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Laufberichte

Vertical Limit

23.06.12

Nach dem erfolgreichen Debüt 2011 wird der Zugspitz Ultratrail, kurz ZUT genannt, heuer zum zweiten Mal gestartet. Logische Konsequenz für Jan und mich, nach unserer letztjährigen Teilnahme beim kürzeren Supertrail, ist heuer der Sprung in die Königsklasse. Die Eckdaten und damit auch die Strecke sind im Vergleich zum Vorjahr nur geringfügig verändert und optimiert worden. Der Ultratrail kann jetzt mit der runden Summe von 100 km und 5.420 Höhenmetern in Auf- und Abstieg protzen.

100 Kilometer Entfernung können sich die meisten ja noch vorstellen und viele sind sie auch schon gelaufen. Wie kann man sich aber bildlich die vertikale Distanz von 5.420 Höhenmetern vorstellen? Bergfreunde tun sich damit etwas leichter. Zwei Hauptrouten gibt es zur Besteigung der Zugspitze, jede davon hat in etwa 2.200 Hm aufzuweisen. Somit liegen theoretisch zweieinhalb Zugspitz-Gipfelbesteigungen vor uns. In einem Rutsch, ohne Unterbrechung. Wanderer bewältigen die Umrundung des Wettersteingebirges für gewöhnlich in 3 – 5 Tagen mit Übernachtungen. Die Sollzeit für den ZUT liegt bei knapp 26 Stunden.
Wie sieht meine Vorbereitung auf diese Gewalttour aus? Im Prinzip auch nicht anders wie auf einen normalen Marathon, nur ein paar zusätzliche Langdistanzen musste ich noch einbauen. So absolvierte ich in den letzten fünf Monaten beispielsweise sechs Marathons, zuletzt mit einem Doppeldecker (Sa. + So.) und drei Ultras. Alle bevorzugt schön bergig und letztere mit je 73 km. Insgesamt hat mir das über 10.000 Höhenmeter eingebracht. Ob’s reicht, wird sich zeigen. Mein Gefühl ist positiv, ich fühle mich ausreichend gerüstet.

Etwas geht mir aber schon die Düse, das muss ich zugeben. Ich merke, wie mich die Strecke die ganze Woche über beschäftigt. Ist aber auch mein erster Hunderter und der darf schon für etwas Aufregung sorgen. Wie es der Zufall so will: Unsere Anfahrt  Augsburg – Garmisch misst genau 100 km. Oh Mann, das ist schon etwas verrückt! 

Nicht unterschlagen sollte man den Supertrail, der wirklich auch nicht von Pappe ist. Er entspricht mit 68,8 km und 3.120 Hm im Aufstieg und 3.480 Hm im Abstieg exakt der letztjährigen Runde. Wir waren im Vorjahr total bedient nach dem Rennen und konnten uns schlecht vorstellen, noch eins draufzusetzen. Aber: „A bisserl was geht immer!"

Von Garmisch sind es noch 6 km bis ins Zugspitzdorf Grainau. Registrierung und Empfang der Startunterlagen finden in der Kurverwaltung, beim Zugspitzbad statt. Es gibt keine langen Anstehzeiten und kurz Entschlossene können sich heuer sogar noch nachmelden. Die Kosten für den Ultratrail liegen bei 110,- €, für den Supertrail bei 75,- €. Positiv zu vermerken ist die Tatsache, dass es keine gestaffelten Preise gibt, sie bleiben für Frühanmelder bis zum Nachmelder identisch. Aber es gibt ein Teilnehmerlimit von 1.000 Läufer/innen, wenn das erreicht würde, hätten Nachzügler das Nachsehen. Die Voranmeldungen lagen heuer bei etwa 700 Wagemutigen.

Was wird alles geboten für’s Geld? Da wär'n z.B. beim UT ein hochwertiger Laufrucksack von Salomon, Gutschein für die Pasta Party, Medaille und Finisher-Shirt bei Zielankunft und ein 20 Euro-Gutschein von Sport Conrad, den man gleich anschließend auf der kleinen EXPO nebenan einlösen kann. Die Supertrailer bekommen anstatt Rucksack ein Teilnehmer-Shirt, Finisher-Shirt entfällt aber dafür.

