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Warum im Dunkeln munkeln?

 

Wir Menschen sind schon eigenartige Geschöpfe. Von Natur aus sind wir tagaktiv, doch einige der schönsten Dinge machen wir lieber im Dunkeln und schaffen es, dies in den Kultstatus zu erheben.

Da ist zum Beispiel Biel. Bekanntlich musst du irgendwann nach Biel, jedenfalls als Ultraläufer. Aber muss es wirklich nachts sein, wenn du das Schöne zwar intensiv spürst, einen deiner Sinne aber nur eingeschränkt daran teilhaben  lässt und du die Schönheit nur in Schemen wahrnimmst?

Nein, denn neben den 100km von Biel gibt es den Ultra Bielersee über die halbe Distanz und damit bisher einziger 50km-Lauf der Schweiz (für Trailrunner gibt es nun diese Distanz auch beim Swiss Jura Nature Trail).

War da nicht mal schon etwas Läuferisches am Bielersee? Richtig, bevor ich in den Kindergarten einzog, marschierten das erste Mal Bewegungssüchtige rund um den Bielersee, nach zwei Jahren  steigerten sie das Tempo und machten daraus den legendären RUBI, den „Rund um den Bielersee-Marathon“. Auch Langstreckenlegende Helmut Urbach ließ es sich nicht nehmen, sich 1973 in die Siegerliste einzutragen, vier Jahre nachdem er in Biel als Erster die 100 Kilometer unter acht Stunden gelaufen war. Schlecht tat es ihm nicht, sonst hätte er es nicht geschafft, im darauffolgenden Jahr wiederum einen neuen Rekord aufzustellen  und auf dem Hunderter sogar die 7-Stunden-Marke zu knacken.

Ich habe nicht vor, irgendetwas zu knacken und hoffe auch, dass bei mir nichts knackt. Aus diesem Grund fahre ich auch erst am Samstagmorgen nach Biel. Ich hätte auch am Freitagabend starten können, dann aber zum einzigen 100-Meilen-Lauf der Schweiz, dem Ultra Bielersee XXL.  Viermal um den Bielersee ist mir zu viel, außerdem müsste ich dabei auf den Abstecher zur Petersinsel verzichten, welcher auf der kurzen Distanz zum Programm gehört. Dort war ich – mindestens im Umfang meines Erinnerungsvermögens – noch nie.

 
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Bei der Lago Lodge in Nidau, einem Backpacker Hotel und Organisationszentrum dieser Veranstaltung, gibt es einen gebührenpflichtigen Parkplatz, alternativ hätte ich auch mit der Bahn nach Biel anreisen und die Örtlichkeit innerhalb weniger Gehminuten erreichen können.

Christoph Allemann, Initiator und Organisator, teilt mir mit, dass vier Läufer auf dem XXL unterwegs sind und für den Start um 09.00 Uhr  rund 50 Teilnehmer für die 50km gemeldet sind. Interesse an den 40km, welche die Petersinsel rechts liegenlassen hat nur gerade ein Walker. Im Vorfeld sind keine Startlisten aufgeschaltet, daher ist jedes bekannte Gesicht, das auftaucht, eine Überraschung.  Zum Beispiel Karin, welche kurzfristig eine Startnummer geerbt hat.

Die Garderobe ist  im zweihundert Meter entfernten Strandbad, einen guten Kaffee gibt es in der Lago Lodge, wo auch noch ein Boxenstopp eingeschaltet werden kann. Alles ist entspannt, übersichtlich und unaufgeregt familiär. Nach ein paar Informationen zum Streckenverlauf und darin enthaltenen allenfalls kritischen Punkten geht es um 9.00 Uhr los.

Gleich zu Beginn gibt es in der ersten Kurve einen Blick auf das hinter Bäumen versteckte Schloss Nidau, Sitz des Regierungsstatthalters und Museum. Der Straße entlang geht es zur ersten Brücke über den Nidau-Büren-Kanal, dann gleich hinunter und dem Kanal entlang bis zum Seeufer.

