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Laufberichte

Alles ausziehen! Hitzewelle über Europa! Für manche Regionen sind Temperaturen von über 37 Grad angekündigt. Für viele sind die heißen Sommertage eine schwierige Zeit. Die Gefahr in körperliche Lethargie zu verfallen steigt mit jedem Grad auf dem Thermometer. Die Gefahr, die Stunden lieber im Freibad oder im Biergarten zu verbringen lauert permanent. „Tu-nix-Wochenenden“ – nichts schlimmer als das. Wohin also bei der Hitze?

Hier mein heißer Tipp, sozusagen als Kampfansage an den Sonnenbrand oder Sonnenstich: Der Hornisgrinde Marathon im dichtesten Wald Deutschlands und in einer Höhenlage von 900 Metern. Wo sonst könnte man heute auch bei Temperaturen auf  Sahara-Niveau einen Marathonlauf traumhaft genießen? Ein Laufklassiker in einer Landschaft, die auch am Tag düster ist. Es ist eine Landschaft, die Grenzenlosigkeit weckt.

Das Nachtflugerverbot am Frankfurter Flughafen ist gerade beendet, als ich mein Auto starte, keine zwei Stunden später befinde ich mich am Waldparkplatz Hundseck unterhalb des Mehliskopfes. Um mich herum reine Mittelgebirgsluft und Waldidylle pur. Gebannt lausche ich dem Zwitschern der Vögel, es duftet nach Nadelwald. Der Schwarzwald ist nicht überall so ruhig wie hier im Norden. Er hat auch seine Touristenhotspots wie z.B. Triberg im mittleren Schwarzwald, wo der höchste Wasserfall Deutschlands in die Tiefe donnert oder am Titisee im Hochschwarzwald.

Am Hundseck ist es bereits an diesem Sommermorgen um acht Uhr 22 Grad warm und der Schwarzwald ist noch genauso, wie vor 42 Jahren. Denn genau so lange schon richtet der TV Bühlertal, der im vergangenen Jahr 100jähriges Bestehen feierte, mit liebevoller Hingabe Laufveranstaltungen wie den Marathon, Halbmarathon oder Zehnkilometerläufe aus. Darunter auch die Deutschen Meisterschaften der Bahngeher. 2012 schrieb der Verein gar WM-Geschichte, denn niemals zuvor waren mehr Läufer bei einer Weltmeisterschaft „Masters Mountain Running Championships“ am Start, als in Bühlertal.

Von diesen Teilnehmerzahlen kann der Marathonlauf zurzeit nur träumen. Immer mehr Läufe verdrängen die Klassiker der Marathons. Allein auf Marathon4you/Trailrunning.de sind für dieses Wochenende sieben attraktive Läufe gelistet, darunter klangvolle Namen wie: Eiger Ultra Trail, Silvretta Run 3000 oder Königschlösser Romantikmarathon.

 
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An diesem Morgen gibt es keinen Schatten, weil es keine Sonne gibt. Der Himmel ist bewölkt, das Wetter zum Laufen vielversprechend. Ich schlendere über die Waldlichtung, auf der ein großes Festzelt aufgebaut ist. Und plötzlich ist es da, das himmlische Empfinden: Ich kann ganz meinem eigenen Tempo nachgehen. Kein hektisches Herumgerenne bei der Startnummernabholung, keine Warteschlangen vor den aufgestellten Dixi-Toiletten. Niemanden interessiert es, ob ich beim Start vorne oder hinten stehe. Ich trage weder Rucksack, noch haben meine Laufschuhe grobes Profil.

Ganz anders war dies noch vor drei Jahren am gleichen Ort, an gleicher Stelle. Es regnete und war einfach nur a…kalt. Ein ehrgeiziges Projekt galt es durchzuziehen: Innerhalb eines Jahres in jedem Bundesland einen Marathon zu laufen. Weniger die Anzahl der Läufe, als vielmehr die Logistik waren dabei die Herausforderung. Baden-Württemberg war der 13. Lauf der Bundesländer-Marathonserie. Ganz klar, dass Kay und ich das Projekt erst mit dem 17. Bundesland„Mallorca“ beendeten. Dies war eine tolle Erfahrung Deutschland auf eine ganz andere Art kennenzulernen.

 

 „Das Zentralmassiv des deutschen Gefühls"


So nennt Johannes Schweikle den Schwarzwald, sehr passend wie ich finde. Vom Start weg laufen wir für kurze Zeit am 285 kilometerlangen Fernwegeklassiker Deutschlands, dem Westweg, der sich von Pforzheim nach Basel erstreckt, sanft abwärts entlang. Es ist schwül, schon die ersten Meter bescheren Schweißausbrüche.

 
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Sehr schnell gewinnt man den Eindruck vom vergangenen neunzehnten Jahrhundert, man kann sich vorstellen, wie hier im einstigen Kurhaus Sand Licht-, Luft und Erholungskuren durchgeführt wurden, wie männliche Erholungssuchenden in gekachelten Dampf- oder Eisbädern sich den Kopf nach Österreichs Sisi (die gemeinsam mit ihrer Freundin, der Erzherzogin Valerie, hier auf Besuch war), verdrehten. Man kann sich vorstellen, welche Zurückhaltung den Kurschatten an der Schwarzwaldhochstraße förmlich auferlegt wurde. mehrwöchiges Abhängen in schwarzer Höhenluft – klingt phantastisch? Nicht wirklich! Denn dahinter kann sich auch traurige aber gut schmeckende Realität verbergen: Der berühmte Schwarzwälder Wildschweinschinken.

