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Laufberichte

My historic run

 

Ein Besuch im Heiligen Land stand schon lange auf meiner Wunschliste, vorzugsweise kombiniert mit dem Jerusalem-Marathon. Judith war davon nicht so recht zu überzeugen, zumal die politische Lage in Israel seit Jahrzehnten angespannt und die Gefahr von Anschlägen entsprechend groß ist. Die Einreise geht, anders als befürchtet, zügig und völlig problemlos vonstatten. Unsere Stempel von Dubai und Oman im Reisepass scheinen niemanden zu interessieren. Umso besser! Der neue Hochgeschwindigkeitszug fährt so früh noch nicht, weshalb wir in einen Bus der Linie 485 steigen und für 4 € pro Person eine Stunde später am Bahnhof in Jerusalem eintreffen.

Die Marathonmesse im bahnhofsnahen Internationalen Congress Centrum öffnet erst in 10 Stunden ihre Tore. So bleibt noch etwas Zeit für ein Nickerchen im gebuchten Zimmer. In Israel gehen die Uhren anders: Zum einen sind sie der Mitteleuropäischen Zeit um eine Stunde voraus, zum anderen gelten hier der Freitag und der Samstag als Wochenende. Da der Sabbat ein wirklicher Feiertag ist, an dem niemand der körperlichen Ertüchtigung frönen sollte, muss der Marathon am Freitag stattfinden.

Jerusalem, die 850 m hoch gelegene Stadt in den judäischen Bergen zwischen Mittelmeer und Totem Meer, gilt sowohl Juden als auch Christen und Moslems als heilig. Vor 4000 Jahren sollte Abraham auf dem Hügel Moria, wo sich heute der Felsendom befindet, seinen Sohn Isaak opfern. 2000 Jahre später wurde Jesus Christus unweit dieses Hügels gekreuzigt und gut 600 Jahre später hob Prophet Mohammed vom Hügel Moria zu seiner himmlischen Reise ab. Immer wieder war die Stadt umkämpft, ihr Status ist nach wie vor Streitpunkt zwischen Israelis und Palästinensern. Während Israel Jerusalem als seine Hauptstadt deklariert, meldet der Staat Palästina ebensolche Ansprüche zumindest auf den Ostteil an, wo sich die wichtigsten Stätten aller drei monotheistischen Religionen befinden.

In der 800.000-Einwohner-Metropole begegnen sich viele Kulturen der Antike und der Moderne. Die Altstadt ist in das muslimische, jüdische, christliche und armenische Viertel gegliedert und von einer Mauer umgeben. Hierher führt uns unser Weg als erstes, aber die Besichtigungstour fällt buchstäblich ins Wasser: Hatten die Wetterportale vor zwei Wochen noch 29 Grad vorhergesagt, waren es am Mittwoch immerhin noch 18 Grad. In Wirklichkeit erwarten uns konstanter Regen, Wind und 9 Grad. Da wir keine warmen Mäntel eingepackt haben und der Wind uns den Schirm fast aus den Händen reißt, wird der Sightseeing-Tag im historischen Stadtkern kein Highlight, obwohl wir weltberühmten Orten wie der Klagemauer und der Grabeskirche einen Besuch abstatten.

 

 

Nachmittags finden wir uns auf der Marathonmesse ein. Die Startnummernausgabe geht schnell, im nicht teuren Startpreis enthalten sind ein dezent gestaltetes, schönes Laufshirt und ein Pröbchen sowie die abendliche Pasta-Party.

Wir treffen Herbert, der direkt vom Flughafen kommt und stolz seine Muscat-Marathon-Tasche trägt. Der hat Nerven! Die Marathonmesse ist recht groß und bietet Gewohntes zu hohen Preisen. Um 18:00 Uhr öffnet die traditionelle Pastaparty ihre Türen. Eine Veranstaltung, die diesen Namen wirklich verdient: Mehrere Buffets verteilen sich in der Halle. Eine Band spielt etwas zu laute Rockmusik aus unserer Jugend. Unzählige Arten von Teigwaren und Saucen, Salat, Kuchen und Getränke stehen in Selbstbedienung zur Auswahl. Nur das gute israelische Bier fehlt. Wir futtern uns ausgiebig Energie an, um uns dann nicht allzu spät durch den strömenden Regen in Richtung Appartement zu bibbern.

