marathon4you.de

 

Laufberichte

Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?

 

„Ein Sommer wie er früher einmal war. Ja, mit Sonnenschein von Juni bis September, und nicht so nass und so sibirisch wie im letzten Jahr.“
Leicht missmutig schaue ich aus dem Fenster des Frühstücksraums in die nassgraue Realität des oberhessischen Sommers, aus dem Radio quillt der Evergreen des unvergessenen Showmasters Rudi Carrells. Nie war er so aktuell wie heute.

Viele Jahre habe ich als gebürtiger Koblenzer in der hessischen Diaspora zugebracht. Als Panz wird man ja nicht gefragt, sondern verschleppt. So verwundert es nicht, daß meine allererste Zeit bei der Armee nach meiner Frankfurter Schulzeit ebenfalls im Land von Ahle Worscht und Handkäs mit Musik lag. Selbst nach dem Studium in München erschien es mir sinnvoll, diesem Bundesland treu zu bleiben und nach Stadtallendorf zu ziehen. Drei Jahre später ging’s dann endgültig zurück ins Rheinland.

Da Rauschenberg, der Ort des heutigen Geschehens, nur einen Katzensprung von Stadtallendorf entfernt liegt, bot sich die willkommene Gelegenheit, Erinnerungen aufzufrischen und dazu bereits am Freitagnachmittag anzureisen. Zwischenstation wurde im Marburg gemacht, hier bin ich mehrfach zum Nachtmarathon und auf den Lahnwiesen gewesen. Elke sollte mal die Oberstadt gebührend bewundern und ich endlich den alten Hindenburg besuchen. Ja, genau den. Was der mit Marburg zu tun hat? Nun, auf dem Rückzug 1945 hat man u.a. seinen Sarkophag in Tannenberg sicher- und letzten Endes in der Marburger Elisabethkirche unauffällig untergebracht, ja fast abgestellt. Ob unser ehem. Reichspräsident das verdient hat? Auch das ebenfalls benachbarte Amöneburg besuchen wir, denn von hier stammt meine Familienlinie mütterlicherseits.

 

 

Aber zurück nach Rauschenberg, einem netten, durch Fachwerkbauten geprägten Städtchen am Rande des nordhessischen Burgwalds. Es liegt am nordöstlichen Abhang des mit Laub- und Nadelwald bewachsenen Schlossbergs, dessen Gipfel aus der Ruine eines Jagdschlosses besteht. Auf dem heutigen Schlossberg wurde um das Jahr 1000 eine Burg errichtet, die von den Schweden im Dreißigjährigen Krieg geplündert wurde und ihre Zerstörung durch eine Sprengung 1646 im hessischen Erbfolgekrieg fand. Am Fuße der Burg entstand die Siedlung Rauschenberg, der im Jahre 1066 die Stadtrechte verliehen wurden. Seit dem Jahr 1971 ist es Luftkurort. Für langes, gesundes Hecheln sicherlich keine verkehrte Maßnahme.

Gestern Abend schon haben wir die Startunterlagen empfangen und – man lese und staune – tatsächlich zwei Shirts gekauft, vermutlich meine Nummer 217 oder so, denn die sind einfach spitze und es etwas Besonderes mit ihren bunten Märchenmotiven. Jedem hat man auch ein Armbändchen angedeihen lassen, quasi als Freifahrtsschein für Samstag und Sonntag, wirklich gebraucht haben wir sie nicht. Private Pastaparty, ab in die Heia. Und schon sind wir wieder bei Rudi Carrell. Meine wetterbedingt nicht allzu gute Laune steigt, als Markus ankommt. Gemeinsames Laufen ist angesagt, soweit es sinnvoll ist. Wir starten um 8:30 Uhr, Elke hat noch bis 10 Uhr für ihren Zehner Zeit und verbleibt zunächst im Hotel, auch wenn es gerade mal trocken zu sein scheint.

Auf den vorletzten Drücker erscheinen wir an Start und Ziel, vermissen dabei einige Bekannte, die wir auf der Starterliste entdeckt hatten, schade. Pünktlich entlässt man uns – nein, nicht „man“, denn er ist wieder da! Riesig freuen wir uns über die Moderation des in der Nähe wohnenden Artur Schmidts, die Welt ist wieder in Ordnung! - auf die Strecke. Gleicht geht’s ein paar Meter hinauf durch einige Rauschenberger Straßen, viele schöne Fachwerkhäuser stimmen uns auf einen hoffentlich schönen Lauf ein. Coole, vielversprechende Trails, auch entlang einer langen Mauer, machen Appetit auf mehr davon.

