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Laufberichte

Der härteste Strassenmarathon der Welt

 

Es gibt nur drei Strassenmarathons in Portugal: Lissabon, Porto und Gerês. Carlos Sá, der beste portugiesische Trailläufer, bezeichnet diesen Marathon als den härtesten Strassenmarathon der Welt. Das ruft Skeptiker auf den Plan, die meinen, sie seien schon alles gelaufen. Also was ist dran am härtesten Strassenmarathon der Welt?

Samstagnachmittag landen 12 skeptische Freunde und ich in Porto. Spontan hat man meine Idee aufgegriffen, hier zu laufen, denn der Hin+ Rückflug kostet soviel wie das Startgeld: 27 Euro. Gerês (sprich: Schieräsch) liegt 100 km nördlich von Porto im einzigen Nationalpark Portugals. Wir nehmen uns Mietwagen.

Die Übernachtungen in Gerês kosten 15-35 Euro. Im Nationalpark gibt es kleine mittelalterliche Ferienwohnung und Restaurants, die anbieten, was in den letzten 24 Stunden erlegt wurde. Morgen gibt es vielleicht Läufergulasch.

In der Hauptstrasse, direkt an der alten Therme, wo Portugals Könige einst badeten, ist das Veranstaltungszentrum. Dort stellt sich die Region vor: Wein, Honig, Früchtegelees, Liquör und die Chorizo, die Rohwurst, und natürlich die Berge, die großen Seen und die saftige Natur. Es gibt Videovorträge, Rundgänge, Thermalbesuche, also absolut genug, um die Zeit bis zum Start zu überbrücken.

Nachmeldung vor Ort sind möglich, keine Nachmeldegebühr. Im Dunstkreis des Marathons und der Stadt reichen Englischkenntnisse, auch im Restaurant, wo ich aus dem Portugiesischen „übersetze“: Wir brauchen morgen unbedingt Trinkgefässe für die Versorgung an den VP`s.

Sonntagmorgen:  Hauptstrasse Gerês: Es ist frisch, man drängt sich um die gußeisernen Suppenkessel, die gerade befeuert werden. Das brennende Holz riecht gut, der Rauch vernebelt den Mond auf der einen und die strahlende Sonne auf der anderen Seite.

 
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Ausserhalb des Startblockes, direkt an der Absperrung, stehen Mütterchen, verkaufen Marmelade, Gelee, Schnäpse, Kräuter etc. Das hat was! Nicht, dass wir Läufer jetzt dafür einen Blick hätten. Wir müssen grinsen, denn wie soll dieser Marathon hart sein, wenn es hier so herzlich zugeht?

An den Verpflegungsstationen wird es auch Quitttengelee geben. Das Zeug ist supergut, nicht zu süß, mit einer angenehmen säuerlichen Note. Ich mag diese Konfitüre, die nicht sonderlich klebt.

Es stehen 8,13, 21 km- und über 300 Marathonläufer am Start, dazu noch jede Menge Staffelläufer. Da überschlägt sich im Gedränge schon mal die Begeisterung, wenn man mit Carlos Sá  Selvies schiessen darf, was er gerne zulässt. Ich war der erste Deutsche, der hier im April den PGTA gelaufen ist, nun sind wir schon eine kleine Gruppe, und tauen auf, in dieser freundlichen, lockeren Startatmosphäre. Die Truppe, die diesen Lauf organisiert, macht das aus reinem Spass am Laufen. Man arbeitet unkommerziell, das spürt man.

2016, am letzten Oktoberwochenende findet hier die Weltmeisterschaft im Trailrunning statt. Carlos Sá hat Streckenideen, die absolut neu sind, weswegen ich als Vorbereitung für die Weltmeisterschaft den PGTA im April 2016 über 285 km und 17.000 hm empfehle.

Die heutige Königsdisziplin wartet mit 1300 oder 2000 Hm auf, je nachdem, welche Laufuhr man nutzt. Die Strecke führt über Asphalt und Kopfsteinpflaster. „Öh, ich mag aber lieber trails!“ sagt der Skeptiker. Warten wir´s ab! Dieser Lauf führt nämlich nur durch Natur, aber durch die bessere!

 
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„The World´s Toughest Road Marathon”

 

beginnt mit einer kleinen Kurve durch Gerês: 70er Jahre Bauten, angenehme Mischung aus Historismus, Artdeko und Gründerzeit. Es gibt viele verwachsene Bauruinen mit zerfallenen Dächern und Fenstern, der Ort hat sichtlich bessere Zeiten erlebt, dafür biete er jetzt traumhaftes Preisniveau.