 

Der Marathontag

 

Eine angenehme Überraschung erwartet uns am nächsten Morgen: Der Regen hat aufgehört. Es herrschen angenehme Temperaturen bei nur wenig Wind. Judith und ich gehen zu Fuß die drei Kilometer zum Start im Sacher Garden. Unzählige Teilnehmer sind hier um 6:00 Uhr unterwegs. 40.000 errechnen die Veranstalter, worin die Teilnehmer des 800-Meter-Walks für Familien enthalten sind. Alles ist gut ausgeschildert, leider hat sich die Veranstaltungswiese aufgrund des Regens in einen ziemlichen Morast verwandelt. Die Abgabe der Wechselkleidung im selbst mitgebrachten Beutel oder der Plastiktüte von gestern erfolgt mit etwas Wartezeit. Es gibt eine eigene Klebenummer für den Beutel und die Rückseite der Startnummer. Letztere ist angenehm klein, den aufgedruckten Namen wird allerdings nur ein Sanitäter bei einer eventuellen Behandlung lesen können. Eine Nationalitätenflagge fehlt leider ganz. Immerhin sind Läufer/innen aus 80 Ländern am Start. Dafür überrascht die Rückseite mit Informationen ausschließlich auf Hebräisch. Wir schreiben einfach mal unseren Namen, die Blutgruppe und den Ansprechpartner für Notfälle drauf. Wird schon stimmen.

 

 

Der Startbereich liegt auf einer großen Straße und führt leicht bergauf. Der Eingang wird kontrolliert und dann müssen wir uns durch die hinteren Blöcke nach vorn arbeiten. Viele Halbmarathonis hasten heran, ihr Start war auf 6:45 Uhr angesetzt, weshalb sie jetzt schon zu spät dran sind und der Sprecher sie zur Eile mahnt. Die Marathonis bleiben höflich am Rand der breiten Straße. Auch die afrikanischen Spitzenläufer marschieren noch von hinten an uns vorbei.
Auf einer Tribüne sehe ich Mosche Lion, den Bürgermeister von Jerusalem, der das Startsignal geben wird. Da gehe ich doch gleich mal Grüß Gott sagen oder landestypisch Shalom.

Dann geht es leicht verspätet los, zusammen mit den Nachzüglern des Halbmarathons. Der Streckenverlauf ist ganz nach meinem Geschmack: kreuz und quer durch Jerusalem. Aufgrund der unterschiedlichen Varianten für die verschiedenen Streckenlängen und mehrfach zu laufender Abschnitte sieht der Routenplan schon mal spannend aus. Langweilig wird das sicher nicht.

Ein zweites Highlight des Laufs, das aus dem Plan nicht hervorgeht, sind die 700 Höhenmeter, die wir von Anfang an zu spüren bekommen. Es geht immer auf und ab. Flach wird es auf den nächsten 42,2 km nie werden. Aber auch die schlimmsten Steigungen sind für geübte Sportler laufbar. Judith und ich werden besonders gegen Ende öfter mal in schnelles Bergwandern verfallen.

Noch stehen wir also vor der Knesset, dem israelischen Parlament. Auch selten, dass ein Lauf direkt im Regierungsviertel Start und Ziel hat. Mir fällt da nur noch Berlin ein. 80 unterschiedliche Fahnen vor der Knesset symbolisieren die Länder, aus denen Läufer am Start sind. Eine davon ist die Flagge Syriens, aus welchem ein Läufer gemeldet hat, wohl ein besonderer Umstand, auf den in den Zeitungen hingewiesen wird.

