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Laufberichte

Zwei Übernachtungen in den Chiemgauer Alpen

30.07.10

GI, also Giselher Schneider, der Organisator des Chiemgauer 100er, bestätigte meine Buchung mit den Worten: „...ich habe dir zwei Übernachtungen reserviert – eine in den Chiemgauer Alpen und die zweite im Bauernhaus“. Damit war klar was er meinte, es geht um den Chiemgauer 100er mit dem Meilenvorspann,  der aus dem ohnehin schon knackigen 100 km Bergultra einen vollwertigen 100 Meilenlauf nach US-Amerikanischem Vorbild macht.

Dort wie auch in Frankreich hat das Trail-Running auf anspruchsvollen Bergrouten schon lange Hochkonjunktur. Man erinnere sich beispielsweise an den französisch-italienisch-schweizerischen UTMB, bei dem auf etwa 168 km der Mont- Blanc zu umrunden ist. Mit gut 6.500 Höhenmetern auf 162 km kommt der Chiemgauer nicht ganz an die Fakten des UTMB heran. Mit technisch höchst  anspruchsvollen An- und Abstiegen auf oftmals schwierigem, mitunter sehr nassem Untergrund, setzt GI dem Trail seine eigene und ganz besondere Note auf. Auch wegen dem engen Zeitlimit behaupten manche, am C100M zu finishen sei keinesfalls einfacher als am UTMB. Auf jeden Fall ist der Chiemgauer, sei es in der Kilometer- oder in der Meilenvariante, ein besonderes Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Das zeigen auch die Finisher- Zahlen der vergangenen Jahre, wo immer eine ordentliche Anzahl von Starterinnen und Startern die Option zum vorzeitigen Finish nutzten. Die große ineinander gefaltete Hauptrunde erlaubt nämlich an ein paar Stellen die Abkürzung zum vorgezogenen Ziel. Auch ich war im letzten Jahr Opfer einer dieser Optionen.

Dass Trail- Running auch hierzulande immer mehr an Beliebtheit gewinnt, beweist das frühzeitige Erreichen der Anmeldelimits mit 100 Akteuren auf der klassischen und 50 auf der langen Route. Das noch überschaubare Teilnehmerfeld in Verbindung mit GI´s liebevollen Helferinnen und Helfern machten die Veranstaltung geradezu zu einem familiär anmutenden Ereignis. Das ist auch gut so und bleibt der Veranstaltung hoffentlich erhalten. Teile der Schleifen wie etwa den Anstieg an der Hörndlwand durchqueren Naturschutzgebiete, so dass der Teilnehmerzahl von seitens den Genehmigungsbehörden enge Grenzen gesetzt werden. Fast wäre dem Vernehmen nach die diesjährige Austragung an der behördlichen Genehmigungsfähigkeit gescheitert.  

Klar, beim C100M hatte ich nach meinem vorgezogenen Finale im letzten Jahr eine  Rechnung offen. Taktische Spielchen wie Minimalverpflegung auf dem Vorspann mit Selbstverpflegung oder gewichtreduzierte Ausrüstung ohne Regenkleidung  überlies ich heuer anderen. Ein Bergultra kostet halt viel Energie und man muss auch im Sommer mit Wind, Kälte und Regen rechnen. Der individuelle Startzeitpunkt bei der C100M- (der Meilen-) Variante sollte so gewählt werden, dass beim eigenen Fortkommen die Öffnungszeiten der Verpflegungsposten auf der folgenden 100 km Strecke durchlaufen wurden. Punkt 15:00 Uhr schickte also GI mit einem lapidaren „ los“ das Hauptfeld der Meiler auf die Strecke. Schnelle Läuferinnen und Läufer konnten im Stundentakt dem Feld nacheilen. Wer Stadtmarathons kennt,  ist immer wieder über die Gemächlichkeit beim Start eines Ultras überrascht. Trotz höchster Anspannung setzte sich der Tross ohne Hektik und ohne jegliches Gedränge eher verhalten in Bewegung.

