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Laufberichte

Tokyo Hotel oder Big in Japan

 

Im Vorfeld meines Japan-Aufenthalts musste ich immer wieder an den Namen dieser (deutschen) Musikgruppe beziehungsweise an den genannten Song „Big in Japan“ von Alphaville denken. Am 23.02.2014 stand die 8. Auflage des Tokyo-Marathons an. Trotz dieses noch jungen Alters bemühten sich über 400.000 Interessierte um einen der 36.000 Startplätze. Besondere Attraktivität hat der Lauf durch die Tatsache, dass er seit November 2012 als 6. Mitglied zu den WorldMarathonMajors gehört.

Am Mittwoch, den 19.02.2014 flog ich mit der Lufthansa nonstop von Frankfurt am Main nach Tokyo. Durch die Zeitverschiebung von acht Stunden kam ich erst am 20.02.2014 in Tokyo an. Am Freitag machte die Reisegruppe, bestehend aus 50 Marathonläufern plus 17 Begleitpersonen eine Stadtrundfahrt, bei der der kaiserliche Palastgarten von außen und der Senso-ji-Tempel, Tokyos heiligster und größter Tempel, intensiver besichtigt wurde. Die Rundfahrt endete am Tokyo Big Sight, Tokyos größter Ausstellunghalle in einem architektonisch sehr modernen Gebäude, wo die Marathonmesse stattfand.

Die Abholung der Startunterlagen im Rahmen der Marathonmesse verlief sehr schnell und unkompliziert. Gegen Abgabe des Zulassungsbescheides und Vorzeigens eines Lichtbildausweises (Personalausweis oder Reisepass) wurden die Unterlagen (Startnummer, Zeitnahmechip, Kleiderbeutel, offizielles Programmheft etc.) ausgehändigt. Die Zeitnahme erfolgt in Tokyo mit einem Einwegchip (wie in London), der aber, im Gegensatz zu London, nicht zurück verlangt wird.

Das Messeangebot in Tokyo ähnelt dem der Messen auf den anderen WorldMarathonMajors-Veranstaltungen. Einziger sofort bemerkbarer Unterschied ist der Geräuschpegel. Dieser liegt in Tokyo dank zahlreicher „mikrofonbewehrter“ Ausstellungs- und Veranstaltungsstände deutlich höher! Von der Marathonmesse Tokyo Big Sight fuhr ich mit der Yurikamone-Linie in den innerstädtischen Stadtteil Shimbashi, wo mein Hotel lag. Allein schon diese Fahrt mit der führerlosen Hochbahn vorbei an hochmodernen architektonisch  sehr attraktiven Gebäuden ist ein tolles Erlebnis! Besonders schön ist der Ausblick von der Regenbogenbrücke auf die Skyline der Innenstadt. Abends genoss ich in einer elegant-schicken Bar auf der Spitze eines Bürohochhauses im 41. Stockwerk den faszinierenden Ausblick auf die glitzernde Innenstadt von Tokyo bei einem Glas Coca-Cola für umgerechnet 13 Euro.

Da der Besuch der Marathon-Messe am Freitag für mich zu kurz war und ich mir noch ein sportliches Andenken kaufen, sowie die Atmosphäre der Messe und die Fahrt dorthin nochmals intensiv in mich aufnehmen wollte, fuhr ich am Samstag nochmals zum Tokyo Big Sight. Auch sah ich mir an diesem Tag intensiv den Startbereich vor dem Rathaus der Stadt Tokyo im Stadtteil Shinjuka und den Meji-Schrein im Yoyogi-Park an. Der Besuch des Kaufhauses „Tukashimaya“ war sehr faszinierend. Mit diesem Kaufhaus und insbesondere der Lebensmittelabteilung kann bestenfalls das KaDeWe in Berlin oder das Harrods in London, nicht aber das Macys oder Bloomingdales in New York City (NYC) konkurrieren.

Am Morgen des Laufs um 6 Uhr 30 fuhren wir mit zwei Bussen des Reiseveranstalters durch die sonntäglich ruhige Innenstadt von Tokyo zum Start (Fahrtzeit circa 25 Minuten). Die offiziellen Marathonunterlagen beschrieben perfekt den Standort der LKWs für die Kleiderbeutelabgabe, die bis 8 Uhr 30 zu erfolgen hatte. Überhaupt war die Organisation des Marathons bis in jedes kleinste Detail absolut perfekt!

Die morgendliche Temperatur an diesem Sonntag betrug circa 4 Grad Celsius und sollte sich bis zum Mittag auf maximal 8 Grad Celsius steigern. Tage zuvor hatte es in Japan allgemein, aber auch in Tokyo, so starke Schneefälle wie seit 40 Jahren nicht mehr gegeben. Deshalb lagen auch auf den Bürgersteigen noch kleine Schneereste. Die Strecke selbst war aber absolut schneefrei und größtenteils trocken. Das Wetter während des Laufs war teils sonnig und teils bewölkt mit leichtem Wind im Hafenbereich. Beim Start hatte ich als Kälteschutz einen Poncho aus Plastik des Reiseveranstalters  und darunter eine Sweatshirt-Jacke (über meinem Laufshirt) an, von denen ich mich bei km 11 trennte.