Der Start ist unspektakulär. Durch ein Tor laufen wir auf den Campus Givat Ram der Hebräischen Universität. Zuschauermäßig ist hier wenig los. Da hat man Zeit, sich ein wenig zu ordnen. Judith und ich stellen fest, dass der 4:15-Pacer sein Tempo auf und ab sehr gut hält – wir tun uns da schwerer. Auffallend viele Sportler tragen auf ihren Leibchen fromme Sprüche. Einer hat ein Jesusbild dabei. Anscheinend wird hier ein spiritueller Aufenthalt mit einem Marathon verknüpft. Am Department für Gehirnstudien vorbei, vor mir dazu passend ein Läufer der Alzheimer Society.

 

 

Ein Blick auf ein modernes Highlight Jerusalems erwartet uns bei km 4: die nach Plänen von Santiago Calatrava gebaute Hängebrücke der Straßenbahn, in Anlehnung an Aussehen und Psalm 150 auch Weiße Harfe genannt. Die Bahn fährt seit 2011 in Jerusalem, verbindet alle wichtigen Sightseeing-Punkte und wird daher auch von Touristen gerne genutzt. Politisch ist sie nicht unumstritten, da sie auch die Grenzziehung von 1948 öfter kreuzt.

Der Regierungshügel ist kurz darauf umrundet. In einem Straßentunnel gibt es Löwenfiguren an der Wand, die lustige Karnevalsmützen tragen. Leider ist es hier zu dunkel für ein Foto. Die Anzahl der Verkleidungen wird in den nächsten Tagen noch zunehmen, später in Tel Aviv sehen wir auffällig viele gut besuchte Läden, die Faschingsbedarf verkaufen. Mit dem Purim-Fest, dieses Jahr am 20.3., gedenken die Juden einer Rettung vor ungefähr 3000 Jahren. Ein gewisser Haman, persischer Statthalter unter König Xerxes, wollte damals alle Juden töten lassen, hatte aber übersehen, dass Xerxes` Gattin Esther auch Jüdin war. Als diese von dem Plan erfuhr, gab sie ihren Glaubensbrüdern den rettenden Hinweis. Die drehten den Spieß um und hängten Haman und seine 10 Söhne an die für sie selbst vorgesehenen Galgen. Zur Feier dieses umgedrehten Pogroms gibt es also das Purim-Fest mit Tanz, Musik und Straßenumzügen wie in unserem Karneval. Zusätzlich müssen die Juden sich aus diesem Anlass betrinken. Und zwar so sehr, „dass sie nicht mehr zwischen dem guten Mordechai (Esthers Adoptivvater) und dem bösen Haman unterscheiden können“, wie es heißt.

Die nächsten Kilometer geht es durch Wohngebiete im westlichen Jerusalem. Gleich zu Beginn mit einer ziemlich herausfordernden Passquerung. Noch ahne ich nicht, dass wir die bei km 40 noch mal vor uns haben. Ich genieße die vielen Eindrücke und freue mich über die Zuschauer auf ihren Balkonen, teilweise mit Musikbegleitung. Auch am Streckenrand warten viele Musikgruppen auf uns. Es geht an der Großen Synagoge vorbei. Ein beeindruckender Bau aus dem Jahr 1982 mit 1.400 Sitzplätzen, der von der orthodoxen Gemeinde genutzt wird. In der King George Street passieren wir das Froumine-Gebäude, das von 1950 bis 1966 das Parlament beherbergte.

Es geht auf die Einkaufsstraße Jaffa (oder Yafo) Road. Hier fährt normalerweise die Straßenbahn, abends locken viele Kneipen. Links sehen wir das Rathaus. Einem christlichen Mönch ist unser Treiben nicht so geheuer. Er geht dicht an die Häuserwand gedrängt seines Weges. Vor uns das Neue Tor, dann an der Stadtmauer entlang, die der Ottomanen-Sultan Suleiman im 16. Jahrhundert vorrangig zum Schutz vor Nomaden errichten ließ. Sie ist gut 4 km lang, bis zu 12 m hoch und bis zu 3 m dick und begehbar.

