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Laufberichte

Tiberias Marathon um den See Genezareth

11.01.09

Co-Autor: Jens Rochti

Laufen im Heiligen Land und Krieg in Gaza

Willst Du wirklich dahin fliegen? Diese Frage wurde uns in den Tagen vor unserer Abreise nach Israel gestellt. Grund war der Beginn des Gaza-Krieges und die damit verbundene scheinbar unsichere Lage im Land.

Nun, wir ließen uns nicht davon abhalten, den lange geplanten Besuch von Freunden in Israel verbunden mit der Teilnahme am Marathon in Tiberias zu starten. Wir fühlten uns nicht gefährdet, da Tiberias im Norden des Landes liegt und der Krieg um Gaza, ausgelöst durch den jahrelangen Beschuss israelischer Städte durch Raketen, im Süden des Landes stattfindet.

Raketenalarm beim Frühstück

Wir flogen daher am 6. Januar von Köln/Bonn nach Israel. Nach der Landung fuhren wir nach Tel Aviv, wo wir Freunde trafen und das Wiedersehen feierten. Raffi und Zippi hatten uns in ihr Haus eingeladen und wir verbrachten die erste Nacht in Yavne, etwa 30 Kilometer südlich von Tel Aviv.

Yavne liegt am Rande des Gebietes, dass seit Jahren durch Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen gefährdet ist. Raffi zeigte uns daher sofort nach Betreten seines Hauses den Bunker, in den wir uns bei Alarm flüchten sollten. Die Menschen in Yavne haben eine Vorwarnzeit von etwa 45-60 Sekunden bis zum Einschlag der Raketen. Weiter südlich in Sederot  liegt die Vorwarnzeit bei nur 15 Sekunden.

Seit Jahren leben die Menschen in den an Gaza angrenzenden Gebieten Israels mit der Gefahr des Raketenbeschusses aus Gaza. Die Flucht in die Bunker ist ein Bestandteil ihres täglichen Lebens geworden. Die Gefahr ist Tag und Nacht gegenwärtig.

Was das bedeutet, bekamen wir beim Frühstück zu spüren. Plötzlich ertönten die Sirenen und wir gingen schnellstens mit Raffi, Zippi und Hund Jay in den Bunker. An diesem Tag schlugen etwa 30 in Gaza abgefeuerte Raketen in Israel ein.

Auf nach Tiberias – vorbei an Zeugnissen der Geschichte

Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch brachen wir zur Fahrt in den Norden nach Tiberias auf. Jeden Abend verfolgten wir die Nachrichten und hofften in Sorge um die Freunde darauf, dass kein Raketenbeschuss für Yavne gemeldet würde.

Im Lande selbst war vom Krieg direkt nichts zu spüren. In der Großstadt Tel Aviv, die 2009 ihr 100-jähriges Bestehen mit einem einmaligen Marathon im April feiert, pulsiert das Leben. Die Stadt ist mediterran geprägt und es herrscht reges Treiben. Wir hatten uns einen Mietwagen genommen und fuhren entlang der Küste nach Norden. Bei Caesarea legten wir einen Stop ein und besichtigten die beeindruckenden Zeugnisse der Vergangenheit. Mehrere Kulturen haben hier ihre Spuren hinterlassen: Phönizier, Griechen, Römer, Kreuzfahrer, Osmanen. Am faszinierendsten waren das gut erhaltene römische Amphitheater und das etwas abseits liegende Aquädukt. Die gewaltige Wasserleitung verläuft direkt am Strand.

Laufen im „Innern“ der Erde

Als wir von den Bergen Galiläas herunter nach Tiberias fuhren, kamen wir an einem Schild mit der Aufschrift „Sea level“ vorbei. Wir fuhren quasi ins Innere der Erde hinab. Der See Genezareth und damit auch die an seinen Ufern liegenden Orte wie Tiberias befinden sich in einer langgezogenen Erdsenke unterhalb des Meeresspiegels. Der Wasserspiegel des Sees liegt etwas mehr als 200 Metern unter dem Meeresspiegel. Der Jordan entwässert den See und mündet in das Tote Meer. Dort befindet sich die tiefste Stelle der Erdoberfläche mit etwa 400 unter NN.

Der Tiberias Marathon ist somit ein Lauf unterhalb der Erdoberfläche. Für Klaus keine neue Lauferfahrung, gab es doch bis vor wenigen Jahren im Braunkohletagebau Hambach in der Nähe von Köln einen Berglauf der auf etwa 300 Meter unterhalb der Erdoberfläche startete.

