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Laufberichte

Die längste Friedenspfeife

19.04.09

 Gesagt ist gesagt und geschrieben ist geschrieben. Und wenn das Gesagte oder Geschriebene einmal den Weg ins Internet gefunden hat, dann lassen sich keine Spuren mehr verwischen. Deshalb wäre auch alles Leugnen zwecklos. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als den Gang nach vorne anzutreten und Farbe zu bekennen, bevor irgendwo im Archiv gestöbert und mir meine Schreibe unter die Nase gerieben wird. Es ist kein Geheimnis, dass ich mich schon mehrmals wenig schmeichelhaft über eine Spezies des sich bewegenden Homo sapiens geäußert habe. Jene entfernten Verwandten des Läufers, welche, anders als dieser, immer nur in Rudeln auftreten. In ihrer Unfähigkeit, seiner Geschwindigkeit etwas entgegenzusetzen und seiner habhaft zu werden, greifen diese Horden zu ganz plumpen Tricks. Dem Limes gleich versperren sie in konzertierten Aktionen dem Läufer den Weg, egal wie breit der auch ist, wobei sie hemmungslos zu ihren Waffen greifen. Denn sie sind alle mit teuren Stöcken ausgestattet, Abfallprodukte aus den Labors der Raumfahrt und der Formel 1-Ingenieure, von findigen Marketing-Experten auf den Sportartikelmarkt geworfen. Im direkten Duell überlebt der Läufer in der Regel dank seiner Schnelligkeit und Wendigkeit, er kann sich im Normalfall selbst verteidigen und kommt mit geringen Blessuren davon.

Sobald er sich erholt hat, greift er aus sicherer Distanz zu seiner einzigen Waffe, die ihn im Kampf gegen dieses Übel bleibt, der spitzen Feder. Die Einen schreien und schreiben sich den Frust aus der Seele, Andere - in der Achillesferse getroffen - überschütten diese Laufmutanten mit hasserfüllten Achillesversen und Manifesten.

Auf der Suche nach weiteren Informationen zum Nordschwarzwaldmarathon gebe ich dessen langen Namen  in die Suchmaschine ein und werde – oh, Schreck! – auf die Adresse www.nordic-walking-egenhausen.de  geführt. Ich vermute sogleich eine neue heimtückische Finte dieser Fraktion, bis ich den ganzen Namen des Veranstalters auf der Website selbst lese: Nordic Walking- und Lauffreunde Egenhausen e.V.  . Meine bisherige läuferische Weltsicht wird gleich einmal über den Haufen geworfen. Da gibt es doch tatsächlich Nordic Walker und Läufer, die sich nicht bekämpfen, sondern in einem Verein einträchtig mit- und nebeneinander ihrer Freizeitbeschäftigung frönen? Irgendwie kommt mir das suspekt vor, doch die Mitgliedschaft beim Württembergischen Landessportbund weckt Vertrauen. 

Da ich, im Vergleich zu anderen und bekannteren Exponenten der Laufszene, mit meinen jeweiligen Aussagen verhältnismäßig moderat war, poliere ich mal meinen Heiligenschein und entscheide mich zur Teilnahme. Eigentlich bin ich ein friedlicher Mensch und deshalb nehme ich das Angebot an, in ebensolcher Zweisamkeit mit Nordic Walkern einen Marathon zu laufen. Eine zur Versöhnung ausgestreckte Hand so kurz nach Ostern auszuschlagen und mich dabei um einen Marathon zu bringen, kann ich nicht verantworten – zumal der letzte schon drei Wochen zurückliegt.

