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Laufberichte

Łódź - Marathon (Polen)

 

Auf den Spuren des Textilkapitalismus im einstigen
„gelobten Land“  

 

Oder: 2200 Starter, aber Vicky's Theo ist nicht dabei

 

Prolog


Vicki Leandros, die griechisch-deutsche Schlagerqueen, kündigte vor 40 Jahren mit einem Lied an, das zu einem Evergreen wurde, mit (ihrem) Theo nach Lodz fahren zu wollen. Im gleichen Jahr drehte der polnische Regisseur Andrzej Wajda den Filmklassiker „Das gelobte Land“, der die sozialen Gegensätze in der Ende des 19. Jahrhunderts aufstrebenden polnischen Textilindustriestadt aufzeigte. Doch die kapitalistische Hochblüte im „Manchester des Ostens“, wie das damalige Lodz genannt wurde, als reiche deutsche Fabrikanten arme polnische Textilarbeiter ausbeuteten, ethnische Vorbehalte das Zusammenleben von Deutschen, Polen, Juden und Russen sich in blutigen Pogromen entluden, endete mit dem Esten Weltkrieg. 20 Jahre später, nach der Besetzung Polens durch Deutschland wurde dort im Jahre 1940 ein großes jüdisches Ghetto errichtet und die Stadt in Litzmannstadt umbenannt. Wäre Vicki also 1974 tatsächlich über den Eisernen Vorhang nach Lodz gefahren, hätte sie dort bestenfalls beim Wiederaufbau mithelfen können, die Industrieanlagen und Prunkbauten waren nach den beiden Weltkriegen dem Verfall preisgegeben. Theo hätte wohl darauf gedrängt, wieder heim zu reisen.

 

Zum ersten Mal in Lodz


Ich war schon oft in Polen, doch in Lodz, heute mit ca. 800.000 Einwohnern drittgrößte Stadt des 40 Millionen Volkes, bisher noch nie. Wieder einmal bietet ein Marathon die Gelegenheit, eine mir bisher nicht bekannte Stadt kennenzulernen, besonders wenn die Route so gewählt ist, dass die Läufer/innen an wichtigen Sehenswürdigkeiten vorbeikommen.

 

 
© marathon4you.de 35 Bilder

 

Mit meinem Lieblingstransportmittel, dem Zug, geht es Freitagnachmittag über Breclav, Ostrava, Katowice mit Umsteigen in Zawiercie nach Lodz Kalinska. Aber wie schon oft bei vergangenen Fahrten nach Polen dauert die Anreise um einiges länger. Statt um 21 Uhr 20 betrete ich das Qubus-Hotel, eine empfehlenswerte Kette in mehreren polnischen Städten, erst nach Mitternacht. Maciej, ein IT-Projektmanager, der in Wien bei einer englischen Firma arbeitet und mit dem im Zug ich ins Gespräch gekommen bin, wird von seiner lieben Gattin mit dem zweijährigen Sohn im Auto abgeholt. Kurzerhand haben sie mich mitgenommen und vor dem Qubus aussteigen lassen.

Am Samstag steht Sightseeing auf meinem Programm.  In Lodz gibt es viele historische Gebäude, die auf die große Ära der Textilindustrie zurückgehen. Einige davon befinden sich auf der teilweise für den Verkehr gesperrten und zu einer Fußgängerzone umfunktionierten Flaniermeile Piotrokowska. Ich beginne aber mit dem nach Südosten führenden Straßenabschnitt, der mich zu der im neugotischen Stil am Beginn des 20. Jahrhunderts erbauten Basilika St. Stanislav Kostka, die später zu einer Kathedrale ausgebaut wurde, führt. Ich betrete die Kirche und verweile dort inmitten tiefgläubiger polnischer Christen, zumeist betagte Menschen. Unweit daneben befindet sich die versperrte evangelische St. Matthäus Kirche, die an der Fassade gewisse Verfallsspuren aufweist.  Sie wurde in den Jahren 1908 bis 1928 in neoromanischen Baustil errichtet. Ihr Turm ragt 80 m in den Himmel. Die in zwei Abschnitte geteilte ul. Piotrkowska ist mehr als 4 km lang, als Fußgänger komme ich an vielen interessanten Plätzen vorbei. In einem revitalisierten Ziegelgebäude betreibt eine Kooperative einen Lebensmittelhandel, wobei Gemüse, Käse, Obst, Mehlspeisen u.a. angeboten werden. Solcher Alternativläden gibt es auch in Wien, großen Gewinn machen die Betreiber aber nicht.