Über dem wilden Gerêsfluss hängen Netze, um die fetten Citrusfrüchte aufzufangen.
Nach 200 Metern beginnt der Aufstieg. 20-30 %  beträgt der heutige durchschnittliche Steigungsgrad, das ist nicht gerade normal.

Granitberge verwittern kaum, es gibt keine Schuttrampen wie in den Alpen. Es gibt Kegel und Kugeln, und die sind steil. Ich befinde mich ab sofort in guter Wander-Gesellschaft. Die Strecke windet sich in engen Kurven hinauf zu km 8 und genehmigt wunderbare Blicke auf das Läuferfeld. Zunächst fallen die Pickniktische aus Granitblöcken auf, die vollständig von Flechten überwuchert sind und sich wunderbar an die imposanten, alten Eichenbäume anpassen. Dies ist offensichtlich eine beliebte Ausflugsgegend hier.  Aber noch gibt es keine Sonntagsgäste.

Je höher wir kommen, desto urwaldartiger wird die Landschaft. Wie Lianen, so hängt die Rinde von riesigen Eukalyptusbäumen herab und bildet mit dem Gewirr aus gewaltigen, moosigen Granitkugeln einen undurchdringlichen Dschungel entlang unserer nahtlosen Strasse. Bald kennt man seine Wanderkollegen und deren Sprachkenntnisse. Das Klima ist optimal, 5-15 Grad, klare, sonnige Luft, nur in den Kurven, wenn blendendweisse Gebirgsbäche über das Moos wieseln, dann wird es empfindlich kühl.

Der erste Läufer, der von oben hinunter kommt, ist Mihael Lalev, der Portugiese, der in 2:48 finishen wird.„Klasch, Klatsch, Klatsch“, ein Geräusch, wie im Dominastudio. So muss  es sich auch anfühlen, wenn dünne Laufschuhe auf steilsten Asphalt treffen. Wie kann man solche Schläge überleben? Wieso brechen nicht die Knochen?

Der kleine Luis Gil fegt hinunter, als gäbe es keine Schwerkraft, läuft beinahe in eine Gruppe „aufsteigender Läufer“, die sich in geschlossener Schlachtreihe hochquälen und die Strasse versperren. Diogo Fernandes ist der nächste, der angeflogen kommt. Das sind alles Kerlchen, deren Gewicht der Größenordnung meines Alters entspricht. Die haben eine Schrittweite, die einer spagatierenden Chinesin aus dem Nationalzirkus am Hochtrapez Konkurrenz machen könnte. Für mich unerklärlich, wie man bei so einer steilen Strecke noch den Vorfuß aufsetzen kann.

Damit steht fest: Dieser Marathon besteht aus gefühlten 4 x 10 km hefigen Anstiegen und 4x 10 km knallenden Abstiegen. Allen Skepetikern zu Trotze: Es ist so, ich habe mich nicht verrechnet.

Wir, die wir immer noch hinaufschwitzen, träumen bei dem Anblick der schnellen Läufer von einem grandiosen Lauf hinab, einer Bestzeit, wenn erstmal…wenn wir erstmal oben wären.

 
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Thomas läuft heute seinen ersten Marathon nach dem Beinbruch. Kann er mit seinen Stöcken sein um 11 kg erhöhntes Gewicht auffangen und das Zeitlimit von 7 Stunden einhalten? Er liegt bisher gut in der Zeit. Bei km 30 ist eine Cut-off-Zeit von 5,5 Stunden, wird er es schaffen?

Gisi, Kuno, Claudi und ich bleiben irgendwie immer in Sichtweite, es gibt einfach zu viele Fotomotive. Das bremst. Kaum oben angekommen, leuchtet die wärmende Herbstsonne durch das goldene Laub. Gisi sagt, das nennt man nicht mehr geil, das heisst jetzt „porno“. Wie man es auch bezeichnet, dürstende Mädchen, die ihr Trinkgefäß vergessen haben, kleben  panikartig unter den Hähnen der Getränkekanister. Da bleiben mir die Sprüche weg.

Es gibt drei verschiedene Sorten Chips, Orangenschnitzel, zwei Sorten Kekse. Erwähntes Quittenkonfekt ist absolut köstlich, enthält Kalium, Natrium, Zink, Eisen, Kupfer, Mangan und Fluor. Tannine und Gerbstoffe, beruhigen den Magen, das Ganze mit ein wenig Honig. Zwei, drei Stückchen -  und du bist wieder fit.

