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Laufberichte

Marathon in Katowice: Bewährung für die Bronchien

 

Die Website zum bislang 7. Marathon in und um Katowice ist nur auf Polnisch verfügbar. Im Gegensatz zu den Events in Warschau oder Danzig rechnen die Veranstalter offenbar mit einer geringen ausländischen Beteiligung. Ich gehöre zu den wenigen Nichtpolen, die für etwas Internationalität sorgen.

Was mag die laut Startliste drei deutschen Teilnehmer bewogen haben, nach Kattowitz zu reisen? Das in der ersten Gebührenstufe günstige Startgeld von 70 Zloty (umgerechnet etwa 17 Euro)? Der wellige Kurs mit vielen Steigungen in der bedeutendsten Schwerindustrieregion Polens, wo Steinkohle abgebaut wird und sich reichhaltige Erzlagerstätten befinden? Die lange Öffnungszeit des Marathons von sechs Stunden? Vielleicht einige wenige Kulturbauten wie das schlesische Museum oder die Christkönigskathedrale, an denen der Marathonkurs abschnittsweise vorbeiführt? Oder falls sie aus dem einstigen Ruhrpott kommen, der vertraute Geruch von CO2 und der Smog aus hohen, rauchenden Schornsteinen, die Reminiszenzen an Omas Kohleofen hervorrufen?

Ich werde die Antwort kaum erfahren, außer die Kollegen zählen zu den Lesern der Laufberichte auf M4Y und äußern sich in einem Kommentar. Mein Motiv vom HBH Wien ca. 5 Stunden mit dem IC Sobieski, benannt nach dem polnischen König Johann III. Sobieski, der im Jahre 1683 Graf Ernst Rüdiger von Starhembergs bei der II. Türkenbelagerung vor den Toren Wiens unterstützte, nach Katowice zu fahren, ist die geografische Nähe. Alternative Marathons am 4.10.2015 sind weiter entfernt.

Gegen 13 Uhr checke ich im Hotel Diament ein, es ist vom neu renovieren Bahnhof Katowice mit nun angeschlossenem Einkaufzentrum nur 300 m entfernt. Mein Lieblingshotel in Kattowitz ist aber das Angelo, das ich in der Annahme, der Start- und Zielbereich des Marathons sei wie bei meinem ersten Antreten dort im Mai 2013 wieder in der Stadt.  Ich habe die „Regulamin“ nicht so genau überflogen, schließlich ist Polnisch eine Fremdsprache für mich und die wenigen Wörter, die ich gut beherrsche, reichen für keine ernste Kommunikation aus. Ich komme erst im Hotel Diament drauf, als die Rezeptionistin mir erklärt, dass das Silesia Center, wo ich mich nachmelden muss, nicht das EKZ beim Bahnhof sei, sondern an die 3 km vom Hotel entfernt in nordwestlicher Richtung neben der Schnellverbindung nach Chorzow für PKWs und mit der Tram an der ul. Chorzowska liege. Dazwischen befindet sich das Angelo – wie man sich irren kann.

 
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Gegen 14 Uhr treffe ich im Rennbüro (biuro Zawodow) ein, das direkt am Eingang des riesigen Silesia Einkaufzentrums untergebracht ist. Meine Sorge, dass vielleicht die 100 Restplätze für den Marathon am Samstag am frühen Nachmittag schon vergriffen sein könnten, erweist sich als unbegründet. Die Nachmeldung ist mit 150 Zl. (ca. 36 Euro) aber mehr als doppelt so hoch wie in der ersten Tarifstufe. Dazu gibt es ein schickes Funktionsshirt, das ich morgen beim Marathon tragen werde.

Als problematisch erweist sich die Einspeisung der Daten. Als ich nach der Pastaparty (2 Zloty, ca. 50 Cent für einen großen Becher mit Nudeln und Fleischsauce) um 17 Uhr erneut zum Schalter komme und die Startnummer über den Sensor lege, ist der Nr. 1487 mein Name noch immer nicht zugeordnet. Ich reklamiere nun etwas lauter, eine der vielen freiwilligen Helferinnen spricht Englisch und erklärt, dass die Daten erst am Abend in das System übertragen werden. Ich hoffe sehr, dass das durchgeführt wird und ergänze, im Scherz gemeint, dass ich sonst mit einem Caterpillar vorbeikomme und die Bude wegräume.

Mein erster Weg am Renntag führt mich zum Zielbereich, wo mir dann bestätigt wird, dass ich inzwischen von der Zeitnehmung unter 1487 erfasst bin. Das Wetter ist an diesem Morgen, an dem ich auf das mit 10 Euro voraus bezahlte Frühstück im Diament verzichten muss, weil man am Sonntag erst um 8 Uhr das Restaurant öffnet, sonnig. Es ist trocken, tagsüber wird es ca. 23 Grad C warm werden, sagt die Wettervorschau über das Web am Smartphone.

