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„Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt! “

10.04.11
Autor: Joe Kelbel

Damals war ich jedes Wochenende dort gewesen. Man hörte Grand Master Flash, Kool & The Gang und KC & The Sunshineband.

Es graut schon dem Morgen als ich aus meiner ehemaligen legendären Lieblingsdisco rauskomme. In wenigen Stunden versammeln sich hier, vor dieser Tür, die Läufer und warten auf den Start. Eigentlich könnte ich jetzt gleich die Startnummer abholen, aber der schwarzgekleidete Mann vor dem  Zelt auf dem Münsterplatz bleibt stur. Dann frage ich Ali (Name von der Redaktion geändert) ob er ein Bier möchte und schon schwätzen wir über das alte Bonn, wie es früher war, als Ali noch nicht geboren war.

Ob ich Adenauer gekannt habe. „Nein“ sage ich, „so alt bin ich nicht!“ „Aber, die danach habe ich alle gesehen“, prahle ich. Es war Politik zum Anfassen.  Meine Eltern schickten mich zum Friseur in die Amerikanische Botschaft:  “Da bekommt man noch einen ordentlichen Haarschnitt“. So war das damals.

Mit Baader und Meinhoff kam dann die Angst. Bonn wurde zur Festung, Panzerwagen des Bundesgrenzschutzes prägten nun das Strassenbild und die Politik verschwand hinter Natodraht. Kameraden, mit denen man gestern noch gespielt hatte, kamen nun mit Polizeischutz.

Bonn geht es jetzt besser denn je. Während andere Städte jeden Cent umdrehen, entstehen in Bonn immer mehr gewaltige Neubauten. Edle Strassenbeleuchtung, Marmor-Rinnsteine und glasüberdachte U-Bahnstationen prägen das Strassenbild.

Ali betet lieber einmal zu viel, aus Angst er könnte einen vorgeschriebenen Gebetstermin verpassen. Er wohnt in einer schönen Stadt. Wir sitzen vor dem Gebäude der Hauptpost, wo ich früher für die begehrten Ersttagsstempel Schlange stand. Vor uns das Beethovendenkmal. „Beethoven? Das war doch so ein Dichter, ey ?“

Als die  ersten Sonnestrahlen langssam das Bonner Münster in ein warmes Licht tauchen, beginnen die Bronzereliefs mit den Szenen aus dem Leben des heiligen Martins zu glänzen. Die Trachytsteine des Münsters stammen vom Drachenfels, gegenüber im Siebengebirge.  Auch der Kölner Dom wurde aus den Steinen des Drachenfelses errrichtet. Welch grandioser Platz, um mit Ali über Beethoven (1770 -1827) zu reden und zu warten, bis ich meine Startnummer holen kann.

Auf der Hofgartenwiese, vor dem schönen Unigebäude, laufen sich die Halbmarathonläufer warm. Ich erinnere mich an die Demo gegen den Natodoppelbeschluß, hier auf der Hofgartenwiese. Über Nacht verdoppelte sich die Einwohnerzahl Bonns auf über 600.000. Die Wiese  war im Ausnahmezustand. Es gab kein Wasser, keine Klos, kaum Schatten, aber es blieb friedlich, es war das Woodstock von Bonn.

 
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Zeiten ändern sich, einen „ordentlichen Haarschnitt“ bekäme ich heute in Bonn an jeder Strassenecke. Doch ich finde,  meine m4y-Cap kommt so besser zur Geltung. Sabine kennt ein gutes Café, dort kann ich heimlich meine Frikadellen zum Milchkaffee essen.

 
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Als wir zum  Start um 10:30 Uhr antreten, sind die Skater und Halbmarathonläufer schon lange weg. Die Lunge wummert, als „For You“ von den „Disco Boys“ ertönt. Der Song wurde auch in in meiner Disco gespielt, damals aber von Manfred Man´s Earthband, und die hatten von Bruce Springsteen gecovert. Aber diese Lautstärke, das gibt´s nur in Bonn. Diese Stimmung! Einfach genial! Woher ich wohl meinen Frohsinn habe?

Der Bundespräsident steht auf der Bühne, an der Startlinie, mag aber nicht die Pistole in die Hand nehmen.  Ich laufe heute in meiner Hauptstadt. Berlin? Was ist Berlin? Und wie der Christian  da so steht, sehe ich genau, wie seine Lippen die Worte formen: „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt! Ich bin ein Bonner!“

 
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Ich bin gut gelaunt, auch als es gleich auf die Kennedybrücke hinaufgeht. Auf die andere Seite, nach Beuel ist man damals nie gekommen. Wie Klaus beschrieben hat: es war die schäle Seite. Nun, zu meiner Zeit war da einfach nix los gewesen, also warum sollte man da über die Kennedybrücke gehen? Da war nix, da wird nix, und nun?  Nun toben da die Zuschauer. Zeiten ändern sich und nun geht hier der Punk ab. Schönes Bonn. Ich laufe hier im Gebrüll der Zuschauer mit einem Heidenspeed durch. Ja es ist schön. Ich bin ein Held, auch wenn mich niemand mehr kennt. Es ist meine Stadt. Ich habe Spass.

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Informationen: Deutsche Post Marathon Bonn
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