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Solidarność-Marathon Danzig: Hitzeresistenz gefragt

 

Seit Jahren nehme ich mir vor, einmal beim Solidarność -Marathon in Danzig zu starten. Die unter der Schirmherrschaft der größten und bedeutendsten Gewerkschaftsbewegung Polens stehende Laufveranstaltung wird heuer zum 21. Male und wie die Jahre zuvor am Maria Himmelfahrtstag, im katholischen Polen ein strenger Feiertag, ausgetragen.

Es ist aber nicht alleine die ehemalige Hansestadt Danzig, die ich von unseren Kreuzfahrten in die Ostsee kenne und schon in den 1970er-Jahren als Student von Schweden aus mit Fährschiffen mehrmals besuchte, die mich reizt, sondern vor allem der Mythos und das Zauberwort „Solidarność“. Dank dieser, unter der Führung von Lech Wałęsa 1980 gegründeten Arbeiterbewegung, kam es 1989 zur politischen Wende in Polen und im gesamten ehemaligen Ostblock – Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion fanden hier ihren Ausgang.

Als Sammler von Marathonmedaillen erhoffe ich mir natürlich ein besonders schönes Unikat, wobei anzumerken ist, dass ich bei all meinen bisher gelaufenen Marathons in Polen –  Chorzow, Kattowitz, Krakau, Szklarska Poręba im Riesengebirge und Warschau (2x) – stets eine schöne, gediegene Medaille mit nach Hause nehmen konnte.

Zudem spricht dafür, dass nach den langen Hitzewochen in unseren Breiten im Norden Europas mit etwas kühlerem Wetter zu rechnen ist und ich den 35 Grad C in Wien für einige Tage entfliehen kann.

Registrieren kann man sich bis zum 8. August über die m.E. informative Veranstalterhomepage. Wer nicht Polnisch spricht bzw. mit der Originalseite nicht zurechtkommt, für den gibt es eine englische Übersetzung der „Regulamin“ (Rules). Über einen Link kann man sich dann auf Englisch bei datasport.pl anmelden. Zu meinem Erstaunen ist die Teilnahme für alle über 60 gratis, ebenso für Mitglieder der Solidarność , vom Race-Direktor eingeladene Läufer und jene, die bisher alle 20 Marathons mitgemacht haben. Ich bekomme vom System die Startnummer 909 zugewiesen.

In den letzten Jahren ist dieser Marathon gewachsen und auch international bekannt geworden. Es sind neben Europäern auch etliche Läufer aus Übersee – Brasilien, Japan und den USA – in der Starterliste zu finden. Es ist anzunehmen, dass viele damit einen Kurzurlaub verbinden und sich die herrlich restaurierte Altstadt von Danzig ansehen werden. Das mag ein Grund sein, dass ich am 8. August kein günstiges Hotel mehr bekomme und schließlich das Mercure für 138 Euro pro Nacht ohne Frühstück (12 Euro) buchen muss (außer ich hätte in einem Hostel übernachtet oder mich außerhalb des Zentrums einquartiert). In einem Schlafsaal oder in einem wie bei Marathons in der in Polen üblich angebotenen Turnhalle zu nächtigen, kommt für mich in meinem Alter nicht mehr in Frage.

Ich komme am Vortag am frühen Abend in Danzig an und checke im 4-Sterne-Hotel Mercure Gdańsk Stare Miasto in der Jana Heweliusza 22 ein. Keine Wolke ist am Abendhimmel zu sehen, tagsüber hatte an die 27 Grad C. Es scheint, dass mir die Hitze von Wien aus nachgefolgt ist.

Bis 22 Uhr kann man sich laut Ausschreibung die Startunterlagen in einer Sportanlage in der ul. J. Bema Nr. 33 in Gdynia (Gdingen), wo sich auch der Start des Marathons befindet, abholen. Gdynia ist eine Hafenstadt an der Danziger Bucht. Sie bildet in der Wojewodschaft Pommern mit der größten Stadt Danzig und dem kleineren Zoppot (Sopot) die Wirtschaftsregion Trójmiasto (Dreistadt).

Ich nehme vom Hauptbahnhof Gdansk Glowny die Lokalbahn SKM (polnisch Szybka Kolej Miejska w Trójmieście genannt) mit blau-gelben Waggons. Das im Zug gekaufte Ticket ist mit 6 Zloty (1 Euro ist dzt. etwas über 4 Zloty) geringfügig teurer. Die Fahrt vom HBH nach Gdynia Wzgórze Św. Maksymiliana dauert mehr als eine halbe Stunde. Da der Marathon an einem Feiertag stattfindet, werden weniger Lokalzüge verkehren. Ich checke den Fahrplan und notiere mir die Abfahrtszeiten.

Als ich in dem Vorort in Gdynia aussteige, bin ich um 21 Uhr der einzige, der offensichtlich zur Startnummernausgabe will. Draußen ist es schon finster. Die Unterführung bietet zwei Möglichkeiten, nach links oder rechts. Die nahe ul. Bema wird nirgendwo angekündigt. Leider habe ich mein Smartphone im Hotel gelassen, denn die GPS-Funktion wäre nun hilfreich gewesen. Prompt kommt mir ein junger Mann entgegen, der einen Plastiksack mit der Aufschrift Ziaja, Sponsor des Solidarność –Marathons trägt. Englisch versteht er nicht, aber das Wort „Marathon“.