Mein Ziel ist das berühmte Zentrale Textilmuseum in der  Piotrkowska Nr. 282. Heute ist der Eintritt sogar frei. Andrzej Wajda Filmepos mag vielleicht überzeichnet sein, doch die Exponate vermitteln dem Besucher einen nachhaltigen Eindruck davon, wie es im Textilkapitalismus zugegangen sein mag. In überdimensionierten Leistungsbüchern wird der Arbeitsertrag der ausgebeuteten und schlecht bezahlten Textilarbeiterinnen mit Kommastellen belegt, während sich die Großfamilie um den Industriellen Ludwik Geyer überdimensional portraitieren lässt. Leider ist heute nur der 5. Stock der „Weißen Fabrik“ für die Besucher geöffnet, zu sehen gibt es dort genug. Nostalgie überkommt mich, als ich die in Blumenmuster designten Baumwollstoffe bewundere – in meiner Kindheit in den späten 1950er Jahren haben meine Eltern bei unserem Schneider dicke Kataloge auch mit derartigen Stoffmustern durchgesehen. Die Mutter ließ sich ein Kostüm mit Bluse nähen, mein Vater legte großen Wert auf passende Anzüge. Eins weiß ich: nicht nur die Qualität der heimischen Textilien war in früheren Zeiten besser, auch die Haltbarkeit. Der polnische Textilkapitalismus ist schon lange passé, alle EU-Staaten lassen über die großen Handelsketten in Fernost produzieren.

Ich nehme die Straßenbahn und fahre zum Knoten auf der Kreuzung Aleja Mickiewicza und ul. Piotrokowska zurück. Dann geht es hinein in den Flanierabschnitt der bekanntesten Straße in Lodz. Hier sind auch die Touristen anzutreffen, Rikschafahrer bieten ihre Dienste an, ich nehme sie aber nicht in Anspruch.

Das Wort „Lodz“ (auf Polnisch 'wut͡ɕ' gesprochen) bedeutet „Boot“, der Name der Stadt könnte daher vom kleinen Fluss Lodka kommen. Das Stadtwappen, das auf Siegeln, Fassaden, Laternen, Bänken und dgl. zu sehen ist, zeigt ein goldfarbenes Holzboot mit einem Ruder auf rotem Grund. Kleine Läden, Cafés, Pubs, Restaurants, renovierte Villen (auch zum Verkauf), prägen das Straßenbild. Zu den Sehenswürdigkeiten gehören u.a. die ehemaligen Paläste des Bankiers Maksymilian Goldfeder, des Verlegers Jan Petersilge und des Fabrikanten Juliusz Heinzel. Das Grand Hotel zählte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den größten und modernen Hotels in Europa. Einige Touristen stellen sich zum Rubinstein-Denkmal und fotografieren sich mit dem am Klavier spielenden großen polnischen Pianisten und Chopin-Interpreten, der 95jährig im Jahre 1982 in Genf starb.  

So viele Bankomaten von IngDiba habe ich nicht einmal in NYC gesehen wie hier in der Piotrkowska. Im Qubus Hotel liegen von dieser Bank gesponserte Kuli mit der Aufschrift New York City Marathon auf. Jeder nimmt sich einen mit, damit macht man Eindruck. Der Marathonkurs wird morgen hier durchführen, so gesehen werde ich einzelne Motive mitunter zweimal vor die Linse bekommen.

