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Marburger Nachtmarathon: Veniant nox et lux Marburgensis

04.07.14

Als Marathonsammler hat man oft die Qual der Wahl, Chemnitz oder Marburg boten sich diesmal an. Die Gattin eines befreundeten Wirtschaftswissenschafters verbringt jedes Jahr ein paar Tage in der Universitätsstadt Marburg, weil sie sich vom Flair der Altstadt und des Umlandes angezogen fühlt. Als ich ihr von meiner Absicht erzählte, dort den Nachtmarathon zu laufen, meinte sie, dass ich mit kleinen Steigungen in der Landschaft rechnen muss.

Die erste Überraschung war dann die große Entfernung vom Bahnhof zum gebuchten Quartier beim Pilgrimstein unweit der Elisabethkirche. Mein Rollenkoffer war bei den vielen Baustellen mehr Handicap als Entlastung. Die zweite selbst verschuldete Hürde, war der Irrweg zum Georg-Gaßmann-Stadion, wo man die Startnummer nicht bekam, sondern wie auf der Homepage klar angekündigt, im Universitätsstadion an der Lahn. Meine Startnummer 1094 mit integriertem Chip wird mir dort rasch und unbürokratisch ausgehändigt. Bei einem Startgeld von nur 28 Euro sind Extra-Goodies in einer Riesentüte klarerweise nicht zu erwarten.

So marschiere ich, ohne es vorher beabsichtigt zu haben, mindestens 5 km bei hochsommerlichen Temperaturen an diesem späten Nachmittag im schnellen Schritt durch das mir bisher auch touristisch unbekannte Marburg an der Lahn und komme so an historischen und kulturell wichtigen Sehenswürdigkeiten wie z.B. an der Alten Universität noch vor dem Rennen vorbei. Landgraf Philipp der Großmütige legte mit der Universitätsgründung 1527 den Grundstein für die weltoffene Universitätsstadt mit Studierenden und Besuchern aus aller Welt. Sie war weltweit die erste protestantische Universität und hat heute 25.000 Studenten in Medizin, Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften.

 
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Entlang der Leopold-Lucas-Straße befinden sich viele, vor allem höhere Schulen. Als ehemaliger Gymnasiallehrer würde mich ein Lokalaugenschein im Philipinum interessieren, nur fehlt dazu die Zeit. Den bodenständigen Spruch des Bauern auf einer Tafel an der Fassade eines Wirtshauses nahe dem Rudolphsplatz habe ich mir eingeprägt: „Ich gewinn euch Bier und Brot, davon werden euch die Wenglein rot.“

Wie überall in Deutschland und den zivilisierten Ländern dieser Welt steht die Fußball-WM in Brasilien im Mittelpunkt des Tagesgeschehens. Kaum zu glauben, dass an diesem Abend an die 2500 Läufer/innen auf die zweite Hälfte des so wichtigen Matsches Deutschland gegen Frankreich zugunsten einer Marathonteilnahme verzichten. Das rasche Führungstor der Deutschen sehe ich in der hintersten Reihe eines Public Viewing Corners. Jedes Lokal in der unteren und oberen Stadt hat ein großes TV-Gerät aufgebaut, vor dem an diesem frühen Abend viele als Gemeinschaftserlebnis auf einen Sieg Deutschlands hoffen, ihn eigentlich erwarten.

Ich komme selbst etwas in Zeitnot, da der Lauf um 19 Uhr vom Marktplatz in der Oberstadt aus gestartet werden wird. Gegenüber dem Welcome Hotel befindet sich ein Fahrstuhl, den man gratis benutzen kann, um nach oben zu kommen. Daher verzichte ich auf den sportlichen Anstieg über steile Nebenwege auf Kopfsteinpflaster hinauf zum Marktplatz, wo sich vor dem Rathaus der Start befindet. Oben angekommen, nutze ich die verbliebenen 19 Minuten, um zum Schlossberg hinaufzugehen.

