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Laufberichte

"Weil der da ist" oder: Verrückt ist nicht genug

 

Als ich Ende 2015 zum ersten Mal von diesem Unterfangen im Internet las, musste ich mir zunächst einmal Bilder des namengebenden Berges ansehen – und mehrmals gehörig schlucken. Bestimmt hat jeder schon einmal im Leben diverse Geschichten über die prachtvollste, aber auch tragischste und gefährlichste Bergspitze der Welt gelesen, gesehen oder zumindest gehört.

Ein paar kurze Fakten möchte ich dennoch einmal anreißen: Mit sage und schreibe 8848 Metern befindet sich der Gipfel über dem Meeresspiegel, ist somit also der unumstritten höchste Berg der Erde. In der Geschichte sind bislang über 282 Menschen beim Aufstieg umgekommen. Windgeschwindigkeiten können höher als 320 km die Stunde sein. Man benötigt ungefähr 40 Tage für die Besteigung. Zur Pflichtausrüstung gehören selbstredend Nylon-Seile, Spikes, Eisäxte, mit Daunen gefüllte Anzüge und Sauerstoffgeräte. Um sich diese Höhe vorzustellen, muss man sich vor Augen führen, dass da normalerweise Jets wie die Boeing 777 fliegen.

Hier nun die gute Nachricht: Ich brauchte lediglich die besagten Höhenmeter erklimmen und somit symbolisch den Mount Everest besteigen. Das sollte doch machbar sein. Das Atemgerät konnte ich also beruhigt zuhause lassen. Mein Interesse war damals also geweckt, ich wollte unbedingt bei dieser Wahnsinns-Treppentour dabei sein. Im darauf folgenden Jahr jedoch die schmerzliche Ernüchterung: ein Wadenbeinbruch (Treppensturz, welch Ironie) hinderte mich an der Beteiligung nebst Anreise.

Gut zwölf Monate später dachte ich bereits über die neue Laufsaison nach, und stolperte erneut (keine Sorge, diesmal lediglich gedanklich) über besagten Treppenmarathon. Diverse Bilder des Berges noch vage in Erinnerung, hatte ich mir dann noch auf der Webseite des Veranstalters die sonstigen Fakten zu dieser Verrücktheit reingezogen: Die DUV bezeichnet diesen Ultramarathon als den schwersten und größten Extremtreppenlauf der Welt. Diejenigen, welche innerhalb von 24 Stunden exakt 100 Runden laufen, haben sowohl die beeindruckende Zahl von 8848 Höhenmeter des namengebenden Mount Everest absolviert, als auch satte 79400 Treppenstufen erklommen und nebenher noch 84,4 Kilometer zurück gelegt. So so. Ich ging kurz in mich, wog pro und kontra ab. Ist das ohne ausreichende Treppenlauf-Erfahrung und wenige Monate Training eigentlich machbar? Wie trainiert man so einen Treppenlauf überhaupt? Wird mein treuer Begleiter, die schmale Titanplatte in meinem rechten Fuß, diese Ultra-Belastung überhaupt standhalten? Rufe ich besser meinen Orthopäden an oder nicht? Fragen über Fragen. Aber: Ich war erneut Feuer und Flamme, denn das las sich auf dem Papier nach einer irrwitzigen Mords-Nummer. Verrückt ist einfach nicht genug, also: angemeldet!

Irgendwann Anfang 2017 trudelte eine unscheinbare Mail in mein Postfach, in welcher stand, ich sei dabei. Oh. Diesen Lauf hatte ich wohl gedanklich schon verdrängt? Und nun bin ich tatsächlich bei dieser krassen Sache dabei? Wissen die denn gar nicht, welchem Bekloppten die einen ihrer hochbegehrten Starter-Plätze zugeschoben hatten? Wohl nicht, sonst hätte Organisator Ulf Kühne vermutlich einen dezenten Rückzieher gemacht. Obwohl, da durften doch nur Verrückte teilnehmen? Der irre Bartkowski war tatsächlich am Start! Kurzer Jubelschrei im Wohnzimmer. Dann kniff ich die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, verzog den Mundwinkel langsam zu einem immer breiter werdenden Joker-Grinsen und rieb mir innerlich die Hände, als hätte der Pate höchstpersönlich den lieben Veranstaltern ein Angebot gemacht, welches sie nicht hätten ablehnen können: meine Teilnahme!