 
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Im Rahmen der Pasta Party findet ein Strecken-Briefing im Musikpavillon statt. Über den freien Platz ist eine Plane gespannt, man fühlt sich wie in einem großen Zelt. Vor der Einweisung gibt’s noch etwas Unterhaltung. Bayrisches Brauchtum wird gepflegt. Auf diversen Tischen platzieren sich die Grainauer Goaßlschnalzer und servieren uns eine kleine Kostprobe ihres Könnens. Aufstehen während der Darbietung ist ausdrücklich verboten, nicht dass einer skalpiert wird.

Explizit weist Streckenchef Wolfgang Pohl beim Briefing darauf hin, dass die Pflichtausrüstung stichpunktartig kontrolliert wird. Wer nicht alles Vorgeschriebene dabei hat, wird diskussionslos nicht zugelassen.


Zur Ehrwalder Zugspitzbahn – Km 17,9 – Zeitlimit 12:00 Uhr


Um 7:15 Uhr wird gestartet. Mit vollgepacktem Rucksack stehen alle im Startblock. Meiner bringt mit Getränke fast 5 kg auf die Waage. Als Pflichtausrüstung im Rucksack mitzuschleppen sind u.a. wasserdichte Regenjacke, Wärmebekleidung, Stirnlampe samt Ersatzbatterien, 1,5 Liter an Getränken, Notfallausrüstung und Handy mit eingespeicherter Notfallnummer. Alles in allem bin ich der Meinung, dass die Veranstalter aber heuer wesentlich ruhiger und entspannter am Händeln als bei der Premiere sind, wo man z.B. auch schärfer kontrollierte. Außerdem braucht heuer auch niemand ein Gesundheitszeugnis vorzulegen, es reicht eine Unterschrift.

 
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Die ungerade Startzeit von 7:15 Uhr kommt daher, dass wir unmittelbar nach dem Start eine Bahntrasse queren und bei einem 7 Uhr-Start müssten womöglich einige vor verschlossener Schranke warten. Somit gleiche Möglichkeiten für alle. Mit einem ersten Start werden wir hinter einer Trachtenkapelle in den Ort geführt. Überholen auf Ausschluss verboten. Hier erfolgt der Restart und zugleich offizielle Start, die Zeitmessung wird erst jetzt in Gang gesetzt. Ein paar Meter flach auf der Teerstraße bis Hammersbach dienen zum Einrollen. Im Ort geht’s rechts ab den Berg hinauf. Zu Füßen der Waxensteine führt der Weg Richtung Höllentalklamm. Eine Horde Rindviecher erschrickt beim Anblick unserer Meute und ein paar mischen sich galoppierend unter uns Rindviecher und begleiten uns ein Stückchen, lustig anzuschauen.

Ein Höhenweg führt uns im Wald am Hang entlang Richtung Eibsee. Oberhalb der Eibsee-Alm ist die erste von 10 Verpflegungsstationen aufgebaut. Unter uns liegt die Talstation der Eibsee-Seilbahn. Mit ihr gelangt man von deutscher Seite auf das Gipfelmassiv der Zugspitze wo sich mit dem Schneeferner und Höllentalferner, zwei der wenigen deutschen Gletscher befinden. Bis Dezember 1962 wurde an der 4.500 Meter langen Seilbahn gebaut. Sie verläuft über zwei 65 und 85 Meter hohe Stützen und überwindet dabei 2.000 Höhenmeter. Eine peinliche Premiere gab es bei der Jungfernfahrt. Eine Blockade des elektronischen Bremssystems führte zu einem Abbruch der Eröffnung. Die Kabine mit den Ehrengästen blieb mitten auf der Strecke stecken.

