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Laufberichte

Die Elster rauf und runter

 

Die Weiße Elster ist ein 257 Kilometer langer Fluss, der im tschechischen Asch (Aš) entspringt und schon nach wenigen Kilometern fließt sie über die Grenze nach Thüringen und von dort weiter nach Halle, wo sie in die Saale mündet. Unter anderem passiert sie dabei die Hochschulstadt Gera, Zentrum einer Tourismusregion im östlichen Thüringen. Geras Einwohnerzahl verringert sich seit Jahren und beträgt derzeit 93.000.

Der 1. SV Gera veranstaltet seit vielen Jahren  den Elster-Landschaftsmarathon und hat sich entschlossen, trotz Covid-19 den Lauf samt einiger kürzerer Distanzen auch 2020 durchzuführen. Für die 19. Auflage wurde ein entsprechendes Hygienekonzept erarbeitet. Vielleicht ist das aufgrund der sehr geringen Infektionszahlen in Gera etwas leichter möglich als anderswo. Wir haben uns jedenfalls angemeldet und  werden von Gera zuerst 13,5 Kilometer stromaufwärts laufen, dann das Ganze zurück und danach noch die restlichen Kilometer in einer Schleife stromabwärts bis Bad Köstritz.

Am Freitagmittag sind wir quasi mit dem Homeoffice auf Rädern Richtung Gera unterwegs. Nachdem wir auf der A9 mehrere Staus hinter uns gelassen haben, schwelgen wir ab Nürnberg in Vor- und Nachwende-Erinnerungen. Noch Mitte der 1980er Jahre gab es hier Kopfsteinpflaster auf der Autobahn, weiß ich zu berichten. Das ist inzwischen Geschichte, Ein Highlight, das nach wie vor existiert, ist die Raststätte Frankenwald, als Brücke über der Autobahn konzipiert. Dahinter dann die „Brücke der Einheit“. Von der innerdeutschen Grenze sieht man nur noch das Hinweisschild. Wenig später erreichen wir dann Gera. Wir checken im Penta-Hotel ein, direkt an der Orangerie, also nahe zum Start/Zielbereich und sehr günstig.

Die Startunterlagen gibt es nicht etwa bei der Panndorfhalle, die nach einem deutsch-sowjetischen Kommunisten, Arbeitersportler und antifaschistischen Widerstandskämpfer benannt ist und wo das Navi uns hin lotst, sondern ein Stück weiter vor dem Hofwiesen-Hallenbad. Wir müssen eine Covid-Erklärung ausfüllen und bekommen dann eine wiederverwendbare Startnummer samt Chip sowie eine Tüte mit Prospekten und Einwegmaske.

Leider ist es schon spät und so sehe ich heute nichts mehr von Gera, außer einem netten Restaurant und einer Thüringer Rostbratwurst samt Köstritzer Dunkelbier.

 

 

Wir wurden aufgefordert, erst fünf Minuten vor dem für  9:00 Uhr anberaumten Start zu erscheinen, also können wir bis 8:45 Uhr noch im Zimmer bleiben. Viele auswärtige Starter sind im selben Hotel abgestiegen.

Am Startbereich stehen einige neue Stände, hauptsächlich für die Verpflegung der Fans und für die Organisation. Im Startkanal gibt es Bodenmarkierungen im geforderten Abstand und wir werden gebeten, uns entsprechend unserem Leistungsvermögen einzuordnen. Ich bin mir im Moment nicht so sicher und stelle mich mal ganz ans Ende des Starterfeldes von zirka 70 Läufern, da auch die 30 SportlerInnen, die die 27-km-Distanz gewählt haben, mit von der Partie sind. Lieber etwas Abstand lassen. Das Feld von hinten aufrollen kann ich auch später noch.

Der Countdown wird mitgezählt und schon geht es auf die Strecke. Einige Zuschauer haben sich hinter dem Startbogen eingefunden, wie in alten Zeiten.