Der Regen, der mit der Kaltfront kam, hat für die Allergiker gute Arbeit geleistet. Gut gewaschen und entrollt präsentiert sich die Frühlingslandschaft auf der Fahrt in den Landkreis Calw. Teilweise hält sich die Feuchtigkeit noch als zäher Nebel in den zahlreichen Tälern und Geländeeinschnitten und die Temperaturanzeige im Cockpit bewegt sich im unteren einstelligen Bereich.
Die knappe Stunde von meiner Ankunft bei der Turn- und Festhalle Egenhausen bis zum Start reicht aus, um in aller Gemütlichkeit die Startnummer zu holen, beim Umziehen den einen oder anderen Schwatz zu halten und die Kleidertasche abzugeben. Und für Antons Marathonplanung im nächsten Jahr sei erwähnt, dass das Kuchenbuffet in üppigster Fülle schon um diese Zeit eröffnet ist…

 
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Die Atmosphäre ist richtig entspannt und locker, keinerlei Anzeichen von Hektik und Nervosität sind auszumachen und so staune ich, als ich plötzlich höre, dass nur noch fünf Minuten bis zum Start bleiben. Zeit zum Aufwärmen bleibt nicht mehr, doch das wird sich schon geben. Es ist noch ziemlich frisch, trotzdem wage ich es, heute erstmals in diesem Jahr in kurzer Ausstattung an den Start zu gehen. Mittlerweile ist der Himmel stahlblau und die Sonne und die ersten Kilometer werden mich zeitig auf Betriebstemperatur bringen.

Auch der Start der etwas über siebzig Marathonisti erfolgt ohne Gedränge und Rempeleien. Der erste Kilometer steht – abgesehen davon, dass er übers offene Feld führt – für den Charakter der Strecke. Erst runter, dann rauf. Das gleiche auf dem zweiten und dem dritten der einzeln ausgeschilderten Kilometer.

Pete war schon in Kandel und Freiburg auf der Strecke. Er will sich heute zwingen, die beiden Runden langsam anzugehen und sich nicht vom Tempo anstecken zu lassen, denn auch dieser Marathon ist Teil seiner Vorbereitung auf einen 24-Stunden-Lauf. Ich verabschiede mich vorläufig von ihm und ziehe weiter, obwohl ich gar keine Strategie habe, wie ich mir den Lauf heute einteilen will. Außer der, dass ich ihn genießen und dabei eine mir nicht bekannte Gegend erkunden will. Und natürlich bin ich gespannt, wie das Zusammenleben mit den Nordischen sein wird, wenn ich ihnen dann auf der zweiten Runde begegne.

Im Nachbardorf Spielberg wird die B28 unterquert und bald schon wechselt der Untergrund von Asphalt auf Forststraße und statt auf freiem Feld befinden wir uns im Wald. Erfrischend wie das leuchtende Grün der sprießenden Buchenblätter und Lärchenschosse sind die Gespräche mit verschiedenen Läufern. Ich erfahre zum Beispiel  dass der Slovenian Alpine Marathon ebenfalls ein umwerfendes Naturerlebnis ist. Schade, dass er in diesem Jahr wegen mangelndem Engagement von Sponsoren nicht stattfinden kann und seine weitere Zukunft unklar ist.

Der erste Verpflegungsposten nach etwas mehr als fünf Kilometern ist mit Wasser, Iso, Cola und Früchten komplett ausgestattet und vernunftmäßig – aber noch ohne Durstgefühl – genehmige ich mir zwei Becher Wasser.
Die Strecke führt in sanftem Auf und Ab durch den mal dichteren, mal lichteren Wald des Naturparks Schwarzwald Nord/Mitte. Mittlerweile hat sich das Läuferfeld schon recht auseinandergezogen und ich bin alleine unterwegs und lasse die Natur auf mich einwirken. Die zahlreichen Abzweigungen können mich nicht vom rechten Weg abbringen, denn sie sind deutlich und idiotensicher mit Sägemehl markiert und lassen keinen Zweifel, wo es weitergeht.

 
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Gut ein Viertel der Strecke liegt hinter mir, als es auf einer recht steilen Straße in ein schmales Tal hinuntergeht, wo die Zeit stillzustehen scheint. Naturpark Mittelerde? So kommt es mir vor.

