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Per Zeitsprung zum Beinahe-Weltrekord

 

"Üblicherweise benötigt man für einen Zeitsprung Lichtgeschwindigkeit, in dieser speziellen Herbstnacht jedoch genügt aufgrund einer energetischen Dyskalkulie die normale Laufgeschwindigkeit."

Mit kryptischen Worten weihen die nicht minder mysteriösen Chief Balla und Timekiller auf der Website in die Geheimnisse ihres marathonischen Zeitexperiments ein. Und geben als besondere Empfehlung an die Teilnhmer mit: "Ungefähr drei Stunden sollten es schon sein, um sich - wenn die Zeitdilation günstig ist - ins Wurmloch stürzen zu können."

Uups – wo bin ich denn hier gelandet? 

 

Tatort Ostpark

 

Erhellung kann man da nur finden, wenn man sich dorthin begibt, wo diese Dinge passieren. Wobei Erhellung nicht allzu wörtlich zu nehmen ist. Denn es ist kurz vor der Geisterstunde im Übergang vom 26. zum 27. Oktober und damit finsterste Nacht, als ich mich auf dem Gelände des Michaeli(bier)garten am Eingang des Ostparks, einer der grünen Lungen Münchens, einfinde. Dort empfängt mich zu dieser nachtschlafenden Zeit vor einem hell erleuchteten mobilen Pavillon ungewohntes Gewusel: Bestgelaunte, vornehmlich jüngere Leute in hautenger Läuferrüstung und Leuchtbirne vor dem Hirn, bereit und entschlossen, sich diesem Experiment auszuliefern und die Chance zu höchstem "PB"-Glück oder gar zu einem speziellen Weltrekord zu erlangen.

 
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Chief Balla alias Florian begrüßt die Ankömmlinge. Startnummern und Zeitmesschips werden ausgegeben, um die Probanden des Zeitexperiments, auch Chrononauten genannt, eindeutig zu kennzeichnen. Mit speziellen "Energy Cakes" dürfen diese nochmals Kraft tanken, um das Experiment auch bis zum Ende durchstehen zu können. Denn nichts wäre schlimmer, als von einem energetischen Interruptus in Depression gestürzt zu werden.

Alles ist gerichtet für die Nacht der Nächte, jene Nacht, in der wir die Stunde zurück geschenkt bekommen, die man uns ein halbes Jahr vorher einfach so genommen hat. Der Norm-Bürger bekommt von diesem Geschenk gar nichts mit, verschläft diesen Moment ganz einfach. Nicht so der hellwache, unentwegte Haufen im Hier und Jetzt: Er will bei vollem Bewusstsein das unbeschreibliche Gefühl eines Time Warp erleben, das Deja-vu einer vollen Stunde auskosten, das der Zeitknick um 3 Uhr morgens eröffnet. Unbestechliche Zeitmessgerätschaft wird per Chip sekundengenau die Uhrzeit von Start und Zieleinlauf erfassen und die Differenz für die Nachwelt urkundlich dokumentieren. Unumstößlich kann so ein jeder seine erstaunlichen Fähigkeiten belegen. Vorausgesetzt, er geht das Experiment mit der erforderlichen Besonnenheit und Muße an. Denn für den, der es überstürzt, ganz konkret: es unter drei Stunden bewältigt, ist alle Mühe umsonst – er hat beim Experiment versagt.

Zum optimalen Timing beschleunigt werden die Läufer auf einem von Laternen hell erleuchteten Rundkurs, quasi einer Art Outdoor-CERN, wenn man sich - kosmisch betrachtet - die Läufer einmal als Elementarteilchen vorstellt. Allerdings mit Wurmfortsatz, denn pro Runde ist zudem eine kurze Pendelstrecke zu nehmen, um auf 2,11 vermessene Kilometer pro Runde zu kommen. Deren 20 sind demnach für den vollen Marathon zu bewältigen, wobei – welch ein Service – die durchlaufenen Runden auf einem Großbildschirm im Start-Ziel-Bereich individuell angezeigt werden. Auf den inneren Strichzettel muss sich also niemand verlassen. Wer an das Zeitexperiment erst einmal nur hinschnuppern will, kann sich auch mit einem Halben über 10 Runden genügen. Oder auch mit mehr oder weniger. Denn chronometrisch erfasst wird letztlich jeder, der zumindest eine Runde oder ein Vielfaches davon bewältigt hat. Und das beste: Man muss sich distanzmäßig vorab auf überhaupt nichts festlegen. Es gilt das Motto: Run as long you have fun. Und dass hier "fun" der alles dominierende Faktor ist, merkt man der organisierenden  Ground Crew ebenso wie allen anderen am Start an.