 

 
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Zunächst hatte ich mir überlegt, ein Hotelzimmer zu reservieren und einen Tag früher anzureisen. Diesen Plan hatte ich dann schnell wieder verworfen, denn um die vorliegende Mammutaufgabe zu bewältigen, konnte ich es mir nicht leisten, zwischendurch mal die Veranstaltung zu verlassen und im gut 2 km entfernten Hotel für einige Stunden zu nächtigen. Dann las ich von Feldbetten in beheizten Zelten und alles war gut. Im schlimmsten Falle konnte ich mich also dorthin begeben und etwas ausruhen. Top organisiert! Dann musste ich unwillkürlich an meine Teilnahme der  24-Stunden-Laufveranstaltung in Braunschweig von vor vier Jahren denken: flacher Runden-Parcours auf einem Sportplatz mit der Möglichkeit der Übernachtung im eigens mitgebrachten Zelt. War damals auch bitter nötig. Ich erinnerte mich: Irgendwann am frühen Morgen, als ich meinen hundertsten Kilometer vollgemacht hatte, übermannte mich vor lauter Erschöpfung eine derartige Müdigkeit, dass ich urplötzlich wie ein Zombie in mein Zelt torkelte und drei Stunden am Stück geschlafen hatte. Danach wieder hoch gequält, immer noch taumelnd auf die Piste und trotz einiger Belastungsschmerzen weiter gelaufen. Irgendwie hatte das damals funktioniert. Ich konnte daher über die Vorstellung, in Radebeul ununterbrochen und ohne Schlaf die Treppe hoch und runter zu Laufen, nur müde lächeln.

Als dann endlich der große Tag gekommen war und ich im Zug nach Dresden saß, ging mir so einiges durch den Kopf...

Zuallererst einmal mehr das Thema Training. Über meinen Trainingszustand hatte ich mir so meine lieben Gedanken gemacht. Nämlich keine großen. Ich weiß noch, was ich so dachte: Mensch Mario, in wenigen Wochen ist es bereits so weit und Du hast partout keine Ahnung vom Treppenlaufen. „Warum suchst Du Dir eigentlich immer diese verrückten Sachen raus?“, fragte mich mein Kumpel. „Was bringt Dir das denn, was hast Du davon?“. Tja. Wir Läufer wissen ja, wie wir so ticken. Aber Familie, Freunde und Bekannte, die mit der Lauferei eh nichts anzufangen wissen, können das jedes Mal nur sehr schwer nachvollziehen. Normalerweise erwiderte ich solche Standard-Fragen prompt und wie aus der Pistole geschossen heraus. Antworten wie „Es fühlt sich einfach gut an, ich spüre mit jeder Faser, das ich lebe“ oder „Ich genieße es, scheinbar unerreichbare Ziele wie einen Luffa-Schwamm aufzusaugen und zu meistern“ kommen dann auch wirklich von Herzen und sind auch so gemeint.  Diesmal jedoch hatte ich wohl eine Sekunde zu spät reagiert, was mein Kumpel umgehend als Unentschlossenheit bewertete. „Oh...da hat sich aber jemand keine großen Gedanken gemacht, was?“, grinste er bloß. Nicht ganz. Jedes Mal, wenn ih an die Treppe dachte, keimte zunächst blanke Vorfreude auf. Der Spaß an der Freude stand hier für mich eindeutig im Vordergrund, dicht gefolgt von der Möglichkeit, etwas scheinbar Unmögliches zu erreichen. Dann folgte das große Aber im Hinterkopf, die blanke Ehrfurcht machte sich breit. Drum kontaktierte ich – es waren nur noch wenige Wochen vor dem Event – die einzige Person, welche ich bereits kannte und die mir bestimmt weiterhelfen konnte: Treppenläufer sowie Sport – und Mental-Coach Horst Liebetruth aus Hannover. Bei Ihm wusste ich: der stieg die Treppen nicht nur, er lief sie! Ich schrieb ihn an, und freute mich über die schnelle Rückmeldung. Von ihm erfuhr ich, dass er ebenfalls in Radebeul am Start war. Seine nunmehr vierte Teilnahme! Seine Tipps? Jegliche Art von Zeitdruck vermeiden, denn der Lauf würde eine ordentliche Portion Konzentration benötigen. Ich solle an Wechselklamotten denken und die Zufuhr von Essen und Trinken genau einkalkulieren. Ach ja, und ich solle meinen rechten Handschuh nicht vergessen. Beim letzten Kommentar musste ich stutzen. Warum Handschuh? Und warum nur der Rechte? Dann dämmerte es mir: zum Schutz am Treppengeländer. Rechte Seite runter, rechte Seite wieder hoch. Immer wieder, ununterbrochen. 24 Stunden lang. Gut, wird angezogen, denn ich hatte keine Lust, mir die oberste Hautschicht abzuschmirgeln.