Pasta-Party vom Feinsten

In Tiberias angekommen, gingen wir bei Regen in das Stadtzentrum zum Golden Tulip Hotel. Dort war im Foyer eine kleine Marathonmesse und im Untergeschoss konnten wir die Startunterlagen abholen. Rasch erhielten wir unsere Unterlagen. In den Startbeuteln gab es neben einem Funktionsshirt noch eine weitere nette Überraschung. Jeder Teilnehmer erhielt eine Schachtel Datteln, die wir uns nach dem Rennen auch schmecken ließen. Zur Zeitmessung fand jeder Starter einen Leihchip in seinen Starterbeutel, den er nach dem Lauf zurückgeben musste um im Gegenzug die schöne Finisher-Medaille zu erhalten.

 
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Im Golden Tulip Hotel fand auch die Pasta-Party statt. Ungeduldig warteten die Läufer vor dem aufgebauten Buffet mit allerlei Köstlichkeiten des Vorderen Orients auf das Ende der diversen Reden. Einige konnten sich nicht beherrschen und griffen schon mal zu. Es sah aber auch alles sehr verlockend aus und schmeckte auch richtig gut. Es gab diverse Salate, Obst, Brot, Nudeln, Reis und sogar Couscous. Getränke gab es ohne Begrenzung. Das Angebot war wirklich reichhaltig. Wir hatten so etwas noch nicht erlebt. Mit Schaudern erinnerten wir uns an so manche Pasta-Party bei namhaften Marathons mit einem Teller lauwarmer und fad schmeckender Nudeln und einem spärlichen Getränk.

Internationales Flair

Wir waren begeistert und ließen es uns schmecken. Dabei kamen wir mit vielen anderen Startern ins Gespräch. Das Telnehmerfeld war international. Die rund 1.200 Teilnehmer kamen aus 33 Ländern. Wir trafen u. a. Deutsche, Amerikaner, Schweden, Tschechen und den einzigen Teilnehmer aus Belgien. Viele nutzten wie wir die Teilnahme am Marathon zu einem Urlaub in Israel.

Der Krieg in Gaza hatte keine negativen Auswirkungen auf den Marathon. Stolz berichtete uns Rachel vom Organisationsteam, dass die Teilnehmerzahlen um 20% gestiegen waren. Für die nächsten Jahre dürfte mit weiteren Steigerungen zu rechnen sein.

Die Favoriten kamen aus Ostafrika. Die schnellen Jungs waren auch bei der Pasta Party dabei und mischten sich unter die Teilnehmer.

Strahlender Himmel über Galiläa

Am Morgen des Marathontages am Donnerstag, den 8. Januar, strahlte die Sonne vom Himmel, es war nahezu windstill. Der Regen des Vortages hatte sich verzogen und wir präparierten uns mit Sonnencreme. Es war schon ein merkwürdiges Gefühl, Köln bei zweistelligen Minusgraden verlassen zu haben und nun am See Genezareth bei Sonne pur einen Marathon zu laufen. Nix war mit langen Hosen, dicken Jacken, Mütze und Handschuhen. Kurze Laufhosen und Shirt waren angesagt. Einige Läufer liefen sogar oben ohne.

Unsere Befürchtungen, es könne während des Laufes zu warm werden, erfüllten sich nicht. Zwischendurch kamen Wolken auf und es gab genug zu trinken. Positiv empfanden wir, dass die Getränke in Bechern, aber auch in Flaschen angeboten wurden. So konnte man einen Becher trinken und eine Flasche mitnehmen, um weiter zu trinken und/oder sich das Wasser zur Abkühlung über Kopf und Körper zu schütten.

Gelbe Shirts und Luftballons

Nach wenigen Minuten Fußmarsch von unserem Hotel kamen wir am Golden Tulip Hotel an und beobachteten das Treiben vor dem Start. Wir gingen zum Startbereich in die Parallelstraße und sahen ein buntes Gemisch von Läufern. Es war eine sehr entspannte und freudige Atmosphäre. Wiederum vom Gaza Krieg keine Spur.

 
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Während der offiziellen Ansprachen, für uns unverständlich in Hebräisch, unterhielten wir uns mit anderen Läufern. Um die Brems- und Zugläufer mit ihren gelben Shirts mit vorn und hinten aufgedruckter angestrebter Endzeit und ihren Ballons hatten sich Gruppen von Läufern gebildet. Drängeleien im Startbereich gab es nicht. Alles ging gesittet zu.