 

 

Der WanderMärchenWeg führt uns in den Burgwald. Der ist Hessens größtes zusammenhängendes Waldgebiet und wird mit einigen beim Lauf tangierten Örtchen die Kulisse des Märchenwald-Marathons darstellen. Märchenwald, weil in und um Rauschenberg über 60 Sagen und Märchen zu verorten sind, denen man mit 21 Tafeln ein Denkmal gesetzt hat. Im Frühjahr eines jeden Jahres werden die selbstgestalteten Figuren des Märchenwaldes in einer feierlichen Prozession wieder an ihrem Ort entlang des WanderMärchenWeges aufgestellt, wo sie bis zum Herbst die verschiedenen Stationen schmücken. Die entdecken wir auch sehr bald inkl. eines Zwergendorfes, das Knipsen in der Düsternis gestaltet sich leider schwierig. Ein paar flotte Sprüche auf laminierten Schildern erleichtern uns das Bergauf und Bergab.

Schöne Wiesentrails erlauben nette Aussichten, u.a. auf schmackhafte Schafe, das darf gerne so weitergehen. Das Örtchen Wolfskaute (Wolf(gang)sbehausung) mit seinen rund dreißig Einwohnern ist schnell durchmessen. 1699 als Tochtersiedlung von Schwabendorf gegründet, siedelten damals 116 französische Glaubensflüchtlinge. Die sog. Waldenser sind eine heute noch rund 100.000 Mitglieder zählende protestantische Kirche, ursprünglich als Gemeinschaft religiöser Laien Ende des 12. Jahrhunderts durch den Lyoner Kaufmann Petrus Valdes in Südfrankreich gegründet. Die apostolische Armut predigenden Waldenser wurden während des Mittelalters von der katholischen Kirche ausgeschlossen und als Häretiker durch die Inquisition verfolgt. Es kam Ende des 17. Jahrhunderts zu Vertreibungen, in deren Folge in Südwestdeutschland und in Hessen mehrere Tausend Waldenser, vielfach in neuen Siedlungen, eine neue Heimat fanden. Die Bezeichnung Waldenser wurde von ihren Gegnern mit Hexen, Zauberern, Magiern und Astrologen in Teufelsdiensten gleichgedeutet, womit wir schon wieder bei Märchen wären.

Einen Vorgeschmack auf das Kommende bietet ein langer Asphaltweg, an dessen Ende es das erste Mal etwas zu trinken gibt. A propos trinken: Hätte ich die Ausschreibung sogfältig gelesen, wäre ich mit meinem eigenen Becher bewaffnet gewesen. So kann ich von Glück reden, dass die Veranstalter für mich mitgedacht und für schlappe drei Euro einen Faltbecher angeboten haben. Der allerdings verursacht ein ziemliches Gefummel: Mit nassen Fingern den Karabinerhaken öffnen und vom Startnummernband abmachen, Becher öffnen, auseinanderziehen, mehrfach füllen lassen, und das Ganze wieder rückwärts. Aber was meckere ich, schließlich ist es mein Versäumnis, und Zeit habe ich genug.

 

 

Das nächste zu durchquerende Örtchen nennt sich Albshausen mit immerhin der zehnfachen Einwohnerzahl wie Wolfskaute. Auch dieses Dorf gehört heute zu Rauschenberg. Die bisher vom Halbmarathon, Marathon und Ultra (52 km) gemeinsam genutzte Strecke teilt sich am nächsten VP, die Halben biegen ab. Uns kredenzt man erstmals das volle Programm verschiedener Getränke mit Obst und Gurke, später werden weitere Leckereien dazukommen. Schon lange mitten im Wald laufen wir nun einen Rundkurs, der als Luftballon am besten erklärt ist: Zuerst die Schnur, dann Ballon und wieder über die Schnur zurück, die damit eine Begegnungsstrecke darstellt. Wir befinden uns bei km 30. Nein, nicht 30 km sind geschafft, hier wird rückwärts gezählt. Aha, dieser Rücken sagt mir etwas! Der am Start vermisste Christan Hottas, unser Weltrekordler der gelaufenen Marathons, hatte einen Frühstart genehmigt bekommen und führt seinen Hund über Marathon Nr. 3026 (!) Gassi. Die Frage, ob er auch die ihn begleitende Christine Schroeder Gassi führt, verkneife ich mir sicherheitshalber.