Und wie sah das nun mit dem Treppen-Training aus? Auch darauf wusste Horst natürlich eine Antwort: Treppenhäuser oder die U-Bahn-Treppen in Hannover. Na ja, lange Rede, kurzer Sinn: ich hatte zweimal in einem Treppenhaus sowie viermal auf der heimischen Bahnhofstreppe trainiert. Für jeweils eine Stunde. Immerhin hatte ich viele lange Laufeinheiten in den Beinen, darunter zählte gar ein 80 km langer Ultra. Und was erwiderte mein Kumpel hierauf ? “Immerhin, Mario?! Mann Mann, Du bist doch einfach nur richtig durch...“.

Kurz, bevor der Zug in Radebeul hielt, konnte ich bereits das weithin sichtbare, ehemalige Spitzhaus hoch oben auf dem Weinberg erkennen – ehemals Lusthaus gesellschaftlicher Veranstaltungen während der Renaissance und jetzige Ausflugsgaststätte mit dem wohl schönsten Panoramablick der Hoflößnitz. Nach einem recht kurzen Spaziergang zu den Weinberghängen und immer der Beschilderung folgend, stand ich dann urplötzlich vor der Spitzhaustreppe. Und da haben wir es wieder: Fotos können nicht einmal ansatzweise vermitteln, was der menschliche Verstand realisiert, wenn er mit dem Anblick vor Ort konfrontiert wird. Ich bekam den Mund einfach nicht mehr zu.

Da stand ich am Fuß der Treppe und versuchte, das Ende der Treppe irgendwo ganz weit oben zu erahnen. Keine Chance. Wer kam bloß auf die Idee, so etwas zu bauen? Ich sah lediglich was winzig kleines, gelbes, hoch oben. So was wie eine Kapelle? Keine Ahnung. Also ab nach oben, Schritt für Schritt, ganz ohne Hektik. Nach gut sechs Minuten hatte ich die letzte Stufe erklommen, das Herz klopfte mir bis zum Hals, der Puls bereits am Limit. So fühlten sich also exakt 397 Stufen an. Lag wohl sicherlich am Gepäck, welches ich ebenfalls mit hoch schleppen musste.

Da stand es also, das Gipfelkreuz mit den Plaketten seiner bisherigen Gipfelstürmer. Tibetische Gebetsfahnen flatterten im Wind. Wow! Ich fühlte mich, als wäre ich gerade tatsächlich im Mount-Everest-Basislager bei Tingri angekommen! Dann drehte ich mich um und erneut fiel meine Kinnlade vor Erstaunen hinunter: ein unfassbar schönes Panorama bot sich mir von hier oben. Das METM-Team war derweil noch emsig mit den letzten Aufbauarbeiten beschäftigt. Die elektrischen Leitungen waren verlegt, die Beschallungsanlage funktionierte. Ich hatte noch ein wenig Zeit, also verstaute Ich meine Siebensachen in das noch menschenleere Aufenthaltszelt. Ich suchte mir einen kuscheligen Fleck in der hintersten Ecke.

