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Laufberichte

1000 km Biel

17.06.11

Der geneigte Leser vermutet jetzt sicherlich einen Schreibfehler, da die Laufstrecke ja „nur“ für 100 km ausgelegt ist. Für mich persönlich ist es aber die 10. bestandene Teilnahme in Folge, und ich habe somit 1.000 km in und um Biel insgesamt zurückgelegt, wofür mir eine besondere Goldmedaille überreicht wurde. Wie es mir bei den letzten 100 km ergangen ist, steht hier geschrieben:

Als Jörg Kaschner und ich bei dem eine gewisse Bedeutung habenden Ort Krautergersheim, ca. 20 km südlich von Straßburg gelegen, die links und rechts neben der Autobahn gelegenen endlos anmutenden Felder mit werdendem Sauerkraut wahrnehmen, zeigt das Außenthermometer meines Pkw’s 32 Grad. Man könnte meinen, wir befänden uns in der Republik Kongo, wären da nicht die riesigen Gemüseplantagen, deren Erzeugnisse einst die Engländer veranlasste, uns Deutschen fälschlicherweise den Spitznamen „the krauts“ zu geben. Denn das Sauerkraut wurde im Elsass, also in Frankreich erfunden und kommt dort sehr häufig auf den Tisch.

Seit ich bei einer Rückreise von Biel in Colmar in einem guten Restaurant von gedünstetem Lachs auf Sauerkraut geschmacklich begeistert wurde, kommt dieses Gericht bei uns im Herbst und Winter regelmäßig auf den Speiseplan.

Ja, es ist schwülheiß, die Wettervoraussager haben jedoch Starkregen angekündigt. Wie oft haben sich diese Regenankündigungen in den letzten Wochen als Falschansagen erwiesen, denke ich gerade und bereite mich mental auf einen weiteren schweren Lauf unter tropischen Bedingungen vor.

Als ich ca. 30 km südlich von Basel erstmals das Hinweisschild „BIEL“ wahrnehme, beginnt der innere Schweinehund mit mir zu reden:  „Dummkopf, Du weißt inzwischen, was Dich bei dieser Hitze dort erwartet! Du wirst die Nacht wieder stöhnen…!“ Minutenlang trage ich ein ungutes Gefühl in mir, doch es gelingt mir schnell, mich durch lustige Gespräche mit meinem Gefährten Jörg abzulenken.

Wir erreichen die Autobahnausfahrt Biel-Nord und biegen nach rechts ab, fahren ganz in der Nähe des früheren Start- und Aufenthaltplatzes an der Eisbahn vorbei in Richtung Neuchatel.

Wehmütige nostalgische Gefühle keimen kurz auf. Nach einigen Irrungen und Wirrungen erreichen wir die Stelle in unmittelbarer Nähe des Bieler See’s, wo sich jetzt die Startnummernausgabe, das Ziel und der Campingplatz für die Teilnehmer befinden.

Sofort kann ich die ersten Laufbekanntschaften begrüßen und nehme mit Freude Glückwünsche für den von mir organisierten und bei den Teilnehmern gut angekommenen 120 km langen Etappen-Landschaftslauf im Hunsrück   entgegen. Einige entschuldigen sich sogar dafür, dass sie sich dafür nicht angemeldet hatten.

Mit Plaudern, Sprüchemachen und Prahlen über vergangene Laufabenteuer in meinem großen Bekanntenkreis vergeht die Zeit viel zu schnell. Es ist Donnerstagnachmittag und die Sonne brennt… Meine Arme und Beine sind starke Sonneneinstrahlung mittlerweile gewöhnt, aber gegenüber meinem Gesicht verhält sich die Sonne nach wie vor sehr feindselig. Für manche habe ich jetzt eine außerordentlich „gesunde Gesichtsfarbe“. Bei Alkoholikern sieht man leider solche Rotgesichter auch häufig.

Eine Stunde vor Startbeginn sind wir, Jörg Kaschner, Heinz-Peter Schüller und ich am Ausgangspunkt der bevorstehenden nächtlichen, morgendlichen und für Heinz-Peter und mich sogar nachmittäglichen langen Fußreise angekommen. Neben mir macht gerade ein sehr schlanker Läufer so um die 40 Jahre gänzlich ohne Socken und Schuhe Dehnübungen. Es ist derselbe, den ich vor 2 Jahren auf dem Emmedamm bei ca. 62 km überholt hatte, und der aus vielen hundert Schnittwunden an den Füßen blutete…

Lautstark ertönt Musik und aufgekratzt und voller Tatendrang stehen die Läufer, Rennpferden mit scharrenden Hufen gleich, in Startposition. Abwechselnd ertönen aus dem Lautsprecher sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch Hinweise auf das Rennen. (Durch die Stadt Biel verläuft die Deutsch/Französische Sprachgrenze.) Der Count Down erfolgt, das Rennen beginnt.

Gemächlich setzen wir uns im letzten Viertel der Läufermasse in Bewegung. Die Laufzeit spielt für mich überhaupt keine Rolle. Ich laufe wieder ohne Uhr und Heinz-Peter, der jetzt zum dritten Mal versucht, das Rennen zu Ende zu bringen, will diesmal auf mich hören, nachdem er zweimal zuvor durch „Bisswunden des Inneren Schweinehundes“ veranlasst wurde, vorzeitig aufzugeben. Jörg läuft hier das erste Mal und hat naturgemäß großen Respekt vor der Strecke.

Dass es jetzt regnet, kommt mir sogar gelegen, kühlt es doch meine sonnenverbrannte Gesichtshaut. Diszipliniert langsam laufen wir ca. 5 km durch die hell illuminierte Stadt, werden von einer großen Zuschauermenge wie einst in der Römerzeit als Gladiatoren bejubelt. Ich fühle mich prächtig, und bin froh, wieder hier zu sein.