Die 8 km geht es nun abwärts. Steil. Ich versuche den Laufstil, den ich vorhin gesehen habe, zu kopieren. Glücklicherweise habe ich Laufschuhe mit hoher Dämpfung angezogen, trotzdem jaulen Knie und Rücken. Unter mir, in den Kurven, laufen Vorläufer im schönsten Sonnenlicht und aus dem Tal leuchtet jetzt Gerês. Das lohnt einen schmerzhaften Bremsvorgang für ein Foto, dann noch eins und ich lache mit der Sonne. Gestern noch Schneefall im Nebel. Heute wärmende, goldenen Herbstsonne und morgen, am Montag wieder Sturm und Regen, der waagerecht auf das heimatliche Flugfeld trifft.

Wir vier treffen uns im Tal, dort, wo die Marathonis sich von den Kurzstrecklern verabschieden. Die Gemeinsamkeit mit Kurzstrecklern war kurz, die unterschiedlichen Strecken werden verwirrend anders geführt. Absolut genial.

Der folgende Aufstieg wird einsam. Das liegt nicht daran, dass die Kurzstreckler bisher überwogen haben. Es liegt daran, dass das Leistungsniveau in Portugal hoch ist. Wir haben also etwa 300 Marathonläufer vor uns. Vom erhöhnten Niveau wandern uns Läufer mit Sporttaschen entgegen. Es sind Kurzstreckler, die uns aufmuntern: „Forza, Forza!“ „Vale, Vale!“ 

Die knorrigen, mit dicken Flechten belegten Eichen verlieren hier nicht vollständig ihr Laub. Die Wärme der Herbstsonne kann ihre Wohltat auf  meinem gestressten Läuferrücken ausleben. Dann kommen wir zum VP bei Preguica und ich wundere mich, dass es doch noch Mitläufer gibt. Nein, es sind 13 km-Mädchen, unsere deutsche Viertruppe bleibt allein. Thomas ist hinter uns und acht deutsche Freunde vor uns.

 
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Über den Pass Leonte bin ich schon im April gelaufen. Es ist nun die höchste Stelle unserer Strecke: 862 Meter. Kein Problem, alles im grünen Bereich. Jetzt geht es wieder abwärts. Mein Grinsen hört nicht auf, denn ich muss nicht im deutschen November laufen. Obwohl,  auch in Arolsen würde ich mich mal wieder reizen.

Bei Mata de Albergia ist die Hälfte erreicht. Nun kommen wir zum Rio Homem, der hier zu einem glasklaren See aufgestaut wird. Laufen kann man hier vergessen, es ist zu porno! 5 Euro kostet die Angellizenz fürs Jahr. Schwimmer finden natürliche Badebecken und können sich inmitten kolossaler Granitquader den Rücken vom glasklaren Wasser massieren lassen. Wer ein Badebecken ganz für sich alleine haben möchte, wandert einfach etwas flussaufwärts.

Wir legen bei so einer Schönheit erstmal ne Pause ein. Wir haben die Zielzeit voll im Griff. Die ist nicht der härteste und so ist das hier der schönste Straßenmarathon der Welt. Sind wir mal ehrlich: Nie im Leben hätte wir diesen Platz gefunden, wenn wir nicht Marathon laufen würden.

Vor Campo do Gerês sehe ich die Staumauer, in die wir im April mit dem Bus 4,5 km hineingefahren sind. Die Turbinenzuführung ist 5 km lang. Es war dementsprechend erhebend, unter so einem Druck in der geräuschlosen Turbinenhalle abzuchillen. Das war während des  285 km Laufs, dem PGTA von Carlos Sá.

 
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Die römische Heeresstrasse Via da Geira ist nicht asphaltiert und bietet denjenigen, die keinen Asphalt mögen, doch noch ein bisschen Entspannung. Der Abschnitt hier bei Terra de Bouro ist sehr gut erhalten. 150 römische Säulen flankieren jetzt unsere Laufstrecke. Unter diesen Säulen parkten einst die Ochsenkarren, es wurde geschlafen und Lebensmittel verkauft, der Weg hinauf zum  Pass Leonte erforderte viel Kraft.

