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Laufberichte

Ostravsky-Marathon (Ostrau, Tschechien)

 

Der Wettkampf mit dem Camelpackman
und dem Ohrenstöpselfreak


Der Marathon im ehemals mährischen Ostrau an der Grenze zu Schlesien gilt als der älteste Lauf über die 42,195 km in Tschechien und nach Košice wohl auch in Europa. Auf meinen vielen Bahnfahrten nach Polen bin ich schon oft durch Ostrava gefahren, doch bisher noch nie den heuer zum 54. Male ausgetragenen offiziellen Ostravsky-Marathon gelaufen.

Als ich die Veranstalterhomepage besuche, um mich online zu registrieren, ist die Frist schon abgelaufen. Nachmeldungen sind nur mehr vor Ort einen Tag vor dem Marathon möglich. Dies zu erwähnen ist eigentlich unerheblich, wenn nicht folgende zeitliche Staffelung der Gebührenerhöhung zum Tragen käme, von der es abhängt, was der einzelne Läufer an Goodies nicht bekommt.

Wer sich bis zum 30.6. registriert, erhält das offizielle Funktionsshirt von Hauptsponsor Craft, eine Startnummer mit dem Vornamen versehen plus eine hochwertige Finishermedaille und zahlt 600 CZK (derzeit erhält man für einen Euro rund 25 CZK). Die Leistungen bei Anmeldungen bis zum 31.7. bleiben gleich, nur erhöht sich die Gebühr auf 800 CZK. Anmeldeschluss ist der 23.8. bei 800 CZK Gebühr, doch auf das Shirt und die Medaille müssen nun die Starter verzichten, nur der Name auf der Startnummer wird aufgedruckt. Wer sich wie ich am 5.9. anmelden will, der zahlt zwar 1000 CZK, geht aber leer aus. Weil ich es absurd finde, dass die, welche am meisten bezahlen, nicht einmal eine Finishermedaille erhalten sollen, schreibe ich ein E-Mail an die Veranstalter. Man entgegnet mir, dass diese Vorgaben für alle Gültigkeit haben und man sich halt früher informieren bzw. registrieren müsse.

Mein Ärger ist bald verflogen, ich reise (trotzdem) am Samstag vom Hauptbahnhof Wien mit dem EC Richtung Warschau in 2:50 Stunden ins 310 km entfernte Ostrava. Mit der Straßenbahn gelange ich nach ca. 3 km Fahrt in die renovierte Altstadt, wo ich bereits um 12 Uhr im Hotel Imperial einchecke – man bekommt nicht alle Tage ein Schnäppchen wie ein Doppelzimmer in diesem Viersternhotel um 59 Euro inkl. Frühstück.

Mit fast 300.000 Einwohnern ist Ostrava, im Nordosten Tschechiens gelegen, die drittgrößte Stadt des Landes. Durch die Stadt fließen die Flüsse Oder (Odra), Ostrawitza (Ostravice), Oppa (Opava) und Lučina. Die polnische Staatsgrenze ist nur 10 km entfernt, Kattowitz ca. 90 km, Prag mit 370 km weiter weg als Wien. Noch gegen Ende des 20. Jahrhunderts litt die Region unter starker Umweltverschmutzung, ausgelöst von der Schwerindustrie. Doch der Steinkohleabbau wurde 1994 eingestellt, 1998 wurden auch die Hochöfen in Vitkovice, einem Stadtteil von Ostrava, wohin auch der Marathonkurs führen wird, geschlossen. Heute versucht man mit allerlei kulturellen Veranstaltungen Touristen für Ostrava zu interessieren, was auch gut gelingt. Mir stehen ein ganzer Nachmittag und auch der Abend in Ostrava zur Verfügung.

Mein erster Weg führt mich vom Hotel zum nahe gelegenen Einkaufszentrum Forum Nová Karolina und weiter zur von einer ehemaligen Kokerei nun für Sport- und Unterhaltungsmöglichkeiten umfunktionierten Trojhalí  (Dreihalle) Karolina, wo die Expo stattfindet und man sich nachmelden kann.

Ich interessiere mich für das große Plakat, auf dem der Marathonkurs abgebildet ist. Zwei Runden sind zu laufen. Die Strecke führt durch mehrere Stadtteile, die durch langgezogene Brücken über Straßen und Bahngleise gehen. Auch zwei Brücken über den Fluss Ostravice sind zu überqueren. Dabei schreiben die Veranstalter, dass es sich um den schnellsten Marathon in Tschechien, ja sogar in Zentaleuropa handelt – liebe Läuferinnen und Läufer, kommt alternativ am 18.10. 2015 zum LCC-Marathon nach Wien, denn die sechs Runden im Wiener Prater verlaufen auf einer total flachen und inmitten der asphaltierten Allee auch windgeschützen Strecke.

 
© marathon4you.de 50 Bilder

Wie in den vergangenen Jahren fast überall bei den Städtemarathons sind auch in Ostrava deutlich mehr Läufer für den Halbmarathon registriert als für die 42,195 km. Innerhalb der Fristen angemeldete Teilnehmer bekommen farblich unterschiedliche Startnummern ausgehändigt: Jene für die Halbdistanz („Pulmaraton“) haben blaue vertikale Streifen an der Seite, die Marathonläufer sind an den grünen Balken zu erkennen. Alle Nachgemeldeten bekommen Ersatznummern, meine lautet 5022. Es sind aber nur ca. 250 Starter für den Marathon registriert, doppelt bis dreimal so viele jedoch für den Halben. Als Zusatzbewerbe stehen noch ein 5 und 10 km-Lauf sowie die Marathonstaffeln am Programm. Alles in allem ist der 54. Ostravsky-Marathon ein bedeutsames überregionales Sportereignis, wobei ein ermäßigter Kombinationstarif mit dem Silesia-Marathon in Kattowitz am 4.10. angeboten wird. Dort bin ich 2013 gelaufen, die Strecke ist ziemlich wellig, die Medaille schön und gediegen.

