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... und dann ein Bier am Löwenbrunnen

15.10.05

Der Wind bläst  frisch, und sofort fällt mir das betreffende Soldatenlied ein.

 

Plötzlich taucht ein großflächiges Schild aus dem Nebel auf; kleine Kinder sind darauf abgebildet und es heißt: Willkommen in Hessen! Donnerkeil, habe ich mich mal wieder verfahren, was bei dem dichten Nebel am Koblenzer Kreuz eigentlich jedem Autofahrer ohne Navigationssystem passieren kann, so tröste ich mich. Auch bin ich früh gestartet und habe mir ein großzügiges Zeitpolster geschaffen, denn so wie vor ein paar Wochen beim Kressbronner Marathon am Bodensee, als ich mit meinem Wagen den Ort erreichte als gerade die Marathonläufer starteten, soll es mir in Zukunft nicht mehr ergehen.

 

Ich korrigiere den Fehler und erreiche eine halbe Stunde später das Städtchen Hachenburg. Schnell entdecke ich ein Hinweisschild mit Aufschrift „Marathon-Parken“, dem ich vorerst folge, um es dann schließlich zu ignorieren und mich direkt an der Rundsporthalle auf einem noch freien Platz einzuparken.

 

Schon auf dem Parkplatz kann ich Peter Vickus aus dem Hunsrück begrüßen, den ich seit dem Saarschleifenmarathon kenne und der seit kurzem seine Liebe zur Marathon-Viel-Starterei entdeckt hat. Auch den Van meines Lauffreundes Jürgen pardon Günther Meinhold erblicke ich ganz in der Nähe.

 

Beim Nachmelden in der Halle findet auch schon die Begegnung mit herzlicher Begrüßung mit ihm statt. Besonders bemerkenswert und erfreulich ist für mich, dass er unaufgefordert seine Geldbörse zückt, um mir 30 € für 6 Flaschen Rotwein auszuhändigen; er war nämlich nach dem Kölner 12-er eine Wette in puncto Ernährungslehre mit mir eingegangen…  Später gesellen sich noch weitere bekannte Läufer aus der Ultra-Szene hinzu. Es ist der frischgebackene Ultra-Marathonist  Bub, so wie mein Lauffreund Jürgen Hoffmann, der ein Heimspiel vor sich hat und Daniel Basel vom 100 MC, weiterhin  kommt mir Heinz Jäckel, erfolgreicher Absolvent des harten Deutschlandlaufs 2005, handytelefonierend mit seinem unzertrennlichen Etappenlauffreund Willem Mütze aus den Niederlanden, entgegen.

 

Die in der Ultraszene ebenfalls nicht unbekannte Westerwälderin Sabine Schneider ist in die Hachenburger Marathonorganisation involviert, macht Photos und heißt mich herzlich willkommen.

 

Jetzt, so ½ Stunde vor dem Start ist der Himmel azurblau und es herrschen spätsommerliche Temperaturen, die einen angenehmen Lauf erwarten lassen.

 

Der Startschuß fällt pünktlich um 11.00 Uhr, und für eine überschaubare Anzahl von Läufern (= ca. 150)  beginnt der Marathonlauf, der zuerst relativ flach durch den Ort und nach ca. 1 km stetig moderat ansteigend  auf einer Autostraße nach außerhalb führt. Nach einem weiteren Kilometer biegen wir dann nach links in einen Waldweg ab. Es ist Mischwald und bei den Laubbäumen ist die Farbe grün noch dominant; nur ganz wenig hat es bisher der Herbst vermocht, die grünen Blätter zu färben.

 

Ich laufe weit hinten im Läuferfeld, unterhalte mich abwechselnd mit verschiedenen Leuten und finde heute schon nach wenigen Kilometern meinen Laufrhythmus im Wohlfühlbereich. Grundsätzlich laufe ich keine Marathons mehr „auf Zeit“, denn ich habe erst mit 54 Jahren mit dem Laufen als Sport begonnen und  mich sofort für die langen Distanzen entschieden.


Nur ganz wenige 10-km Läufe oder Halb-Marathons habe ich absolviert, denn ich habe diese Disziplinen, die ich dann auch am Anschlag gelaufen bin, ganz schnell als absolute Qualläufe empfunden. Marathon- oder noch besser Ultraläufe hingegen, die ich stets im Sauerstoffüberschuß bestreite, bereiten mir große Freude, und ich finishe immer in einem Zustand, der noch weitere Kilometer Laufen ohne Probleme zulassen würde.


Bei Steigungen gehe ich, denn ich bin dann nur unwesentlich langsamer, als würde ich laufen; spare aber viel Kraft. Umso schneller kann ich es dann das Gefälle abrollen lassen.

 

Wir erreichen gerade eine Bergkuppe außerhalb des Waldes, der Wind bläst sehr frisch, und sofort fällt mir das betreffende Soldatenlied ein. Die Verpflegungsstellen kommen alle 5 km und sind ausreichend mit allem Notwendigen ausgestattet. Ich trinke abwechselnd Wasser und isotonische Getränke. Das Rennen führt durch Mischwälder und durch Wiesen und Felder immer wieder auf und ab. 

 

So nach ca. 15 km kommen wir dann in den Bereich der „Westerwälder Seenplatte“. Es sind große Weiher, die im 17. Jahrhundert künstlich angelegt wurden, umgeben mit großen und schönen Schilfgürteln, sicherlich ein Paradies für Wasservögel, Lurche und Libellen. Als ich über eine hölzerne, unter meinem Schritt vibrierende Fußgängerbrücke laufe, entdecke ich unter mir Jungfischschwärme von zigtausenden Exemplaren.