Sein grünes Käppi verrät auch den nächsten Frühstarter bereits von hinten: Sein Name ist Haase, Falko Haase. Der Bremer hat ein coronabedingtes, ganz tiefes Motivationsloch hinter sich und arbeitet sich langsam wieder an seine frühere (außerordentlich starke) Form heran. Schön, auch Dich endlich wieder einmal getroffen zu haben! Die Verpflegung wird immer besser. Wer mag, kann sich den Wanst auch mit Haribo füllen, mit dem ich nichts anfangen kann. Noch 25 km, schier unendliche schnurgerade Wege führen uns weiter voran.

Wir kommen an der Franzosenwiese vorbei, einem zum Teil ehemaligen Moor und heutigen Naturschutzgebiet. 1725 überließ Landgraf Karl es hugenottischen Siedlern aus Schwabendorf – den Franzosen - zur Nutzung. Der östliche Teil wurde entwässert und als Heuwiese genutzt. Die Hugenotten waren verpflichtet, von dem geernteten Heu alle dort stehenden Scheunen zur Wildfütterung aufzufüllen, nur das übrig gebliebene Heu und Moos durften sie nach Schwabendorf mitnehmen.

Mittlerweile ist die Hälfte geschafft, die mentale Herausforderung bleibt. Meditatives Laufen ist das Gebot der Stunde, aber daran habe ich mich bei zahlreichen sog. Null-Euro-Läufen einiger 100 MC-Mitglieder in den vergangenen anderthalb Jahren gewöhnen können und hatte nie Probleme damit.

Noch 12 km, Vater hat ein kleines Tief und lässt Markus ziehen. Passenderweise öffnen sich die Schleusen des Himmels und wieder habe ich Rudi Carrell im Ohr: „Wir brauchten früher keine große Reise, wir wurden braun auf Borkum und auf Sylt. Doch heute sind die Braunen nur noch Weiße, denn hier wird man ja doch nur tiefgekühlt. Ja, früher gab's noch hitzefrei, das Freibad war schon auf im Mai, ich saß bis in die Nacht vor uns'rem Haus. Da hatten wir noch Sonnenbrand und Riesenquallen an dem Strand und Eis, und jeder Schutzmann zog die Jacke aus.“ Ob es jemals wieder einen vernünftigen Sommer geben wird?

 

 

Erstaunlicherweise sehe ich Markus gehen und habe ihn nach zwei km wieder eingeholt. Er hatte keine Lust alleine zu laufen, eine sehr vernünftige Einstellung! Passenderweise hört der Regen zeitgleich zur Belohnung wieder auf. Die Reststrecke sinkt, Wohra mit seinen 1.100 Einwohnern wird gestreift. Kurz darauf durchmessen wir Halsdorf, mit 900 Einwohnern kaum kleiner und gemeinsam mit Wohra die Gemeinde Wohratal bildend.

Noch 5 km. Ein echter Hingucker ist der kleine stillgelegte Bahnhof von Ernsthausen-Wambach der ehemaligen Wohratalbahn. Von hinten erfolgt der eine oder andere Überholvorgang, vorne entfleucht Markus, diesmal endgültig. Der finale km verläuft wieder durch Rauschenberg und unter Arturs sonorer Moderation ist die heutige Aufgabe gemeistert.

 

 

Der Hit ist die Medaille mit zahlreichen Märchenmotiven, die, wohl coronabedingt, bereits im Vorfeld ausgegeben worden war. Gemeinsam mit dem tollen Shirt wird sie die bleibende Erinnerung an ein trotz des miesen Wetters schönes Wochenende in Oberhessen bleiben.


Streckenbeschreibung:
Sehr schöner Auftakt mit tollen Trails durch den Märchenwald, danach viele km Waldautobahn. Offizielle 615 Höhenmeter beim Marathon, gemessen haben wir mit Uhren unterschiedlicher Hersteller jeweils 530.

Startgebühr:
26 € für den Marathon, 29 € für den Ultra (3 € Nachmeldegebühr).

Weitere Veranstaltungen:
52 km, M, HM, 10 km, 5 km, 3 km Kostümlauf.

Leistungen/Auszeichnung:
Medaille, Urkunde, Preise für die Schnellsten, auch in den Altersklassen.

Logistik:
Alles zentral an Schwimmbad und Sporthalle.

Verpflegung:
Prima, alles, was das Herz begehrt.

Zuschauer:
Wetter- und streckenbedingt sehr dünn.

 

Informationen: Burgwald Märchen Marathon
Veranstalter-WebsiteE-MailErgebnislisteHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 

Das M4Y-Buch

Das M4Y-Buch bestellen

Aktuelle Print-Ausgabe

Das marathon4you.de Printmagazin