318 km lang ist diese gut ausgebaute 2000 Jahre alte Strasse. Sie führt noch hinauf bis nach Bande in Spanien. Sie verband wichtige Städte der Iberischen Halbinsel: Bracara Augusta (heute Braga in Portugal) und Asturica Augusta (heute Astorga in Spanien). Wenn ich die kleinen lateinischen Inschriften in den Steinen  richtig deute, dann baute man die Straße in der Zeit des Titus ( 39-80 nC) . Titus war derjenige, der 69 den Tempel in Jerusalem zerstören liess. Gerne würde ich noch rumstöbern, denn alles sieht aus, als sei hier seit 2000 Jahren kein Mensch mehr gewesen.

Jetzt komme ich in den kleinen Ort Sao Joao do Campo. Da ruft mir ein bezopfter Portugiese zu, es gäbe an der nächsten Verpflegungsstation Wasser und Bananen. Wir setzen wir uns aber lieber in seinen Wohnraum und trinken erstmal ein Bierchen: „Reutlingen kenn ich!“  sagt der Gastgeber in fließendem Deutsch. Meine Mitläufer laufen über die 2000 Jahre alte römische Brücke, während ich zum Fotografieren auf der neuen Brücke stehe. Das sind Bilder, die du nie wieder vergisst!

Bei km 30, in Ponte da Romana, kommen wir an ein komisches, flaches, bunkerartiges Gebäude und laufen über eine Rampe in eine unterirdische kleine Halle, wo sich unsere Verpflegungsstelle befindet. Es ist das Museum Da Geira, welches das damals hektische Leben auf der Via da Geira bildhaft darstellt. Der Kassierer langweilt sich offensichtlich, denn die einzigen Gäste sind wir. Und wir haben nur Augen für die gute Verpflegung, müssen dann hinauf zum Pass in der Serrra do Gerês, der uns wieder ins Tal von Gerês führen wird.

Ich lasse meine drei deutschen Mitläufer samt Carlos Agostinho zurück. Carlos spricht gut französisch, er hat von der versunkenen Stadt im Stausee erzählt. Sie heisst Vilarinho das Furnas. Carlos spricht es aber aus wie „Villa des Schwulnäss“ worauf Gisi mich zunächst fragend anblickt und sich dann vor Lachen krümmt.

Ich dackel also alleine weiter. Ein Fotograf zeigt mir den Weg hinauf, denn komischerweise gibt es keine Markierung mehr. Das wäre mir auch egal, ich habe mein Frühstücksbrötchen gegessen und bin auf einem Weg, der mich ins Paradies bringt. Es ist eine grandiose Granitwelt, ein Paradies fürs Auge. Vom Aussichtspunkt Pedra Bela überblickt man in der glasklaren Luft das gesamte Land bis hin zum Atlantik. Zwischen den Granittürmen leuchten kleine Dörfer, ehemals Besitztum der Templer. Die Einsiedelei Vilarinho war Sammelpunkt einer der Kreuzzüge. Wer es weiss: unter den Felskugeln sind vorzeitliche Gräber. Unbekannte Sträucher säumen mit zarten Blättchen den Weg. Neugierige Smaragdeidechsen huschen im letzten Augenblick von ihren Sonnenfelsen in eine der zahllosen Höhlen.

 
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Es ist ein traumhafter Lauf, der minütlich wegen der Fotomotive gebremst wird. Zunächst sind es wacklige Felsen, die oberhalb der verschlungenen Strasse kleben und jederzeit hinunter zu poltern drohen, dann stehen, wie die Riesen der Osterinseln, die Moai, urige Granittürme und bewachen das Tal mit dem glitzernden Stausee von Gerês. Acht steile Kilometer bringen uns hinab ins Tal.

Ich fliege, ohne die Aufprallschmerzen zu spüren. Auch als ich mich umdrehe und noch einmal nach oben in die Felsenlandschaft einer anderen Welt schaue, kann ich meine Mitläufer nicht mehr entdecken. Ich bin gut, also lass ich mich einfach fallen und renne nach Lust und Laune, nur gestoppt, wenn das Gefälle zu stark wird.
200 Meter sind es durch Gerês, vorbei an der Therme mit dem Säulenportal, dann laufe ich auf dem roten Teppich ins Ziel, wo mich Carlos Sá schon erwartet. Thomas, der Beinbrüchige, wird mit 7:00:06 als Glücklichster ins Ziel kommen.

Wir sind die ersten 13 Deutsche, die den härtesten Strassenmarathon der Welt geschafft haben. Freudig schicken wir einen sonnigen Gruß nach Hause. Definitiv sind wir nächstes Jahr wieder dabei. Lieber 10mal Gerês, als einmal NY.

 

Informationen: Geres Marathon
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