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Laufberichte

Zum Heulen…

 

Neuhaus am Rennweg, kurz vor 9 Uhr. Rennsteiglauf, Start Marathon. Sprecher Hans-Peter Müller kündigt das Rennsteiglied an und es kommt, was kommen muss:  Meine Augen werden feucht, eine Träne kullert. Das passiert mir nun schon seit sieben Jahren und ist mir eigentlich nur eins - peinlich. Aber ich glaube, diese Peinlichkeit hat an diesem Tag Massencharakter, denn auch andere Rennsteigläufer haben mir – natürlich nur im vertrauten Gespräch - schon gestanden, in diesem Moment feuchte Augen zu bekommen.

Ich habe mich heute auf die Bühne geschlichen, der Fotos wegen. Und das hat sich gelohnt. Unter mir über 3000 singende Läufer, die Hände im Rhythmus klatschend über dem Kopf. Die Textsicherheit lässt Wünsche offen, aber zumindest den Refrain kennen alle: „Diesen Weg auf den Höh`n bin ich oft gegangen…“ Ja, viele Läufer sogar sehr oft!

 

 
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Bei diesem Bild kann man sich nicht vorstellen, das der Vater des Rennsteigliedes, Herbert Roth, in den 50er Jahren starken Anfeindungen ausgesetzt war. Als Heimatschnulzen im westlichen Stil wurden seine Lieder abgetan. Anti-Roth-Demonstrationen fanden statt. Bis der Künstler Ende der 50er Jahre ein Konzert vor Walter Ulbricht gab und dieser äußerte, dass ihm diese Musik gefalle. Schlussfolgere ich also richtig: Was heute hier in Neuhaus abgeht, ist eine Pro-Roth-Demonstration. Und die dann auch noch im Sinne von Walter Ulbricht.

Jeder Rennsteigläufer weiß: Ist das Rennsteiglied verklungen – wird das nächste Lied gesungen. Und das kann nur der Schneewalzer sein. Jetzt wird geschunkelt, Hände recken sich gen Himmel. Dorthin, wo traditionsgemäß der Hubschrauber kreist. Ich sehe ihn nur verschwommen, diese feuchten Augen…

Man darf eigentlich keinem erzählen, dass hier mitten im Frühling tausende erwachsener Menschen bei einer Laufveranstaltung auf einem Sportplatz stehen und ausgerechnet den Schneewalzer singen. Und einige dabei sogar heulen. Wisst ihr, was ein Psychiater machen würde, wenn er davon erfährt? Ich vermute – mitlaufen.

Aber was schwärme ich hier eigentlich? Ihr selbst, die Leserinnen und Leser von „Marathon4you“, habt doch den Rennsteiglauf zum beliebtesten Marathon des Jahres 2013 gewählt: Den Rennsteiglauf, dieses urige, kultige, rustikale und liebenswerte Phänomen, mit Matsch und Schleim und dem schönsten Ziel der Welt in Schmiedefeld. So erzählt es gerade Hans Peter Müller, er redet sich dabei in Hochform und dem brauchte ich eigentlich nichts hinzufügen. Eigentlich – aber dann sagt der doch wirklich, dass bei dieser Aufzählung noch etwas fehlt. Neuhaus, der schönste Start der Welt…

 

 
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Lieber Hans-Peter Müller, damit bringst du mich in Schwierigkeiten! Erst Ende April habe ich im Laufbericht über den Oberelbe-Marathon Königstein zum schönsten Start der Welt erklärt. Und nun? Nach tagelangem Überlegen kann ich erklären: Es bleibt dabei, Königstein ist der schönste Start der Welt. Und Neuhaus? Der allerschönste! Wobei ich sagen muss - Königstein hat Aufholpotential. Wie wäre es, wenn im kommenden Jahr alle am Start ein Lied singen. Den Schneewalzer? Nee, aber wie wäre es mit: Auf der Festung Königstein…
        
Punkt 9 Uhr erfolgt der Start. Es geht eng zu – und gewaltig bergauf. Eine Läuferin flucht, weil ich ihr beim Wechseln der Straßenseite die „Vorfahrt“ nehme. Sie hat Recht – und ich muss fotografieren.

