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Laufberichte

Wo die Republik laufen lernte

12.08.12
Autor: Joe Kelbel

Nach dem Krieg war die Eifel Hochburg der Kaffeeschmuggler. Zunächst waren es Kinderhorden, die die Grenze mehrmals täglich von belgischer Seite aus stürmten, vorbei an fassungslosen Staatsdienern. Dann kamen die Jugendlichen, 30 Kilo Säcke auf den Schultern. Zwei, drei konnte man festhalten, doch die Masse lief und lief und lief. Jeder musste seinen Kaffesack selber bezahlen, minimierte das Risiko der Rädelsführer. Die beschäftigten hunderte Kaffeeträger. Wer nicht mehr laufen konnte, rastete oder schlief in der Kirche.

Kinderwagen mit doppelten Boden, Autoreifen oder Radfahrer mit dicken “Kaffeebeinen” waren harmlos. Berühmt waren die “Kaffeepanzer”, ausrangierte belgische Spähpanzer mit kugelsicheren Reifen, die unter Dauerbeschuss täglich mit Tonnen von Kaffee die Grenze nach Deutschland durchbrachen.

Die Schmuggler wurden so reich, dass sie später mit Cadillacs oder Buicks den Zollbeamten in ihren VW-Käfern davonfuhren. Dann rüsteten die Zöllner auf. Ein roter und ein grüner Porsche, die einzigen, die die deutsche Zollfahndung jemals einsetzte, wurden von ausgebildeten Rennfahrern gefahren, getestet auf dem Nürburgring, bestückt mit Stahlbesen vor den Reifen, um die Krähenfüsse wegzufegen, die die Schmuggler auf die Straße warfen. Zwischen 1946 und 1950 wurden mehr als 223 Tonnen schwarzes Gold beschlagnahmt, ein Bruchteil dessen, was über die Grenze kam.

Zwölf DM Steuern erhob die Bundesrepublik auf ein Kilo Kaffee. Bonner Politiker kauften im Ortsteil Mehlem zollfrei bei den Amerikanern ein. Dann gab es Tote, 32 sind bekannt. 

“Man musste robust sein, keine Angst haben und laufen und springen können” so Leni Jung in einem Interview im Spiegel. Und das können die Eifler immer noch, es hat sich nichts geändert.

1977 war es, da wurde hier einer der ersten Marathons der Republik ausgetragen. In Brüssel nahm die EWG ihre Arbeit auf und die DDR wollte den Rennsteiglauf verbieten. Trainiert haben die Eifler schon vor 90 Jahren, beim TV Konzen, der feiert also 90jähriges und krönt das Fest mit einem 56 km Ultra, der sogleich mehr als 200 Teilnehmer hat.

 
© marathon4you.de 6 Bilder

Auf dem  Wiesengelände des Sportparks des TV Konzen, in Rufweite von der belgischen Grenze entfernt, parken unglaublich viele Camper. Es sind nicht nur Läufer, auch Wanderer und Biker, die hier mit Familie ein sportlich-fröhliches Wochenende verbringen. Mein blauer Kaffeepanzer passt dazu. Die Sanitäranlagen im Clubgebäude sind erste Sahne. Sobald es dunkel ist, wird über dem Wiesengelände der Sternschnuppenschwarm der Perseiden sichtbar. Es ist die Nacht, an der die Erde durch den Schweif des Kometen Swift-Tuddle taucht.

Der Weg morgens zur Startnummernausgabe ist weit. Gelegenheit, nochmals den brillanten Himmel zu betrachten. Es wird ein wunderschöner Tag und ein würdiger Lauf für meinen 200ten werden.

Der Start um 6:05 verzögert sich ein wenig, wir warten auf die zahlreichen
Nachmelder.

 
© marathon4you.de 17 Bilder

Schon der erste Kilometer bringt eine Überraschung: Wir laufen über einen drei Meter breiten Streifen in Belgien, es ist die ehemalige Gleisstrecke der Vennbahn. Sie wurde 1889 von der Preußischen Staatsbahn gebaut und im Versailler Vertrag an Belgien abgetreten. Seitdem ist die Vennbahn die Grenzlinie zu Belgien. Hinter der Grenzlinie befinden wir uns in einer deutschen Exklave. Insgesamt gibt es noch fünf deutsche Exklaven auf belgischen Gebiet, die Bewohner waren “vorläufig deutsche Staatsangehörige”. Auch einige deutsche Waldgebiete liegen noch in Belgien.

2008 war geplant , auf der gesamten Strecke die Gleise zu entfernen, doch dann bekam Belgien Bedenken, dass dieses Vorhaben die deutschen Exklaven wieder ins deutsche Staatsgebiet integrieren würde. Also entschied man sich, den Gleiskörper mit einem Radweg zu versehen, der Vorfahrtsrecht an den alten Bahnübergängen hat.

Als wir vom Gleiskörper runter laufen, führt uns der Weg genau an der Grenze der deutschen Exklave entlang, auf unserer Seite ein deutliches weißes D, auf der anderen ein B.

 
© marathon4you.de 21 Bilder

Die Steigung hoch zum Stehling (658 Meter) ist nicht sichtbar, man merkt es nur ein wenig in den Beinen. Hier oben auf den Granitfelsen soll Kaiser Karl der Große übernachtet haben, als er sich im Hohen Venn verirrte. 400 Jahre bestand sein Reich, von Spanien über Italien bis zum Rennsteig, ohne Grenzen, mit unzähligen Währungen. Im Sonnenaufgang Blick bis zur Hohen Acht mit dem markanten Kaiser-Wilhelm Turm, daneben auf dem Vulkankegel die Nürburg, symbolischer Grabstein für Millionen Steuergelder. Trailartig geht es hinab, ein Riesenspaß, soll das der höchste Berg gewesen sein? Jedenfalls die Route der Kaffeepanzer, die genauso wie wir hier hinab bretterten. Im Sumpfgebiet des Ingenbroicher Venn wird noch ein Zöllner vermisst.

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Informationen: Monschau-Marathon
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