 
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Viel zu sehen von der Zugspitze gibt es für uns nicht, hoch oben liegt alles in den Wolken. Aber auch mit Sonne ist sie keine hervorstechende Erscheinung. Die Garmischer haben zu ihrem Wahrzeichen daher auch die Alpspitze erkoren. Als in den Himmel stechendes Dreieck sie ist eine Erhebung von geometrischer Schönheit. Die Zugspitze ist zwar der höchste und der bekannteste, nicht aber der schönste Berg Deutschlands.

Auch für uns geht es jetzt steil, oftmals über Skipisten, meist im Gänsemarsch nach oben. Auf den nächsten 5 Kilometern sind 600 Hm zu erklimmen. Beinahe hätte ich den herrlichen Blick auf den Eibsee unter uns verpasst. Nur zufällig drehe ich mich einmal für ein Foto um. Vor ca. 3.700 Jahren verursachte ein gewaltiger Bergsturz den 15 km² großen Kessel, in dem der See mit seinen 8 Inseln heute liegt. Viel Zeit für Umherschauen bleibt nicht, der Anstieg pfeift schon anständig rein. Nach 14 km verlassen wir Bayern und überschreiten die Grenze nach Tirol.

 
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Die zweite Labe (so schön nennt Herbert immer die VPs) bei Km 17,9 ist zugleich für alle Teilnehmer die erste Cut Off Station. Wer hier nach 4:45 Std. nicht durch ist, hat schon fertig. Aber das dürfte kaum einen vor Probleme stellen. Ich habe hier zwei Stunden Guthaben.


Zur Hämmermoosalm – Km 42 – Zeitlimit 18:00 Uhr


Meist steil bergauf und kräftezehrend geht es weiter. Eine erste leichte Krise deutet sich an und ich bin froh, 10 Minuten Pause an V3-Pestkapelle einlegen zu können. Nach ordentlicher Brotzeit und Getränkeaufnahme sieht die Welt aber gleich wieder anders aus. Bis zum Feldernjöchl auf 2.045 m sind weitere 1.250 m im Aufstieg zu erkraxeln. Das auf leuchtend orange „Dangerous section“ mahnt uns zur Vorsicht. Die Schotter- und Schneepassagen am Hang haben es in sich, einmal ausrutschen und die Party geht ab …weit nach unten.

 
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Belohnt werden wir mit grandioser Übersicht. Ja, aber wo ist sie, unsere Logo- und Namensgeberin? Wieder nix von ihr zu sehen. Die Zugspitze versteckt sich immer noch in den Wolken, dabei gäbe es doch so viel über sie zu erzählen. Ein bisserl was muss ich aber schon los werden. Ursprünglich hieß sie der Zugspitz. Zug wurden Lawinenhänge genannt. Lawinen brauchen keine Steilwand, sondern Rutschbahnen wie sie auf den oberen Bereichen des Massivs vorgefunden werden. Daher wurde Gipfelstürmern zu früheren Zeiten auch die Todesstrafe angedroht, im Falle eines Aufstiegs über diese Route.

Als Bayern 1806 zum Königreich ausgerufen wurde, war der höchste Punkt der Grenze zu Österreich immer noch nahezu unbekannt. Noch war niemand auf der Zugspitze und man kannte auch nicht ihre Höhe. Deshalb erließ König Maximilian I. den Befehl an sein Topographisches Bureau, die Zugspitze zu vermessen. An Leutnant Josef Naus wurde der Auftrag erteilt und er machte sich auf den Weg. Gut drei Monate später war es dann so weit. Nach acht Stunden erreichten er und drei seiner Begleiter am 27. August 1820 den Gipfel. Sie ermittelten schließlich eine Höhe von 2.962 Metern und gelten damit als die ersten Menschen auf der Zugspitze.

Ursprünglich gab es sogar drei Gipfel, einen Ost-, Mittel- und Westgipfel. Als einziger davon ist der Ostgipfel in seiner ursprünglichen Form erhalten geblieben. Der Mittlere fiel 1930 einer Seilbahnstation zum Opfer. 1938 wurde der Westgipfel gesprengt, um Platz für eine geplante Flugleitstelle der Wehrmacht zu schaffen. Von hier aus sollte der Luftverkehr überwacht werden. Wurde aber nie gebaut.
Die Route zum Gipfel über’s Gatterl, dem bekannten Felsentor und südlichen Durchschlupf zum Zugspitzplatt, führt nach links hinunter. Wir bleiben auf dem Grat und arbeiten uns noch auf den höchsten Punkt unserer Strecke hinauf auf 2.200 m. Der liegt momentan auch leicht im Nebel.

