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Laufberichte

Laufextremisten unter sich

04.07.14


Auf traumhaften Pfaden zum Penser Joch

 

Dass ich gleich noch einige Höhenmeter zulegen muss, stört mich gar nicht. Und dass es teils fast senkrecht über Abgründe auf einem seilgesicherten Steig hinauf geht, erhöht nur den Reiz des hochalpinen Erlebnisses. Da das Wetter hält, darf ich mich immer wieder an traumhaften Aussichten berauschen, vor allem von dem Grat, den ich schließlich erreiche. Ein Erinnerungsbild muss schon sein und der hier wachende Bergwachtler ist gerne behilflich.

Der Blick auf der anderen Seite des Grates hinab flößt Respekt ein. Ui, gehts da steil runter! Aber die Bergwacht hat an alles gedacht. An einem langen Seil werde ich zunächst quer über ein überaus rutschiges Schneefeld gelotst und gleite dann über ein noch viel längeres Seil durch das Geröll in die Tiefe. Und wieder umgibt mich die totale Bergeinsamkeit. Auf ausgesetzten Pfaden setze ich meinen Weg durch „Klein-Alaska“ fort. Je tiefer ich gelange, desto mehr erobert das Grün die Landschaft zurück und desto mehr umspült das Wasser die Wegstrecke. Kleine Seen haben sich in den Senken gebildet und im Tal vereinigen sich die zahllosen Bäche in einem ungewöhnlich breiten Bett fast zu Flussgröße.

Ich bin so von der Landschaft gefangen, dass ich keinen Gedanken an die Markierungen verschwende. Und schon ist es passiert. Mal wieder. So kann man natürlich auch seine Zeit vertun. Ein Stück weit zurück finde ich den verpassten Abzweig zum Penser Joch. Und folge dem durch die Flanke des Hanges aus dem Talboden hinaus führenden Pfad.

Auf und ab geht es, vor allem aber wieder rauf, kräftig rauf. Wir erreichen einen herrlichen Berggrat, von dem links und rechts der saftig grüne, baum- und strauchlose Wiesenhang steil in die Tiefe fällt. Direkt diesem Grat folgt unser Pfad. Das ständig in Bewegung befindliche Licht-Schattenspiel von Sonne und Wolken lassen mich die Landschaft ständig neu erleben. Bis hinauf zum Astenberg führt der Pfad. Von hier ist unser nächstes Zwischenziel schon gut auszumachen: Das Penser Joch (2.211 m üNN) mit dem einsam auf der Passhöhe residierenden Alpenrosenhof. An der Passhöhe endet das Sarntal, dahinter beginnt das Wipptal. Vom schmalen Band der Passstraße höre ich selbst aus der Ferne das Röhren schwerer Motorräder empor schallen. Doch der Straße bleiben wir fern und schleichen uns auf einem Pfad von hinten an die Passhöhe heran.

59 km und fast 4000 Höhenmeter sind geschafft, quasi Halbzeit. Am Verpflegungsposten wird mir sogleich mein Kleidersack gebracht. Vorsichtig schäle ich meine Füße aus Schuhen und klitschnassen Socken und sehe das, was ich schon lange befürchtet und gespürt habe: Blasen in Hülle und Fülle. Gut schaut das nicht aus und eine fürsorgliche Helferin empfiehlt mir sogleich, den Shuttle ins Ziel zu nehmen und mich nicht weiter zu quälen. Aber so richtig gequält fühle ich mich noch längst nicht. Notdürftig verpflastert und frisch besockt und beschuht fühlt sich das gleich besser an. Zumindest für den Moment.

 

Hart und härter – das Gerölljoch

 

Ich lasse mir Zeit, schlürfe noch ein kühles Bierchen (alkoholfrei natürlich), und so ist es schon kurz vor der „Sperrstunde“ um 15 Uhr, als ich aufbreche und mich auf einem schmalen Höhenpfad wieder in die Einsamkeit der Berge hineintragen lasse. Ich merke schon: Hinter mir kommt nicht mehr viel. Aber die Atmosphäre der Berge, diese endlose Ruhe, Weite und und das Gefühl von Freiheit spürt man solo ohnehin am intensivsten.