Innerlich wuchs meine Aufregung. Und erst so kurz vor Beginn schien der rationale Teil meines Verstandes zu begreifen, was hier gerade vor sich ging und wie link er bislang hintergangen wurde. Um mich abzulenken, genoss ich bei einem langen Spaziergang auf den Weinberghängen die Aussicht, redete mir dabei innerlich mehrfach Ruhe und Gelassenheit ein. Ich glaube, ich pfiff nervös vor mich hin. Nach der großen Runde um das Veranstaltungsgelände stand ich letztlich wieder am Gipfelkreuz und betrachtete eine Zeit lang ehrfürchtig die Plaketten-Helden. Dabei bemerkte ich zunächst nicht, das mich Organisator Ulf Kühne amüsiert beobachtete, welcher gerade unweit des Kreuzes diverse abschließende Arbeiten seiner Helfer und Teammitglieder koordinierte. „Ah, jetzt erkenne ich Dich wieder. Du bist doch der Mario, wolltest bereits im Vorjahr teilnehmen. Was macht das Bein?“, fragte er heiter. „Hm, ist nun ein Jährchen her, Ulf. Wollen doch mal sehen, ob die Platte im Bein hält, was sie verspricht“, antwortete ich witzelnd. „Was macht Ihr eigentlich, wenn keine Plaketten mehr aufs Kreuz passen?“, wollte ich dann von Ihm wissen. „Wird dann vielleicht mal versteigert und ein neues hingestellt. Sehen wir dann...“, antwortete er geheimnisvoll.

Mittlerweile füllte sich zusehends der Platz, sowohl Zuschauer als auch Teilnehmer trudelten nach und nach ein, erste Unterhaltungen wurden geführt. Ich begab mich daher ebenfalls ins große Zelt, denn so gegen 15 Uhr sollte wohl das reguläre Briefing mit anschließender persönlicher Startunterlagen-Ausgabe stattfinden. Startschuss dann 16 Uhr.

Die allgemeine Aufregung wenige Minuten vor Start wuchs ins Unermessliche, das Kribbeln war unter den Teilnehmern deutlich zu spüren. Ein Spitzenfeld aus über 14 Nationen war hier versammelt – darunter sogar ein Japaner. Die Körpersprache aller Treppenterrier kurz vorm Startschuss konnte eindeutiger nicht ausfallen: endlich Zähne blecken und zubeißen! Den allermeisten Energiebündeln hier war das ehrgeizige, unbändige Training der letzten zwölf Monate nicht nur anzusehen,  man konnte es regelrecht spüren! Und mittendrin der Mario mit seinen einstündigen, lumpigen Treppenhaus-Einheiten, ganz zu schweigen von dem fünfzehnstufigen Bahnhofstreppchen.

 

Auf die Treppe, fertig, los …

 

Dann endlich der erlösende Pistolenschuss! Unter großem Gebell setzte sich das Feld rasant in Bewegung und rannte nach dem kurzen Auftaktstück bereits die schwindelerregend lange Treppe hinunter. Es dauerte nicht lang.und ich befand mich bereits an allerletzter Stelle! Immerhin: Ich war der flotten Uta Graßhoff mit dem knallbunten Haarschopf dicht auf den Fersen. Sie hatte die Startnummer (und vermutlich auch Altersklasse) 55. Während ich also dem bunten Pudel folgte, verinnerlichte ich mir erneut, was da auf mich zukam. Ich hatte ja nun irre viel Zeit zum Nachdenken. Eine Runde bedeutete zunächst 50m bis zur Treppe, dann 397 Stufen sowie 88,48 Höhenmeter hinunter. Unten angekommen, lief man noch ein weiteres Stück die Straße bis Ecke 'Am Goldenen Wagen/Hoflößnitzstraße' hinunter. Dann ein Wendepunkt, bei dem man um ein parkendes Auto herum lief. Wieder zurück bis zum Fuße der Treppe, erneut 397 Stufen sowie 88,48 Höhenmeter hinauf bis zum Start 50m hinter der Treppe, wo der obere Wendepunkt wartete. Und dann wieder alles von vorne. Gesamtlänge einer Runde: 843,90m. 100 Mal durchlaufen ergab das einen Doppelmarathon...von den irren Höhenmetern einmal abgesehen.