Abwärts Richtung Steinernes Hüttl wird die Sicht wieder klar und wir tauchen ein, in eine bizarre Landschaft, in der sich grüne und ockerbraune Steilgrasflanken mit grauen Sand- und Schuttfeldern und dunkelgrünen Latschenfelder mischen. Auf der Naturbühne erster Klasse geht es 300 Hm abwärts, bevor wir zum nächsten Aufstieg ansetzen müssen.

Dazwischen liegt eine große Showbühne, gemeint ist damit ein massives Schneefeld, das es zu durchqueren gilt auf der Downhill Passage. Umlaufen ist nur mit größerem Umweg möglich. Vor mir läuft Belinda Holdsworth. Sie schüttelt kurz den Kopf, setzt sich auf den Hosenboden und lässt es die fünfzig Meter wie auf einem Bob runter laufen. Richtig elegant löst Hansi Früh das Problem. Wie ein Surfer auf seinem Board gleitet er den Hang hinab. Hat er schon in seiner Kinderzeit so gemacht, erzählt er mir. Ich versuch es ihm nachzumachen, liege aber ruckzuck im Schnee. Man hat wirklich überhaupt keinen Halt auf dem noch leicht angefrorenen Schneeboden. Dieter Ladegast versucht es auch, landet aber ebenfalls schneller als er schauen kann auf dem Hintern und lässt dann einfach der Schwerkraft ihren Lauf. Ja, wirklich großes Kino hier auf der Schneebahn. Aber alle, die ich beobachte kommen auch heil unten an und haben viel Spaß dabei.

 
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Ab Rotmoosalm liegen wieder über 600 m Abstieg bis zur Hämmermoosalm vor uns. Teilweise auf kiesigen Rennbahnen, wo man es richtig laufen lassen kann, aber auch wieder durch viel schwieriges Gelände. Im unteren Teil wechseln wir das Terrain, es geht auf weichen Single-Trails durch den Wald. Nach 8 ½ Stunden treffe ich an V4 Hämmermoosalm ein. Mein Zeitvorsprung zum Zeitlimit beträgt somit 2:15 Std. Bisher läuft alles im Plan. Ich gönne mir 15 Minuten Erholung, nach der anstrengenden Abwärtspassage habe ich das auch bitter nötig.


Nach Reindlau – Km 56 – Zeitlimit 21:15 Uhr


Die Hälfte unserer vertikalen Meter sind bereits Geschichte, folglich muss noch mal genauso viel kommen. Los geht’s damit sofort im Anschluss. Der wurzige Steig führt uns, wie sein Name schon sagt, über unzählige Wurzeln im Gutwald bis zur Wangalm. Wer ein paar Euros einstecken hat, kann sich hier ein leckeres Weißbier gönnen.

Nach der Alm wird es wieder sehr steil. Bis hinauf zum Scharnitzjoch auf 2.046 m gibt es keine Verschnaufpause in Form von flacheren Abschnitten. Höchstens man verweilt für einige Zeit auf einem der zahlreichen Felsbrocken. Klaus hat gerade ein Tief und gönnt sich hier eine kleine Auszeit, bei mir läuft’s wieder ganz passabel. Auf dem Joch wird uns wieder ein toller Ausblick ins Tal und auf die umliegenden Gipfel geboten. Links Scharnitz-, und Schüsselkarspitze, rechts Gehrenspitze flankieren unseren bevorstehenden Abstieg.