Immer tiefer dringe ich in das Tal hinein. Unwegsamer werden Landschaft und Weg, dicke Wolken wälzen sich erneut heran. Ein grandioses Naturschauspiel tut sich vor meinen Augen auf. Ein riesiger Regenbogen spannt sich über dem Tal und wird langsam von einer sich heran schiebenden Wolke „aufgefressen“. Die endlosen Grasmatten werden mit zunehmender Höhe von Geröll und Schnee abgelöst und auch der Pfad gestaltet sich entsprechend. Immer öfter muss ich die gelben Markierungen suchen. Und auf einmal ist alles nur noch schwarz-weiß. Oder genauer: schwarz-grau. Wolken und schmutziger Schnee mischen sich zu einer grauen Melange, die am Horizont kaum noch zu trennen ist. Über ein Schneefeld nach dem anderen stapfe ich, nur ab und an durchbrochen von einer Felseninsel. Ich komme mir vor wie in einer Wüste aus Schnee und Eis.

Wie aus dem Nichts taucht auf einmal ein Mann auf. Kein Läufer, dafür mit Hund. Locker marschiert er durch die Landschaft. Ein paar freundliche Worte wechselt er mit mir, wünscht mir viel Glück und verschwindet irgendwo im Nichts. Tja, eben ein Südtiroler. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass die irgendein spezielles Berg-Gen haben müssen.

Die gelben Fähnchen dirigieren meinen Weg bis zu einer Abbruchkante, hinter der bizarre Felstürme in den Wolkennebel ragen. Ich habe das sogenannte Gerölljoch, 2.500 m hoch bei km 64 gelegen, erreicht. Ungläubig schaue ich in die Tiefe. Da soll ich runter? Ich habe doch keinen Fallschirm! Aber die Markierungen lassen keinen Zweifel. Das ist mein Weg. Und da merke ich wieder: Ich bin ein begeisterter Bergtourer und Klettersteiggeher, aber eben kein Südtiroler. Vorsichtig, jeden Schritt abwägend, taste ich mich durch groben Fels und lockeren Schotter nach unten. Bloß nicht ins Rutschen kommen! Es dauert eine Ewigkeit, bis ich nicht mehr das Gefühl habe, dass jeder Sturz mein letzter sein könnte. Weiter unten wage ich es gar mit Geröllgleiten, also das Gewicht auf die Fersen zu verlagern und dann direttissima nach unten zu rutschen. Dasselbe kann ich wenig später auf einem ewig langen Schneefeld exerzieren, stelle mich dabei aber so bocksbeinig an, dass es fast schon peinlich ist.

Intensives Grün löst das Felsengrau und den Schnee ab. Ich blicke hinab in ein einsames Bilderbuchtal. Ein bequemer Serpentinenweg lädt zum Jog durch die blühende Natur ein. Endlich habe ich mal wieder das Gefühl, nicht nur zum Wandern hier zu sein. Unten im Tal rauscht ein wilder Bach, grasen friedlich die Kühe auf den in der späten Nachmittagssonne leuchtenden Weiden. Und ich komme einmal mehr vom rechten, sprich markierten Weg ab. So suche ich mir meinen eigenen Weg durch sumpfige wassertriefende Wiesen voller mülltonnengroßer Kuhfladen. Beim Versuch, unter einem Weidezaun durchzutauchen, mache ich unangenehme Bekanntschaft mit diesem. Wie eine dicke Kopfnuss fühlt sich der versehentliche Kontakt an, jedenfalls bin ich danach eindeutig wacher.

Oberberg nennen sich die einsamen drei Häuser, die im Talgrund stehen und mittels eines holprigen Sträßlein mit der Zivilisation verbunden sind. Durch dichten Wald folge ich diesem Sträßlein weiter und tiefer in das sich weiter absenkende Tal hinein. Bis auf 1.500 m führt sie uns hinunter, quasi zum Tiefpunkt des Streckenverlaufs im Gebirge.

Aber wo es runter geht, geht es natürlich auch wieder rauf. Ein paar weniger inspirierende Kilometer muss ich auf einer matschigen Forststraße zurücklegen, bis – wieder auf 1.780 m üNN – bei km 72,5 die Ebenbergalm vor der im Abendlicht beleuchteten Kulisse eines Bergkamms auftaucht.

