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Laufberichte

Es gibt nur drei Gewinner

 

Wetter-Hoch „Ingo“ liegt seit einer Woche über Deutschland und verwöhnt uns mit Tageshöchsttemperaturen von um die 20 °C. Es herrscht mediterranes Lebensgefühl. Umso größer ist die Enttäuschung, als wir am Samstagmorgen um 9 Uhr aus dem Auto steigen. Eisiger Wind fegt über die Wöhrder Wiese im Zentrum von Nürnberg, südlich des Stadtteils Wöhrd. Klar hatte es der Wetterbericht so voraus gesagt - aber mal ehrlich: ich konnte es mir gestern nicht vorstellen. Auch andere, in kurzer Laufkleidung angereist, suchen sich frierend ein geschütztes Plätzchen.

Währenddessen sind die Helfer vom Sri Chinmoy Marathon Team mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt. Es sind mehrere Pavillons als Wetterschutz aufgebaut. An einem Tisch werden die Startnummern ausgegeben. Nebenan richten sich die Rundenzähler ein. Jeder Startnummer ist ein Buchstabe von A bis GG zugeordnet. Norbert und ich melden uns bei den für uns zuständigen Rundenzählern. Dann gibt es noch ein offenes Zelt für die Taschen der Teilnehmer. Beim Briefing, 15 Minuten vor dem Start, erklärt der Veranstalter, dass man nach jeder Runde Blickkontakt mit seinem Rundenzähler aufnehmen soll um so sicherzustellen, dass die Runde auch notiert wird. Bei 160 Läufern stelle ich mir das schwierig vor. Hoffentlich vergesse ich das später nicht. Zur Sicherheit werden die Runden aber auch noch von Hand per Computer erfasst.

 
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Weiter hinten ist die Verpflegungsstelle. Norbert erkundet schon mal das Angebot. Was er berichtet, verheißt viel Gutes. Wir begeben uns zum Start. Pünktlich um 10 Uhr geht es los. Schnell zieht sich das Feld auseinander. Die 1520 m lange Strecke führt flach um die Wöhrder Wiese herum. Abzweige sind mit Pylonen gesichert, so dass unbeteiligte Spaziergänger oder Radler nicht unvermittelt auf die Strecke gelangen können. Nach der ersten Kurve pfeift uns schon der Wind entgegen. Noch befinde ich mich in einem größeren Pulk und werde vom Vordermann geschützt. Trotzdem ist es nicht angenehm und auch ziemlich kalt. Obwohl es weiter geradeaus geht, scheinen nun auch die Bäume entlang der Strecke den Wind etwas abzuhalten. Aber die eine Stelle direkt hinter der Kurve bleibt in jeder Runde unangenehm.

Schnell sind wir einmal herum. Ich suche Blickkontakt zu meinem Zähler und bin verwirrt, dass mir der Nebenmann zuwinkt. Ich hoffe aber, dass das trotzdem klappt und gehe auf meine zweite Runde. Norbert ist schon weg. Ich versuche ein komfortables Tempo zu finden. Auf einer so kurzen Strecke wird man schnell von den Führenden überrundet. Bald ist das Feld so durchmischt, dass man nur noch schwer feststellen kann, wer wie weit ist.

 
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Ich genieße es immer einen Gesprächspartner zu finden. Mal kommt einer von hinten, macht langsam für ein kurzes Schwätzchen, dann laufe ich auf jemanden auf und passe mein Tempo an. Wir haben ja 6 Stunden Zeit.

Es gibt selbstverständlich auch die Eliteläufer. Ich kann Stefan Daum erkennen. Als Spartathlon- Finisher vielleicht eher auf noch längeren Strecken zu Hause, war er im letzten Jahr hier Zweiter. Heute scheint er bereits von Anfang an auf Siegkurs zu sein. Konzentriert läuft er Runde um Runde an mir vorbei.

Bei den Frauen sieht es ähnlich aus: Barbara Mallmann, 2013 Dritte bei den Deutschen Meisterschaften über 100 km, ist herausragend stark unterwegs. Sie wird nach 6 Stunden unglaubliche 71,374 km gelaufen sein.