Das Feld ist schnell. Ein Foto von der Orangerie muss aber trotzdem sein. Dieses im Halbrund angelegte Barockbauwerk bildet den westlichen Abschnitt des sogenannten Küchengartens. Im Inneren  eine kleine Ausstellung mit Werken des Malers Otto Dix, der in Gera geboren wurde. Sein Geburtshaus liegt auf der anderen Seite im Stadtteil Untermhaus. Dank der Residenz der Reußen gibt es dort viele schöne historische Gebäude. Der Ortskern gehört zu einem vielfach fotografierten Ensemble. Kurz vor der Brücke dort hinüber drehen wir nach links auf die Elsterpromenade ab.

Ich freue mich, auch einiges von Gera zu sehen. Beispielsweise das „Stadion der Freundschaft“, ein Leichtathletik-Stadion mit 15.900 Zuschauerplätzen und natürlich Heimat der Leichtathletikabteilung des 1. SV Gera.

Die großen Sandhügel am Fluss sind Überbleibsel eines Party-Sandstrands vom letzten Jahr. Die Parkanlage ist natürlich 1a in Schuss, der Bundesgartenschau 2007 sei Dank.

 

 

Unter den zu querenden Brücken gibt es Fußgängerunterführungen. Dann schon wieder ein Fußballplatz, das Stadion am Steg der BSG Wismut. Hier ist bereits ein Spiel im Gang. Wir müssen ein Stück vom Fluss weg. Die Ruckdeschelstraße ist pittoresk, könnte man sagen. Die Bodenplatten des Gehwegs sind nicht ganz plan. In der Straße liegen Reste von Straßenbahnschienen und freie Wohnungen gäbe es wohl auch noch. Sightseeing, so wie ich es auch mag. Oft sieht man bei einem Marathons die vielen unterschiedlichen Facetten einer Stadt.

Es geht über die Weiße Elster. Die Brücke mit ihren alten Bögen macht was her. Zwei junge Helferinnen lotsen uns über die Straße. Unter der Eisenbahnbrücke ein Verpflegungspunkt. Oben kann man zwischen den Schwellen hindurch sehen. Gut, dass hier nur noch moderne Wagen mit geschlossenen Toiletten verkehren. Was mir nicht so alles in den Sinn kommt.

Dann auf grobem Weg an Schrebergärten vorbei. Zertretene Birnen. Nach ein paar hundert Metern wird der Weg schmaler. Wir stürzen uns vom Damm hinunter. Ein abenteuerlicher Trampelpfad wartet auf uns. Wenigstens stören uns keine Wurzeln, aber das Tempo geht spürbar zurück. Ich hatte auf einen schönen Radweg gehofft, aber erst nach einem guten Kilometer kommt die Erlösung. Wir sind wieder auf Teer.

Erneut eine Brücke und dann der Elsterradweg, von bester Qualität und schön leer. Wer radelt schon bei solch regnerischem Wetter? Eine Wandergruppe ist immerhin auf Tour und jetzt zu überholen. Wir werden freundlich gegrüßt. Es läuft sich schön dahin. Leider sieht man die Weiße Elster nicht so gut hinter all dem Grün. Die Steigung ist wohl vernachlässigbar.

Und immer wieder Verpflegungsstände: Wasser, Tee, Bananen, Äpfel und Müsliriegel gibt es. Das ist schon ein Unterschied zu unseren Selbstverpflegungsmarathons der letzten Monate. Ich will am VP nicht unhöflich erschienen und greife alle 2-3 Kilometer zu.

Etwa drei Kilometer vor der Wendestelle kommen uns die Führenden entgegen. Was mir auffällt,, ist das Lächeln auf allen Gesichtern. Denen scheint es auch viel Spaß zu machen. Vorn mit dabei auch Jürgen Steiner vom DJK Weiden, den wir schon öfter beim Lanzarote Marathon und im Flieger dorthin gesehen haben. Er schafft es, die meisten seiner Marathons unter 3 Stunden zu beenden. Über 130 hat er schon davon und das in meiner Altersklasse. Meine über 130 Marathons mit mehr als 4 Stunden interessieren im Vergleich eher weniger..