 

 
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Die ersten fünf Runden vergingen schneller als gedacht. Ich rechnete das Ganze daraufhin einmal hoch: Ich benötigte also im Schnitt um die 12 Minuten. Fünf Runden pro Stunde. Hundert Runden in 20 Stunden. Das klang nach einem Plan. War ja doch nicht so wild, wie ich dachte? Und ih machte mir um mein Training so viele Gedanken! Lächerlich! Mein Grinsen wurde immer breiter. Nach gut vier Stunden fragte mich Horst (welcher die Treppen in fliegendem Tempo hoch und wieder hinunter rannte, diese Rakete!) wie es mir bislang so erginge. Ich erwiderte übertrieben selbstbewusst: „Alles bestens, die ersten 20 Runden habe ich hinter mir!“. Er hob dann kurz den Daumen, entgegnete: “Das hört sich doch gut an. Bleib konstant dabei.“ Dann überholte er abwärts ein paar Leute und war wieder aus meinem Blickfeld entschwunden.

Die widrigen Wetterverhältnisse sorgten hier für eine gesonderte Auseinandersetzung, Runde um Runde. Oberhalb der Treppe, auf dem Weinberghang, war es sehr windig und kalt. Während ich mich gerade wieder einmal an den langen Abstieg machte, zupfte und zerrte der eisig-kalte Wind an den Klamotten und pfiff mir pausenlos um die Ohren. Dazu kam dann noch, dass ich schnell abkühlte. Mein Ritual sah immer gleich aus: Abwärts vermummte ich mich mit Jacke, Mütze und Multifunktions-Tuch und fror dabei dennoch unsäglich, während ich Stufe um Stufe nach unten stieg. Unten angekommen, trabte ich dann gleichmäßig die Straße hinunter, drehte am Wendepunkt, öffnete umgehend die Jacke und zog Mütze und Tuch vom Kopf. Schlagartig wurde mir wieder warm, während ich mich nach oben kämpfte. Das Herz klopfte mir regelrecht bis zum Hals, während ich langsam zu schwitzen anfing. Irgendwann oben angekommen konnte ich meistens nicht einmal mehr traben und ging daher schnellen Schrittes die kurze Anhöhe bis zum VP. Schnell kühlte ich wieder ab, der Puls normalisierte sich. Erneut fing ich an zu frösteln. Okay, also wieder Mütze druff, the same procedure as every round...

Trotz der Monotonie verging die Zeit wie im Fluge. Die Abenddämmerung brach herein und tauchte den Himmel in rot-goldenes Licht. Schon bald würde die Dunkelheit alles verschlucken. Die Treppenbeleuchtung wurde nun zugeschalten und spendete das nötige Licht. Mittlerweile hatte ich die 35. Runde hinter mir. Im Aufenthaltszelt fand wohl gerade ein erneutes Briefing statt, für die Dreierseilmannschaften. Das bekam ich jedoch nur am Rande mit, denn als Einzelkämpfer hatte ich dafür mental leider kaum was übrig. Punkt Mitternacht wurden die Teams dann wohl auf die Strecke losgelassen. Waren dann Rempeleien vorprogrammiert? Längst war es dunkel. Wieder einmal stand ich oben und blickte zurück. Bei Tage ein faszinierendes Panorama, bei Nacht ein Lichtermeer bis zum Horizont!

Ich schaute auf die Uhr sowie den Monitor, wo die Rundenzeiten in Echtzeit abgebildet wurden...und erschrak! Das konnte doch wohl nicht wahr sein?! Ich brauchte mittlerweile 13:30 Minuten/Runde? Und ich hatte bislang nicht einmal pausiert. Gut, das sollte ich wohl nun nachholen, denn jede Minute war kostbar. Ich ging schnellen Schrittes zum Versorgungszelt und bat um etwas Warmes. Neben einem Becher Tee drückte man mir auch Gemüsesuppe in die Hand. Dankbar setzte ich mich auf die nächstbeste, freie  Bierzeltgarnitur, wärmte mich an der Suppe und schlürfte diese nach und nach leer. „Bitte Nachschlag“, bettelte ich anschließend. Wie selbstverständlich bekam ich von den sehr freundlichen Helferinnen eine weitere Portion und bedankte mich regelrecht überschwänglich, mit etwas Pipi in den Augen. Daran merkte ich auch erst, wie erschöpft ich bereits war und was der Körper bislang unterdrücken musste. Schlimm! Aber noch machte sich kein Tiefpunkt breit, lediglich allmählich einsetzende Müdigkeit wollte mich übermannen.  