 
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Biel/Bienne ist die offizielle Benennung der Stadt an der Sprachgrenze. Trotzdem hat die erste Ortschaft auf welcher der Uferweg liegt keinen französischen Übernamen, sondern einen englischen. Im örtlichen Sprachgebrauch wird Ipsach gerne auch Ipswich genannt. Es gibt dabei Details zu beachten: Ipswich ist nicht gleich Ipswich. Es gibt Ipswich-Station und Ipswich-Herdi, und diese beiden Bahnhaltestellen sind immerhin 600Meter voneinander entfernt… Für uns Läufer ist das unwesentlich, wir bewegen uns am Ipswich Beach.

Der Name Uferweg  lässt erwarten, dass er direkt an den Gestaden des Sees liegt. Lange ist das nicht der Fall, denn es gibt ganz viele glückliche Hausbesitzer, deren Grundstück zwischendrin liegt. Bei Sutz muss der Habenichts zu Fuß sogar hinauf ins Dorf, bevor er sich wieder näher zum See bewegen und sich ab Mörigen an der unverbauten Uferzone erfreuen darf.

Karin und ich sind seit Beginn im gleichen Tempo unterwegs und haben genügend Gesprächsstoff für die nächsten Kilometer. Karin war es, die mich im Vorfeld des Ultra Mallorca Serra de Tramuntana gewarnt hatte, dass der Laufuntergrund mit den groben Steinen von den Fußsohlen ihren Tribut fordern werde (Verena habe das als „unaufgeräumte Wege“ bezeichnet). Dass ich beim Reden und Laufen dabei ungewollt mit meiner Uhr einen gezielten Schlag an ihre verpasse und sie damit stoppe, bemerken wir erst später.

Schutzgebiet, Schilfgürtel und Auenwald, so sieht die Landschaft bis Hagneck aus. Wer nicht nur für die Gesundheit etwas tun will, sondern auch für die Bildung, kann sich an einer der Schautafeln über Flora und Fauna informieren. Eine Markierung am Boden zeigt an, dass das erste Streckenfünftel schon hinter uns liegt. In dem Fall wird es nicht mehr lange dauern bis zur ersten Verpflegungsstelle.

Sie ist beim Kraftwerk Hagneck eingerichtet, wo das Wasser der Aare in einem Seitenarm des Kanals zur Stromgewinnung genutzt wird. Der Wanderweg führt hier über eine große Baustelle. Wäre das alles überdacht, ginge er auch als Indoor Trail durch.  Zurzeit sind umfangreiche Anpassungen an diesem Bauwerk  der 1. Juragewässerkorrektion im Gange. Die Kantone Bern, Freiburg, Waadt, Neuenburg und Solothurn führten diese in den Jahren 1868 bis 1878 gemeinsam durch. Sie umfasste im Wesentlichen folgende Arbeiten:

Ableitung der Aare durch den neu gegrabenen Hagneckkanal von Aarberg aus direkt in den Bielersee zur Verhinderung häufiger Überschwemmungen. Nutzung von Bieler-, Neuenburger- und Murtensee als gemeinsames Rückhaltebecken. Begradigung, Kanalisierung und Vertiefung der Zihl und der Broye  zwischen den drei Seen. Abflusssteigerung aus dem Bielersee durch den Bau des Nidau-Büren-Kanals und Absenkung aller drei Seespiegel um durchschnittlich 2.5 m. Zur Entsumpfung großer Landstriche wurden zudem weitläufige Binnenkanalnetze erstellt.

In Lüscherz wird das Rad der Geschichte ein kräftiges Stück nach hinten gedreht. Im Pfahlbaumuseum kann eine Auswahl aus über 10‘000 Artefakten aus Stein, Silex, Knochen, Geweih und Ton besichtigt werden, welche Hans Iseli, ein gebürtiger Lüscherzer,  in seiner 60-jährigen Sammeltätigkeit gefunden, beschriftet und katalogisiert hat. Laufschuhe waren noch keine dabei…
Dafür konnten sich die Pfahlbauer dem Ufer entlang bewegen. Die Privatgrundstücke mit etwa 100 Ferienhäusern verunmöglichen dies heute und zwingen uns, bis Vinelz auf den wenig attraktiven Radweg neben der Hauptstraße auszuweichen.

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Informationen: Bielersee Ultra-Marathon und XXL
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