Vor dem folgenden Damaskustor, dem Eingang zum muslimischen Viertel, drehen wir nach links. Es folgt eine gerade lange Allee etwas außerhalb. Links liegen Wohnviertel der orthodoxen und ultraorthodoxen Juden. Sie sind leicht an der dunklen Kleidung samt weißem Hemd zu erkennen und natürlich an der Kopfbedeckung: Großer schwarzer Hut in unterschiedlicher Höhe und je nach Herkunft und religiöser Ausrichtung des Trägers aus Filz oder auch pelzbesetzt. Vielen hängen weiße Schnüre an den Beinen herab, die in der Tora vorgesehen sind und deren Anblick sie davon abhalten soll, den Verlockungen der Umwelt nachzugeben. Sogar bei Militärs sieht man so etwas gelegentlich. Einige Orthodoxe tragen Zöpfchen oder Schläfenlocken. Sie stehen hier am Straßenrand, aber eben ganz vorsichtig auf der anderen Seite.

Die Wohnviertel der Orthodoxen sind inzwischen schon ein eigener touristischer Höhepunkt geworden. Am Sabbat gilt dort sogar Autoverbot. Man darf fast keine Tätigkeiten verrichten, nicht einmal elektrische Geräte benutzen. So soll man auch als Besucher sein Mobiltelefon ausschalten. Eine körperbedeckende Kleidung wird erwartet. Einige Läuferinnen sind heute auch in langer Hose mit relativ langem Rock darüber unterwegs. Wären sie verheiratet, müssten sie auch noch eine Kopfbedeckung tragen.

Auf der Haim Bar Lev Straße wird die zweite Linie der Tram gebaut. Es geht eher nach oben, bis wir bei km 15 vom Gegenverkehr getrennt werden. Eine Schleife um den Mount Scopus Campus der Hebräischen Universität steht an. Einige Läufer vor mir schlagen sich rechts in die Büsche und berichten danach von fantastischen Ausblicken, ich also hinterher: Die Altstadt von Jerusalem liegt auf der nächsten Hügelkette. Der markante Felsendom mit seiner goldenen Kuppel glänzt heute wunderschön im Sonnenlicht.

 

 

Die Runde setzt sich fort und öffnet den Blick auf hügelige Landschaften im Norden. Vor uns ein Stadtviertel mit Minaretten, wir sind jetzt im muslimischen Viertel. Berittene Polizei am Wegesrand. Die vielen Soldat(inn)en und Sicherheitskräfte richten hier eher den Blick ins Tal denn auf uns. Generell ist viel Sicherheitspersonal aufgeboten, unzählige Busse versperren den Zugang zu Querstraßen. An die bewaffneten Polizisten und Militärangehörigen auf den Straßen haben wir uns inzwischen schon gewöhnt. Oft sieht man junge Soldaten, die sich mit ihren Freundinnen fotografieren lassen und dabei die Maschinenpistole lässig umgehängt haben. Laut Reiseführer sind Steinwürfe oder Messerangriffe auf Touristen sehr selten. Aus diesem Grund empfiehlt er auch, sich so zu kleiden, dass man als Tourist erkennbar ist. Ich fühle mich in Israel nicht unsicherer als anderswo. Attentate auf Großveranstaltungen gibt es ja leider auch in anderen Ländern.

Wichtig ist den Organisatoren des Marathons, dass Viertel aller in Jerusalem ansässigen Volksgruppen durchlaufen werden. Eine gewisse Brisanz geht von der Tatsache aus, dass die Grenze zwischen Israel und Palästina mehrmals verschoben wurde. Gut, dass nicht auch noch christliche Kreuzzügler Anspruch auf Jerusalem erheben. Ein Barfußläufer ist als Inder erkennbar. Als ich ihm erzähle, dass ich dieses Jahr beim Chennai Marathon war, erfahre ich, dass er dort beheimatet ist.

Die Runde um den Hügel ist zu Ende und wir treffen wieder auf unseren „Anreiseweg“. Immer noch kommen uns Läufer entgegen. Rechts der britische Militärfriedhof. Bis Kilometer 20 geht es zügig bergab. Links stehen die Trambahnwagen, die hier umdrehen. Mein geübtes Auge erkennt den gleichen berggängigen Typ wie in Santa Cruz de Tenerife.