20 Minuten vor den Marathonis wurden die Handbiker auf die Strecke geschickt. Ein 10-Kilometerlauf rundete die Veranstaltung ab.

Attraktive Strecke

Wir genossen die Stimmung im Startbereich und freuten uns auf einen schönen Lauftag. Um 9 Uhr fiel der Startschuss und wir setzten uns in Bewegung. Wir wollten den Lauf langsam angehen und ohne zeitliche Vorgabe laufen. Der Spaß stand im Vordergrund und davon hatten wir genug.

Die Strecke führte rasch raus aus Tiberias und verlief fast ständig am Seeufer  entlang. Wir passierten einige Hotels und Freizeitanlagen. Die Laufstrecke war vorbildlich gesichert, durchgehend asphaltiert und bis auf etwa 2 KM am Südufer des Sees verkehrsfrei.

Kurz nach dem Start traf Klaus den bekannten deutschen Ultraläufer Thomas Wenning und hielt ein Schwätzchen mit ihm. Es gab nur wenige Zuschauer. Wir hatten den Eindruck, es gab mehr Polizisten und Streckenposten an der Strecke als Zuschauer. Das tat der Stimmung im Läuferfeld keinen Abbruch. Es ist halt ein Landschaftslauf in wunderschöner Umgebung mit einem einzigartigen Flair. Wir brauchten keine Zuschauermassen und genossen die Blicke auf den See und die Berge Galiläas.

Keine Chance für Schummeleien

Kurz vor KM 5 wurden wir von den ersten der später gestarteten 10-KM-Läufer überlaufen. Bei KM 5 war der Wendepunkt für den Zehner erreicht und es waren fortan nur noch Läufer unseres Tempos um uns herum. Bei KM 5 kamen wir an die erste von mehreren Zeitmessmatten. Weitere Matten gab es bei KM 10, HM, 30 und 40. Schummeln war somit nicht möglich.

Vor KM 10 überquerten wir den Ausfluss des Jordans aus dem See Genezareth. An der Jordanbrücke standen einige Zuschauer und feuerten die Läufer an. Kurz später liefen wir an einer Schule vorbei. Die Schüler hatten gerade Pause und klatschten Beifall.

Pendelverkehr mit Spitze

 
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Nachdem wir das Südufer des Sees mit dem Abzweig der Straße 90 zum Toten Meer passiert hatten, wendete sich die Strecke wieder Richtung Norden. Für eine kurze Zeit verloren wir den See aus den Blicken. Es ging nunmehr eine lange Gerade abfallend Richtung En Gev. Wir „freuten“ uns schon auf den fälligen „Aufstieg“ beim Rückweg.

Die Führenden hatten den Wendepunkt längst hinter sich gelassen und kamen uns bereits entgegen. Sie rauschten nur so an uns vorbei. Wir ließen uns Zeit und schauten uns die abwechslungsreiche Landschaft an.

Immer wieder auch kamen uns einzelne Handbiker auf ihrem Rückweg entgegen. Auch für Handbiker ist der Tiberias Marathon sehr zu empfehlen. Trotz der vielen Freizeitanlagen um den See machte die Landschaft einen gepflegten Eindruck. Straßen und Plätze sind sauber. Außer leeren Trinkbechern und Plastikflaschen der Marathonläufer sahen wir keinen Müll herumliegen. Auf dem Rückweg konnten wir bereits freundliche Helfer beim Einsammeln des Marathonmülls beobachten.

Intensive Landwirtschaft

 
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Bis zum Wendepunkt beim Halbmarathon in En Gev sahen wir viele Bananenplantagen. Es wird eine intensive Landwirtschaft betrieben. Alles sieht sehr gut organisiert aus. Die Landwirtschaft wird mit aufwändiger Bewässerung betrieben. Da es jedoch in den letzten Jahren geringere Regenmengen im Einzugsbereich des Sees Genezareth zu verzeichnen gab, ist der Wasserspiegel des Sees merklich abgesunken. Wir konnten dies deutlich sehen. Sollte diese Entwicklung anhalten, drohen ernste Konsequenzen.

