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Laufberichte

Mit Speck fängt man Läufer

 

Mit Bananenstückchen und Nudeln kann mich kein Veranstalter mehr locken. Bonn ist da ein sicheres Pflaster, die Zielverpflegung war schon immer extrem gut. Jetzt wird mit der Anmeldebestätigung gleich eine Speisekarte mitgeschickt. Da habe ich nicht nur gegrinst, ich habe mich richtig gefreut, denn es gibt Gegrilltes: Marathonwurst und Marathonfrikadelle.  Kavier gibt´s auch: Flönz, wie die Blutwurst mit den weissen Speckwürfeln genannt wird. Und mein Lieblingsgetränk. Es gibt nur ein Problem: Ich muss erst laufen -  und zwar schnell, denn es gibt einen neuen Teilnehmerrekord, und ich möchte nicht vor leeren Fässern stehen. 

Startnummernausgabe und Start sind ab diesem Jahr im Stadtgarten am Alten Zoll, eine ehemalige Bastion Bonns, die einst beliebter Treffpunkt der Rheinromantiker war. Von hier wurde nie ein Schuß abgegeben. Die zwei Kanonen vor der Startnummernausgabe sind zugegossen, es sind französische Kanonen von 1871. Das Innere des Alten Zolls, 1644 gebaut, war bisher unzugänglich und wurde nach dem Krieg mit Bauschutt gefüllt. Bei der zurzeit stattfindenden Sanierung entdeckte man unbekannte Kammern, deren Erforschung aus Geldmangel zukünftigen Generationen vorbehalten bleibt. So verlagert sich die Suche nach dem Bernsteinzimmer wieder in andere Regionen. 

 

 
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Auf der Hofgartenwiese vor dem Schloß kann man sich morgen früh gut warmlaufen. Hier war vor 13.000  Jahren der Flußlauf der Gumme, was erklärt, warum wir im Bereich des Münsterplatzes ein wenig Gefälle haben werden und unser Marathon auf einem Berg beginnt. Der Belderberg ist der ehemalige Prallhang der Gumme, hier wurde Bonn von den Kelten gegründet. Das keltische Wort „Bona“ heisst Gründung und ist im Französischen in vielen Städtenamen (bonnes) erhalten geblieben. 

Auf dem Münsterplatz ist gute Stimmung, die Musiker, die hier antreten, gehen Richtung Bruce Springsteen, das passt zum kulinarischen Angebot, Salat mit Putenstreifen sucht man hier nämlich vergeblich. Aber die Hamburger werden mit dicken Lagen Speck belegt.

Auf der Strasse Belderberg ist die Startaufstellung der Marathonläufer um 10:30,  Blickrichtung Norden. 10:30 ist eine gute Zeit für eine Studentenstadt. Die Halbmarathonläufer waren vor uns da, geblieben sind ein paar kümmerliche Kleidungsstücke, die auf den Absperrgittern hängen.

 

 
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Der Block der Läufer ab 4 Stunden beginnt im Koblenzer Tor, ein Strassendurchlass (B9) durch das langgestreckte Gebäude des Schlosses. Links und rechts die alten Wach- und Zollstuben, dort kann man sich am Block vorbeidrücken. Wer Sonnenwärme braucht, der stellt sich südlich des Tores, im 4:30er Bereich auf, am Stadtgarten, schaut hinauf zum Tor und sieht den goldenen Erzengel Michael, der gerade den Drachen tötet. Die Stockwerke über dem Tor waren Sitz des Ritterordens vom Heiligen Michael. Zu seinen Seiten zwei weibliche Figuren, die „am Boden liegende männliche Unholde bezwingen“.  Klarer Fall für einen marathonalen Gleichberechtigungsbeauftragten. Der heisst Michael Irrgang, Sportwart der DUV und ist heute derjenige, der die aufhebt, die am Boden liegen. Er ist der Besenläufer (6 Std). 

Es geht los. 

Auf der Bühne steht der neue Oberbürgermeister und mein Schulkamerad Ashok Sridharan und feuert eine besondere Schülerstaffelmannschaften an: die unserer Schule. Er ist zwar ein Jahr jünger als ich, hat aber dafür zwei Jahre später das Abi gemacht. Mit der Haarfarbe aber liegt er mir um Jahrzente voraus.

 

 
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Vor mir, direkt an der Zeitmessmatte, ist jetzt freie Bahn. Mit der Rechtskurve Richtung Rhein beginnt die politische Namensgebung der Strassen und Brücken. Kennedy war die Symbolfigur für Jugendlichkeit und Aufbruchstimmung. Seine letzte Auslandsreise führte ihn 1963 nach Bonn. Sie fahren im offenen Wagen durch die Stadt, er (Kennedy) stehend, von einem Korsett gestützt, und  neben ihm der äußerst fitte, 87 jährigen Adenauer, der außer kurzen Spaziergängen nicht viel gelaufen ist. Boccia hat er gespielt, im Urlaub am Comer See, doch er mochte keine Nudeln, deswegen nahm er stets seine Rhöndorfer Köchin mit. Die servierte ihm Flönz, Remouladeneier, Snickers, Mars, Bounty und Erdinger Alkoholfrei.

