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Laufberichte

„Die schönste Strecke, die ich je gelaufen bin!“

 

Groß war das Fürstentum Waldeck nie. Als 1710 das Residenzschloss gebaut wurde, hatte Arolsen nur 2000 Einwohner. Die Fürsten von Waldeck verdienten sich ihr Ansehen, ihren Ruhm und ihre Ehre im Dienste verschiedener Kriegsherren auf den Schlachtfeldern Europas, und das stets in der ersten Reihe. Entsprechend hoch waren die Verluste. Aber das Kriegshandwerk war standesgemäß und bot gutes Auskommen. Statt Startnummern und Medaillen sammelten sie den Kriegsschrott der Schlachten, an denen sie teilnahmen. Die Türkenkriege brachten richtig gute Trophäen ein, die dienstags bis samstags von 14-17 Uhr, nur im Rahmen einer Führung im Schloss zu sehen sind. Leider Fotoverbot.

Tourimäßig stellen die Holländer den größten Anteil: 1858 wurde Prinzessin Emma im Residenzschloss Arolsen geboren, zweite Ehefrau vom holländischen König Wilhelm III, sie war Königin der Niederlande und Großherzogin von Luxemburg.

Die Wetterburg war einst eine Vorburg der Fürsten von Waldeck, ist jetzt ein Eventlokal mit Ritteressen und Namensgeber des Stadtteiles, wo die Infrastruktur des Marathons ist, die man nur mit dem Auto erreicht.  Es sei denn, man geht vom Bahnhof Arolsen 4 Kilometer zu Fuß bis nach Wetterburg. Die Campagnemühle liegt nun im Twistesee-Stausee. Geblieben ist nur die Adresse fürs Navi:  „Zur Campagnemühle 2“.

 

 
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Ich bin beim traditionsreichen  Adventsmarathon in Bad Arolsen, am nördlichsten Punkt Hessens, dort wo Emil Zatopek bei der Eröffnungsrede der Lauf-Treff Saison diese berühmte Formel sprach: „Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft!“ Das war 1977, als die jährliche Trimm-Dich-Bewegung wieder mal bundesweit ausgerufen wurde. Er soll damals hier gelaufen sein und gesagt haben, es sei die schönste Laufstrecke, die er je gelaufen ist. Der Tscheche hatte übrigens damals einen BMI von 23, also bitte, lasst Euch nicht täuschen von dem Foto, dass anlässlich seinen Olympiasieges 1952 in Helsinki aufgenommen wurde.

1972 war das Spitzenjahr der Trimm-Dich Bewegung im Vorfeld der Olympischen Spiele. Ab 1980 verfielen die Trimm-Dich-Pfade, das Joggen kam in Mode. Und wenige Jahre später kamen über 800 Läufer zum Adventsmarathon. Halbmarathon gab es nie. Lothar Leder ist hier oft gelaufen, zuletzt 2013, also 1 Jahr nach meinem letzten Lauf hier.

Seit 1977 empfängt den Läufer der vorweihnachtliche Duft von braunem Zimt und gelber Zitrone, der von den Toiletten im Keller hoch in den Eingangsbereiches der Twisteseehalle strömt. Tradition ist halt unbezahlbar. Neu ist allerdings der Sponsor, die Upländer Bauern Molkerei, die uns Bio-Buttermilch glyphosatfrei auf den Frühstückstisch stellt. Ich habe mein neues Buch aufgestellt: „Laufen bis es knallt“. Nachdem ich ordentlich Bücher signiert habe, treten wir den traditionellen Weg zum Start an, den auch Zatopek und Lederer gegangen sind.

Start ist 10:30 Uhr, einige Frühstarter, die sich das 6-Stunden-Zeitlimit nicht mehr zutrauen, sind  schon um 09.30 Uhr gestartet. Die Zeitmessung gibt es mit der Startnummer, also ab damit an den Fuß und los geht´s. Es erwarten uns 500 positive Höhenmeter, doch meistens geht es bergab. Wenigstens  gefühlt.  Aber es ist ein gutes Gefühl!