Die Talsohle ist erreicht und der Kurs verläuft zackig nach oben. Hier hatten wir vorhin die führende Frau gesehen, deren etwas gequälter Laufstil darauf hindeutete, dass der Anstieg an dieser Stelle nicht „ohne“ ist. Erste Gehpausen und Anfeuerung aus einigen Zimmern des Grand Court Hotels.

Die Halbmarathon-Marke ist erreicht. Mir macht das heute richtig Spaß. Leider sind die 4:15er schon weit weg und die 4:30-Pacer sitzen Judith und mir im Nacken. Aber heute steht das Genießen im Vordergrund.

Hinab in einen Tunnel vor dem Damaskustor, in dem es dann aber wieder nach oben geht. Die Gruppe von Pariser Feuerwehrmännern in auffälligen roten Hemden vor uns kann auch gut singen. Eine tiefsinnige Unterhaltung scheitert aber leider an den mangelnden Sprachkenntnissen auf beiden Seiten. In Israel kommt man mit Englisch sehr gut weiter. Viele Straßenschilder tragen Beschriftungen auf Hebräisch, Arabisch und Englisch. Bei den Lebensmittelverpackungen im Supermarkt ist es schon schwieriger: Oft wird dort nur hebräische Schrift benutzt. Aber eine Chipstüte erkennt man auch so. Erst später stellt man dann fest, dass man die superscharfe Variante erwischt hat. In den Restaurants gibt es natürlich englischsprachige Speisekarten.

Wir verlassen den Tunnel und werden einer perfekten Regie folgend auf das Jaffa-Tor der Altstadt zugeleitet. Von den Mauern grüßen maskierte Clowns. Hier treffen sich das christliche und das armenische Viertel der Altstadt. Am Davidsturm vorbei geht es ein kurzes Stück durch die Altstadt und durch das Ziontor wieder hinaus. Die Altstadt ist ja auch recht hügelig, die Gassen sind schmal und voller Andenkenshops und Reisegruppen. Auch hier finden sich viele Touristen von Kreuzfahrtschiffen, die den besuchten Städten nur wenig Umsatz bringen, aber auf Grund ihrer immensen Zahlen alle Gassen dicht machen.

 

 

Die Ausblicke auf das nun folgende Tal sind wieder atemberaubend,  ich erfreue mich an der südlichen Vegetation. Die Hativat Yerushalayim hinunter und rechts an einem kleinen Altar vorbei. Dahinter, auf dem römisch-katholischen Franziskanerfriedhof am Berg Zion, liegt das Grab von Oskar Schindler, dem deutschen Unternehmer, der während des Zweiten Weltkriegs 1.200 bei ihm angestellte jüdische Zwangsarbeiter vor der Ermordung in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten bewahrte.

Dann gleich wieder hinauf und erneut in die Stadt. Wir kommen in den südlichen Bereich Jerusalems und legen hier 15 Kilometer zurück, wobei wir manchmal auf vorherige oder spätere Laufabschnitte treffen und jetzt auch die 10-km-Absolventen sehen, in deren Strom für einige Kilometer auch einige sehr langsame Marathonis „mitschwimmen“.

Nochmals am Amtssitz des israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin vorbei. Der 79-Jährige steht höchstpersönlich vor dem Tor und begrüßt die Teilnehmer. Er schüttelt mir die Hand. Sehr volksnah, der Mann.

Das Konsulat Polens an der linken Seite ist eher klein, das belgische eine schicke Villa. Eine von Zypressen gesäumte Allee entlang. Richtig viel los ist in den Kneipen an der Emek Refa‘im Street  bei Kilometer 27. Unzählige Kinder wollen abgeklatscht werden, Stadtmarathon vom Feinsten. Hier könnte man auch mal zum Abendessen vorbei kommen.

Aufmerksame Läufer sehen den kleinen Bahnhof am Streckenrand. Nun geht es über einen Fußweg entlang der alten Eisenbahntrasse. Viele Infotafeln erzählen von der ehemaligen Nutzung. Die Häuser am Wegesrand wirken sehr gepflegt. Ob das damit zu tun hat, dass wir in der German Colony sind? Irgendwie scheint es da schon einen Zusammenhang zu geben. Besonders in den Wohngebieten der orthodoxen Juden schaut es ganz anders aus. Aber vielleicht täuscht dieser Eindruck.

