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Oslo-Marathon – meine dritte skandinavische Destination

 

Auf der Color Line von Kiel nach Oslo sind gleich Dutzende deutsche Läufer an Bord, die ein relativ günstiges Arrangement für 4 Nächte gebucht haben. Ich beschränke mich nur auf eine Überfahrt bei schönstem Wetter, die in Relation zum Bon für das Abendbuffet günstig ist. Jeder Nordlandreisende kommt bald drauf, dass Aufenthalte in skandinavischen Ländern das Budget ordentlich belasten, aber ich habe mir heuer zum Ziel gesetzt, nach den Marathons in Kopenhagen und Helsinki nun auch in  Oslo zu laufen. St. Peterburg nahm ich wegen seines 25. Jubiläums Ende Juni einfach dazu.

Meiner Erfahrung nach sollte man sich für Marathonreisen in ferne Länder mehr Zeit nehmen, denn Reisen bildet allgemein. Das hat schon der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe um 1786 geschrieben und auf seiner großen italienischen Studienreise auch praktiziert. Trendforscher propagieren gegenwärtig die sogenannte Entschleunigung, das bewusste Streben nach Verlangsamung im Privatleben im Vergleich zum oft stressigen Beruf. Etliche mir bekannte Marathonsammler sind richtige Jetsetter, die am Samstag im Billigflieger ankommen und am frühen Abend nach dem Marathon schon wieder auf der Heimreise sind.

Ich habe mich unlängst auch gefragt, ob ich bei meinen bald 200 Marathons inkl. einiger Ultras je irgendwo gelaufen bin, wo ich vorher noch nie auf Urlaub oder einer Tagung war. Land und Hauptstadt war keines bzw. keine dabei, wohl aber viele kleine Orte und Regionen, Gegenden, die man bei einem Trail-Run kennenlernt. So gesehen bildet auch das Marathonlaufen, man lernt viele neue Plätze kennen.

Wir waren schon mehrmals in Norwegen, ich in den 1970er-Jahren mit Interrail, mit meiner Familie mit Kreuzfahrtschiffen. Im Jahre 2000 hatten wir am Nordkap einen wolkenlosen blauen Himmel im Juli, den man dort ganz selten vorfindet. In Spitzbergen waren wir „Whale-watching“ und auf einer Eisbär-Exkursion mit Ferngläsern. Der berühmte Trollstigen vom Isterdal erinnert an die Großglocknerhochalpenstraße mit ihren 36 Kehren. Bergen ist eine ehemalige Hansestadt – und Oslo mit ca. 640.000 Einwohnern inmitten geschützter Fjorde die Hauptstadt Norwegens.

Klaus, der Chef von M4Y, instruiert seine Reporteraspiranten stets, auch etwas über Land und Leute zu erzählen und zu zeigen. Ich bin nun bereits im 2. Lehrjahr und komme dem sehr gerne nach.  Formell betrachtet ist Norwegen eine konstitutionelle Monarchie mit einem parlamentarischen demokratischen Regierungssystem. Staatsoberhaupt ist Seine Majestät König Harald V von Norwegen. Das Land ist kein Mitglied der Europäischen Union. Volksbefragungen im Jahre 1972 und 1994 ergaben ein klares Nein, daher ist Norwegen auch nicht in der Eurozone. Wohl aber ist das Land Mitglied des EWR, des europäischen Wirtschaftsraumes, wodurch das Schengener-Abkommen Gültigkeit hat. Zahlungsmittel ist die norwegische Krone, ein Euro entspricht ca. 8,4 NKR.

Die Color Fantasy mit 15 Decks und Platz für 2600 Personen erreicht um 10 Uhr ihren Bestimmungsort – das Hafengelände trägt den Namen der Schifffahrtslinie, also Color Line. An Bord sind viele Passagiere, die nur für 4 Stunden angereist sind, von Entschleunigung kann hier auch nicht die Rede sein. Um 14 Uhr geht es für sie nach einer  3-stündigen Stadtrundfahrt wieder zurück nach Kiel. Ich hingegen habe den gesamten Tag für Sightseeing reserviert. Zu sehen gibt es einiges.