Tokyo ist die mit Abstand sauberste Großstadt, die ich je gesehen habe. Man sieht keinen Abfall auf den Straßen und Bürgersteigen! Das gilt selbstverständlich auch für den Startbereich, wo großzügig Getränke, Riegel und Bananen verteilt werden. Auch dort wird sämtlicher Abfall in die bereitstehenden großen Müllkartons entsorgt. Auch die Laufstrecke ist frei von Müll. Selbst an den Getränke- und Verpflegungsstationen bemühen sich fast alle Läufer, Müll (Becher, Bananenschalen etc.) in die bereitstehenden Kartons zu werfen. Sollten doch Läuferinnen und Läufer ihren Becher stattdessen auf die Laufstrecke fallen lassen, so würde ich diesen Personen eine nicht-japanische Nationalität unterstellen. Die Sauberkeit der Stadt dokumentiert sich auch im völligen Fehlen von Graffiti an Wänden. Auch die Tatsache, dass zahlreiche Getränkeautomaten im öffentlichen Bereich unbeschädigt und ohne Aufkleber verunziert stehen, zeugt von einem hohen Maß an Disziplin. Mein schriftlicher Reiseführer bezeichnet als Ursache hierfür eine nahezu vandalismusfreie Bevölkerung.

Die Marathonstrecke von Tokyo hat einen einzigartigen Verlauf. Oberflächlich betrachtet sieht sie wie ein Kreuz aus. Dabei bestehen die zweiten und dritten 10 km aus jeweils circa 5 km  langen Teilstücken, die in beiden Richtungen (sogenannte Pendelstrecken) zu laufen sind. Hierzu hörte ich folgende zwei konträre Meinungen: Eine Gruppe sieht diese Pendelstrecke psychologisch negativ, da einem Mittelklasseläufer beim „Hinweg“ schon Läufer entgegen kommen. Eine andere Gruppe, zu der auch ich gehöre, sieht die Streckenführung positiv, weil z. B. 4h-Läufer circa bei km 11 die Chance haben, die Spitzenläufer auf der Gegenfahrbahn live zu sehen. Auch sieht man bei diesen Pendelstrecken deutlich größere Teile des riesigen Läuferfeldes, als dies bei einer klassischen Streckenführung der Fall ist. Auch dies kann sehr unterhaltsam sein, insbesondere wenn man die Chance hat, die kostümierten Läufer, vor allem im hinteren Feld, zu beobachten.

Die Laufstrecke war bis zum Beginn der ersten Pendelstrecke sehr breit, so dass ich, der circa elf Minuten nach dem offiziellen Startschuss die Startlinie querte, mich in keiner Weise beengt fühlte und nie aufpassen musste, jemandem in die Ferse zu treten. Die ersten sieben km weisen ein Gefälle von circa 40 m aus. So fiel mir die Anfangsphase sehr leicht, weil es – gefühlt und auch tatsächlich – immer leicht abwärts ging. Die Laufstrecke führt auf das Gelände des Kaiserpalastes zu, an dem auch der 10 km-Lauf endete. Warum dieser Lauf überhaupt angeboten wird, ist mir schleierhaft, denn die Teilnehmerzahl ist im Vergleich zum Marathon gering.

Für die Teilnehmer des Marathonlaufs gibt es mit den Startunterlagen ein offizielles Veranstaltungsheft, welches unter anderen alle startenden Läuferinnen und Läufer nach Geschlecht getrennt mit vollem Vor-und Zunamen und Startnummer nennt. Die komplette Startaufstellung lässt schon vor dem Lauf erahnen, dass nicht-japanische Teilnehmer/-innen in der deutlichen Minderheit sind. Da auch der Frauenanteil  im Vergleich zu z. B. Chicago aber auch zu NYC, Berlin und London deutlich niedriger ist, hat der Lauf einen stark männlichen und japanisch geprägten Charakter.

Musikalische Unterstützung erhalten die Läuferinnen und Läufer während der Strecke auch, aber auch hier ist ein deutlicher Unterschied zu z. B. Berlin oder NYC, wo zahlreiche kleinere und größere Musikgruppen und Bands für eine fast durchgängige Unterstützung sorgen, festzustellen. Ungefähr zehn – meistens vielköpfige –Musik- und Tanzgruppen trugen mit ihren musischen und tänzerischen Aufführungen zur Befeuerung der Laufgemeinschaft bei.