Gibt’s noch was Härteres wie mörderische Aufstiege? Ja, manche Abstiege killen die Oberschenkelmuskulatur regelrecht, sind spürbar kraftaufwändiger und mit Ermüdungsfaktor auch bedeutend gefährlicher. So einer liegt vor uns. Halsbrecherisch geht es im ersten Abschnitt schroff hinunter. Schnee, Felsen, Matsch und Rinnsale, alles dabei. Ich bin hier eher etwas zurückhaltender unterwegs, möchte keinen Absturz riskieren. Erst zur Hälfte wird es etwas angenehmer. Dafür aber noch steiler. Auf Waldboden mit vielen Naturtreppen geht es in engen Serpentinen runter.Mit heiß gelaufenen Oberschenkeln treffe ich nach 6 Kilometern mit über 1.000 m im Abstieg an V5 Hubertushof Reindlau ein.

„Alles klar bei dir?“ werde ich gefragt. Ich bestehe den medizinischen Check problemlos, fühle mich auch noch erstaunlich gut. Wer auf dem Zahnfleisch daher kommt, hat eventuell schlechte Karten noch weiterlaufen zu dürfen. Bis heute Morgen gab es die Möglichkeit, sich hierher Wechselbekleidung deponieren zu lassen. Ich hole mein Dropbag und begebe mich ins Umkleidezelt und bin richtig baff. Jan sitzt hier, ich dachte er ist längst über alle Berge. Ich wechsle komplett auf trockene Kleidung und auch auf Gore-Tex-Schuhe. Viele Wasserstellen hatten wir bisher zu durchqueren, ich denke in der Nacht könnten die wasserdichten Schuhe vielleicht von Vorteil sein, wenn nur mehr begrenzte Sicht herrscht.

25 Minuten benötige ich für Verpflegung, Kleiderwechsel und Kamerareinigung. Laufende Fotografen haben es schwer mit Stöcken in der Hand, daher habe ich meinen Fotoapparat immer in meinen Ärmling gesteckt um sie schnell parat zu haben. Die superschlaue Idee hat mir leider viel Ausschuss eingebracht. Der Linse hat das feuchte Klima im Ärmel nicht behagt und ist dabei angelaufen und richtiggehend verschmiert. So müsst auch ihr auf ein paar herrliche Aufnahmen verzichten.

 
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Zur Partnachklamm – Km 79,4 – Zeitlimit 2:30 Uhr


Jan ist schon ein paar Minuten weg und Klaus kommt gerade rein als ich aufbreche. Mein Zeitvorsprung zum Cut beträgt nach der Pause immer noch 2 Stunden. Ausbauen war also nicht möglich bei dem letzten schwierigen Abschnitt. Aber jetzt kommt der etwas leichtere Streckenteil mit deutlich weniger Auf- und Abstiegen. Die folgenden 6 km sind dann auch nicht das, was Trailer unbedingt lieben, aber man kann schnell ein paar Kilometer machen. An der Leutascher Ache entlang führt uns ein Wirtschaftsweg flach bis zur Leutschklamm. Der letzte Kilometer davon sogar auf einer Teerstraße. Die Pause hat mir sichtlich gut getan, ich komme schnell voran.

Dann durchqueren wir die Leutaschklamm, die erst 2006 touristisch erschlossen wurde und als Geisterklamm vermarktet wird. An 40 Infopunkten werden Informationen zu Mythen, Geologie, Flora und Fauna der Umgebung den Besuchern näher gebracht. Für 1,4 Mio. Euro wurden im deutsch-österreichischen Projekt Stahltreppen und Brücken montiert. Mit 1.650 Metern Länge ist sie die längste erschlossene Klamm der östlichen Kalkalpen. Und im Übrigen eintrittsfrei.

Die Stahlkonstruktionen liegen leider nicht auf unserem Weg, wir durchqueren die Klamm oberhalb auf dem Wanderweg ohne die spektakuläre Aussicht auf den rauschenden Fluss. Am Ausgang ist noch ein Kilometer bis Mittenwald zu laufen, wieder ganz flach. „35 km to go“ weist das Kilometerschild vor. Der Hohe Kranzberg rechts von mir, wird schon von der tiefstehenden Sonne rötlich angestrahlt. Ich möchte noch ganz gerne bis Sonnenuntergang am Ferchensee bei Km 70 eintreffen und darf nicht trödeln.