Die Siedlung Wünschendorf/Elster wird erreicht. Viele Gemeinden an der Elster haben den schwarz-weißen Vogel in ihrem Wappen, obwohl der Name Elster vom indogermanischen Al-stra abgeleitet ist und mit „fließen“ oder „strömen“ zu tun hat. Ach ja, eine Schwarze Elster gibt es auch noch. Aber die liegt woanders. Die schönen Häuser sind von viel Grün umgeben. Ein Helfer weist uns auf einen schmalen Weg, der zu einem Hauseingang zu führen scheint. Falsch, es geht am Haus vorbei. Quasi eine Abkürzung zu einem Highlight: Die Wünschendorfer Brücke ist eine der ältesten überdachten Holzbrücken in Deutschland. Es gibt sogar einen schmalen Gehweg für den Fall, dass ein Auto kommt.

 

 

Nun noch über die Weidach, dann leicht bergauf Richtung Kloster Mildenfurth. Die mächtige, ab 1193 angelegte Anlage konnten wir schon seit einer ganzen Weile sehen. Es geht in den Klosterhof hinein und einmal um das Kloster herum. Die Figuren im Garten wurden von Künstlerehepaar Volkmar Kühn und Marita Kühn-Leihbecher gestaltet. Man sieht auch einige ihrer Plastiken im Stadtgebiet von Gera.

Das ist echt die Wucht. Natürlich nichts für Sekundenzähler. Die Kurven und der lockere Kies könnten Zeit kosten. Ich bleibe sowieso stehen, da ich ja fotografieren möchte.

Nun 13,5 Kilometer flussabwärts auf bekannter Strecke. Der Ho-Chi-Minh-Pfad wird auch gemeistert. Unglaublich, dass Judith und ich im ehemaligen Saigon noch im Januar einen Marathon laufen konnten. Dann noch Bad Füssing und Nikosia im Februar und am 1.3. war kurz vor Bologna dann Schluss. Spätestens dann zeigte sich, dass meine Devise: „Verschiebe nichts auf morgen“ doch nicht falsch war, auch wenn uns manche wegen unserer vielen Marathonreisen für verrückt erklärt hatten. Im Moment können wir gut für künftige Reisen etwas ansparen.

Eine super Sache, dass der 1. SV Gera diesen Lauf durchführt. Bei der überschaubaren Teilnehmerzahl haben wir viel weniger Abstandsprobleme zu anderen Personen als bei unseren Trainingsläufen in München an der Isar. Ich bin auf jeden Fall sehr glücklich. Das rufe ich dann auch einem kleinen Helfer zu. Der antwortet passend:  „Dann kommt doch nächstes Jahr wieder“

Vor uns quert eine ältere Tatra-Straßenbahn die Brücke. In der Ferne am Fluss ein Bauwerk, das ich für eine thailändische Tempelanlage halte. Die steilen Dächer sind schön versetzt. Erst später erkenne ich, dass es sich um den Eingangsbereich eines „Bauhaus“-Markts handelt.

 

 

Unter einer Kastanienallee hindurch, und schon treffen wir wieder auf das Stadion. Mehrere Helfer weisen uns darauf hin, nicht ins Stadion zu laufen. Das ist den 27-km-Läufern vorbehalten. Allerdings könnten Marathonis hier auf die Kurzvariante umsteigen. Alle anderen müssen noch gut 7 Kilometer die Weiße Elster abwärts.

Erst noch mal ein kurzes Stück durch geschlossene Bebauung und dann auf einer schönen, von Villen gesäumten Straße am Fluss entlang, der hier im Tal schon viel majestätischer erscheint. Der folgende Schotterweg macht mit den spitzen Steinen weniger Spaß. Ich rufe: „Judith, ein Haufen Rindviecher“. Der entgegenkommende Läufer grinst und merkt, dass nicht er gemeint ist. Wobei die zotteligen Kühe auf der Wiese ganz nett aussehen.