Heute serviert uns das die Rewe Gruppe. Rewe bedeutet „Revisionsverband der Westkauf-Genossenschaften“, wurde (1927) wie Andenauer (1876) in Köln geboren. 

Auf der Brücke sind viele Zuschauer. 200.000 sollen es laut Pressemeldungen sein, das ist rekordverdächtig bei einer Stadt, die nur 300.000 Einwohner hat. 

 

 
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Nach der Kennedybrücke kommt der Konrad-Adenauer-Platz auf Beueler Seite. Beuel ist natürlich auch auf einem Prallhang gegründet worden.  Ich laufe langsam, um nicht an diesen zu prallen und eine Beule zu bekommen. Das bedeutet auch der Ortsnahme Beuel, also Erhebung, was auf eine deutschsprachige Gründung im Mittelalter hinweist.  

Es gibt nun einen kleinen Abstecher nach Süden zum rechtsseitigen Rheinauenpark. Viele Schulstaffelläufer müssen schon gehen, aber es gibt keine Probleme. Michèl, der französische Spaßpräsident,  feuert und auch in Bonn wieder an. Mein Respekt gilt den Läufern meiner Exschule, denn sie machen einen guten, fitten Eindruck. Als ein Jahr nach mir ein bekannter Metzger und Entertainer und ein weiteres Jahr der Oberbürgermeister an diesem Kolleg Abi machten, gab es noch keine Mädchen auf der Schule. Deswegen sind wir drei wohl so schlimm geworden. 

 

 
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Auf der Höhe des Hariboschiffes wird gewendet. Das Hariboschiff ist ein riesiges, hölzernes  Spielschiff mit drehbaren Steuerrad,  Hängematte, Kletternetzen usw. Seit 1936 tauscht Haribo Kastanien und Eicheln für Wildfutter gegen Süßwaren, weswegen ich so oft im Wald war. Bei km 5 KM sind wir  in der Straße der Elsa Brändström. Sie war Krankenschwester und versorgte deutsche Kriegsgefangene in Sibirien. 

Wer Professor Neu war, interessiert mich nicht. Er hat zwar eine Allee bekommen, aber wir müssen wieder auf die Kennedybrücke. Der Ausblick hinauf ist zwar atemraubend, aber eben deswegen nicht einfach.

Auf Bonner Seite geht es rechts vorbei an der Beethovenhalle in die Wachsbleiche. Den Strassennamen „Bleiche“ findet man an vielen Flußufern, hier aber wurde nicht Kleidung, sondern Bienenwachs gebleicht. Das ging zwar auch in der Sonne, aber mit chemischer Hilfe sehr viel schneller. Weisse Kerzen waren beliebt, sie strahlten Reinheit aus.

Ab dem 18. Jahrhundert wurde hier Walrat zu Kerzen verarbeitet, eine Substanz aus dem Vorderkopf des Pottwales. Moby Dick war ein Belugawal, der 1966 bis zum Bundestagsgebäude schwamm und die Regierungsgeschäfte  lahmlegte.  Beliebt ist das Ausflugsschiff Moby Dick, das ich erst in der zweiten Runde hinter der Kennedybrücke entdecke. 

Den Verpflegungsstand bei km 11 am Rheinufer lasse ich links und rechts liegen, ich werde im Akademischen Turnverein erwartet. Auf diese Studentenverbindung ist seit Jahren Verlass. Ihr Wahlspruch „Mens sana in corpore sano“ heisst, dass man beim Marathon viel trinken soll. Hier neben dem Verbindungshaus lag vor 120 Jahren die städtischen Badeanstalt „Buscher Wellen“. Man badete damals noch im Rhein.  Hier war  immer schon der Anlaufpunkt für durstige Seele: „Habt ihr noch Bier auf dem Bootshaus?“ Das gesamte Ufer, ab dem Alten Zoll bis zur Gronau, dort wo ein Außenminister bei Herbert Steffny das Laufen lernte, erstreckten sich die Badeanstalten. Wer nun auf die hohen Ufermauern schaut, erkennt verschiedene, kunstvoll gestaltete Höhlen, in die  seinerzeit Brunnen und Planschbecken in Basalt-oder Lavamauern eingelassen waren. 

Verlässlich wie dieser Turnverein sind auch die Pacemaker. Zunächst zieht der 4er vorbei, kurz darauf der 4.30. Conny grinst mich nur an, Katharina zieht knallhart die Zeit durch. 

 

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Informationen: Deutsche Post Marathon Bonn
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