Das viele Grün erfreut das Auge. Auf der breiten Hebron Road, die wir für einige Kilometer ablaufen (nterbrochen von einem drei Kilometer langen Abstecher auf die Haz- Promenade), ist es dann wieder modern und nüchterner. Wir sind jetzt südlich der Altstadt auf einem parallelen Hügelzug. Hier bieten sich nochmals schöne Ausblicke auf die Altstadt mit ihren Kirchen und Kuppeln. Die Grünanlagen sind sehr schön gepflegt, hier kommen wohl auch gerne Touristenbusse vorbei. Etwas oberhalb das UNESCO-Hauptquartier.

Verpflegungspunkt: Dort gibt es immer Wasser in Flaschen, schon mit hochgeklapptem Trinkverschluss, manchmal Iso-Getränke, zweimal Gel.

Wendestelle an einem Anstieg, Judith hat sich während meiner Fotostopps etwas abgesetzt. Ein Läufer, der einen Blumentopf auf dem Kopf balanciert, wird überholt. Außerdem ist ein Guinness- Buch-Rekordjäger unterwegs: Laut Aufdruck auf dem Hemd hat er schon 52 Marathons in einem Jahr in 52 Ländern hinter sich. Heute versucht er sich mit Tennisschläger und Ball. Das ist aber nichts im Vergleich zu dem Läufer, der den Muscat-Marathon in Taucherflossen zurückgelegt hat.

An der einzigen Verpflegungsstelle mit fester Nahrung bekomme ich eine interessante Banane gereicht. Sieht dünner aus, schmeckt anders und stammt aus landeseigenem Anbau.

 

 

Nochmals geht es auf der Hebron Road zwei Kilometer hin und zurück. Tempo halten, hier bietet sich nicht viel Neues für das Auge. Abbiegen nach links auf die Yehuda. Es wird wieder viel schöner, samt Zuschauern, Clowns, Musik. Sieht gut aus. Ich unterhalte mich mit Abraham, einem Einheimischen, der heute zum 9. Mal dabei ist, aber auch schon öfter in München war und dort an der Isar trainierte, genau wie wir das immer machen. Er erklärt, dass das viel gehörte „Kola Gabon“ so viel wie „auf geht‘s“ bedeutet. „Todah Rabah“ sage ich daraufhin. „Vielen Dank“.
Zeit zum Unterhalten haben wir genug, es geht richtig steil bergauf. Die Zeit passt für Judith und mich und im sofort anschließenden Gefälle geben wir richtig Gummi. Gut, dass es heute trocken ist, sonst könnte man oft ins Rutschen kommen.

Paul aus München spricht uns an. Er ist schon lang mit uns unterwegs und wollte sich an den Steigungen nicht mehr verausgaben. Aber nun sind wir in Zielbereichsnähe und er hat, anders als wir, noch genug Energie für einen flotten Endspurt. Man hört den Sprecher bereits, aber noch fehlen uns zwei Kilometer. Flach geht es dahin, bis wir in einen schönen Park kommen mit Olivenbäumen und bunten Blumen. Zeit zum Genießen, aber noch mal leicht ansteigend. Ein Fußgängertunnel, dann beginnt der blaue Teppich. 100 Meter noch, dann sind wir glücklich im Ziel.

Goldene Medaille, Herbert wartet auf uns. Dann zur Zielverpflegung, samt einheimischen Bananen, Jaffa-Mandarinen, Eis und Muffins. Bier gibt es leider nicht, obwohl zwei lokale Biersorten zur Wahl gestanden hätten.

Mit 4:26 Stunden wird Judith Vierte in ihrer Altersklasse. Der Median liegt bei 4:25 h, was sicher am Streckenprofil mit seinen 700 Höhenmetern liegt. Und dann sind da auch noch die vielen Marathontouristen, die einfach mal in der Heiligen Stadt einen langen Lauf absolvieren wollen, ohne nach der Zeit zu schielen. Das Ziel ist sechs Stunden lang offen. Auf der Ergebnisliste sind aber auch noch Finisher mit sieben Stunden erfasst.