Gegen Mittag ist der Andrang hier auf der Expo in der Dreihalle, in deren Untergeschoss morgen die Läufer ihre Taschen abgeben und sich nach dem Lauf auch duschen können, noch relativ gering. Das wird sich aber am Nachmittag ändern, denn es ist ein buntes Rahmenprogramm angesagt.

Ich spaziere ins nahe Einkaufszentrum, gelange über die Rolltreppen in den dritten Stock hinauf und finde hier zahlreiche Schnellimbiss-Betreiber vor. Das scharf gewürzte Schweinefleisch mit Hühnchenbeigaben und Reis um 100 CZK (4 Euro) bei einem Asiaten schmeckt vorzüglich. Fast food und Kaffeehauskultur gibt es dicht nebeneinander –ich gönne mir eine Topfentorte mit einem Latte macchiato als Draufgabe. Im Tiefparterre befindet sich ein Supermarkt. Wann immer ich in der Slowakei, Tschechien oder Polen bin, schaue ich in der Bierabteilung vorbei.

Nirgendwo in Europa ist die Auswahl an Biersorten größer als in diesen Ländern. Man bekommt pivo bis 12 und mehr Prozent Alkohol. Oft ist es nur die Etikette, die meinen Gusto auf ein Bier erweckt. Aber heute Abend spielt Österreich geben Moldawien und ich hoffe, dass der ORF seinen Internet-Lifestream in Tschechien ausstrahlt.  Wenn nicht, dann bleibt mir das Insert. Dafür muss ich mir mehrere Bier einlagern.

Ich schaue ins Startsackerl rein, es ist mehr als dürftig. Bis auf die Nummer mit integriertem Chip auf der Rückseite und eine Dose alkoholfreies Bier (für die wahren Sportler) sind alle Prospekte für die Trennmühltonne Sektor Papier. Dose und Startnummer verstaue ich in meinem Rucksack. Nach der warmen Mahlzeit steht mir der Weg für Sightseeing in der Stadt nun offen.

Das Wetter ist angenehm, es herrscht Sonnenschein bei ca. 20 Grad C. Was habe ich heuer schon geschwitzt und die Hitze bei den Sommermarathons innerlich verflucht.  Von mir aus kann es morgen auch regnen, wäre mir lieber als wie heuer schon mehrfach erlebt 35 Grad.

Am Nachmittag spaziere ich durch die Altstadt mit der Scheuergasse ( Stodolní ulice), dem Vergnügungsviertel mit vielen Bars, Musikklubs, Restaurants und Cafés, wo allerdings erst am Abend viel los ist. Unweit davon befindet sich der Masarykplatz (Masarykovo náměstí ), der von der Mariensäule mit der Skulptur der Jungfrau Maria Immaculata aus dem Jahre 1702 dominiert wird. In der Altstadt gibt es zahlreiche Theater, im Ausland bekannt ist z.B. das Puppentheater (Divadlo loutek), an dem internationale Festivals stattfinden. Im Nahbereich ist auch das Neue Rathaus (Nova Radnice) anzutreffen, dessen Aussichtsturm mit 73m die Stadt überragt.

Auch die Kathedrale von Ostrava suche ich auf und mache ein Foto. Bevor ich mich meinen Spaziergang über die Ostravice nach Nordosten fortsetze, entschließe ich mich, mit der Straßenbahn nach Westen in Richtung Vitkovice zu fahren, um das Kulturhaus (Dům kultury) von außen zu sichten. Da der Marathonkurs morgen direkt bei den verlassenen Hochhöfen im unteren Vitkovice vorbeiführt, spare ich mir den Weg dorthin, obwohl die Möglichkeit bestanden hätte, sich einer geführten Tour anzuschließen und Näheres über den Bergbau und die Steinkohlenförderung zu erfahren.

Ich spaziere nun mehrere Kilometer vom Westen in den Nordosten der Stadt zurück. Die Ostravice ist eigentlich ein kleiner Fluss mit wenig Tiefe und geringer Breite, dennoch scheinen einige auf Kajaks Wildwasserfeeling zu bekommen. Eine von vielen Brücken führt auf die andere Seite hinüber, wo sich in Hanglage das alte Rathaus befindet, in dem die Slesko-Ostravsky Galerie untergebracht ist. Gegenüber der Keltickova-Straße steht auf einem Sockel ein Panzer, der an die Befreiung des in der Hand der Deutschen Wehrmacht befindlichen Ostrava durch die Rote Armee im Mai 1945 erinnern soll.

Mein Spaziergang führt mich weiter zur Schlesisch-Osterauischen Burg (Slezskoostravský hrad) und von dort in die entgegengesetzte Richtung zum Stadion Bazaly, wo der Fußballverein FC Baník Ostrava seine Heimspiele austrägt. Österreichische Mannschaften haben gegen tschechische Clubs im Fußball öfters verloren als gewonnen.

Gegen 20 Uhr 30 komme ich ins Imperial zurück. Zwar funktioniert das WLAN perfekt, aber ich nehme zur Kenntnis, dass der ORF aus rechtlichen Gründen keinen Stream im Internet in Tschechien anbietet. Nichts wird aus dem Life-Match im TV. Bis zum definitiven 1:0 gegen Moldawien, das als frohe Botschaft in roten Zahlen am toten Screen ab der 58. Minute sich nicht mehr verändert , trinke ich immerhin zwei 0,5 l Flaschen herrlich schmeckendes Bier der Marke Kozel.

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