 

 
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Tatsächlich erwischte mich dann auch der schwache Moment. Nun wollte ich zumindest einmal wissen, wo das nächstbeste, beheizte Zelt mit den Feldbetten stand. Es schadete ja wohl nicht zu wissen, wo ich mich im Zweifelsfalle kurz hinlegen konnte, oder? Gesagt, getan: als ich besagtes Zelt fand und eintrat, lagen bereits einige auf den Betten, hatten sich dicke Decken bis zum Gesicht hochgezogen und dösten oder schliefen. Hier wurde unentwegt heiße Luft hineingeblasen, ich fühlte mich immer wohler. Im hintersten Teil war noch ein Feldbett frei, ich wollte daher nur mal kurz testen, wie es sich anfühlte. Dann lag ich so da und merkte, wie gut das tat. Ich schloss die Augen, wenigstens für ein Weilchen. Lange konnte ich vermutlich eh nicht so rumliegen, denn irgendjemand würde mich bestimmt wieder aufwecken. Dann könnte ich ja auch wieder weiter laufen. Und während ich so dalag und die Augen schloss, wurde mir klar, dass das nicht ging. Ich war erst 8 Stunden auf der Piste, viel zu früh für ein Nickerchen. Extrem widerwillig öffnete ich also wieder die Augen, blickte gequält zum Zeltdach hoch und mühte mich dann letztlich wieder hoch. Keiner jubelte mir zu, kein Schulterklopfen, keine aufmunternden Worte. Ich war halt Alleingänger. Als ich nach draußen trat, mit schweißnassen Klamotten, erhielt ich die unbarmherzige, eisige Quittung für meinen fünfminütigen Aufenthalt im warmen Zelt. Es half aber nichts, ich taumelte wieder auf die Strecke, lief über die Matte der Zeiterfassung und wurde von der Nacht verschluckt. Ein kurzer Blick auf den Monitor: Sechzig Runden hatte ich immer noch zu laufen, gut fünfzehn Stunden hatte Ich noch zu laufen...

Ich wechselte im Laufe der Zeit nicht allzu viele Worte mit meinen Mitstreitern. Ich rede sowieso nicht gerne während meiner Läufe. Meine Gefühle und Gedanken behielt ich jedenfalls für mich, fokussierte weiterhin die Treppe, konzentrierte mich auf nichts anderes. Im Laufe der Zeit erhielt ich noch den einen oder anderen Ratschlag von Horst, und jeden einzelnen beherzigte ich, Stunde um Stunde, Runde um Runde. Der reinste Boxring. Die Morgendämmerung war längst vorüber, die ersten Sonnenstrahlen tanzten über die Weinberghänge. Bald würde wohl das Briefing für die Disziplin Touriweg stattfinden.

„Wo stehst Du derzeit?“, fragte mich Horst einmal mehr, während er gerade mit mir unterhalb der Treppe den Wendepunkt passierte. „Runde 55 oder so...aber mittlerweile brauche ich 14:30 min/Runde...ich werde immer langsamer, mit fehlt es schlicht an Kraft, Energie...“, keuche ich, während ich mich anschicke, die ersten der unsäglich vielen Stufen hoch zu quälen. Er hob kurz den Daumen, antwortete so viel wie: „Dann beiße nun, bleib auf der Strecke, werde eins mit der Treppe“, antwortete der Treppen-Jedi. Dann war er wieder weg.

Ich kam bei den Athleten hier aus dem Staunen einfach nicht heraus. Es gab Typen, die rannten das Ding immer noch hoch und runter. Viele hatten hier so ihre speziellen, perfiden Techniken entwickelt. Da war dieser Kerl mit der 26, der presste zum Beispiel seinen rechten Ellenbogen tief ins Treppengeländer, rutschte dann irgendwie mit hängender Zunge und schweißgebadet hinunter und bewies damit eine derartige Augen-Arme-Fuß-Akrobatik, das einem vom Anblick schwindelig werden konnte. Oder dieses nette Mädel von nebenan, die Tanja mit der 57 und der Musik in den Ohren. Lächelte jeden stets freundlich an, während sie ohne Unterlass hoch und runter hechtete.