 

Fazit:

 

Eine Marathonteilnahme in Kombination mit den Erlebnissen und Eindrücken in einer so geschichtsträchtigen Stadt wie Jerusalem lohnt sich auf jeden Fall. Wenige Tage reichen sicher nicht aus, um sich ein genaues Bild von dieser Metropole mit ihren zahlreichen Volksgruppen und unterschiedlichen Religionsgemeinschaften zu machen. Vielleicht hätten wir noch zwei Tage länger bleiben sollen. Ein Ausflug nach Bethlehem und ans Tote Meer hätte mich noch interessiert.

 

Tipps:

 

Israel ist ein viel unkomplizierteres Reiseland als erwartet. Die Ein- und Ausreise am Flughafen Ben Gurion ging zügig über die Bühne. Eine langwierige Befragung und Visitation blieb uns erspart. Der Zollbeamte gab sich mit der Aussage: „Wir wollen zum Marathon“ zufrieden und schien sich auch an unseren Visa aus Oman und Dubai nicht zu stören, die gelegentlich zu Nachfragen führen sollen. Die Abflugkontrollen waren exakt so wie bei uns.

Jerusalem selbst ist mehrsprachig: Hebräisch, Arabisch und Englisch. Man kommt gut zurecht. Günstige Unterkünfte gibt es auch, generell sind Restaurants und auch Supermärkte ein gutes Stück teurer als in Deutschland. Bei einfachen Lokalen kommt man dank kostenlos offerierter Vorspeisen und Brote sowie günstiger Limonaden und Fruchtsäfte auf Preise wie bei uns. Bier trinkt man besser daheim.

Der öffentliche Nahverkehr ist gut ausgebaut. Wichtig ist die landesweit verwendbare Chipkarte Rav Kav, auf die man Geld laden kann. Ansonsten bleibt man stehen. An den vielen Automaten kann man nur aufladen. Wo die Karte verkauft wird, haben wir leider nicht herausgefunden und daher notgedrungen die meisten Wege per pedes zurückgelegt.

Der Sabbat ist die verschärfte Form des deutschen Sonntags. In Jerusalem sind nicht nur Läden, sondern auch Museen und Restaurants geschlossen und auch Busse und Bahnen stehen still.
Die arabischen und christlichen Märkte und Restaurants der Altstadt sind jedoch geöffnet. Taxis und Sherut-Sammeltaxis fahren auch. Der Sabbat dauert von Freitagnachmittag bis Samstagabend, was man bei seiner Besichtigungsplanung berücksichtigen sollte.

Wir waren anschließend noch zwei Tage in Tel Aviv. Die verhältnismäßig junge Boomtown am Meer mit ihren 400.000 Einwohnern und vielen Startup-Unternehmen ist ganz anders als das ehrwürdige Jerusalem. Moderne Wolkenkratzer und leicht marode Wohnhäuser existieren nebeneinander. Interessant das weltweit größte Bauhaus-Ensemble, errichtet in den 1930er Jahren durch die aus Deutschland vertriebenen Avantgarde-Architekten und heute UNESCO-Weltkulturerbe. Hier ist Englisch weniger präsent als in Jerusalem, die Preise scheinen noch etwas höher. Schöne Strände locken Sonnenanbeter und Surfer, angesagte Clubs lassen die Nacht zum Tag werden.


Sieger

1 Ronald Kimeli Kurgat             Kenia    02:18:47
2 Shadrack Kipkogey                Kenia    02:19:07    
3 Jonathan Kipchirchir Chesoo        Kenia    02:22:07

Siegerinnen

1 Nancy Chepngetich Christmas maiyo    Kenia    2:44:50        
2 Mercy Jelimo Too                Kenia 2:54:00    
3 Naomi Jepngetich                Kenia 2:58:00    

Finisher

Marathon     1.498
Halbmarathon    5.053
10 k        8.934
5 k        5.912

darunter ca.
Deutsche 179
Österreicher 17
Schweizer 24

 

Informationen: Jerusalem Marathon
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