Das dort befindliche Landgrafenschloss, die Gründungsresidenz des hessischen Landgrafenhauses wurde als landschaftskrönende Sporn-Burg erbaut. Erste Anfänge werden um das Jahr 1000 datiert, damit zählt das Gebäude zu den frühesten Höhenburgen Deutschlands. Die gotische und spätgotische Anlage mit Renaissanceanbauten repräsentiert eine facettenreiche Geschichte. Es befindet sich heute im Besitz der Universität und beherbergt das Universitätsmuseum für Kulturgeschichte u.a. mit Sammlungen zur Vor- und Frühgeschichte Hessens, zu religiöser Kunst und bürgerlich städtischen Wohnens.

 
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Zweimal komme ich so an der gotisch-lutherischem Pfarrkirche St. Marin vorbei, die die älteste Stadtpfarrkirche Marburgs mit ihrem weithin sichtbaren charakteristischen schiefen Turm ist. Ob die Schnappschüsse herzeigbar sind, werde ich erst bei der Bildauswahl nach dem Lauf registrieren. Charakteristisch für die historische Altstadt sind die kleinen, verwinkelten Gassen, flankiert von herrlich restaurierten Fachwerkhäusern und eben mehreren altehrwürdige Kirchen. Ich wusste nicht, dass hier seinerzeit die Brüder Grimm und sogar Martin Luther wirkten und lebten. Auch der Nobelpreisträger für Physiologie oder Medizin im Jahre 1901, Emil von Behring, lehrte als Ordinarius an der Uni Marburg Hygiene. Der deutsche Phänomenologe und Existenzphilosoph Martin Heidegger hatte ebenfalls einen Lehrstuhl in der Lahnstadt.

Ein paar Minuten verbleiben mir noch bis zum Start. Die 2. Hälfte im Semifinale-Aufstiegsmatch Deutschland gegen Frankreich hat begonnen, es steht weiterhin 1:0 für Schwarz-Rot-Gold. Heute präsentiert sich der zentrale Marktplatz mit dem spätgotischen Rathaus aus dem frühen 16. Jahrhundert als Ort des gesellschaftlichen Lebens. Nicht einmal bei den Kommunalwahlen werden die Parteien so viele Menschen versammeln können wie heute beim 17. Marburger Nachtmarathon. Jung und Alt ist am Start, auch viele Zuschauer und Angehörige. Laut Angaben auf der Homepage des Ultra-Sport-Clubs, der diesen Event veranstaltet, sind 149 für den Marathon, 1096 für die Halbdistanz und 468 Läuferinnen für die Staffel gemeldet. Unter dem Motto „Früher an später denken“ stellt die Deutsche Vermögensberatung ein stattliches Läuferkontingent mit auffallendem Logo auf einem gelben Trikot.

 
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Ich habe mir überlegt, ob ich mit dem orangen M4Y-Shirt laufen soll. Viele auf der Strecke sind dann aufgeschlossener, wenn man sie knipst. Doch ich entscheide mich für den im Januar beim Corte Inglés in Barcelona von meiner Frau als Geschenk an mich gekauften Puma-Dress in schwarz, den ich beim 25. Jubiläumsmarathon in St. Petersburg am 29. Juni trug. Dort war ich mit meiner Laufzeit einmal zufrieden, ein wenig Aberglaube schadet nicht.

Das in jedem Marburg-Reiseführer angekündigte krächzend-blecherne Trompetensignal des Boten zur vollen Stunde am Rathausturm überhöre ich, auch den Gockel übersehe ich, falls er wie immer seine Flügel dazu angehoben hat. Dafür ist die sonore Stimme des Platzsprechers Arthur Schmidt deutlich zu vernehmen, der rückwärts zählend das Startsignal gibt.

Ich halte mich dezent im Hintergrund, knipse das Starterfeld, dann geht es auf Kopfsteinpflaster die enge Barfüßerstraße hinunter. Für mich bedeutet dieser Untergrund erhöhte Vorsicht, seit ich vor Jahren einmal in Bratislava auf einem losen Stein schwer gestürzt bin und mein Kinn genäht werden musste. Einige Halbmarathonläufer stürmen wie verrückt drauflos, Dränger und Ungestüme gibt es bei jedem Lauf. In der Masse der Halbmarathonläufer/innen kommen die relativ wenigen Starter über die volle Distanz nicht zur Geltung, auch weil die Nummern sich farblich nicht unterscheiden und nur durch den Buchstaben M oder HM differenziert sind.

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Informationen: Nachtmarathon Marburg
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