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Laufberichte

In der Hitze der Nacht

 

Wenn Läufer zusammen hocken, entstehen oft die besten Ideen. Jeder verrückte Einfall wird so lange diskutiert, bis sich daraus Hand und Fuß entwickeln. Brauchen wir wirklich noch einen Ultra-Lauf im Kraichgau, der am späten Nachmittag startet und erst nach Mitternacht endet? Ja, das brauchen wir! Erst zum vierten Mal wird der Lauf mit dem passenden Namen, night52, ausgetragen. Trotzdem hatten Norbert und ich schon oft davon gehört. Jeder, der darüber erzählt, bekommt glänzende Augen. Als Nachtlaufphobiker war das bisher allerdings kein Thema für mich. Erst als Norbert mir für die Dunkelheit seinen Schutz anbietet, kann für mich das Abenteuer night52 beginnen.

Bretten, im westlichen Kraichgau gelegen, ist mit knapp 29 000 Einwohnern nach Bruchsal und Ettlingen die drittgrößte Stadt des Landkreises Karlsruhe. Gute Verkehrsverbindungen zu den Autobahnen A5, A8 und A6, sowie die Lage am Kreuzungspunkt der Eisenbahnlinien Karlsruhe-Heilbronn bzw. Stuttgart-Bruchsal und vor allem auch die Stadtbahnlinien von Karlsruhe, Heilbronn und Bruchsal machen sie für den Besucher leicht erreichbar.

Dank der detaillierten Anfahrtsbeschreibung auf der Homepage ist der große Parkplatz unweit des Sportgeländes leicht zu finden. Beim Aussteigen trifft uns fast der Schlag: 36 °C im Schatten. Natürlich ist das keine große Überraschung. Auch Zuhause hatten wir diese Temperatur. Aber im kühlen Haus und Auto war das bisher noch kein Problem. Auf dem Weg zum Startgelände muss ich feststellen, dass Bewegung nur im Zeitlupentempo möglich ist. Hoffentlich wird das noch besser.

Auf der Straße vor dem Sportplatz sind zwei große Startbanner aufgebaut; ein super Umfeld für die gerade stattfindenden Schülerläufe. Unter dem Applaus der stolzen Eltern wird hier einiges geboten. Im Rahmen des bereits etablierten Kraichgau City Cups werden 800 bzw. 1600 m-Läufe für Schüler, ein 5 km Lauf auch für Walker und der 10 km Lauf angeboten. Dementsprechend ist einiges los.

 
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Wir flüchten vor der Hitze in die Sporthalle, wo die Startnummern für den Ultralauf ausgegeben werden. Hier herrscht ruhige Betriebsamkeit. Die freundlichen Helfer vom Anmeldeschalter verteilen die Starterbeutel, einige Nachmelder sind dabei, sich einzuschreiben und man hat Gelegenheit, Bekannte zu begrüßen. Beim Briefing gegen 17 Uhr werden diverse Details zur Strecke bekanntgegeben: beispielsweise gibt es eine zusätzliche Wasserstelle. Viele der Informationen kann ich mir gar nicht merken oder sind auch bereits aus der Homepage bekannt. Danach suchen wir ein einigermaßen kühles Plätzchen im Vorraum und verbringen die restliche Zeit mit Ausruhen.

Kurz vor dem Start stecke ich Kopf und T-Shirt noch ins kalte Wasser, dann kann es losgehen. Im Startbereich haben sich über 100 Einzelstarter und 15 Läufer für die Zweierstaffel eingefunden. Einer hat wohl Geburtstag und kommt in den Genuss eines Ständchens. Die toten Hosen singen noch von „Tagen wie diesem“, es wir herunter gezählt, dann geht es schon los. Stürmischer Beifall der zahlreichen Zuschauer verabschiedet uns.

 
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Eine Schleife führt in den Ortskern. Auf dem Marktplatz ist geruhsamer Samstag Abend angesagt. Zu Füßen des 20 m hohen Maibaums mit den Wappen von Bretten, seinen Ortsteilen, und den 44 Zunftzeichen, sind die Restaurants und Kaffees voll. Die Besucher lassen sich von den vorbeikommenden Sportlern begeistern. Wir genießen das mittelalterliche Ambiente mit altem Rathaus, Melanchtonhaus, den

Fachwerkfassaden des Hotels Krone und dem Stadtmuseum im Schweizer Hof.
Philipp Melanchthon, berümter Sohn Brettens, war als Reformator neben Martin Luther eine treibende Kraft der deutschen und europäischen kirchenpolitischen Reformation. Das Melanchthonhaus wurde 1897 an der Stelle des 1689 abgebrannten Geburtshauses des Reformators errichtet und enthält neben Museum und einer Forschungsstelle eine der umfangreichsten Melanchthon-Spezialbibliotheken und eine Dokumentationsstelle der internationalen Melanchthonforschung.