 

 
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Das Twisteseestübchen mit dem großen Schild „Biergarten“ gibt es nicht mehr, im Sommer hat ein Kiosk die Versorgung von Wanderern übernommen. Wir haben nun auch eine kleine Wanderung vor uns, es geht bergauf. Nicht schwer, es geht auch wieder leicht abwärts und schon erreichen wir Kilometer 7, und die erste Getränkestation. Bei km 10  überqueren wir die B450. Wieder gibt es Getränke, aber nicht meine Sorte.  Nun geht es zunächst um Landau herum.

Bei km 13 ist ein „Notausstieg“ vorgesehen.  Wer von hier zurück zur Twisteseehalle läuft, hat 23 km auf dem Tacho, keine Wertung, aber eine Medaille.

Endlich wird es interessant: Vor uns ist Landau sichtbar, die ehemalige Residenz der Waldecker. Markant der Kirchturm (1294). Außen am Turm hängt eine goldene Glocke, gestiftet von einem Schlossherr, dem auf der Hirschjagd eine Stimme Umkehr befahl. Wir sind bei Kilometer 15, Umkehr wäre jetzt doof. Es geht einen uralten Hohlweg hinunter. „Naturdenkmal“ steht da, weil mindestens 1000 Jahre alt.  Es ist die alte Verbindung zwischen Landau und Arolsen.

Wieder ein VP, einer mit Plätzchengarantie. Was die Wasserkunst ist, das dürften Arolsenläufer eigentlich schon wissen. Es ist eine Konstruktion von 1535, die mit der Wasserkraft des Baches Watter gutes Quellwasser 65 Meter hoch in die Stadt transportiert. Man braucht also zwei Arten Wasser, und die müssen perfekt reguliert werden. Das Antriebswasser treibt das Wasserrad an, das mit Hilfe einer zweifachen Kurbelwelle das Quellwasser aus dem Sammelbehälter in die Rohre nach oben schaufelt. Die Kurbelwelle ist also die Pumpe und muss dicht mit den Wasserrohren nach oben verbunden sein. Die Rohre sind ausgehöhlte Baumstämme, wobei die oberen Enden in die unteren eingepasst werden. Die Wasserkunst wird immer noch (im Sommer) für das Füllen des Gemeinschaftsbrunnens oben in Landau und für das des Freibades hier unten genutzt. Wie die Bewohner während der zahlreichen Belagerungen die Wasserkunst verteidigten, erzähle ich bei meiner nächsten Teilnahme hier.

Landau ist es wert, besichtigt zu werden. Interessant ist das Knochenbrecherhaus am oberen Tor. Knochenbrecher gab noch bis ins 20. Jahrhundert. Es waren kräftige Riesen, die falsch verheilte Knochenbrüche ohne Betäubung  gerade rückten. Im Erdgeschoss sind zwei Gefängnisräume, in denen Verhöre und Folterungen stattfanden. Auch  das konnte der Knochenbrecher ganz gut.

 

 
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Es geht nun kurz auf die Straße Richtung Volkhardingshausen.  Den Namen mal merken, es gibt gleich Infos zu. Danach geht es den Berg hoch und mit Schwung auf eine lange, gerade Strecke durch den  Wald. Ein vergilbtes Schild erzählt, dass dort im 13.Jahrhundert ein Hofgut war, das man ausgegraben hat. Abgesehen davon, ich finde es richtig schön hier.