 
© marathon4you.de 56 Bilder

Nach einer kleinen Aufwärmphase kam nach etwa 5 km und der 100-Meilenweiche der erste aber gut zu laufende Anstieg zum Zinnkopf. Gut vorbereitet und erholt belasteten die ersten 550 Höhenmeter kaum. Orientierung fand ich an der ordentlichen Streckenmarkierung und an meiner GPS-Uhr. Beim Meilenvorspann waren die Markierungen manchmal etwas spärlich so dass das GPS-System gute Dienste leistete. In diesem Jahr nutzte ich eine Laufuhr mit purer Pfeilnavigation. GI stellte auf seiner Homepage dazu die GPS-Daten zur Verfügung. Große Geräte mit Kartendarstellung bringen bei Nacht und abseits kartierter Wege kaum Vorteile, sind aber deutlich größer und schwerer. Die Batteriekapazität mancher GPS-Uhren reichen allerdings für einen 30 h- Lauf nicht aus.

Dem Anstieg folgte ein schöner Abstieg im Wald und bald wurde Hörgering mit dem ersten Selbstverpflegungspunkt erreicht. Der Ort war mir aus dem Vorjahr noch in recht zweifelhafter Erinnerung, hatte ich hier doch meine Stöcke liegen gelassen. Um meine Besitzansprüche geltend zu machen, durfte ich mit einer kleinen  Extraschleife büßen. Lechner Hütte, Hammer und Stoißer Alm markierten die nächsten markanten Streckenpunkte. Der Höhenmesser kletterte dabei um etwa 650 Meter. Danach wurde es noch einsamer und vor allem dunkel. Die Nacht brach herein. Kaum noch ein Akteur vor oder hinter einem. Vorwiegend im Wald wurde beim folgenden Anstieg die Steiner Alm passiert. Bei Adlgaß war mal wieder ein bisschen Leben an der Strecke. Auch heuer waren fast alle Kontroll- und Selbstverpflegungspunkte des Meilenvorspannes durch Begleiter von Läuferinnen und Läufern besetzt. Danach folgte wieder ein anspruchsvoller Abschnitt zur Kohler Alm. Belohnung gab es am Abstieg vorbei am Jochenberg und dem Mauthäusl.

Richtiges Licht gab es erst  wieder am Kontroll- und Verpflegungspunkt Weißbach. Bei Zwing vereinigte sich der Vorspann mit der 100 km- Strecke. Es folgte ein wunderschöner Trail entlang eines Hanges. Ein absolutes Filetstück auf dem Vorspann. Nach der Kaitalm folgte ein langer, breiter und meist abfallender Fahrweg in Richtung Ruhpolding. Später, wieder auf Wander- und Radwegen, wurde recht zügig das Stadion mit dem Start- und Zielpunkt erreicht.

Aus dem Briefing von GI aus dem vorletzten Jahr kam mir der Satz in Erinnerung, wer den Prolog, sprich den Vorspann, schon als schwer empfand, möge an der nun folgenden Hauptrunde erst gar nicht antreten. Damit war klar, jetzt geht’s zur Sache. Zunächst mit dem Anstieg über Stockreit zum Unterberg (etwa 600 HM), vorbei an der Brandneralm und dann weiter zur Hörndlwand (etwa 500 HM). Waren es am ersten Anstieg rutschige Gras- und Wanderwege, überraschte die Hörndlwand mit langen steinig felsigen und vor allem steilen Serpentinen.

Nach einer kurzen Erholungsphase auf der Hochebene folgte der technisch schwierige Abstieg nach Röthelmoos. Nach einem kurzen Stolperer erwischte es mich hier heftig. Auf einem glitschig nassen Baumstamm rutsche ich aus und stürzte seitlich mit dem Brustkorb auf einen Felsbrocken. Mit den Schmerzen und der Atemnot war an Weiterlaufen zunächst nicht zu denken. Liegenbleiben und auf Hilfe warten machte aber auch keinen richtigen Sinn. So entschloss ich mich, Hilfe am kommenden Verpflegungspunkt Rötelmoos zu suchen. Die Beine waren ok. und bergab ging es mir mit der Zeit immer besser.

Am VP, der dieses Jahr etwa einen km später eingerichtet war, war von Hilfesuche und Aufgabe keine Rede mehr. Die Schmerzen waren etwas abgeklungen und erträglich. Der lange, leicht ansteigende Fahrweg und spätere Wiesenweg zum Jochberg zeigte bald das wahre Problem. Durch die Schmerzen am Brustkorb atmete ich flach. Schon kleine Anstiege brachten mich aus der Ruhe und so konnte ich das Tempo nicht mehr halten.