Der kurze knackige Anstieg auf der anderen Talseite weckt ein wenig aus der Beschaulichkeit auf und wird mit dem zweiten Verpflegungsposten belohnt. Erfrischt und gestärkt nehme ich die nächsten Kilometer in Angriff. Weit vorne sehe ich wieder einen Läufer und weil dieser Abschnitt dazu einlädt, lasse ich es so richtig rollen. Es macht Spaß und die neuen orthopädischen Einlagen melden noch keinen Widerspruch, also lasse ich es zu. Das Gefühl täuscht nicht; ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass ich geradezu fliege. Trotzdem bemerke ich in der Talsohle ein Fort, geschmückt mit verschiedenen Flaggen. Abgesehen von ein paar Ziegen scheint sich dort niemand aufzuhalten. Das beruhigt mich ungemein, denn es wäre ja möglich, dass dies der Sitz des Kavalleriegenerals Steinbrück ist. In diesem Fall müsste ich als Rothaut und potentieller Steuerverbrecher die Mokassins noch enger schnüren…

Der nächste Verpflegungsposten bei Kilometer 16 ist eine willkommene Unterbrechung des Fliegens, denn es könnte nicht mehr lange so weitergehen. Kurz danach gilt es den Anstieg hinauf und zurück zur B28 zu bewältigen, wo in die bekannte Strecke zurück nach Spielberg und Egenhausen eingebogen wird. Obwohl auch recht nahrhaft, ist diese Steigung auf Asphalt und in der Kühle des Waldes angenehm zu laufen.

Wieder auf den ersten Kilometern der Strecke in Gegenrichtung, kommen mir zahlreiche Läufer entgegen. Leider ist es für mich aufgrund der Startnummern nicht sofort ersichtlich, ob es sich dabei um schnelle Marathonisti oder etwas weniger schnelle Halbmarathonisti handelt. Auf jeden Fall lockern die zahlreichen Läufer und Walker das Bild dieses Streckenabschnittes etwas auf. Eindeutig und unmissverständlich zu identifizieren sind die Nordic Walker, an welchen ich ohne Haken zu schlagen vorbeikomme.
Ich bin noch fast einen Kilometer vom Wendepunkt entfernt, da kommen mir in kurzen Abständen die drei schnellsten Damen entgegen. Es gelingt mir, sie auf die Speicherkarte zu bannen, bevor ich mir am Verpflegungsstand beim Wendepunkt eine kurze Verschnaufpause gönne.

Die Gesichter, die mir nun entgegenkommen, kenne ich von den ersten gemeinsamen Kilometern. Nicht zu übersehen ist der inoffizielle Teilnehmer in seinem pelzigen, schlohweißen Ganzjahresoutfit. Er sieht auch gegen Ende der ersten Runde nicht weniger fit aus als sein Herrchen. Kein Wunder, schließlich hat er, auf einzelne Pfoten umgerechnet, nur die halbe Distanz zurückgelegt.

Immer wieder laufe ich an Gruppen von Walkern vorbei, allerdings meist solchen ohne nordische Accessoires. Dass ich beim Überholen einige Male Slalom in die angrenzende Wiese laufen muss, stört mich überhaupt nicht. Im Gegenteil, ich freue mich dass die GWW (Gemeinnützige Werkstätten und Wohnstätten) mit einer großen Delegation von Menschen mit Behinderungen an diesem Breitensportanlass auf der 11,5 km-Strecke teilnimmt und mit dem Pokal für die größte Gruppe nachhause fährt.

Bald tauche ich wieder in den Wald ein und treffe nicht mehr auf entgegenkommende Läufer. Dann und wann ziehe ich an ein paar Nordic Walkern vorbei, wobei ich immer genügend Platz auf dem Weg habe und weder zwischen den Beinen noch zwischen den Zähnen mit einem Stock zu kämpfen habe. Da ich die Strecke schon einmal durchlaufen habe, kann ich den Punkten, die mir beim ersten Mal schon aufgefallen sind, intensivere Beachtung schenken und die Naturschönheiten noch mehr aufsaugen. Die Kilometer in den Dreißigern, die sich sonst endlos dahinziehen können, befinden sich auf dem Abschnitt, auf welchem ich es auch jetzt wieder – etwas gemächlicher zwar – rollen lassen kann.