Ich stehe aber nicht mit leeren Magen am Start – dazu sind mir regelmäßige Mahlzeiten zu wichtig. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mir im Supermarkt den Frühstücksproviant gekauft habe, so auch gestern am Wege zurück ins Hotel. Ein Tipp von mir: Ist ein Wasserkocher im Hotelzimmer, braucht man auf das gewohnte 3 bis 4-Minuten Ei nicht verzichten. Jede Minibar lässt sich umräumen, sodass man Käse, Wurst und Joghurt unterbringt. Brot und Semmel in einem Plastiksack geben, dann werden sie nicht hart. Für Wasserflaschen und Obst ist sowieso überall im Hotelzimmer Platz.

Ich merke am Start, dass der Silesia-Marathon, der übrigens mit dem tschechischen Städtepartner Ostrava preislich gekoppelt ist (man konnte sich für beide Events zu speziellen vergünstigten Konditionen anmelden) in der Tat eine lokale Veranstaltung ist. Man merkt das an den Begleitern der Marathonstarter, am Umfeld im Start- und Zielbereich, an den Dialogen der Teilnehmer. Eine Abordnung von Läufern für die Halb- und Volldistanz hat sich als Spartaner verkleidet. Ich frage mich, wie lange sie in dieser Aufmachung durchhalten werden – ich würde auch wetten, dass etliche ausscheiden werden bzw. aufgeben und keiner eine schnelle Zeit schaffen wird – dazu wirken die polnischen Neuzeit-Spartiaten tlw. mit Wohlstandsbäuchlein zu untrainiert.

Eine Blaskappelle marschiert vorne weg, dahinter folgen Hunderte Starter. Ich versuche an der Absperrung außen mitzugehen und dabei auch zu knipsen. Die Sonne steht ziemlich tief, das Gegenlicht knapp vor 9 Uhr ist fototechnisch ungünstig, weil es blendet.

 
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Der Renndirektor zählt von zehn absteigend, ich stehe noch immer auf der linken Seite der Absperrung und komme mir wie ein Zuschauer vor, der einen Angehörigen im Starterfeld aufnimmt. Ich schaffe mir nach ca. 30 Sekunden einen Zugang durch sanftes Wegschieben der Zuschauer am Gitter und steige drüber.

Der erste Kilometer geht  nach Osten, die vielbefahrene Straße ist auf zwei Spuren gesperrt. Die Gegenrichtung stadteinwärts und die Trasse der Tram ist offen. Ich laufe zunächst bei den 4:00 h-Pacemakern, lasse mich dann zurückfallen und bleibe hinter der 4:15-er Gruppe.

Bei der bereits 1971 gebauten Spodek Mehrzwecksportarena führt der Kurs um 90 Grad nach Norden in die leicht ansteigende Al. W. Korfantego. Das Feld ist dicht, geschätzte 1200 Läufer sollten beim 7. Silesia Marathon km auf der Strecke sein. Der Halbmarathon startet erst um 10 Uhr 30 und hat eine tlw. andere Strecke. Ich habe noch die ca. 600 Höhenmeter in Kiew vom letzten Sonntag in den Beinen, auch heute in Kattowitz wird es heikle Anstiege geben. So war es jedenfalls bei meinem ersten Marathon hier vor ca. 2 ½ Jahren, den ich damals mit 4:47 finishte. Heute stehe ich mehr unter Zeitdruck als damals, denn ich muss den Marathon mit ca. 4:50 Stunden beenden, um noch genügend Spielraum zu haben, den IC um 15 Uhr 23 zu bekommen.  Daher werde ich versuchen, die Halbdistanz knapp vor der 4:30er-Gruppe unter 4:15 h zu erreichen, sodass ich für den zweiten Abschnitt ein Zeitpolster habe. Wenn man schon am Beginn eines Marathons ins Grübeln kommt und alles unter Zeitdruck abläuft, kommt das Genießen etwas zu kurz. Es gibt ein Wohlfühltempo – für mich sind das 6:30 min/km, das nicht schwerfällt und das ich 25 bis 30 km (auf Basis meiner  Grundkondition) durchhalte.

 
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Ich laufe heute wie Hunderte andere mit einer am Rücken festgeklammerten folierten Aufschrift (biegnę dla Poli i Jasia), die als Aktion der Polnischen Bank zwei kranken Kleinkindern dienen soll, deren Operationskosten die Bank übernehmen wird.  

Die Strecke ist wenig spektakulär, links und rechts viel Grünland, bei Kilometer 3 die Reste eines  großen aufgelassenen Fabrikgeländes. Wir befinden uns bereits im Stadtteil Sieminanovice Slaskie, einer von 22 Stadtteilen in fünf Stadtbezirken der ca. 300.000 Einwohner zählenden Hauptstadt der Woiwodschaft Schlesien. Wie bei uns in Wien dürften demnächst Kommunalwahlen stattfinden, denn die führenden Repräsentanten der lokalen politischen Parteien sind auf Werbetafeln plakatiert.