Strategiewechsel: es geht nur noch ums pure Durchkommen. Zunächst auf einer ansteigenden Almwiese gefolgt von schönen Wanderwegen über die Hochsattelscharte wurde später die Bischofsfellnalm passiert. Etwa weitere 500 HM standen auf der Habenseite des Höhenmessers. Ein langer stets abfallender breiter Fahrweg führte zum nächsten großen Verpflegungspunkt Kohlstatt. Der Übergang über ein kleines Bächlein markierte den Beginn des steilen Anstieges über eine nasse Skipiste. Oben nach der Mittelstation der Hochfellnbahn mit gut 300 HM angekommen, brachte ein weniger anspruchsvoller Fahrweg etwas Entspannung. Angenehme meist abfallende Abschnitte führten zum nächsten Kontrollpunkt Marie Eck. Ein schöner Waldweg gefolgt von einem netten Trail am Hang führte vorbei am Ortsrand von Ruhpolding. Der Anstieg zum Kontroll- und Verpflegungspunkt Egg zog sich dagegen etwas unangenehm in die Länge. Hier war die Weiche zum 141 km-Finale. Für die vollständige Runde musste der Aufstieg zum Hochfelln gewählt werden.

Ich hatte trotz meines nun gemächlichen Fortkommens noch fast unendlich viel Zeit, um auch über den Hochfelln das Ziel im Limit zu erreichen. Nach einer steilen Almwiese und einer steinigen Rampe folgte ein langer, eher moderat ansteigender Pfad, den leistungsorientierte Akteure durchaus läuferisch bewältigen konnten. Erst am Schlussanstieg zum Hochfelln wurde es noch einmal anspruchsvoll. Noch einmal 900 Höhenmeter auf der Habenseite. Der folgende Wurzelweg mit meterhohen Absätzen markierte den Abstieg zum Kontrollpunkt Eschelmoos. Der sehr lange, meist abfallende breite Fahrweg nach Brand war läuferisch keine große Herausforderung. Selbst moderate Gegenanstiege ließen mich stets zum Wandersmann werden. Schön waren wieder die Waldwege vorbei an Brand. Der Schlussabschnitt durch Wasen und Grashof  zog sich noch etwas hin bis endlich die Traun erreicht wurde. Entlang dem Fluss wurde auch bald das Stadion mit dem erlösenden Ziel erreicht.

Traditionell ist beim Chiemgauer 100 die Siegerehrung am nächsten Morgen um 10:00 Uhr. Ein Großteil der Läuferinnen und Läufer stammen aus dem harten Kern der deutschen Ultraszene und so ist der C100 und besonders die Abschlussveranstaltung ein Wiedersehen vieler Bekannter. Auch das macht neben der liebevollen Organisation durch GI´s Team die Veranstaltung zu dem was sie ist, ein familiäres Zusammentreffen.

Zum Sportlichen:

Der Wettergott bescherte der Veranstaltung in diesem Jahr nahezu optimale Bebdingungen. Einerseits hörte gerade noch rechtzeitig zum Meilenstart der Regen auf. Die Wiesenwege waren allerdings noch sehr nass. Anderseits waren am Samstag trotz Sonne die Temperaturen noch Läuferfreundlich. Bei diesen Bedingungen waren gute Gesamtergebnisse zu erwarten. 

Den 100 Meilenlauf gewann bei den Frauen Iris Leistner in 27:33:26 (neuer Streckenrekord).

Bei den Männern setzte sich Christoph Lux in 25:11:05 vor Thomas Tribius  (26:00:00) und Wolfgang  Geistanger (27:23:04) durch.

Beim 100 km Bergultra der Frauen siegte Sabine Martin in 16:38:58 vor Iris Enzian  (17:39:15).

Die Männerwertung gewann Uli Calmbach in 10:58:11 gefolgt von Petru Muntenasu (11:26:12) und Dietmar  Fiedler (12:19:27).

Bilder mit freundlicher Unterstützung von Edgar Braun und Bernd Spring.
  

 

Informationen: Chiemgauer 100
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