Der schiere Wahnwitz jedoch die Startnummer 50. Von Anfang an war ich der felsenfesten Überzeugung, dass die gute Frau einfach kein Mensch sein konnte. Niemals nie! Ununterbrochen rannte die Dame hoch und runter, gönnte sich nur wenige Pausen. Die Antje kommt jedoch tatsächlich von der Erde, ihr Planet heißt Rötha. Als ich mir dann tags darauf bei einem späteren Abendessen aus Neugierde ihre DUV-Statistik angesehen hatte, blieb mir der Harzer Roller fast im Halse stecken. Tja, es gab viele Raketen hier auf der Strecke. Und dann gab es ja noch mich, diesen Typen aus Sehnde, dessen Trainingspensum nicht mal an einer Hand abgezählt werden konnte...

Runde 73. Den mentalen Tiefpunkt hatte ich schon länger erreicht, er war zäh wie Kaugummi und wollte nicht mehr verschwinden. Ich hatte bereits hochgerechnet, dass es mit meinen 15:30 min/Runde und einer verbleibenden Zeit von knapp fünf Stunden noch mächtig eng werden könnte. Ich gönnte mir dennoch eine zweite Pause, schlurfte mit tief hängendem Kopf ins Versorgungszelt, bat um etwas Nudeln mit Tomatensoße sowie Kaffee. Wurde mir umgehend in die Hand gedrückt. Wieder musste ich Pipi in den Augen unterdrücken ob dieser Freundlichkeit. Meinen Respekt an dieser Stelle den stets freundlichen HelferInnen. Ohne euch wäre doch das Hammer-Event für uns Treppenläufer ein hoffnungsloses Unterfangen. Warum? Ihr seid immer und überall stets präsent, lächelt ohne Unterlass, könnt jeden Wunsch aus unseren Gesichtern ablesen.

Nach der kurzen Pause entschied ich mich für den bitter nötigen Klamottenwechsel. Mehrere Regenschauer nach Sonnenaufgang hatten bereits emotional für ein Wechselbad der Gefühle gesorgt, aber auch physisch ging es so einfach nicht mehr weiter. Mit nassen Klamotten fror Ich bei Abstieg und zitterte bei Aufstieg. Im großen Aufenthaltszelt war es proppenvoll, ein Durchkommen fast unmöglich. Ich beeilte mich mit dem Umziehen und begab mich dann umgehend wieder auf den Parcours.

Runde 77. Meine Frau stand urplötzlich am unteren Wendepunkt, winkte mir zu. Mein Gott, da stand meine Frau! Mit dem Auto von Hannover nach Radebeul...Ich war überwältigt, die innere Freude immens! Wir lagen uns lang in den Armen. Dann bat ich sie, mit dem Auto noch einmal um die Weinberge bis hoch zum Spitzhaus zu fahren. „Dort parken Teilnehmer und Zuschauer, stehen die Zelte“. Als ich irgendwann oben ankam und die 78 vollmachte, schaute ich auf meine aktuelle Rundenzeit und verglich diese mit den mir noch verbleibenden drei Stunden Restzeit.

In diesem Moment passierte, was wohl passieren musste, wenn gewisse Konstellationen aufeinander treffen und miteinander verschmelzen: Ich entschied mich für den Ausstieg, und es fiel mir in diesem Moment nicht einmal sonderlich schwer. Die Milchmädchenrechnung ging nun mal nicht mehr auf. Mein absolutes Ziel, hier mit 100 Runden als Finisher und dem obligatorischen Namen auf der Gipfelkreuz-Plakette aus dem Kampf hervor zu gehen, war gescheitert  – trotz aller Dementi, die von vornherein eher gegen einen Sieg sprachen. Meine Willensstärke war gebrochen, ließ mich in diesem Moment tatsächlich im Stich. Ich jonglierte im Geiste wiederholt mit den Zahlen, während ich so auf den Monitor starrte.