Die Wasserstation in Mittenwald wurde noch kurzfristig zusätzlich eingeschoben und ist außerordentlich gut bestückt, obwohl sie nur Wasser führen sollte, betont die Helferin. So wird uns sogar erstmals heute Cappuccino angeboten. Zwar nur Instant, aber immerhin. Wir haben noch eine ganze Nacht vor uns und da kann etwas Koffein nicht schaden.

Ein leichtes Auf und Ab führt uns auf schmalen Waldwegen zum Ferchensee, der nur von kleinen Bergbächen gespeist wird. Ein herrliches Idyll. Die Sonne ist weg als ich ankomme. Schon von weitem ist das große Johannisfeuer auszumachen, das neben unserer Versorgungsstelle errichtet ist.

Wir haben heute Johannisnacht, das ist die Nacht auf den Johannistag vom 23. auf den 24. Juni, Gedenktag der Geburt Johannes des Täufers. Seit dem 12. Jahrhundert ist der Brauch des Johannisfeuers bekannt. Im Mittelalter führte man vor allem Tänze um die fliegenden Funken auf. Da das Fest auch in die Zeit der Sommersonnenwende fällt, war es im Volksglauben mit vielen Bräuchen, wie Fruchtbarkeitsriten verbunden. Der Sprung über die Feuersbrunst sollte sowohl baldige Heirat als auch Schutz vor Hexen und Geistern versprechen. Rings um den See, überall kann man hoch oben auf den Bergen die lodernden Feuer ausmachen.

Für 7 km geht es auf dem komfortablen Bannholzerweg eigentlich immer geradeaus, nochmals so eine Passage die wenig anspruchsvoll ist und auch kaum was für‘s Auge bietet. Mittlerweile ist es Nacht geworden, so kann uns die Reizarmut ziemlich egal sein. Aber der breite Wirtschaftsweg bietet uns bei Dunkelheit auch einen unschätzbaren Vorteil. Man kann hier relativ gefahrlos schnell vorankommen. Der Günter Kromer hat mittlerweile auf mich aufgeschlossen und wir laufen zusammen. Wir haben ja schon mehrere Abenteuer gemeinsam bestritten. Zudem: Gemeinsames Licht ist doppelte Sicht.
Rechts geht’s runter auf den Kälbersteig, da heißt es alle Konzentration zusammennehmen. Der Abstieg ist steil und schwierig, bis zur V-Stelle an der Partnach führt der ruppige Pfad ausschließlich über Naturtreppen und viele Wurzeln nach unten. Kurz nach Mitternacht erreichen wir die Labe am Eingang zum Reintal. Mein Zeitpolster hat sich somit wieder leicht erhöht. Die Versorgung lässt keine Wünsche offen, ist äußerst üppig bestückt. Es gibt so ziemlich alles, auf das man jetzt Appetit haben könnte: Suppe, belegte Brote, Früchte, Nüsse, Riegel, Kuchen, Gels, Cola, Red Bull, Almdudler und Kaffee. 

 
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Zur Längenfelder – Km 88 – Zeitlimit 4:30 Uhr


Nach der Überquerung der Partnach geht es rein in die Klamm. Viel ist natürlich im Dunkeln nicht mehr zu sehen, der Schein unser Stirnlampen kann uns hier auch keine große Übersicht mehr bieten. Über die Eiserne Brücke passieren wir in der Klamm erneut die Partnach. Sie entspringt im Reintalanger und ist der natürliche Abfluss des Schneeferners, dem Rest unseres eiszeitlichen Gletschers auf dem Zugspitzblatt. Den Vermutungen nach gibt es unter dem Zugspitzplatt einen See, der die Partnach speist. Berechnungen zufolge gibt das Platt 350 Liter Wasser pro Sekunde ab, die Partnachquelle jedoch mindestens 500. Die Differenz soll von diesem Höhlensee ausgeglichen werden.