Gleich bei der Einfahrt in den Hafen von Color Line erblickt man vom Deck aus backbordseitig (für Schiffsmuffel: auf der linken Seite) das viel besuchte Polarschiffmuseum Fram. Das Museum beherbergt das berühmteste Polarschiff der Welt mit dem Namen „Fram“ (=vorwärts). Besucher können an Bord des ab 1892 eingesetzten Schiffes gehen und erfahren, wie die Polarforscher Fridtjof Nansen und Roald Amundsen an den kältesten Orten der Welt vor über 100 Jahren gelebt und überlebt haben.

 
© marathon4you.de 67 Bilder

Vom Anlegeplatz bis ins Stadtzentrum sind es ca. 2 km, die ich gemütlich auf dem asphaltierten Radweg, der morgen zweimal beim Marathon zu durchlaufen sein wird, zurücklege. Die bekanntesten Sehenswürdigkeiten erblickt der Besucher beim Stadtbummel im Zentrum. Ich hätte gleich zum nahen Rathausplatz gehen können, um im Expo-Zelt die Startnummer abzuholen. Doch ich will zuerst meine dicke Reisetasche auf Rollen im Hotel Scandic abgeben, ohne Gepäck bewegt man sich leichter. So komme ich an der Nationalgalerie, der größten öffentlichen Sammlung von Gemälden und Kunstwerken Norwegens, vorbei, erblicke auf einer Anhöhe den Königspalast, spaziere über die Karl Johans Gate, auf der alle flanieren, zur Oslo-Kathethrale in Richtung Zentralbahnhof, wo sich mein Hotel befindet. Ich frage die Rezeptionistin auf Schwedisch, das sich vom Norwegischen nur geringfügig unterscheidet, ob ich vielleicht früher als 15 Uhr einchecken kann. Die hübsche junge Lady hat Verständnis, kurz nach 12 Uhr bekomme ich mein Einzelzimmer.

Nun ist der Weg frei für einen langen Nachmittag bei strahlend schönem Spätsommerwetter mit Temperaturen über 20 Grad. Zuerst spaziere ich zum ca. 1 km entfernten Rathausplatz in westliche Richtung hinunter. Man muss wissen, dass es in Oslo so manche Steigung gibt, die auch beim Marathon eine Rolle spielen wird. Das im Klassizismus der 1930er-Jahre erbaute monumentale Rathaus von Oslo sieht aus wie ein dunkelbrauner Kubus. Es hat große historische und symbolische Bedeutung als repräsentatives Wahrzeichen der norwegischen Unabhängigkeit von Schweden im Jahr 1905. Weltweit bekannt ist es durch die alljährlich dort stattfindende Verleihung des Friedensnobelpreises am 10. Dezember. Alle anderen Preise werden bekanntlich in Stockholm übergeben.

Im Vergleich zum architektonisch gesehen pompösen Rathaus stellt sich das Expo-Zelt geradezu mickrig dar. Gedränge herrscht gegen 13 Uhr keines, ich bekomme sofort die Startnummer mit integriertem Chip und im anschließenden Ausgangsbereich ein hellblaues Funktionsshirt. Für umgerechnet an die 100 Euro Startgebühr trotz 15% Ermäßigung bleibt ansonsten die Tragetasche leer. Dazwischen gibt es einige Verkaufsstände für Sportartikel, die ich nicht wirklich brauche. Ich verweile beim Stand von Jack Waitz, dem Witwer der 2011 an Krebs verstorbenen norwegischen Marathonweltklasseläuferin Grete Waitz, der der 10 km-Lauf gewidmet ist. Grete hat neunmal den New York City Marathon gewonnen. Den letzten ihrer vier Marathon-Weltrekorde lief sie 1983 in London mit 2:25:29 Stunden. Jack, ihr Ehemann und Trainer, hat mit der Co-Autorin Marit Karlsen ein  Buch mit dem Titel „Maraton -  Bli en bedre løper til hel- eller halvmaraton“ („Wie man ein besserer Marathonläufer wird“, etwas frei übersetzt) geschrieben, das in den Boulvardzeitungen rezensiert wird.