Ich liebe Neuhaus und die Menschen, die dort wohnen. 1982/83 habe ich hier gearbeitet. Daher schaue ich den Leuten am Straßenrand ins Gesicht. War das die, mit der ich zum „T30“ (Tanz ab 30) getanzt habe? Und der, habe ich mit dem im Kreiskulturhaus Bier getrunken. Nein, die waren alle viel jünger…

Wir erreichen auf breiter, asphaltierter Straße die „Rennsteigbaude“. Für meinen Freund Bernd Neumann ist das eine Gaststätte. Womit er nicht Unrecht hat. Aber für mich ist das geballte Erinnerung. Denn keine 100 Meter entfernt, direkt am Rennsteig, standen damals, als ich in Neuhaus gearbeitet habe, unsere Wohnwagen. Was ich gearbeitet habe? Geologische Erkundung. Das heißt: Jeden Tag ein gewanderter Halbmarathon über die Höhen und durch die Täler des Thüringer Waldes. Und was das Geilste daran war - das haben wir auch noch bezahlt bekommen.

 

 
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Schon damals bin ich gelaufen, nur mit der Teilnahme am Rennsteiglauf hat es nicht geklappt. Ich bin mir sicher, wenn ich damals teilgenommen hätte, mein Leben wäre ein anderes geworden. Willst du dein Leben ändern, laufe einen Marathon…        

An den Sandwiesen, das ist der Getränkepunkt am Ende der Asphaltstraße, höre ich schon von Weiten den Sprecher: Ihr seit alle noch in der Spitzengruppe, verkündet er. Hört sich gut an und mit etwas gutem Willen kann man das auch so sehen. Aber Wahrheit ist auch: Die Spitzengruppe hat sich schon gewaltig auseinander gezogen.

Es bleibt jetzt mehr Zeit, auf andere Läufer zu achten. Und darauf, was so auf ihren Shirts zu lesen ist: 27. Teilnahme, 34. Teilnahme, mein 37. Rennsteiglauf, 40mal dabei. Ich komme gerade auf sieben Teilnahmen. Ja sicher, da ist man bei anderen Läufen schon so eine Art Veteran, am Rennsteig ein Niemand. Aber die haben ja alle mal klein angefangen.

Der erste „richtige“ Berg erwartet uns nach Überqueren der Straße nach Scheibe-Alsbach. Einige Läufer gehen. Ich denke mir, falsch kann das nicht sein und gehe auch. Die eingesparte Kraft nutze ich, um auf einen Hügel zu klettern und von da aus zu fotografieren.


Mit mir läuft immer noch Bernd Neumann. Den kennt ihr sicher auch, er ist ebenfalls Schreiberling für „Marathon4you“ und das schon weitaus länger als ich. Wir lernen Ulrike kennen. Die hat ein kleines Problem, das zu einem ganz großen werden könnte: Sie hat ihren Zeitchip vergessen! Nun will sie an der nächsten Verpflegungsstelle, am Dreistromstein fragen, ob man sie trotzdem lässt. Ich merke mir noch die Startnummer, um später mal nachzusehen, was aus ihr geworden ist. Sie meint, die lässt sich leicht merken: 4618 – weil es ihr 18 Marathon ist und sie 46 Jahre alt ist. Hoffentlich verwechsle ich das nicht.

 

 
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In der Nähe von Kilometer 15 gibt es eine Stelle, an der bleibe ich seit Jahren stehen. Da bin ich einmal gestürzt und frage mich bis heute, wie das passieren konnte. Auch diesmal sehe ich keine Wurzel, keinen Stein. Irgendwann werde ich wohl die Realität anerkennen müssen – ich bin über meine eigenen Beine gestolpert. Übrigens, keine 15 Meter vom Krankenwagen entfernt. Das könnte man als Glück bezeichnen, war aber eher das Gegenteil. Mein Gesicht sah aus, wie über den Schotter gezogen, was es auch war. Zudem war die Augenbraue aufgeplatzt. Das muss sofort genäht werden, meinte der Arzt. Ich hörte ihn noch nach dem Fahrer vom Krankenwagen rufen, aber da war ich schon auf der Flucht. Die Augenbraue kann man ja wohl auch noch im Ziel reparieren.
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Informationen: GutsMuths-Rennsteiglauf
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