Die Getränkestände waren sehr lang. Vorbereite Becher waren leicht zu greifen oder wurden alternativ von vielen sehr freundlichen Helferinnen und Helfern angereicht. Die Getränke befanden sich in Pappbechern und diese wurden auch größtenteils in bereitstehende Kartons entsorgt.

Die letzten acht km führen vom Stadtzentrum, der weltbekannten Kreuzung Ginea 4-chrome zum Ziel neben der Tokyo Big Sight, wo auch die Marathonmesse stattfand. Sie fielen mir sehr schwer. Ich weiß, jetzt kommen die üblichen Aussagen: Ist doch klar, der Marathon beginnt erst bei Km 35 – alles Andere vorher ist doch nur ein ausgedehnter Trainingslauf. Trotzdem, dem Ende zu wird’s schwierig – die Kraft ist weg und  in Tokyo werden ab da auch die Zuschauer weniger. Die Summe dieser dürfte aber auch, wie in Berlin, deutlich geringer sein als die offiziell in beiden Städten angegebenen Anzahl von1 Mio. Zuschauern. Bei km 41 und 43 kommen noch zwei Brücken mit einem Anstieg von circa zehn Meter, die einem die letzte Kraft rauben. Hier war für mich, wie teilweise auch schon vorher, Gehen angesagt.

Das letzte Stück führt parallel zur Tokyo Big Sight mit wieder vielen Zuschauern und dann nach einem Rechtsknick zum Zieleinlauf. Der Zieleinlauf ist relativ unspektakulär. Die kleinen Tribünen waren viereinhalb Stunden nach dem Start kaum noch besetzt. Nach dem doppelten Zieltor gab es zuerst einen Energiedrink. Es folgte die Aushändigung eines schön mit den Worten „The day we unite“ und des Datums des Marathon-Laufes in Tokyo bedruckten Handtuches als sinnvolle Alternative zu einer Wärmefolie. Dann gab es die lang ersehnte Finisher-Medaille, die mit einer persönlichen Gratulation überreicht oder umgehängt wurde.

Bananen, Apfelsinen und Sauerstoffspray – so von mir noch nie erlebt – folgten.
Innerhalb des Tokyo Big Sight erleben die Zieleinläuferinnen und –läufer ein weiteres Beispiel japanischer Perfektion und Freundlichkeit. Die Helferinnen und Helfer bei den nach LKWs geordneten Kleiderbeuteln erspähen schon beim Näherkommen die Startnummer der Finisher und bringen die Kleiderbeutet – oftmals im Laufschritt – den Läuferinnen und Läufern. Die Überreichung erfolgt mit einer Verbeugung und einer herzlichen Gratulation. Diese Form der Freundlichkeit war fast beschämend!

Die großen, an den Vortagen noch als Messegelände verwendeten Hallen wurden nach dem Lauf als Umkleideflächen genutzt. Bis man durch die weitläufigen Hallen mit offiziellem Photoshooting vor einer Finisher-Wand (optional), verschiedenen Reklame- und Verkaufständen und dem Treffbereich „gehumpelt“ ist, hat man gefühlt einen weiteren Halbmarathon hinter sich. Die Fahrt mit der wunderschönen und spektakulären Streckenführung der Yurikamone–Hochbahn beschloss diesen Lauf an dem für mich bislang exotischsten Ort.

Mein persönliches Fazit:

Ein absolut perfekt organisierter Marathonlauf in einer höchst attraktiven Stadt mit einer Streckenführung, die an vielen städtischen Höhepunkten vorbei führt. Die beiden Pendelstrecken bieten Vor- und Nachteile, die überaus menschliche Anteilnahme und Wärme aller Helferinnen und Helfer an der Strecke und im Zielbereich überkompensieren alle möglichen Kritikpunkte!
Meine Zielzeit betrug 4:30:16, mit der ich zufrieden bin. Von 35.556 Startern erreichten 34.146 das Ziel (96%).

Ergebnisse:
Männer
1. Dickson Chumba (KEN) 2:05:42
2. Tadese Tola (ETH)  2:05:57
3. Sammy Kitwara (KEN) 2:06:30

Die ersten Nicht-Kenianer neben Tadese Tola waren die Japaner Kohei Matsumura mit 2:08:09 auf Platz 8 und Koji Kobayashi mit 2:08:51 auf Platz 9. Der Sieger stellte einen neuen Streckenrekord auf, die ersten drei Läufer liefen schneller als der bisherige Rekord.

Frauen
1. Tirfi Tsegaye (ETH)  2:22:23
2. Birhane Dibaba (ETH) 2:22:30
3. Lucy Kabuu (KEN)  2:24:16

Auch bei den Frauen wurde der Streckenrekord um mehr als drei Minuten unterboten. Hier liefen die ersten vier Frauen schneller als die bisherige Rekordzeit.

 


 

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