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Laufberichte

Mehr als nur 42 Kilometer

11.10.09
Autor: Klaus Duwe

Dass wir hier auf guten asphaltierten Wegen laufen, haben wir übrigens dem Olympischen Marathon 1972 zu verdanken, der auch durch den Englischen Garten führte. Um gute Zeiten zu ermöglichen, wurde ein Teil der Landschaftswege so präpariert. Der Park ist seit jeher bei den Münchnern sehr beliebt und das spürt man auch heute. Viele Fangruppen verteilen sich auf der Strecke und sowohl zünftige Blas- und fetzige Rockmusik wird geboten. Im Sommer ist hier natürlich viel mehr los und keiner regt sich mehr auf, wenn sich ein Mädel nackt in die Sonne legt. In den 1960er Jahren war das der Bild-Zeitung noch die Schlagzeile „Erste Nackte im Englischen Garten“ und ein Bildchen wert. Damit wurde dem Rest von Deutschland verkündet, „der Frühling ist da“.

Ausgangs des Parks sind wieder viele Zuschauer. Über die Max-Joseph-Brücke (km 16) geht es über die Isar und dann Richtung Oberföhring. Unglaublich, wie man 15 Höhenmeter, auch wenn sie sich auf einen Kilometer verteilen, spürt. Einige Läufer werden direkt zum Marschierer und erst die Trommler am Herkomer Platz machen ihnen wieder Beine. Auch der Stadtteil Oberföhring ist viel älter als München selbst. Bereits in der Römerzeit gab es hier eine Handelsstraße und einen Flussübergang. Um die erste Jahrtausendwende wurde eine Brücke gebaut und die erhobene Maut machte den Ort reich.

Auf den nächsten Kilometern liegen zwar attraktive Wohngegenden (Stichworte: Arabella-Park, Parkstadt Bogenhausen), aber auch eher langweilige Abschnitte (Stichwort Ostbahnhof) und erinnern mich daran, dass ein Marathon auch eine mentale Übung ist. Mir zum Beispiel kommt auf diesem Streckenabschnitt mein Vorhaben, nächste Woche wieder auf die Strecke zu gehen, ziemlich bescheuert vor. Dabei weiß jeder Marathoni, dass es auf der ganzen Welt keinen Marathon ohne eine solche „Durststrecke“ gibt. Ich bin halt etwas aus der Übung.

Aber schon wird es besser und das gleich in mehrer Hinsicht. In der Rosenheimer Straße (km 27) haben wir den höchsten Punkt erreicht, es geht abwärts  und wenig später folgen dann die optischen und akustischen Höhepunkte.

Los geht es mit dem Müller’schen Volksbad. Was spießig klingt, ist ein prächtiger Jugendstilbau und war bei seiner Fertigstellung 1901 das modernste, größte und teuerste Schwimmbad der Welt. Davor gab es in München kein öffentliches Hallenbad. Stifter war der Ingenieur Karl Müller, der der Stadt zur Auflage machte, das Bad auch der mittellosen Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. So kostet heute ein 30minütiges Brausebad 2,00 Euro, und das Schwimmbad kann man schon ab 2,50 Euro nutzen.

Ich empfehle, zuerst ins Volksbad zu gehen und dann ins Deutsche Museum. Das liegt schräg gegenüber und ist immer noch das größte naturwissenschaftlich-technische Museum der Welt.  Ist man dort erst mal drin, kommt man kaum mehr raus. 1,5 Mio Besucher werden jährlich gezählt, 28.000 Objekte gibt es zu besichtigen. Und hat man dort einen guten Einfall, kann man sich den nebenan im Europäischen oder Deutschen Patentamt gleich patentieren lassen.

Ob die Idee der zwei Rapper, das Autodach zur Bühne umzufunktionieren patentfähig ist, weiß ich nicht. Ich hab das schon mal gesehen, beim Freiburg Marathon. Oder sind das die Gleichen?

Wir laufen auf das Isartor, dem östlichen Stadttor der historischen Altstadt zu. 13.12 Uhr zeigt die Uhr am großen Mittelturm an. Ich vergleiche mit meiner Uhr, stimmt. Also gehen die Uhren in Bayern doch nicht anders. Manche Dinge haben zwei Seiten, so auch die Uhr am Isartor. Auf der Westseite zeigt sie nämlich 10.46 an. Das wär’s doch, 46 Minuten für 29 Kilometer! Man hat sich einen Scherz erlaubt, das Ziffernblatt ist spiegelbildlich abgebildet und die Zeiger laufen entgegen gesetzt. Damit will man an Karl Valentin erinnern und an Willy Brandt, dem der Satz, „in Bayern gehen die Uhren anders“, zugesprochen wird.

Weiter geht’s, der Marienplatz und Vanman Jochen Heringhaus warten. Nur kurz ist das Vergnügen, denn wir laufen zunächst auf den Rindermarkt bis zum Sendlinger Tor und auf der Sendlinger Straße dann noch einmal und jetzt so richtig, umjubelt und mit Applaus überschüttet, auf den liebsten Platz der Münchner.  Schon als 1158 Heinrich der Löwe die Stadt gründete, gab es hier den Marktplatz und als Ludwig der Bayer 1315 München die Marktfreiheit verlieh, war das an die Auflage geknüpft, diesen Platz niemals zu bebauen. Man hält sich dran. Als 1867  mit dem Bau des Neues Rathauses begonnen wurde, mussten dafür die mittelalterlichen Landschaftshäuser weichen.

Unzählige Geschichten und Histörchen ließen sich erzählen. Nur eine will ich zum Besten geben, die, wie die Weißwurst „erfunden“ wurde. Noch heute gibt es am Marienplatz den Gasthof „Zum ewigen Licht“. Man schreibt das Jahr 1857, es ist Rosenmontag. Der Gastraum ist brechend voll und der Wirt, der Moser Sepp, kommt kaum nach, die bestellten Kalbsbratwürste herzustellen. Als er merkt, dass die Schafsdärme ausgehen, schickt er den Lehrling los, Nachschub zu holen. Der kennt sich nicht so recht aus und lässt sich Schweinsdärme andrehen. Der Sepp hat keine andere Wahl, als die viel zu dicken und zähen Därme zu verarbeiten. Statt sie zu braten -  er fürchtet, sie würden platzen – brüht er sie, serviert sie in einem Topf mit dem heißem Sud und behauptet, das alles müsse so sein. Die Weißwurst war erfunden. Wie man die Dinger richtig isst, was zuzeln ist und warum es zur Weißwurst nur süßen Senf,  Brez’n und Weißbier gibt, erzähl ich Euch vielleicht nächstes Mal.

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