Die Vegetation um den See ist geprägt von Eukalyptusbäumen, Zypressen und Palmen. Sehr schön ist der Blick über den See hinüber nach Tiberias. Leider war es etwas dunstig und die Fernsicht eingeschränkt. Aber das Ziel war vor Augen. Nach 2.14 h überquerten wir die Halbmarathonmarke und gingen den Rückweg an. Nun konnten auch wir den „Gegenverkehr“ beobachten.

Stimmung beim Zieleinlauf

 
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Gottlob schoben sich zur Mitte des Laufes einige Wolken vor die Sonne. In der Schlussphase gab die Sonne aber wieder alles und wir auch. Wir merkten, dass wir erst wieder kurze Zeit richtig trainiert hatten. Auf den letzten Kilometern wurden die Läufer immer wieder mit Kadima-Rufen angefeuert. Bei strahlender Sonne liefen wir vorbei an den schönen Hotel- und Freizeitanlagen am Seeufer auf Tiberias zu und genossen den stimmungsvollen Zieleinlauf. Wir wurden vom Sprecher namentlich begrüßt und strebten direkt nach dem Überqueren der Ziellinie der Verpflegung zu. Leider gab es nur noch Grapefruits, die andere Verpflegung war bereits geplündert. Waren wir zu langsam?

Wir stillten unseren Durst mit Eistee. Es gab auch Wasser und frischen Kaffee. Da ließen wir uns doch nicht zweimal bitten. Beim Kaffee traf Klaus auch einen israelischen Läufer wieder, den er in der Schlussphase bei einer seiner Gehpausen mit einer Abwandlung des Slogans des kommenden neuen US-Präsidenten angefeuert hatte: „Yes, you can“.

Tiberias ist ein bemerkenswert schneller Kurs. Immerhin betrug die Siegerzeit 2.08,07 Stunden. Das sind Zeiten von denen Bonn, Köln oder Düsseldorf nur träumen können.

Bemerkenswert: Die Kenianische Phalanx auf den Plätzen 1 bis 16 wurde nur von je einem Läufer aus Tansania (Platz 9) und Äthiopien (Platz 14) unterbrochen.

 
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Wir blieben nach dem Lauf noch eine Woche in Israel und besuchten in dieser Zeit u. a. Jerusalem, Bethlehem, Tel Aviv, Totes Meer, Massada. Die Vielfältigkeit und Schönheit der Landschaft haben uns dabei ebenso fasziniert wie die unzähligen Zeugnisse der Vergangenheit. Aber auch die Begegnungen mit den Menschen haben uns beeindruckt.

Wir kommen wieder, vielleicht schon zum 33. Tiberias Marathon am 7. Januar 2010. Hoffentlich ist es dann ruhiger geworden im Heiligen Land. Wir wünschen nicht nur unseren Freunden ein Ende der Feindseligkeiten.

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Fazit

Eine gut organisierte Veranstaltung. Man spürt die lange Erfahrung. Schöner Landschaftslauf, optimal mit einem Urlaub im Heiligen Land zu kombinieren.
Eine Kombination des Tiberias Marathon mit einem Urlaub in Israel ist auch schon deshalb sehr empfehlenswert, weil es im Januar nur wenige Touristen   gibt. So waren wir in der Geburtskirche Jesu in Bethlehem allein in der Grotte. Zudem ist es im Januar nicht zu heiß. Im Sommer sind weit über 30 Grad schwer zu ertragen. Allerdings kann es im Januar auch Regen und kühle Tage geben.

Wir danken Raffi, Zippi und Roni für Ihre Gastfreundlichkeit!

Streckenbeschreibung:

Wendepunktstrecke entlang des Sees Genezareth, landschaftlich abwechslungsreich und reizvoll, wenige Steigungen, asphaltiert, nahezu verkehrsfrei. Wendepunkt / Halb-marathon bei En Gev am Ostufer des Sees.

Auszeichnung:

Medaille im Ziel, Finisher-Shirt im Starterbeutel

Logistik:

Start- und Zielgelände im Stadtzentrum in der Nähe des Golden Tulip Hotel

Verpflegung:

12 Trinkstände mit Wasser und Isogetränken an der Strecke und Verpflegung im Ziel, Schwämme werden an mehren Stationen angeboten, Verpflegung gab es nur an einer Station, ein Gel ist im Starterbeutel.

Zuschauer:

Im Start- und Zielbereich begeisterte Zuschauer, an der Strecke nur vereinzelt. Stimmungsnester am Ausfluss des Jordans aus dem See Genezareth und bei einigen Schulen an der Strecke.

 


 

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