Wir passieren den Hundlesbrunnen, wo ein riesiger Mops aus Stein auf dem Brunnenpfeiler thront. Meist wird hierzu erzählt, dass die Stadt Bretten einst von einem großen feindlichen Heer belagert und von allem Nachschub abschnitten wurde. Als die Nahrungsvorräte immer knapper wurden, kam man auf die Idee, man solle doch die letzten noch vorhandenen Proviantreste zusammentragen, damit einen kleinen Hund mästen und diesen dann, wenn er so richtig rund und fett geworden sei, vor’s Stadttor schicken. Wenn der Feind das Tierchen sähe, müsse er annehmen, dass man innerhalb der Stadtmauern noch Lebensmittel in Fülle habe, was Erwartungen auf ein baldiges Aushungern zunichte machen und vielleicht zu einem Ende der Belagerung führen könnte. Gesagt, getan, der gewünschte Effekt trat ein, die Angreifer zogen unverrichteter Dinge ab. Auch wenn das vielleicht nur eine Geschichte ist, der Beliebtheit des „Brettener Hundle“ tut das keinen Abbruch.

Vor dem Gottesackertor weist ein Helfer scharf links. Durch dieses Tor werden wir in einigen Stunden den Marktplatz wieder erreichen. Nach diversen kleinen Anstiegen im Ort geht es nun bergab an der Stiftskirche vorbei, wo wir hinter der Mauer einen Blick auf die Melanchtonstatue werfen können. Nochmal eine Schleife um das neue Rathaus, und in Gegenrichtung um das berufliche Schulzentrum herum, dann geht es unter der Eisenbahn hindurch. Hier müssen wir an der stark befahrenen Straße vorsichtig sein. Wir verlassen den Ort; es geht steil bergauf und - ich bin platt. Vermutlich bin ich, von den Eindrücken der tollen Stadt abgelenkt, zu schnell los gelaufen.

Ohne Schatten zieht sich eine Läuferschlange die Straße hinauf. Der erhoffte Erholungseffekt beim Gehen bleibt aus. Mit schweren Beinen biege ich auf den Feldweg ein. Norbert versucht mich aufzumuntern. Bretten liegt unter uns und dennoch kann mich die schöne weite Aussicht auf die Kraichgauhügel nicht motivieren. Der Weg liegt schattenlos vor uns und trotz meiner Anstrengungen ist das Feld enteilt. Mühsam schleppe ich mich vorwärts.

Bei km 5 geht es dann bergab und über die Straße. Die Strecke ist vorbildlich ausgeschildert. An jedem Abzweig stehen Schilder mit grünem Pfeil und zusätzlich noch vorher und hinterher grüne Pfeile auf dem Boden, die später im Dunkeln fluoreszierend leuchten. Vor den Straßenüberquerungen wird nochmal extra gewarnt. Der flache Weg bietet nun zwar etwas Schatten, was mir trotzdem keine Erleichterung bringt. Meine Beine sind tonnenschwer, ich bekomme schlecht Luft und mein Magen rebelliert. Ein Radler ist als Servicefahrzeug unterwegs. Er bietet uns Wasser an. Norbert und ich haben zur Vorsicht Trinkrucksäcke dabei und nutzen nur seine Aufmunterungen als Motivation.

 
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An der VP im Brettener Stadtteil Sprantal treffen wir unsere Lauffreundin Kati, die mit einer Gruppe weiter vorne unterwegs ist. Ihre gute Laune ist ansteckend, so dass ich lieber nicht erzähle, dass ich gerne aufgeben würde. Ein Stück Melone beruhigt den Magen und Wasser mit Salz weckt meine Lebensgeister wieder. Von Iso, Cola Mix und Gel lasse ich besser die Finger. Lieber gieße ich mir noch etliche Becher Wasser aus den separaten Wannen zum Kühlen über den Kopf. Als wir aufbrechen ist die VP bereits verwaist - die anderen sind schon vor uns weiter gezogen.

Weiter geht es die Dorfstraße entlang. Auf einem Mäuerchen hat sich fast die Hälfte der 395 Einwohner des Ortes versammelt. Man genießt den Feierabend und nutzt die Gelegenheit, einen Blick auf die bunte Läuferschar zu werfen. Da an Applaus nicht gespart wird, genießen wir die kleine Fanmeile. Es geht auf die Felder und wieder steil bergauf. Die Erfrischung hat mich soweit wieder hergestellt, dass das Berghochgehen jetzt keine große Mühe mehr macht. Erst oben mit der Aussicht auf unendliche Felder merke ich, wie schlapp ich noch bin. Es geht wellig weiter.

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Informationen: Night 52
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