So vergeht Stunde um Stunde. Mehrere Male kommen ein paar Tropfen von oben. Gott sei Dank bleibt der vom Wetterbericht versprochene Regen aus. Immer häufiger mache ich einen Stopp beim VP. Wasser, Tee, Gemüsebrühe, Cola, Malzbier, später dann alkoholfreies Bier – da ist alles dabei, was ich brauche. Spontan entscheide ich mich für Marmeladenbrot als Energiespender. Es gibt noch diverse Gemüse-, Obst- und belegte Brotsorten. Außerdem Pellkartoffeln, Salzbrezeln und verschiedenes mit Schokolade. Auch Kartoffelchips und hart gekochtes Ei habe ich gefunden (wobei ich nicht gesehen habe, dass das jemand gegessen hätte).

Die Trinkbecher sind aus Kunststoff, so dass sie mehrmals zu verwenden sind. Ständig sind die Helfer damit beschäftigt, die Sammelbehälter zu leeren, in denen wir Läufer unsere Trinkgefäße im Vorbeilaufen entsorgen können.

Mittlerweile tun mir die Füße weh. Ich muss kurze Gehpausen in meine Runden einbauen. Die Stelle mit dem Gegenwind eignet sich hier besonders gut. Und auch nach der Verpflegung lasse ich mir Zeit mit Anlaufen. Hier wird stündlich eine aktuelle Rangliste ausgehängt. Ein kurzer Blick darauf genügt, um zu sehen, dass ich mich ziemlich hinten befinde. Prima - ich kann sowieso nicht schneller.

Die Wöhrder Wiese eignet sich optimal für ein großes Lauf-Event. Auch sonst wird die innerstädtische Grünfläche entlang der Pegnitz und des Wöhrder Sees von Erholungssuchenden und Freizeitsportlern intensiv genutzt. Das ganze Jahr über finden hier Freizeit- und Kulturveranstaltungen statt. Von Mai bis September gibt es das „Erfahrungsfeld der Sinne“, sowie im Sommer Biergärten. Ich beobachte mehrere Gruppen Erwachsener, die hier Spiele spielen, wie sie auch bei Firmen-Seminaren zur Teamfindung angeboten werden. Radfahrer und Fußgänger queren die Wöhrder Wiese auf dem Weg in die Innenstadt. Auf beiden Seiten der Wiese befinden sich die Gebäudekomplexe verschiedener Fakultäten der Technischen Hochschule Nürnberg. Daher wird die Grünfläche auch von Studenten gerne zum Verweilen und Entspannen genutzt.

 
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Im Zielbereich wird es laut: der Moderator verkündet die letzte Stunde. In diesem Moment kommt sogar die Sonne heraus. Nun werden die Vorbeikommenden namentlich vorgestellt und persönlich angesprochen. Das mobilisiert natürlich die letzten Reserven. Wenn ich richtig rechne, kann ich die 50 km innerhalb der Zeit noch schaffen. In diesem Fall bekommt man eine rote Fahne, die man in dieser Runde für alle sichtbar mitführen darf. Diese Fahne will ich unbedingt haben.

Eine halbe Stunde später ist es dann soweit. Mein Zähler überreicht mir die Fahne. Jetzt bekomme ich von allen, die mich überholen Glückwünsche. Diese Läufer haben die Fahne sicher schon vor Stunden getragen und freuen sich trotzdem mit mir mit. Toll. Nach dieser Runde sind es noch 6 Minuten bis zum Zielschluss. Ich gebe die Fahne zurück und erhalte gleichzeitig einen Holzstab mit meiner Startnummer. Diesen kann man nach dem Abpfiff an seinem Haltepunkt ablegen. Ich schaffe noch eine halbe Runde, dann ist es vorbei.

Mit steifem Rücken lege ich meinen Holzstab auf den Boden und beglückwünsche die Läufer um mich herum. Wir gehen zum Start zurück. An der VP treffe ich Norbert. Er hat die 60 km vollgemacht und ist entsprechend zufrieden. Es gibt eine sehr leckere heiße Kartoffelsuppe und natürlich die üppigen Reste der Verpflegung.