Relativ kommod ist der erste Teil des ca. 1.000 Hm langen Anstiegs durch das Reintal, hinauf auf‘s Kreuzeck zu bewältigen. Dann geht’s rein in den Druidenwald …zumindest spukt er mir gerade so im Kopf herum, in Wirklichkeit heißt er Stuibenwald. Ich muss wohl gerade an Miraculix denken, der im Druidenwald immer die Misteln geschnitten hat für Asterix‘s Zaubertrank. Den könnte ich jetzt gut vertragen, mein „Vertical Limit“ ist so langsam erreicht. Aber unbarmherzig und rustikal geht es nach oben.

Ein kleiner Lichtspot von ein paar Quadratmetern ist alles, was die Stirnlampe bieten kann. Ringsum herrscht sonst totale Dunkelheit im dichten Wald. Fast, es gibt noch diesen famosen glasklaren Sternenhimmel und Dutzende von Glühwürmchen vor und hinter mir. Das sind die Mitstreiter. Raumgewinn und Entfernung bis zum Plateau sind kaum einzuschätzen. Als einzigen Orientierungspunkt dienen mir immer die Lichtpunkte der Stirnlampen über mir. Gibt es sie nicht mehr zu sehen, müssten wir oben sein.

Aber sehr, sehr lange zieht sich die Besteigung hin. Es ist ruhig im Wald, keiner gibt Töne von sich, jeder ist mehr oder weniger mit sich selbst, der schwierigen Strecke und diesem hammerharten Aufstieg beschäftigt. Nach 20 Stunden erreiche ich V8 Talstation Längenfelder. Der Speisen- und Getränketisch ist wieder reichlich gedeckt. Eine warme Suppe, Kaffee & Cola machen müde Trailer schnell wieder munter.


Zum Finish– Km 100 – Zeitlimit 9:00 Uhr


Unsere vertikalen Meter sind an der Station aber noch nicht beendet, uns fehlen immer noch fast 400 m im Aufstieg bis zur Bergstation Alpspitzbahn am Osterfelderkopf auf 2029 m ü. NN. In 8 Stunden wird unten im Tal der Osterfelder Berglauf gestartet, führt genau auch über diesen Abschnitt. An der Hochalm führt eine Rampe gefühlt kerzengerade in den Himmel, da bleibt einem fast die Spucke weg. Kurz nach dem Felsdurchbruch bin ich ganz oben. Gefühls- und Höhenmetermäßig. Es ist 4:15 Uhr. Der Horizont zeigt schon leicht rote Ansätze.
Aber noch ist nichts erreicht, der finale Abstieg zählt mit zum Härtesten, was die Strecke zu bieten hat. Meine Beinmuskulatur ist steif und müde. Ist momentan nicht wirklich gewillt zu laufen. Und es ist nochmals sehr gefährlich zwischen den Felsen. Manche Stellen sind mit Stahlseilen gesichert. Um 4:30 Uhr fängt der Himmel an zu glühen, was für ein Anblick. Es ist überwältigend.

Um 5 Uhr bin ich wieder zurück an der Station Längenfelder. Die letzten beiden Läufer auf der Strecke kommen gerade vom Anstieg aus dem Stuibenwald. Diesmal mache ich nur einen kurzen Stopp, mit den ersten Sonnenstrahlen ist mir warm geworden, die Jacke muss runter. Die Getränkeflasche muss auch nicht mehr aufgefüllt werden. Juhu, für mich geht‘s jetzt nach Hause. Nur noch 7 km. Die haben es aber nochmal in sich.

 
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Nach 23:10 Std. bin ich im Ziel, die Zeit ist mir Schnuppe, aber ich bin stolz, diesen grandiosen Lauf geschafft zu haben und dieses Abenteuer erlebt zu haben. Der ZUT ist eine harte Nummer, 90 Ausfälle von 400 Starter/innen sprechen eine deutliche Sprache. Aber man muss einfach dabei gewesen sein . 

Mein persönliches „Vertical Limit“ ist hier ebenfalls erreicht …zumindest für heute!

 

Informationen: Zugspitz Ultratrail
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