmüller, Rebecca TV 06 Thalmässing 2:56:04
2. Pirker, Johanna TS Herzogenaurach 3:05:46
3. Neudel, Luise Sportgruppe Anfänger 3:15:41
Sieger
1. Bolbat, Andriy LAC St. Leon-Rot 2:37:58
2. Schäfer, Mathias Matze Performance 2:41:03
3. Harrer, Michael Pleinfeld 2:47:25
Finisher
Marathon 295
Staffeln 67
Halbmarathon 1.288