Am Ende der Aleja Korfantego verläuft die Strecke beim Lasek Bytkowski-Park scharf nach rechts und mündet in die ul. Telewizyjna. Im Westen wäre ca. 1 km entfernt der riesige schlesische Park, der als die grüne Lunge von Chorzow und Katowitz bezeichnet wird. Ich bin hier am 1. Januar 2013 einen Marathon (teilweise auf einer Tartanbahn) gelaufen und habe bei diesem Neujahrsevent wieder einmal eine gute Laufzeit (4:10) erreicht.

Auf der Katowicka geht es dann ein Stück vom Gefälle her betrachtet hinunter. Die erste Labestelle befindet sich nach 5 km auf der Stanislawa Staszica. Als ich mit 31 Minuten Laufzeit eintreffe, wird gerade die Vorhut der Spartiaten verköstigt. Ich bleibe nicht stehen, sondern trinke im Laufen. Weit sind die Imitationshelden aus der griechischen Antike nicht gekommen. Ich drehe mich kurz um, die tapferen Kostümläufer trotten langsam einher.

Beim Rondo Siemion, einem Kreisverkehr, der  fünf Bezirke  verbindet, ist der erste Fotograf postiert. Ich habe es schon vor Jahren aufgegeben, irgendwelche Fotos zu bestellen und zu kaufen. Mit den Jahren hat sich mein Äußeres unvorteilhaft verändert, sodass mir die Lauffotos selten gefallen. Ein Trainer würde anmerken, dass ich zu weit nach vorne gebückt laufe (wie viele ältere Kollegen, denen man Kreuzprobleme nachsagen könnte), die Beinachsen haben sich verdreht, sodass die Fehlhaltung der Beine jedes gute Motiv zurückdrängt. Spätestens wenn ich einmal keine Marathons mehr laufe, kann ich vielleicht auf Kurzdistanzen stilistisch wieder nachjustieren.

Bei der 1859 erbauten Villa Fitzner, die einst dem deutschen Kesselfabrikanten Wilhelm Fitzner gehörte und heute Kulturzentrum von Siemianowice Slaskie ist, verläuft der Marathonkurs ab Kilometer 6 nach Südosten. Ich habe bisher etliche vor mir überholt, auf ein Duell lasse ich mich diesmal nicht ein, weil zu viel am Spiel steht. Versäume ich den Zug um 15 Uhr 23, gäbe es noch den Nachtzug um Mitternacht. Ich habe aber kein Interesse, sechs Stunden auf einen Sitz auszuharren, weil ich in solchen Fällen seit Jahren ungeachtet der Distanz und der Kosten ausschließlich  im Einzelschlafwagenabteil reise, das man in der Regel rechtzeitig buchen muss. Einen gewissen Luxus darf man sich in meinem Alter schon gönnen – Schlafwägen im Osten bieten viel Bewegungsfreiheit.  Ich höre Musik, trinke ein Bier und strecke mich so richtig am Liegebett aus – nach einem Marathon die reinste Therapie.  

In der Nähe der Villa Fitzner ist die Kirche Krzyża Świętego (Heilig-Kreuz) und eine Waffenproduktionsstätte, wo u.a. auch militärische Einsatzfahrzeuge hergestellt werden bis hin zum Panzer. Entlang der Bahnlinie verläuft die Marathonstrecke nun auf der Powstancow und Myslowicka bis zur zweiten Labestelle bei Kilometer 10. Links und rechts der Straßenzüge stehen die typischen braun-rußigen, schon etwas verfallen Arbeiterwohnhäuser aus der großen Zeit der Industrieproduktion, in denen auch heute die Stahlarbeiter der nahen „Hurtowna Stali Siemianowice Slaskie“, der schlesischen Stahlproduktion, leben. Endlich ist er da, der vertraute Geruch vom  Kohleofen von einst, den auch ich in der Nase habe. Bis hinein in die Volksschulzeit hielt ich mich gerne bei einem sehr alten Eisenbahnerehepaar auf. Wir waren Hausnachbarn, sie behandelten mich wie ein Enkelkind. Eisenbahner bekamen damals in meiner Oberkärntner Heimat tlw. gratis sowie sehr billig Tausend Kilo Koks und Steinkohle. So wurde auch in der warmen Jahreszeit Kohle verbrannt, doch über die stinkigen Abgase aus dem Kamin regte sich in den späten Fünfzigerjahren, wo das Wort „Umweltschutz“ noch nicht im Duden und Bewusstsein der Menschen existierte, niemand auf.

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