Nun beginnt meine zwanglose Stadtbesichtigung. Unweit vom Rathaus liegt die Festung Akershus aus dem 13. Jahrhundert. Die Festung ist auch Erholungsgebiet mit toller Aussicht auf den Hafen. Ich begegne anderen Läufern, zumindest halte ich sie für solche wegen der Laufschuhe, mit denen viele auch anreisen. Das Zeremoniell der Garden erinnert an jenes vor dem Buckingham Palace in London oder dem Slussen in Stockholm. Aber die jungen Gardisten lassen sich bei der Wachablöse bereitwillig knipsen.

Ich schaue kurz in das Gebäude des Nobels Fredssenter, wo eine Ausstellung stattfindet, die nichts mit dem Friedensnobelpreis zu tun hat. Dann spaziere ich rauf zum königlichen Schloss, von dem  man in einer perspektivischen Gerade die ca. 500 m südöstlich entfernte Karl Johans Gate erblickt. Dies erinnert wieder an typisch barocke Grundmuster von Bauplänen und Parkanlagen wie z.B. im Schloss Versailles oder in Schönbrunn. Besonders weibliche Touristen knipsen eifrig die jungen Gardesoldaten, die Wache mit unbewegter Miene schieben. Wenn man ihnen aber zuzwinkert, können sie ein Lächeln kaum unterdrücken.

Ins Wikingermuseum zu gehen und anschließend auch noch die Exponate vom Expressionisten Munch im gleichnamigen Museum anzusehen, wäre jetzt auch eine Möglichkeit  – man weiß ja nicht, wann wieder welche gestohlen bzw. ob sie dann auch wieder auftauchen bzw. zurückgegeben werden. Aber ich entscheide mich für die meiner Meinung nach bedeutsamere Sehenswürdigkeit: die älteste Skisprungschanze der Welt auf dem Holmenkollen.

Mit der Metro Nr. 1 fahre ich in ca. 30 Minuten hin, ein Ticket kostet 30 norwegische Kronen, umgerechnet 4 Euro. Das ist der reguläre Preis und doppelt so teuer wie z.B. in Wien. Ein 0,3 l Wasserflasche kostet am Kiosk 32, dafür der Big Mac nur 49 NOK. Bei solchen Preisen verstehe ich einen mir bekannten etwas schrulligen Läufer, der seit Jahren nur in Billigstappartements absteigt und von zu Hause resp. Österreich das Essen in Konservendosen mitbringt und aufwärmt.

Von der Haltestation der T-Bane, deren Trasse die meiste Zeit oberirdisch zum Holmenkollen führt und kontinuierlich ansteigt, muss man noch ca. 500 m zu Fuß zur Schanze marschieren. Dann aber ist der Anblick des Bauwerks faszinierend. Der Kulm im steirischen Tauplitz als weltgrößte Naturschanze kann meiner Meinung nach gut mithalten.

Den gegenwärtigen Schanzenrekord am Holmenkollen aus dem Jahre 2011 hält der Österreicher Andreas Kofler mit 141 m. Wenn man knapp unter dem Vorbau steht und nach oben und unten blickt, kriegt man ein flaues Gefühl. Beim Bungy-Jumping muss man sich einmal überwinden, Schispringer und –flieger aber andauernd.

Den Abend verbringe ich in der Stadt, beim Essen halte ich mich aber zurück. Im Restaurant Vuong in der Tordenskioldsgate unweit vom Rathausplatz lege ich an die 200 NOK ab. Nur von Big Macs möchte ich nicht leben, auf die Dosenalternative des genannten Sparefrohs möchte ich derzeit noch nicht zurückgreifen.

Ich bin aber einer der ersten schon knapp vor 7 Uhr morgens im Frühstücksraum. Das aufgebaute Buffet im Scandic ist allererste Güte. So stärke ich mich 1 ½ Stunden für den um 9.35 in der für mich  2. Tranche beginnenden Marathon.

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