 

Start frei für das Zeitexperiment

 

 
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Die Spannung steigt, als der Uhrzeiger unerbittlich gen Mitternacht rückt. Ein letzten Chip-Check wird durchgeführt, um sicherzustellen, dass keiner der Probanten, ohne es zu ahnen, durch ein Zeitloch fällt. Optimal sind die Rahmenbedingungen. Wurde das Experiment bei der Premiere im letzten Jahr noch durch ein heftiges Schneegestöber gestört, so erwartet uns heute eine herrlich laue Spätherbstnacht. Der Countdown läuft. Dann ist es soweit: 0:00 Uhr - das Go ertönt, das Experiment ist gestartet, die Zeit läuft.

Im Uhrzeigersinn hineingeschossen werden wir in den Beschleunigungsring. Nun ja: Übertreiben will ich nicht. Es gibt schon ein paar, die abgehen wie eine Rakete. Aber die Mehrzahl lässt es doch sehr entspannt angehen – Lachen, Feixen, Musik aus einem Mobilgerät tönt durch die Nacht, dazu die im Pulk wackelnden Punkte vereinzelter Stirnlampen und vor allem die Ganzkörperbeleuchtung des wandelnden Niko-Klausi. Ein "Fun"-tastischer Experimentbeginn!

Unser Rundkurs auf hell erleuchtetem Asphaltband führt uns pro Runde jeweils einmal um den buchtenreichen Ostparksee herum. Zumindest können wir uns das so vorstellen. Denn in der Finsternis der Nacht sind Horizont und Wasser im Einheitsschwarz vereinigt. Ganz selten lässt ein Lichtstrahl das Wasser durch die Nacht blinken. Buschwerk und Bäume säumen das Blickfeld entlang des sich durch die Wiesen windenden Weges. Und natürlich die Laternen, deren warmes Licht die Parklandschaft mit ihrem Lichtschattenspiel verzaubert. Die Kopflampen sind eigentlich überflüssig, aber das Tragen hat eindeutig mehr Abenteurer-Charme. Als einziges Zeichen der Zivilisation blitzen die verwaisten Anlagen des Michaelischwimmbades am Ende einer jeden Runde durch die Natur.

Schon bald hat sich die Läuferschar auf dem Kurs verteilt, läuft jeder sein Wohlfühltempo. Auf der super flachen Strecke kann man sich meditativ geradezu in einen Laufrausch steigern. Das raschelnde trockene Laub unter den Füßen ist oft das einzige, was wir hören. Wenn man es denn hören will. Denn nicht wenige lassen sich kopfhörertragend von ihren eigenen Wohlfühlmusik durch die Nacht tragen. Wer – unabhängig vom speziellen Zeitexperiment – läuferisch mal so richtig "die Sau rauslassen" will, der ist hier genau richtig.

Ein großes Hallo gibt es jedes mal, wenn wir den Start-Ziel-Bereich und den Zeiterfassungskanal davor passieren. Von der Ground Crew und ein paar unentwegten Nachteulen werden wir applaudierend mit Anfeuerungsrufen empfangen. Zu einem kurzen Zwischenstop lädt die hier für die Läuferschar eingerichtete Treibstoffbasis ein. Und beim Treibstoff, im Veranstalterjargon auch Chronofood genannt, ist richtig viel geboten: HydroGels und Energize Riegel sind dabei, High Energy Fruits (vulgo: Äpfel und Bananen), Bavarian Power Bread (im Tribal Slang: Brez`n) und vieles mehr. Und natürlich H2O: pur, als Schorle, isotonisiert und später auch als Cola.

Runde um Runde spule ich ab, überhole und werde überholt. Bald kenne ich jede Kurve, jede Abzweigung, und auch jeden Läufer. Verlaufen kann man sich eigentlich nicht. Man muss nur der Laternenkette folgen und sich im Zweifel an dem Weg orientieren, der in maximaler Nähe zum See verläuft. Sicherheitshalber ist der Kurs auch durch Kreidepfeile am Boden markiert. Die angeblich fünf Höhenmeter pro Runde merkt man anfänglich kaum. Die gefühlte Steigung nimmt aber deutlich zu, wenn man einmal ein paar Runden in den Knochen hat.