Begegnungsstück. Entgegenkommende haben jetzt 25 Kilometer absolviert.  Endlich mal Gelegenheit, seine aktuelle Schnelligkeit gegenüber alten Kameraden auszuloten. Da ich nicht trainiere, fällt mein Ergebnis nicht zufriedenstellend aus. Bin also froh, dass ich jetzt links rum zum Jeppenteich abbiegen kann und keine Auslotung mehr machen muss. Niemand muss sich jetzt wie ein Jepp fühlen, der Teich hat seinen Namen von der Burg  Geppenhagen (1150), die den Namen von der Gründerin des Klosters von Volkhardingshausen, der Gepa von Itter hat. So steht es in den Geschichtsbüchern.  Ich habe dazu  gleich eine anderslautende Info. Tatsache ist, dass dieser Teich das Wasser für den Burggraben lieferte. Die Burg allerdings bestand höchstes bis 1250.

Es geht nun das wunderschöne Jeppental hinauf. Dann kommt am entferntesten Punkt eine Kontrollstation, damit ja kein Läufer schummeln kann. Bei Kilometer 26 wieder der VP von Kilometer 21 und der vielgehörte Spruch: „ Von nun an geht´s nur noch bergab.“ Das stimmt, zumindest bis zur Watter, dann geht es aber wieder hinauf.

Die Waldschmiede bei Volkhardinghausen beherbergt einen Reiterhof, war aber einmal jahrelang der Lagerplatz der Franzosen. Nach denen ist auch die Franzoseneiche benannt, die auf den Grenzen der Orte Landau, Braunsen, Elleringhausen und Volkhardinghausen liegt. So zwangen die Franzosen vier Orte gleichzeitig, für die Versorgung der Belagerer einzustehen.  

Von nun an geht es wirklich nur noch abwärts. Bei km 35 muss ich bremsen, denn dort lebte Volkhard sein Einsiedlerleben. Er ist derjenige, der das Kloster Volkhardingshausen (1171) gegründet hat. Und nicht die zuvor genannte Gepa von Itter. Die Nischen für die Heiligenfiguren sind noch unter dem Moos sichtbar. Später stand hier eine Kapelle, wie die Inschrift jüngeren Datums im Felsen aussagt. Es gab von hier aus vor 800 Jahren noch einen unterirdischen Gang zum Kloster. Der ist aber nicht mehr auffindbar.

Auch die Burg der Herren von Brunhardessen, die dem Ort Braunsen den Namen gab, ist nicht mehr auffindbar. Aber das Backhaus und die Kirche sind auch 800 Jahre alt. Der Kniebrecherweg führt uns über die liebliche Twiste, die nicht immer so lieblich war. Die Heinrichsflut brachte 1956 viel Unheil über die Dörfer, weswegen die Talsperre gebaut wurde. Übrigens, die Flut ist nicht nach Heinrich Kuhaupt, der früher den Adventsmarathon ausrichtete, benannt.  Der Kniebrecherweg allerdings bezieht sich auf einen hier ansässigen Knochenbrecher. Damit ich für den Endspurt schön locker in den Knien bleibe, steht bei den Damen vom letzten VP ein besonderes Weihnachtsgeschenk für mich bereit, was ich mit einem fröhlichen Foto feiere.

 

 
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Der 4 Kilometer lange Endspurt über den Lefringshäuser Weg geht entlang der urigen Twiste. Nach dem Vorstaubecken gelangen wir auf unsere Startstrecke, die ich vor knapp 5 Stunden verlassen habe. Das Vorstaubecken fängt den Großteil der Sedimente ab, damit der Stausee nicht zu oft ausgebaggert werden muss.  Schließlich gibt es hier eine wunderbare Wasserskistation. Mit Drahtseilen werden die Wassersportler über den Stausee gezogen.

 

 

Ich ziehe voll Stoff ins Ziel und bin zufrieden, die Marathonstrecke mit ihren 500 Höhenmetern locker bewältigt zu haben. Wie sagte Zatopek: „Dies war die schönste Laufstrecke, die ich je gelaufen bin!“ Die Adventszeit hat begonnen. Ich habe nun noch 4 Wochen Zeit, meinen 400ten Marathon zu finishen.

 

Informationen: Twistesee-Adventsmarathon
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