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Laufberichte

Grandi Momenti

18.03.12
Autor: Klaus Duwe

Wer, wie die Italiener, gerne in Superlativen schwelgt, läuft Gefahr, auf Dauer nicht ernst genommen zu werden. Schade, wenn die Behauptung dann tatsächlich stimmt. Wie beim Marathon in Rom zum Beispiel. 

Ob ein Lauf der größte ist, lässt sich ja leicht nachprüfen. Ein Blick in die Meldelisten genügt. Mit über 16.000 eingeschriebenen Läuferinnen und Läufern ist Rom in Italien unbestritten die Nr. 1.

Schwieriger ist es da schon mit der Attraktivität, denn darunter  versteht man als Läufer schon mal Unterschiedliches. Für die ganz Schnellen ist eine Strecke dann attraktiv, wenn sie gut asphaltiert ist, keine Steigungen  und wenig Kurven hat. Für Hobbyläufer spielen die Sehenswürdigkeiten eine Rolle, oder die Atmosphäre und die Zuschauer. 

Deshalb werden, trotz sehr guter Zeiten, keine Spitzenläuferin und kein Spitzenläufer dem Veranstalter zustimmen, wenn er den Rom Marathon als den schönsten der Welt bezeichnet. Für sie gibt es zu viel Pflaster auf der Strecke. Alle anderen werden sagen:

 

JA, ER IST ES!

 

 
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Die Atmosphäre am Sonntagmorgen, wenn aus allen Richtungen bunt gekleidete Läuferinnen und Läufer, den traditionellen Rom-Marathon-Rucksack geschultert, dem Kolosseum zustreben und sich unter dem Konstantinbogen versammeln, lässt keinen kalt. Gänsehaut schon eine Stunde vor dem Start. Etwas Wehmut kommt da auf bei einem wie mir, der nicht mitlaufen kann; aber auch Freude, wenigstens als Fotoreporter dabei zu sein.

Keine Kulisse auf der ganzen Welt taugt besser für den Start eines Marathonlaufes als die gigantische antike Arena, einst Schauplatz blutiger Gladiatorenkämpfe.  Sind nicht die Marathonis, die, die für viel Geld schnellen Zeiten nachjagen und die, die sich auf 42,195 km beweisen, sich quälen, überwinden und ihren inneren Schweinehund besiegen, sich dafür bewundern und feiern lassen, sind sie nicht die Gladiatoren unserer Zeit?

Nirgendwo klingt Italiens Nationalhymne schöner als auf der Via dei Fori Imperiali in Rom vor dem Start des Marathons. Schon wieder Gänsehaut. Und das Rennen hat noch gar nicht begonnen.  Das Adrenalin steigt auf Rekordniveau und als es endlich los geht, kennt der Jubel bei den Aktiven und tausenden Zuschauern keine Grenzen. 

 
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Die breite Straße zwischen den Statuen Römischer Herrscher,  antiken Säulen und Mauern, der Basilika San Marco (in der Mosaiken aus dem 9. Jahrhundert zu bewundern sind) und dem monumentalen Palazzo Venezia ist im Nu von der schier unübersehbaren Läuferschar gefüllt. Ein Bild für die Götter!

Der Palazzo mit dem Nationaldenkmal für Victor Emanuel II. hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Bis 1943 war er Mussolinis Regierungssitz. Wegen seiner protzigen Architektur ist er bei den Römern nicht unumstritten. Man behauptet, vom Dach des Palazzos hätte man den besten Blick auf Rom. Stimmt, ich kann das bestätigen. Aber dann fügt der Römer spöttisch hinzu, das Schönste daran sei, dass man den Palazzo selbst nicht sehen könne.

Kaum zu glauben, aber noch nicht einmal 20 Minuten dauert das Schauspiel, dann ist trotz des Engpasses am ersten kurzen Anstieg der letzte Läufer auf dem Weg zum Circo Massimo. Von der einst 400.000 Zuschauer fassenden Arena, in der vor allem die legendären Wagenrennen aber auch Tierhatzen ausgetragen wurden, kann man heute nicht viel mehr als die Umrisse und einige Mauerreste und Säulen erkennen.

Weiter geht’s, bis die Porta an Paolo erreicht wird,  einst Teil der Aurelianischen Mauer. Dann erhebt sich, fremd und exotisch anmutend, die Cestius-Pyramide gen Himmel. Sie ist das Grab des Caius Cestius, von dem heute kein Mensch mehr reden würde, hätte er sich nicht dieses Grabmahl (12 v. Chr.) an der schon damals verkehrsreichen Straße nach Ostia (Via Ostiense) errichten lassen. Dieser Straße folgt die Strecke nun bis zur Basilika di San Paolo (km 6,5) , eine der vier Patriarchalkirchen Roms.


Die Engelsburg und der Palazzaccio


Auf den nächsten fünf Kilometern, kann man etwas Tempo machen,  denn bis man dann zum Tiber kommt,  gibt es in den typischen Wohngebieten nicht viel zu sehen. Das wird jetzt anders. Während nur Ortskundige schon früh auf der anderen Flussseite die Kuppel vom Petersdom erkennen, ist die Engelsburg unübersehbar. Ursprünglich war die Burg als Mausoleum für Kaiser Hadrian und seine Nachfolger gedacht. Erst später machten verschiedene Päpste daraus eine Festung. Es gab sogar einen geheimen, 700 m langen unterirdischen Gang zum Palast des Papstes im Vatikan - Papst Nikolaus III ließ ihn 1277 bauen.

 
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Trotz seiner Schönheit und seiner prachtvollen Lage direkt am Tiber wird der weiße Palast, den man gleich im Anschluss sieht, im Volksmund „Palazzaccio“ genannt, was so viel heißt wie hässlicher Palast. Ich wette, das bezieht nicht auf die Optik sondern auf die Funktion des Gebäudes. Es ist der Justizpalast.

Über die Ponte Cavour kommt man zur gleichnamigen Piazza. Dominiert wird der Platz natürlich von eben diesem Palazzo. Die vergleichsweise kleine, leuchtend weiße Kirche ist mir noch nie aufgefallen. Kein Wunder, als Läufer müsste man sich umdrehen, um die Waldenser Kirche zu sehen.  Sie hat eine lange Geschichte. Ausgangs des 12. Jahrhunderts, also lange vor der Reformation, wählten Gläubige außerhalb der Kirchengemeinschaft freiwillig ein Leben in Armut nach Vorbild der Apostel. Sie wurden nach Petrus Valdes benannt, einem reichen französischen Kaufmann, der sein Vermögen den Armen gab und Prediger wurde.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass 300.000 Italiener jährlich verfügen, dass ihre Kirchensteuer an die Waldenser Kirche abgeführt wird, obwohl diese nur 50.000 Mitglieder hat. In Italien ist es möglich, die Verwendung der Kirchen- und Kultursteuer zu bestimmen.

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