 

 
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Der Moderator stellte sich kurz zu mir, fragte mich, wie es mir ginge. Gottlob ohne sein Mikro. „Na Mario, wie schaut's aus?“. Ich schnalzte kurz mit der Zunge. „Tja, die 100 kann ich mir heute leider abschminken. Zu knapp. Drei Stunden und noch 22 Runden zu laufen...“.  Er guckt mich kurz an, antwortete dann:“Hmm...dann mach doch noch die 90 voll?“. Ich dachte tatsächlich kurz darüber nach, während ich die 79. Runde in Angriff nahm. Ich lief in diesem Moment an meiner wartenden Frau vorbei...und die Entscheidung sauste wie eine Guillotine auf mich herab, köpfte unbarmherzig den letzten Funken Willensstärke. Es tat nicht einmal weh, während ich den Asphalt überquerte, den Wendepunkt passierte und wieder hoch stieg. Ja, da war in diesem Moment ein Hauch von Enttäuschung, es nicht gepackt zu haben.

Oben angekommen, teilte ich den Gedanken kurz mit meiner Frau und machte mich dann auf zur allerletzten Runde. Ich wollte zumindest die 80 voll machen und dann hieß es: Ende, aus und vorbei. Nun genoss ich – trotz aller Belastungsschmerzen - ein allerletztes Mal den langen Gang hinunter und wieder herauf. Ich hätte auch 90 Runden laufen können, aber daran verschwendete ich keinen Gedanken mehr. Mission Gipfelkreuz platzte wie eine Seifenblase. Und plötzlich musste ich erst grinsen, dann laut loslachen. Die Gesichter einiger verwunderter Teilnehmer blickten kurz zu mir hinüber, und ich lachte befreit und laut weiter, während ich die letzten Treppenstufen erklomm. Was eine wahnwitzige Idee von mir, zu glauben, ohne das nötige Treppentraining die 100 voll zu machen. Oben angekommen, grinste ich meine Frau bloß an, nahm sie an die Hand und meinte: „Lass uns heimfahren und den Sonntag genießen, Süße“. Ich warf einen letzten Blick auf das Gipfelkreuz mit all seinen Plaketten...und ein kurzer Gedanke huschte mir noch durch  den Kopf.

Während der Autofahrt ließ ich nochmals meine Gedanken kreisen. Der Ausstieg war aus meiner Sicht zwar sehr schade, aber auch vollkommen okay. In weniger als einer Woche würde ich den Oberelbe-Marathon in Königstein bei Dresden laufen, daher konnte ich schon froh sein, außer den üblichen Belastungsschmerzen bei bester Gesundheit zu sein. Ich war dennoch ein kleines bisschen auf mich stolz. Es war zwar rückblickend dumm von mir, nicht konsequent, hart und unerbittlich für den Treppenmarathon trainiert zu haben; eine Niederlage ist meines Erachtens im Leben eines Sportlers aber ebenso wichtig und notwendig wie der Sieg. Infolgedessen zahlt man sein Lehrgeld, und da muss man verstandesmäßig solide agieren und diesen Umstand für sich selbst akzeptieren.

Ich grinse übrigens immer noch, wenn ich an das gelungene Lauffest in familiärer Atmosphäre zurück denke. Jawohl, die Besteigung des Mount Everest ist für die meisten Menschen wohl wahrlich eine unerreichbare Herausforderung. Aber wozu der Himalaya?  Ein ungefähres Gefühl für die Strapazen kann man auch erleben, wenn man die sächsische Schweiz – gleich um die Ecke - besucht. Was war mal die trotzige Antwort der umstrittenen Bergsteiger-Legende George Mallory auf die Frage, warum er den Everest besteigen wolle? "Weil er da ist". Ach, und der Gedanke, welcher mir durch den Kopf ging, als ich vor der Heimfahrt ein letztes Mal das Kreuz betrachtete? Ich formuliere es mal so: „Die Sache ist noch nicht zu Ende“.

 

Ergebnisse im Alleingang

Frauen

1 Müller, Antje (50) 110 Runden
2 Remberger-Jordan, Sabine (59) 105 Runden
3 May, Bere  (52) 101 Runden

Männer

1 Wilsdorf, Stefan (73) 135 Runden
2 König, Yves Mahindra (24) 129 Runden
3 Gröber, Andreas (10)  120 Runden

 

 

 

 

 

 
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Informationen: Sächsischer Mt. Everest Treppenmarathon
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