 

Nachttrail zur Hirzer Hütte

 

Es ist kurz vor 20 Uhr. An der Alm erwarten mich und zwei andere Läufer ein Pulk aus Helfern, Sanitätern und Bergwacht. Einmal mehr werden wir mit Beifall freundlich erwartet und mit Suppe und Cola, Obst und Schokolade verwöhnt. Das Besondere ist hier nur: Wir sind die letzten. Auch die beiden „Besenläufer“ trudeln ein. Sie entfernen hinter uns die Fähnchen und wachen darüber, dass kein Schäflein aus der versprengten Läuferherde im ewigen Fels und Eis zurück bleibt. Meine Füße brennen und ich überlege kurz, ob ich noch weiter machen soll. Aber nur kurz: Zumindest eine Etappe geht noch und dann „schau ma mal“ …

Vor den anderen ziehe ich los. Möglichst noch bei Tageslicht will ich die nächste große Hürde nehmen. 850 Höhenmeter gilt es in einem Schwung zu bewältigen, hinauf zum sich vor mir im Talschluss auftürmenden Alpler Nieder (2.624 m üNN). Entlang der bequemen Schotterstraße, die mich zur Ebenbergalm gebracht hat, geht es weiter der Felswand vor mir entgegen. Bis es nicht mehr weiter geht und die Straße einfach zu Ende ist.

Auf einem kaum als solcher erkennbaren Wiesenpfad setzt sich unser Kurs im Zickzack über den durch und durch triefenden, steil empor führenden Wiesenhang fort. Einmal mehr werde ich das Gefühl nicht los, als klettere ich auf einem einzigen riesigen Schwamm herum, aus dem es überall rinnt und rieselt, was nur durch die üppige Grasmütze nicht gleich sichtbar wird. Bei jedem Tritt muss ich genau hinschauen, wo er endet. So schnell wie es meine Kraft und Puste erlauben stemme ich mich in die Höhe hinauf. 

Nurmehr die Bergspitzen leuchten intensiv im letzten Abendlicht, dann senkt sich der Schleier der Nacht ganz langsam auch über sie. Ein wundervolles, ein friedvolles Bild. Und die Wolken? Die haben sich einfach, still und leise, verabschiedet. Ich schaffe es gerade noch. Im letzten fahlen Abendlicht bewältige ich das letzte Wegstück durch Schnee und fast senkrecht empor führenden Fels und Morast.

21:30 Uhr ist es, als ich am Berggipfel stehe und noch einmal einen letzten unvergleichlichen Rundblick erleben darf. Finster ist es schon in den Tälern um mich herum, kräftig heben sich hier oben die düsteren Silhouetten der Bergzacken vom intensiven Stahlblau des Himmels ab. 

Ein Stück des durch Geröll weiterführenden Weges kann ich noch ohne künstliches Licht bewältigen. Dann muss die Stirnlampe her. Die zweite Nacht beginnt endgültig. Die beiden anderen Läufer und die Schlussläufer der Bergwacht schließen auf und gemeinsam setzen wir die Laufreise fort. Eine weise Entscheidung. Denn: Wahrlich anspruchsvoll war der Anstieg. Aber noch anspruchsvoller sind die Abstiege. Im Licht von fünf Stirnlampen lassen sich die Tritte im Fels, aber auch die sich darunter auftuenden Abgründe sehr viel besser ausmachen. Seile sichern extreme Stellen. Aber auch der Rest hat es in sich. Im Schneckentempo tasten und krabbeln wir über Geröll und steile Stufen einen Grat hinab. Zumindest wir Läufer. Die zünftigen Bergwachtler zeigen uns mal wieder, was eine Berggämse ist. Das mit dem Gen hatte ich ja schon erwähnt. Gleichzeitig sind sie überaus hilfsbereit, freundlich und einfach gut drauf. Ich gebe ganz offen zu: Diese Passagen hätte ich nächtens nicht allein durchsteigen wollen.

Der Weg flacht ein wenig ab. Eine tolle Umgebung muss das hier sein, aber leider kann ich die Wildheit der Berglandschaft nur anhand dessen erahnen, was die Lichtkegel erfassen. Die flache Passage gewährt nur eine Verschnaufpause. Schon geht es über den Grat auf ein Neues steil nach oben. Nochmals schrammen wir die 2.500 m-Grenze, nur um uns sogleich erneut einer rasanten Hanglage bergab stellen zu müssen.