 
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Soll man aufhören, wenn es am schönsten ist? Ich hadere mit mir, als ich die zehnte Runde beende. Die Vernunft siegt. Ich verzichte auf auf das Erlebnis des Zeitsprungs, auf eine neue Bestzeit, steige aus und geselle mich zu den anderen HM-Finishern am Pavillon. Und hier wird es immer voller. Das Ziel mutiert zur Zeitsprung-Steh-Party-Zone. Erst jetzt entdecke ich, welche weiteren Schätze das Läuferbuffet bietet. Wo gibt es schon fünferlei Kuchen, darunter leckeren selbstgebackenen Streußelkuchen und einen frischen Kaffee aus der Espressomaschine?

Überaus herzlich und geradezu familiär ist das Miteinander der Organisatoren mit den Läufern. Jeden, der ankommt, begleiten aufmunternde Worte auf den weiteren Weg, und Chief Balla lässt es sich nicht nehmen, immer mal wieder einen der schon etwas schwächelnden Läufer auf einer Runde zu begleiten. Timekiller und Lizzy sorgen dafür, dass das Buffet allzeit gut gefüllt bleibt, wobei sich so mancher auch sein eigenes Beschleunigungselixier deponiert hat, etwa in Form eines berühmten Augustiner Gerstensafts. 

Faszinierend ist für mich immer wieder der Blick auf den Großbildschirm, auf dem genau zu verfolgen ist, wer in welcher Runde mit welcher Zeit unterwegs ist – und auch wie die hochgerechnete Zielzeit ist. Schon bald sticht Matthias Westermaier aus den noch auf der Strecke rotierenden Chrononauten heraus. Er weist die höchste Rundenzahl auf. Und ist bei der prognostizierten Zielzeit doch deutlich hinter den folgenden Läufern. Tja, das sind eben die Effekte des Zeitsprungs. Ich denke mir nur: Gemach, Gemach, Junge. Willst Du verlieren, weil Du zu schnell bist? Es sind wohl höhere Kräfte, die Matthias zunehmend einbremsen, und als er schließlich dank Zeitsprung auf Weltrekordkurs läuft, steht das ganze Team Kopf.

 
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Aber es soll nicht sein. 2:03:32 zeigt schließlich die Uhr an, von Matthias keine Spur. Wilson Kipsang kann also ruhig weiter schlafen. Doch 87 Sekunden später rauscht Matthias an, freudestrahlend und beifallumtost, und stellt mit 2:04:50 zumindest einen überragenden Streckenrekord auf. Nicht nur die Sieger, sondern jeder der Marathon- und Halbmarathon-Einläufer wird mit einer höchst individuellen Finishermedaille belohnt, lasergebrannt aus einem superleichten Kunststoff, bei dem sich die technikverliebten Organisatoren sicherlich eines modernen Raumfahrtwerkstoffs bedient haben. Leer ausgehen müssen aber auch die nicht, die mehr oder weniger Runden als die offiziellen 10 oder 20 laufen: Für sie gibt es – wohl einmalig in der Laufszene – eine eigene DNF-Medaille.

Wenn man den Erfolg einer Laufveranstaltung nach der Zahl der lachenden Gesichter vor, während und nach einem Lauf messen würde: Der Bestzeitmarathon hätte hier ohne Zweifel einen der Topplätze der Republik. Jung, spritzig, ideenreich, gleichzeitig liebevoll organisiert. Kein Wunder ist die intergalaktische Steigerung der Marathonfinisher um 700 % gegenüber dem Vorjahr, bei den Gesamtteilnehmern um über 750 %. Wenn das so weitergeht, hat Mitorganisator Henrik mathematisch hoch gerechnet, werde der Bestzeitmarathon den München Marathon in zehn Jahren teilnehmermäßig überrundet haben.

Kein Wunder auch, dass viele sagen: Ich komme wieder. Wer im nächsten Jahr bei diesem außergewöhnlichen Laufevent dabei sein möchte, sollte mit der Anmeldung aber nicht zu lange zögern. Die Teilnehmerzahl ist limitiert. Und das ist gut so: Denn so wird sich diese Veranstaltung auch in Zukunft ihren einmaligen Charme bewahren.

 

Informationen: Bestzeitmarathon
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