Nach einer kurzen Rast machen wir uns auf den Weg zur Insel-Schütt-Schule. Hier befinden sich die Umkleiden und Duschen. Außerdem gibt es dort nochmals Essen und Trinken. Leckere Semmelknödel mit Schwammerln oder Salzkartoffeln mit Remouladensoße - alles scheinbar selbst gemacht. Zum Nachtisch noch Kaffee mit Muffins und Obst und Süßigkeiten - ich glaube ich platze gleich!

Bei der Siegerehrung werden die sieben Besten der Hauptklassen und die 3 Ersten jeder AK geehrt. Hinter Barabara Mallmann mit über 71 km, was übrigens den 4. Platz in der Gesamtwertung bedeutet, kommt Ilvaka Nemcova mit 65,805 km auf den 2. Platz. Einen knappen Kilometer weniger hat Heike Bergmann in der Klasse Seniorinnen 1 geschafft.

Hinter Stefan Daum mit 79,392 km stehen Kai Jendretzke (78,196 km) und Holger Stoek (74,350 km) auf dem Siegertreppchen.

Der Nürnberger 6 Stundenlauf ist eine Reise wert. Es ist allerdings zu beachten, dass der Lauf mit höchstens 160 Startern früh ausgebucht sein kann. Nachmeldungen scheinen aber oft Erfolg zu haben.

Trotz der Nähe zu Innenstadt ist Parken kein Problem. Ich persönlich liebe Rundenläufe. Die Runden dürfen aber gerne länger sein. Bei 1,5 km muss man schon sehr diszipliniert bleiben, um nicht in jeder Runde an die Verpflegung zu gehen. Ansonsten finde ich die Strecke, auch wegen der anregenden Schilder am Wegesrand, kurzweilig. Die Verpflegung ist phantastisch und die Helfer tun alles, um jeden Wunsch zu erfüllen. Die Rundenzählung mit persönlichen Zählern hat auch etwas Motivierendes. Die Zählung klappt gut, und die Zähler feuern alle Läufer an. Das Essen hinterher (samt Getränken im Startpreis inbegriffen) führt dazu, dass keiner gleich nach Hause geht.

Sri Chinmoy Kumar Ghose war ein spiritueller Lehrer, Schriftsteller, Dichter, Komponist, Musiker, Künstler und Sportler, der 1964 von Südindien in die Vereinigten Staaten übersiedelte, wo er 2007 verstarb. 1977 rief er das internationale Sri Chinmoy Marathon Team ins Leben, das eine Vielzahl von öffentlichen Sportveranstaltungen auf der ganzen Welt organisiert.

Für Sri Chinmoy liegt die Bedeutung von Wettkämpfen nicht darin, den anderen zu besiegen, sondern sich gegenseitig zu inspirieren, seine eigenen Fähigkeiten zu entfalten und das Ergebnis Gott zu überlassen. Er ermutigte seine Meditationsschüler regelmäßig zu laufen, da Sport den Körper fit, gesund und ausgeglichen macht, und somit die Voraussetzungen für gute Meditationen und ein dynamisches Wirken in der Welt schafft.

Viele Sportveranstaltungen des Sri Chinmoy Marathon Teams tragen im Titel den Zusatz „Self-Transcendence“ – „über sich selbst hinauswachsen“. Bei diesen Veranstaltungen wird aber nicht für Meditationskurse oder um neue Meditationsschüler geworben. Es geht nicht darum zu missionieren, sondern es soll den Menschen die Gelegenheit geboten werden, ihre eigenen guten Qualitäten zum Vorschein zu bringen.

“Es gibt nur eine vollkommene Straße, und diese Straße liegt vor dir, immer vor dir.”

“Es gibt nur drei Gewinner: Denjenigen, der sich selbst herausfordert, denjenigen, der als Erster die Ziellinie überquert und denjenigen, der das Rennen zu Ende läuft.”

Sri Chinmoy

 

  

 

 
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Informationen: 6-Stundenlauf Nürnberg
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