Die Bergwachtler hatten schon erwähnt, dass da noch eine Stelle komme, die „ein bisserl ausgesetzt“ sei. Und da ist sie. Die beiden haben nicht zu wenig versprochen. Senkrecht geht es abwärts. Quer zum Fels führende labbrige Seilchen sichern den steil  durch die Wand nach unten führenden Steig. Keine Stahlseile, sondern ausgefranste Bergsteigerseile. Es hilft nichts, da muss ich durch. Vorsichtig tasten wir uns voran. Nur kurz bin ich etwas unaufmerksam, lasse mich durch das nachgiebige Seil irritieren, rutsche mit einem Fuß ab, verliere den sicheren Tritt, und bin Sekundenbruchteile im Fall. Reflexartig packe ich das Seil im Eisengriff, kann aber nicht verhindern, im Abrutschen gegen den Fels zu knallen. „Alles klar?“ fragt der Bergwachtler nur. „Alles klar“ antworte ich. Aber ich weiß: Diesen „Felsenkuss“ am Oberschenkel werde ich noch lange spüren.

Der nächtliche Weg durch den Fels zieht sich. Bei Tag mag das alles sehr viel einfacher gehen, aber die Nacht macht es zum wahren Abenteuer. Mehr und mehr kehrt das Grün zurück, wird der Steig zum Pfad, der Pfad zum Weg. Für 23:45 Uhr hatten die Bergwachtler unsere Ankunft an der Hirzerhütte avisiert. Aber da haben sie sich ausnahmsweise einmal grob verschätzt.

Es ist 0:15 Uhr, als wir die wie eine Lichtoase im Schwarz der Nacht auf 1.983 m üNN gelegene Hirzerhütte erreichen. 84 km und 5.686 Höhenmeter im Plus liegen hinter mir. Und ich weiß: Hier ist meine Laufreise zu Ende. Teils freiwillig, weil mich die Blasen mittlerweile ganz massiv peinigen, teils unfreiwillig, weil ich das Zeitlimit 24:00 Uhr „gerissen“ habe.

Aber es ist gut so. Die Zeitmatten und der Verpflegungstisch sind schon abgebaut. Aber wir werden sofort in die warme Hütte dirigiert und bekommen von den Hüttenbetreibern, was wir wollen. Bei einem Bierchen merke ich, wie die Anspannung von mir abfällt und auf einmal schrecklich müde werde. Fünf Läufer sind wir, die hier gestrandet sind. Aber unser Weiterkommen wird ganz unkompliziert organisiert. Ein Taxi wird gerufen und ein Viertelstündchen später steht ein Kleinbus vor der Tür. Von der rütteligen Fahrt ins Tal und weiter nach Bozen bekomme ich nicht viel mit. Schlaftrunken stehe ich dann auf einmal um 3 Uhr nachts am Ziel auf den Talferwiesen am Stadtrand Bozens, wo rund um den Zieleinlauf eine richtiggehende Zeltstadt mit allem Drum und Dran aufgebaut ist.

Um diese Zeit bin ich allerdings fast allein hier. Für Zieleinläufer sind die Organisatoren zwar gerüstet und wenn einer kommt, wird er lautstark begrüßt. Aber die Einlaufdichte lässt sich nicht einmal mit Eintröpfeln beschreiben. Die entspannte, freundliche Atmosphäre im Ziel passt jedoch zu dem ganzen Laufevent. Und auch wenn ich nicht  - wie übrigens etwa 50 % der Starter – die 121 km ganz geschafft habe: Ich habe die Gewissheit, bei einem ganz besonderen Laufevent dabei gewesen zu sein. Einem Lauf, der das Bergerlebnis so intensiv und extrem wie kein anderer Berglauf verkörpert hat, den ich erlebt habe. Einem Lauf, der einen die Wild- und Unbezähmtheit der Berge nicht nur sehen, sondern auch spüren und auf diese Weise die unberührte Schönheit der Bergwelt in all ihren Facetten ungemein hautnah erleben lässt. Ich bin happy. Einfach happy.

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