 

Es geht jetzt weiter nach links um den ersten großen Teich auf einem schmalen Pfad, um dann nach wenigen Minuten wieder auf einen Waldweg und schließlich auf eine Straße zu gelangen, die durch dicht bewaldetes Terrain für Westerwälder Verhältnisse niederländisch flach verläuft. Ab und zu überhole ich jetzt einige wenige Läufer, die anscheinend zu forsch den Marathon angegangen sind. Mir geht es sehr gut und mein Wohlsein wird noch durch die herrliche Naturlandschaft verstärkt.

 

Wie so oft stelle ich bei mir fest, dass ich mich in diesen naturdominierten Deutschen Mittel-gebirgslandschaften  wirklich zu Hause fühle und mein Leben nirgendwo anders ständig verbringen möchte.

 

Bald laufen wir wieder auf schmalen Pfaden an verschiedenen Weihern vorbei, und ich werde jetzt von einem Norweger in ungefähr meinem Lebensalter überholt. Er atmet schwer und die erste Weghälfte ist noch nicht mal zurückgelegt…

 

Der Pfad erinnert mich an den so genannten Ho-Tschi-Minh-Pfad beim Bieler 100-er; erscheint mir aber sympathischer, was ich auf meinen momentanen persönlichen Frischezustand zurückführe. Auch ist er viel kurviger, und dadurch genieße ich jetzt die Einsamkeit des Langstreckenläufers ausgiebig, ruhe total in mir und kann mir nichts Schöneres auf der Welt vorstellen, als Marathonlaufen…

 

Die Seenplatte lassen wir hinter uns und es geht steil bergauf an einem großen Golfplatz vorbei. Hier begegnen sich 2 Sportlerwelten, die wahrscheinlich nur ganz selten Berührungspunkte haben.

 

Es ist eine lange steil ansteigende Gerade und ich überhole marschierenderweise den langsam joggenden Norwegerkonkurrenten. Noch 3 Gegenspieler sehe ich vor mir, komme langsam näher, aber am Bergkamm verliere ich sie wieder aus den Augen. Das Spiel verläuft wie gehabt: Wälder und Wiesen bergauf und bergab.

 

Irgendwann biegen wir nach links auf einen Weg am Waldesrand ansteigend ab, von dem viele hundert Halbläufer entgegenkommen. Für sie ist es eine schöne Talfahrt und viele lassen es richtig rollen… und nur durch einen Sprung auf die Seite kann ich eine Kollision mit einem Entgegenkommenden verhindern.

 

Die ersten Halbmarathonisten überholen mich jetzt; aber die große Masse kommt über viele Kilometer entgegen. Sehr kurzweilig ist das ganze jetzt, macht es mir doch immer wieder großen Spaß, Läuferphysiognomien bei Belastung zu beobachten…

 

Als es noch ca. 5 km zu laufen sind, überhole ich nun endlich einen Läufer, dem ich zwar am Berg immer wieder näher gekommen bin, ihn dann aber beim Berg runter in den kurvenreichen Wegen immer wieder aus den Augen verloren hatte. Wie sich herausstellt, ist er Debütant und von Beruf Bäcker. Er hat die ganze Nacht gearbeitet und ist unausgeruht in`s Rennen gegangen und wird jetzt von Oberschenkelkrämpfen geplagt.

 

Es geht bergab und ich laufe in einem flotten Tempo, das nicht viel langsamer ist, als das der mich jetzt zahlreich überholenden 21-km-Läufer. Die Vorstadt von Hachenburg ist erreicht und es wird flach; hinter mir vernehme ich Laute, die aus mittelalterlichen Folterkammern stammen könnten. Grauenhaft und Mitleid erweckend sich anhörend und mit dazu passender Mimik setzt ein über 60-jähriger gerade zur Überholung an. Ich versuche, ein Gespräch mit ihm zu beginnen; aber er scheint vom realen Diesseits schon völlig losgelöst zu sein und schaut mit glasigen Augen durch mich durch, immer diese lang gezogenen  Klagelaute von sich gebend. 50 Meter vor mir bleibt er abrupt stehen, hält sich an einer Vorgartenmauer fest und spuckt.

 

Wenig später zieht der Klagemann mit seinem Büßergesang wieder an mir vorbei. Was muss der doch gesündigt haben…

 

Die Altstadt kommt in Sicht und nach wenigen 100 Metern  öffnet sich ein Spalier mit hunderten begeistert jubelnden Zuschauern und der Triumphbogen ist erreicht. Sabine Schneider hängt mir die schöne Keramik-Medaille um und gratuliert mir. Wieder ist ein neuer Marathon in meiner Sammlung, und zwar einer, der bestimmt wieder gelaufen wird. Ich genehmige mir gegenüber dem Löwenbrunnen ein Bier, unterhalte mich noch kurz mit neu dazu gewonnenen  Marathonbekanntschaften und bewege mich zur Rundsporthalle.

 

Dort stelle ich fest, dass ich mit meinen 4.47 h sogar 2-ter in meiner Altersklasse geworden bin; man muss also in der M 60 nicht immer schnell sein, denn es kommt vorrangig auch auf die Anzahl und Befähigung der „Konkurrenz“ an.

 

Jetzt Wochen nach dem Lauf ist mir klar, dass der Hachenburger Marathon einer der schönsten von vielen von mir gelaufenen Langstreckenrennen in diesem Jahr darstellt und gewiss eine viel größere Teilnehmerzahl als 150 Läufer verdient. Wäre Cola im Verpflegungsangebot gewesen, die Schulnote 1 würde ich, wenn ich Lehrer wäre, vergeben.

 

Informationen: Hachenburger Löwen-Marathon
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