 

Bei der Expo in der Atlas Arena


Es ist bereits 15 Uhr, als ich mich zur Expo in die modernste Sporthalle Polens, die Atlas Arena, aufmache. Dieses 2009 eröffnete Oval hat Platz für 13.000 Zuschauer, die hier vor allem Basket- und Volleyball-Veranstaltungen beiwohnen. 2014 wurde die Volleyball-WM in der Atlas-Arena ausgetragen. Vom Qubus-Hotel sind es ca. 10 Gehminuten, ich schaue auf die Uhr, weil ich den morgigen 16 Uhr-Zug nach Warszwa-Centralna unbedingt erwischen muss. Daher werde ich mich beim Lauf auf die Finisherzeit konzentrieren müssen, doch solche Herausforderungen machen irgendwie auch Spaß.

Das Procedere läuft ohne Wartezeit ab. Meine hohe Startnummer 2088 mit integriertem Chip von Datasport.pl auf der Rückseite belegt, dass ich mich wie zumeist auch bei anderen Bewerben erst  kurz vor Nennschluss angemeldet habe. Wenn ich nun meine für die Teilnahme beim Vienna City Marathon letzten Sonntag bezahlten 87 Euro mit den 120 Zloty (entspricht 30 Euro, am Beginn der Registrierung waren es 80 Zloty) für den Lodz-Marathon in Beziehung bringe, so wird man hier geradezu beschenkt. In Wien war im Startpaket die Startnummer und ein Aufkleber für den ausgegebenen Kleidersack, in Lodz bekommen die Marathonläufer/innen ein Funktionsshirt von New Line, eine Laufkappe und einen Multifunktionsrucksack von derselben Sportartikelfirma. Zudem einen multifunktionalen Kopfschutz im Buff-Design, Vitaminpillen und Magnesiumtabletten. Ein Bon für die Nudelparty plus eine Dose alkoholfreies Bier ist auch enthalten.


Vor dem Start


Beim Frühstück im Hotel treffe ich einen Polen, der in Wien arbeitet und extra zum Marathon nach Lodz gefahren ist – wie ich auch, nur er im Auto und ich im Zug. Ich habe mich nämlich schon über das Autokennzeichen gewundert, vom 5. Stock aus konnte ich gut runter auf den Parkplatz sehen. Marathonprofis essen vor einem Lauf wenig, Marathontouristen wie ich genießen das Frühstück. Die nette Küchenhilfe blickt sich fragend um, als sie zum dritten Male eine große Schüssel mit frischen Erdbeeren nachliefert – zweimal habe ich schon zugelangt und meine Portion mit einem Becher Naturjoghurt verschönert. Eigentlich bin ich gar nicht auf Laufen eingestellt, obwohl bis zum Start nur mehr eine Stunde verbleibt. Ein „Late-checkout“ bietet das Qubus um 10 Euro bis 18 Uhr an.

Vom Hotel zum Start bei der Atlas-Arena sind es  – wie gestern getestet – ca.10 Gehminuten. Die Wettervorschau verspricht einen warmen Frühlingstag mit Temperaturen um die 18 Grad C gegen Mittag. Heute werde ich das schicke M4Y-Kurzarmshirt das erste Mal tragen.

Der 13. Lodz-Marathon ist als attraktiver Rundkurs angelegt, ein Rennen über die Halbdistanz wird nicht angeboten, auch keine Staffeln sind vorgesehen. Mehr als 2000 Teilnehmer/innen sind gemeldet. Vor der Marathonabsperrung sind die 10 km-Läufer postiert, die um 9 Uhr in die andere Richtung starten werden. Es sind viele Zuschauer versammelt, die den Zugang zum hinteren Teil des Startgeländes blockieren. Ich muss mich durchdrängen, doch einige Schnappschüsse auf die Spitzenläufer im Marathonblock gehen sich aus. Seit einigen Wochen laufe ich mit einer neuen Garmin-Uhr, die die Herzfrequenz direkt am Handgelenk aufnimmt, einen Brustgurt braucht man nicht mehr.

 

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