Spaß beiseite. Polizisten stoppen den Verkehr, ich quere die älteste und berühmteste Touristenstraße des Schwarzwaldes. Alles bis auf die Läufer vor mir vermittelt das Gefühl von „bloß nicht hetzen!“. Was also werden die vielen Läufer am Eiger und im Karwendel auf dem zweiundvierzig Kilometer langen Rundkurs der Hornigsgrinde verpassen? Augenblicklich verpassen sie nicht viel.Sieht man von einer Handvoll Zuschauer ab und den nun beginnenden Waldweg, der leicht abwärts führt. Eine Werbung am Wegesrand sagt mir, dass ich jetzt am Mehliskopf ganzjährig Bobfahren oder Klettern gehen könnte.

Schritt für Schritt gewinne ich Abstand. Es dauert einen kleinen Moment, bis sich das Auge an das Halbdunkel im Wald gewöhnt und nur wenige Minuten, bis sich die Hornhaut des Alltags löst. Das Läuferfeld ist noch dicht beisammen, der Weg ist eng. Am ehemaligen Kurhaus und ehemaligen Hotel Plättig ist die erste Steigung. Ein wenig versteckt sieht man das Adenauerkappelchen. Schwarze große Zahlen auf Tafeln zeigen uns Läufern jeden gelaufenen Kilometer an. So kurz nach dem Start wird noch niemand darauf Rücksicht nehmen.

Weiter unten und dennoch auf 770 Meter Höhe, befindet sich ein Teil deutscher Beschaulichkeit. Das noch immer geschlossene fünf Sterne Schlosshotel Bühlerhöhe auf dem Kohlbergfelsen. Wer ist nicht alles hier abgestiegen, in den Zeiten, die wir in voller Absicht zu verklären, jetzt auch noch die guten alten nennen wollen. Die Bühlerhöhe wurde ab 1912 als Offiziersgenesungsheim gebaut, 1943 zur Kinderlandverschickung tobten fast hundert Mädels durch das große Haus, für sie war es ein Märchenschloss inmitten eines Märchenwaldes. Später wurde es zum Kur- und Luxushotel. Elegant und mondän, Kristallleuchter und Champagnerkübel. Geschäftstüchtige, die die neusten medizinischen Erkenntnisse zu versilbern gedachten. Ernst Rowohlt, der Verleger, Politiker wie Schumacher, Stresemann und die Familie Adenauer waren dort. Es folgten andere Zeiten, andere Gäste. Boris Becker zog in der Hochzeitsnacht hier das Doppelbett der Besenkammer vor, die englische Nationalmannschaft musste sich nicht dem kühleren Wetter des Nordschwarzwaldes zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 anpassen. Apropos Fußball: Nein, ich bin kein Fußballfan und nein, auch wenn wir jetzt Weltmeister sind.

 
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Aber ich bin fasziniert vom badischen Dialekt Jogi Löw‘s, der mir hier überall um die Ohren schwirrt. Wir quasseln uns vorbei an der kleinen Blockhütte, die den Schriftzug „Bernsteinhütte“ trägt. Auf 738 Metern Höhe habe ich einen Blick bis hinunter zum Rheintal. Der bequeme Höhenweg im Tannenwald lässt das Tempo schonungslos steigen – aufhalten können mich jetzt nur die erste Verpflegung und der Panoramablick über das dunkle Tannendickicht.

Schon kurz darauf lichteten sich die Bäume ein wenig und geben den Blick frei auf den „Scherrhof“. Die Tische und Bänke sind befreit von Gästen in dem urigen Bilderbuch-Waldgasthaus. Und so wird ein Marathon zwischen Tannenwäldern und Wiesen zu einem ausgedehnten Erholungslauf. Ein Tag ganz ohne Pointen. Naherholung inklusive Wald-und-Wiesen-Power. Mücken und Käfer durchschwirren die Luft.

Der Weg biegt in ein rabenschwarzes schmales Waldstück. Trail-Genuss für einen Kilometer. Ich rieche den Duft und fühle die Kraft der meterhohen Tannen. Leicht steigt der Weg, das Wasser schmeckt trotz beginnenden Regens an der Verpflegung nochmal so gut. Im ruhigen Nebeneinander der Roten Lache und dem gleichnamigen Höhenhotel hat der Lauf der Geschichte seine Abdrücke hinterlassen, dass man selbst im zügigen Vorbeilaufen achtsam wird. Mitten im Wald thront seit 1909 das alte Lokal 700 Meter über dem Murgtal. Viele Wanderer  haben im Laufe der Jahrhunderte hier verkehrt. Waschbetonplatten belegen den Boden. Plastikstühle im Retro-Chic – ideal für einen Sonntagnachmittag im Biergarten. Auf der Grünfläche davor hängt die Jugend in kleinen Zelten ab.

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Informationen: SCHÖCK Hornisgrinde Marathon
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