Wir sind an der Bieler Peripherie angekommen, dort wo es steil nach oben in Richtung  der Ortschaft Jens geht. Mit schnellen Schritten wandern wir hoch und werden von einigen überholt, die den Berg hochlaufen.  Sie vergeuden ihre Kräfte dabei; es sind halt Lernprozesse, die jeder für sich selbst machen muss.

Nach Erreichen von Jens sind ca. 10 km überwunden und der erste Berg ist genommen. Noch immer regnet es, aber es sind warme Tropfen, die mir noch immer gut tun und ich halte es nicht für nötig, eine Windjacke über mein mittlerweile durchnässtes Baumwolltrikot zu ziehen. Heinz-Peter verlieren wir aus den Augen; es ist halt schwer, einen gemeinsamen Rhythmus zu finden und zu halten.

Über flache und landschaftsmäßig eher langweilige geteerte Feldwege geht es durch die Nacht. Es regnet immer stärker und die vielen Pfützen sind bei der Dunkelheit nicht immer rechtzeitig zu erkennen. Die Schuhe und Socken sind durchweicht, was das Entstehen von Fuß- und Zehenblasen unausweichlich werden lässt. Ach ja, an Blasen ist noch keiner gestorben.

Die legendäre Holzbrücke von Aarberg ist nach 18 km erreicht und wieder sind trotz strömendem Regen zahlreiche Claqueure zugegen, die sich mit ihrem enthusiastischem Klatschen und Jubeln sicherlich mehr anstrengen als wir Läufer.

Ich habe meine Kräfte gut eingeteilt, laufe in meinem Rhythmus, fühle mich ausgezeichnet und bin sehr froh, wieder an einem großen Rennen teilnehmen zu können, denn ich habe eine längere Langlaufabstinenz, die durch eine Verletzung verursacht wurde, hinter mir. Kurze Zeit später verliere ich Jörg aus den Augen…

Jetzt laufe ich alleine, habe mittlerweile meine Windjacke übergezogen, die jedoch das Wasser des Starkregens wie Zeitungspapier durchlässt. Aber noch immer ist der Regen warm. Im Gegensatz zum Vorjahr, wo ich an dieser Stelle verletzungsbedingt fürchterlich litt, beginnt jetzt mein „innerer Guthund“ ein Gespräch mit mir und er schmeichelt: „Ja, Du bist mit Deinen 65 Jahren nicht alt sondern spätjugendlich, topfit und überaus klug!“ Das sind die Momente des Langstreckenlaufs, die ich so liebe und bald sind nach einer steilen Anhöhe 25 km erreicht.

Wie immer gewinnt hier der „innere Schweinehund“ die Oberhand: „Blödmann, Du lernst einfach nicht. Gerade ein Viertel der Wegstrecke hast Du jetzt hinter Dir…macht es Dir wirklich Spaß, genießt Du das wirklich? Ha, ha Deine Füße brennen, es regnet schon wieder stärker und es wird kälter. Du wirst diese Nacht noch sehr frieren! Dummkopf, auch noch ein baumwollenes Shirt trägst Du. Hach das wird nicht mehr trocknen, Du wirst Dich erkälten, Du wirst Dich erkälten, Du wirst….!“ Er ist sehr einfallsreich und phantasiebegabt, dieser Schlechthund, aber doch erfahrungs- und lernresistent, denn er sollte wissen, dass er mich nicht nachhaltig beeinflussen kann, zumal mir bei meiner jetzigen 10. Teilnahme eine Goldmedaille winkt.

Auf dem langen Weg nach Oberramsern, dem Ende des ersten Teilstreckenabschnittes befinde ich mich jetzt und bin sehr müde. Es regnet noch immer, und tatsächlich sind die Regentropfen kälter geworden…Roboterhaft schlürfe mich mit meinem bewährten Ultraschlappschritt voran und überhole einige Konkurrenten, werde selbst nicht mehr überholt. Und es dauert….

Endlich, Oberramsern km 38 ist da. Ich genieße gleich 3 Becher heiße Bouillon und schütte noch 2 Becher Coca-Cola hinterher. Mit Freude betrete ich den Massageraum, wo mir dann sofort 4 weibliche Hände meine erkalteten Beine durchkneten. Diese für mich sehr angenehme Prozedur genieße ich in vollen Zügen und sie dauert etwas über 10 Minuten, wobei ich den aufmerksam zuhörenden und Zwischenfragen stellenden Masseurinnen in Runner‘s-High-Laune einiges von meinen exotischen weltweiten Laufabenteuern erzähle. Nächstes Jahr solle ich wiederkommen und weiter berichten, sagt man mir, nachdem ich von mir aus die Massage beendete. Und wieder genieße ich Momente des Glücks…

Aber…draußen ist es mittlerweile sehr viel kälter geworden, es weht stark der Wind und ich bereue, keine Handschuhe und Langen Laufhosen in meinen Rucksack gepackt zu haben. Jetzt ziehe ich mir meine Vliesjacke unter der durchlässigen Windjacke an. Bald ist der erste Marathon im Kasten, und trotz der grimmigen Kälte fühle ich mich wesentlich besser als vergangenes Jahr und überhole nur….

Bei km 45 wird es hell und hört auf zu regnen. Jetzt lobt mich der Guthund: „Klasse, Bernhard,  was Du da machst ist einfach großartig, Du bist ein leuchtendes Vorbild für Gleichaltrige und du musst das wie gehabt weiterhin jedes Jahr tun!“

12
 
 

Informationen: Bieler Lauftage
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