 
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Mittlerweile sind ein paar Wolken aufgezogen, was mich nicht stört und vermutlich auch nicht die zahlreichen Solaranlagen, welche hier so manches Dach zieren. Auch der Wind hat an Stärke zugenommen, was mich eigentlich nicht verwundert, denn schon bei der Hinfahrt habe ich Windkraftanlagen gesehen und kann mir zusammenreimen, dass die aus einem bestimmten Grund in dieser Gegend gebaut werden. So richtig spüre ich deren Berechtigung als ich zum zweiten Mal wieder auf den Pendelteil der Strecke einbiege und vor allem auf den letzten drei Kilometern von Spielberg nach Egenhausen.

Aber statt mit dem Wind zu kämpfen, kämpfe ich mit mir. Da ich schneller unterwegs bin als angedacht, setze ich mir nun zum Ziel, das Tempo bis zum Schluss durchzuhalten und bei der Schlusszeit nach der Drei bei der Stundenzahl eine vordere Drei bei den Minuten stehen zu haben. Nach meiner Messung schaffe ich das mit etwas zwei Minuten Polster, die Bestätigung erhalte ich hoffentlich, wenn die Resultatliste im Internet steht. Ich habe nämlich den Durchblick nicht, ob die Zeit unter dem Start- Zielbanner oder erst beim Tisch weiter vorne gemessen wird.

Bei reichlich Cola und Wasser bringe ich meinen Flüssigkeitshaushalt wieder in die Nähe eines Ausgleichs, verzichte aber darauf, zum vollständig ausgerüsteten Verpflegungsposten beim Marathonwendepunkt zurückzugehen, denn so wie die Nordic Walking- und Lauffreunde Egenhausen am Wurstgrill vor und in der Halle auftischen, fällt mir der Verzicht auf Banane oder Ähnliches leicht. Sogar auf die angebotene Massage verzichte ich – ich regeneriere heute von innen heraus.

Die Siegerehrung beginnt in dem Moment, als ich mich in der Garderobe aus meinen verschwitzten Klamotten pelle. Da ich mit der Vergabe von Pokalen weder als Überreichender noch als Gewinner etwas zu tun habe, genieße ich meine persönliche Champagnerdusche in Form einer angenehm warmen Dusche.

Mittlerweile ist auch Pete eingetroffen. Sein Vorhaben ist geglückt. In einer Dreiergruppe hat er sich gut unterhalten und konnte seinen Vorsatz, nicht zu schnell zu laufen, umsetzen. Er ist in Sachen 24-Stunden-Lauf auf Kurs.
Vor der Halle komme ich bei einer köstlichen Bratwurst mit Nordic Walkern ins Plaudern und als ich mich nachher nochmals in die Halle setze, geht das gemütliche Zusammensein mit Läufern weiter.

Abgesehen davon, dass der Nordschwarzwaldmarathon ein schöner Landschaftslauf in familiärer Atmosphäre für den Genussläufer ist,  bietet er sich auch als Therapie für Läufer mit Nordic Walking-Phobien an. Dadurch, dass der Veranstalter ein Zusammenschluss von Freunden des Nordic Walkings und des Laufsports ist, besteht keine Gefahr von Interessen- und sonstigen Konflikten. Die Startzeiten und –reihenfolgen sind so geplant, dass ein friedliches Miteinander – für Militante allenfalls ein friedliches Nebeneinander – eine Selbstverständlichkeit ist.

Was mich betrifft, so habe ich diese Friedenspfeife gerne angenommen und empfehle dieses Angebot allen einschlägig versehrten Läufern. Zugegeben, gute Ausdauer ist dazu Voraussetzung. Immerhin ist diese Friedenspfeife 42,195 Kilometer lang. Und, Achtung: Das Rauchen dieser Friedenspfeife könnte deine physische und psychische Gesundheit fördern.

 

 

 

Informationen: Nordschwarzwaldmarathon
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