Er zeigt nach links, aus der Richtung, aus der er kommt. Ich vertraue ihm und mache mich auf den Weg. Bald stehe ich vor einem großen Einkaufszentrum, das jetzt um 21 Uhr gerade schließt. Ich erkenne den Irrtum, da bin ich vor der falschen Adresse. Also zurück in die Unterführung. Zwei Einheimische, die ich kurz anspreche und ihnen die notierte Adresse zeige, kennen die ul. Jozefa Bema 33 nahe dem Dom Kultury nicht.

Aber nur keine Hektik, ich gehe einfach der Nase nach und  werde schon fündig werden. 200 m weiter stoße ich auf einen kleinen Park. Ein Junge mit einem Skateboard übt auf einer Nebenstraße im Laternenlicht. Ich sage einfach „Marathon“ und schaue ihn fragend an. Er verweist auf eine geschätzte 100 m entfernte, allerdings in der Dunkelheit schwer erkennbare, Sportanlage. Vor einer Überdachung befindet sich ein Stand mit Sportartikeln und allerlei Zubehör. Drinnen erfolgt die Startnummernausgabe. Man ist sehr freundlich zu mir, der Helfer spricht gutes Englisch. Er erwähnt, dass die Läufer auch morgen bis ca. 8 Uhr 30 ihre Unterlagen bekommen würden (wie es auf der homepage zu lesen ist),außerdem würde man heute eine Viertelstunde draufgeben und bis ca. 22 Uhr 15 da sein.

 
© marathon4you.de 23 Bilder

In der Tüte sind ein Duschbad und ein Deo von Ziaja, eine Kosmetikfirma, deren Naturprodukte auch bei uns in Österreich z.B. in Bipa-Filialen und inzwischen weltweit vertrieben werden. Mich interessiert aber das Funktionsshirt, das ich mir neuerdings bei Marathons, wenn eines inkludiert ist, immer in XL aushändigen lasse. Nicht dass ich mit den Jahren zu blad (für Nichtwiener = dick) geworden wäre, nein, es ist der Tragekomfort. Ich fühle mich in einem hautengen Shirt nicht so wohl. Das grüne Ziaja-Logo ist auf der Vorder- und Rückseite des in weiß gehaltenen Leibchens dominant, doch wegen seiner Schlichtheit kann man es auch in der Freizeit tragen. Ich bin rundum zufrieden und mache mich auf den Rückweg nach Danzig – mit der SKM, meiner Hauszubringerbahn in den kommenden zwei Tagen.

Tagwache ist um 5 Uhr 30, für das Frühstück ab 6 Uhr bleibt keine Zeit, denn der für mich in Frage kommende SKM-Zug fährt um 6 Uhr 44. Am Bahnsteig 2 sind bereits zahlreiche Läufer versammelt, die alle zum Start wollen. Der Wetterbericht kündigt für den Renntag Temperaturen bis zu 30 Grad C an, dies ist an einem Aushang nahe der Rezeption zu lesen. Schön für die Ostseestrandurlauber, für uns Läufer ein Handicap.

Ich erlebe persönlich seit einigen Jahren, dass mein Leistungsvermögen bei einem sogenannten Hitzemarathon stark reduziert wird und ich nach 15 km schon müde bin. Dass dies kein Vorwand für die eigene schlechte Laufleistungen sein möge, unterstreicht z.B. die Absage des heurigen Tel Aviv Marathons am 27. Februar, der mitten im Rennen wegen gefährlicher Hitze (28 Grad wurden gemessen) abgebrochen wurde, nachdem zwei Läufer (von über 30.000) zusammengebrochen waren.

Am Tage finde ich den Startbereich von der SKM-Station kommend natürlich auf Anhieb, auch marschieren heute alle in dieselbe Richtung. Jetzt knapp vor 8 Uhr verbleiben noch 1 ½ Stunden bis zum Start des 21. Solidarność-Marathon. Ich habe meinen Kleidersack dabei, die Laufhose schon angezogen. Die restliche Laufkleidung (heute ein Singlet, weil es heiß wird) werde ich wie viele andere sitzend auf einer der vielen Parkbänke anziehen.

Den Kleidersack soll man bis 8 Uhr 30 je nach der Höhe der Startnummer bei einem von zwei bereitgestellten Bussen abgeben, die noch vor dem Marathonstart nach Danzig in die Nähe des Ziels in der Altstadt fahren werden. Ich lasse mir dafür aber Zeit, spaziere im Gelände des Sportzentrums umher. Ich ersuche einen Kollegen, mich vor dem Denkmal des Marschalls Józef K. Piłsudski  zu fotografieren, der 1935 starb und dessen vorherige deutschlandfreundliche Politik mit dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf Polen 1939 ein jähes Ende fand.

Vor dem Eingang zur Startnummernausgabe sitzen zwei vom Benedek-Team gestellte Keniaten, ein Mann und eine Frau, und bereiten sich mental auf den Bewerb vor. Vor allem bei sogenannten „Ostblockmarathons“ (das ist eine ehemals geografische Zuordnung, keinesfalls abwertend gemeint) sind Läufer vom Benedek-Team oft anzutreffen, zumeist gewinnen sie. Ich selbst bin ja auch oft im Osten unterwegs, doch vom Benedek-Team gemanagte Sportler waren auch schon in Österreich anzutreffen.
Um 9 Uhr beginnt die feierliche Zeremonie mit Ansprachen und einer Kranzniederlegung vor dem Denkmal  für die 45 Opfer bei den Werftarbeiterstreiks im Jahr 1970 nun in Gdynia an der Piłsudski-Allee direkt bei Start. Ich bin mir nicht sicher, ob auch Piotr Duda, Chef der Solidarność seit Oktober 2010, eine Rede hält. Den Portraitfotos nach zu schließen, die es von ihm im Web gibt, könnte er es sein.

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