Noch mal zwei Flussseitenwechsel, dazwischen unter der A4 hindurch, eine unserer großen Autobahnen. Früher konnte man drei riesige Schornsteine eines Stromkraftwerks sehen. Diese wurden aber abgetragen und durch ein neues Kraftwerk mit kleineren Essen ersetzt. Judith dreht richtig auf. Ich halte mit und hoffe, dass ich nicht abreißen lassen muss. Das würde mich sehr ärgern.

Kilometerangaben gibt es gelegentlich, aber hier bei km 35 passt es gar nicht. Wir sind laut unseren Uhren schon 1,5 km weiter. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass man die führende Runde um einen Kilometer verlängert hat.

Die Szenerie ändert sich wieder. Links eine steile Felswand, dann zwei kleine Seen. Und jetzt auch noch ein Gehege mit Rehen. Judith als mein „Hase“ („Gazelle“ wäre wohl doch übertrieben) zieht mich weiter. Am Rande von Bad Köstritz an einem Tempelchen in einem Garten, der einem englischen Landschaftspark nachempfunden ist, dann  die Wende. Schön, weil die Entfernung passt, aber dafür bekommen wir die dort ansässige bekannte Brauerei nicht zu sehen.

Hatten wir auf den letzten Kilometern einige schwächelnde Kandidaten für einen möglichen Überholversuch ausgemacht, startet nun eine Aufholjagd flussaufwärts. Ich reiße ein Geltütchen auf, nur im Mund kommt dann nichts an. Stattdessen klebt der Inhalt an meinen Fingern. Da freue ich mich richtig auf das Wasser beim nächsten VP-Punkt.

Wie erhofft, können wir einige Mitstreiter einholen. Ich liebe diese Läufe, bei denen man am Ende noch ausreichend Energie hat, um seinen Schnitt zu halten oder zu erhöhen. Da ist mir die Zielzeit schon fast egal.

 

 

Noch mal ein schöner Blick auf die Altstadt jenseits des Flusses. Wir sind gespannt auf die Streckenführung. Eine Stadionrunde gibt es nicht für uns Marathonis. Es geht direkt Richtung Ziel und natürlich werden wir mit Namen begrüßt.

Eine nette Medaille gibt es und eine kleine Verpflegung. Gut, dass Judith als Fünfte noch ein Sixpack Köstritzer Bier bekommt. Plus ein Sixpack für den 1. AK Platz.

Zum Duschen geht es ins Hotel, die Anlagen im Schwimmbad dürfen nicht benutzt werden. Ebenso gibt es keine Massagen gibt. Dann auf zum Sightseeing in die Innenstadt.

Ein großer Dank an die Veranstalter und Verantwortlichen dafür, dass sie den Lauf durchgeführt haben. Bei dieser Anzahl von Sportlern, Helfern und Zuschauern ist das Risiko einer Infektion sicher nicht größer als in einer durchschnittlich besuchten Einkaufsstraße.

 

Finisherinnen Marathon

1 Marquardt Doris      LAV Bonn Bad Godesberg   03:04:36,80
2 Fischer-Bedtke        Christine LG eXa Leipzig      03:13:33,20
3 Arning Ines             BSG-BfA-Gera                      03:51:34,80
4 Dumas Claire                                                          04:23:50,30

 

Finischer Marathon

1 Koch Jonas              TSV Glems                            02:47:07,30
2 Schulze Thomas                                                     02:58:09,90
3 Thieme Jens             Geraer Füchse                        03:01:01,80
4 Steiner Jürgen          DJK Weiden                          03:01:38,30

 

Finisherzahlen

Marathon:       43
27 km              26
15 km              54
10 km              57

 

Informationen: Elstertal-Marathon
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