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Laufberichte

Der Schatz im Silbertal

02.07.11

Kaum waren sie an den letzten Gebäuden vorbeigekommen, änderte sich die Beschaffenheit des  Untergrunds. Eine Schotterpiste sollte sie für die nächsten fünfzehn Kontinentalmeilen durch den Anstieg des Silbertal Canyons geleiten. An heißen Sommertagen, wenn die Hitze träge und doch behände wie eine giftige Schlange durch die Häuserfluchten der Big Cities kriecht, finden die Städter hier einen Zufluchtsort, wo sie diesen Qualen entfliehen können. Von vielen Creeks gespiesen, rauscht der River mit seinem frischen Wasser, dessen Farbe dieses Gefühl der wohltuenden Kühle unterstreicht, mal unmittelbar neben der Piste, mal so weit entfernt, dass man meinen kann, ein Bächlein murmle vor sich hin.

Der Canyon mit seiner Weite und den sanft ansteigenden Flanken, welche durchaus in schroffe Felsen übergingen, leuchtete in saftigsten Grün, ganz gleich, ob der Weg durch reiche Weidegründe oder gut gepflegte Waldstücke führte. Die Steigung zog sich dahin und wenn sie stärker wurde, dann bemerkten es die Treckers in erster Linie nicht in ihren eigenen Muskeln, sondern daran, dass die sie begleitenden Velocipede ihnen nicht mehr zu folgen vermochten, ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Fortschritt mit all seinen Maschinen und Apparaten noch nicht in allen Bereichen die dem Menschen zugedachten Aufgaben zu übernehmen bestimmt war.

Die Trecker waren inzwischen über eine lange Strecke verteilt und ihre bunten Gewänder leuchteten vor und hinter Old Flatterband wie bunte Glasperlen an der Halskette eines Kindes, deren Schnur nur noch teilweise von den bunten Kugeln gesäumt wird, weil schon so viele von ihnen beim Spielen verloren gingen.

Wo wegen der zunehmenden Höhe die Bäume kleiner und knorriger wurden, lag auch der Schwarzsee still und dunkel in einer Senke, während nebenan der Weg immer steiler wurde. Wie er so bergan marschierte, hätte Old Flatterband gern gewusst, wer den Wettstreit auf dieser Piste gewinnen würde. Der Ochsenkarren oder eine jener für solcherlei Gelände gedachten pferdelosen Edelkutschen, mit welchen in den Städten die durch allerlei Handels- und Bankengeschäfte zu Reichtum gekommenen Kaufleute ihren gehobenen Status zur Schau trugen? Letztere würden es auch unter Knurren und Ächzen nur bis zur Freschalpe schaffen. Auf den folgenden Weidegründen hätte höchstens ein Muli oder ein Tragepferd die Trecker begleiten können.

Dafür fuhr jugendliches Leben in Old Flatterbands Glieder und durchzuckte seine Muskeln. Er hüpfte wie eine Gämse von Stein zu Stein und darüber hinweg, darauf bedacht, den wild die Weidegründe durchfließenden Rinnsalen und von den Rindviechern getretenen Sumpflöchern auszuweichen. Auch wenn ihm dieses nicht gelang, so grämte er sich nicht, denn an seinen Füßen trug er nicht grobe Boots, sondern filigrane, von einem englischen Erfinder dem Schuhwerk der Indsmen nachgebaute und verfeinerte Mokassins. Ein kräftiges Abdrücken beim nächsten Sprung reichte und alles Wasser war wieder aus dem Schuh herausgedrückt, was ihn vor den gefürchteten Blasen bewahrte, welche die Treckers mehr fürchten als den Biss eines Skorpions.

Nach dem Langsee zeigte schon bald ein Marker der Vermessung an, dass die Strecke schon gut zur Hälfte zurückgelegt war, was auch bedeutete, dass fortan nur noch wenige Steigungen zu bewältigen waren. Eine Bronzetafel kündigte wenig später an, dass die Grenze zum State Tyrol überschritten wurde. Damit war der der Pass vom Silbertal zum Ferwall Valley überschritten und den vom Anstieg auf fast 2000m gepeinigten Muskeln wurde vermeintliche Erholung gegönnt, denn für lange Zeit ging es in Begleitung einer anmutigen und zugleich wilden Lady nur noch abwärts. Die Rosanna hält das Zepter und führt das Regiment in diesem Valley. Ihrem Lauf und ihrer Kraft muss das Tal sich fügen. Erst weiter unten wurde mit einer Mauer ihre Ungestümheit gebrochen und sie gezwungen, im grünen Verwallsee eine Pause einzulegen, bevor sie wieder ihre ursprüngliche Natur bewahren durfte.

Nicht wenigen Trecker ging es ähnlich. Mit jedem Tausend-Yard-Stück und jedem Gegenanstieg mehr wurde die Anzahl derer größer, die ihrem anfänglichen Übermut Tribut zollen mussten, von Old Flatterband eingeholt wurden und ihm nicht folgen konnten. Er hatte keine Uhr bei sich und genoss die Zeitlosigkeit, in welcher er sich in dieser herrlichen Szenerie bewegte, und er machte deshalb auch keine Versuche, am Stand der Sonne - soweit sie sich in der Zwischenzeit überhaupt noch hinter den Wolken hervorwagte – zu ergründen, in welchem Zeitraum er das Ziel erreichen würde. Dafür ging er, einen guten Achtel vor Ende des Trecks auf das Angebot der jungen Ladies an der Trankstation ein und ließ sich einen kühlen Hopfentropfen ohne Feuerwasseranteil reichen, und er wich nicht von der Stelle, bis er sich diesen genüsslich und in Ruhe einverleibt hatte. Trotzdem dauerte es nicht lange, bis er wieder zu denen aufschließen konnte, die vorher gehetzt an der Tränke vorbeigeeilt waren.

Der Lohn für die Mühsal weiterer Anstiege war der Blick hinunter auf San Antonio, von wo laute Stimmen zu vernehmen waren, die den tapferen Finishern galten, die das Ende der Strecke schon hinter sich gebracht hatten. Wenig später wurde Old Flatterband zum Pilgrim, denn der Treck wurde über eine Strecke des Pilgerwegs des Heiligen Jakobs durch die gleichnamige Siedlung und dann hinein nach San Antonio geleitet.

Der Empfang der Helden fand erstmals in der Mainstreet statt und auch er wurde, als einer von ihnen, mit Namen angekündigt und gleich nach Überschreiten des roten, piepsende Töne von sich gebenden Teppichs mit einem schmucken Orden ausgezeichnet. Des Weiteren wurde er in ein Hemd aus fein gewobenen Wunderfasern gekleidet, das ebenfalls Zeugnis gibt von einem weiteren erfolgreichen Pheidippides-Treck. Ein schönes Buffet war für die ausgezehrten Athleten aufgebaut, an welchem nicht mit köstlichen Getränken und Speisen gespart wurde. Schmackhafte Früchte in verschwenderischer Auswahl, die einen vermutlich aus den Obstgärten von South Tyrol, die anderen sogar mit Dampfern aus Übersee herangeschafft, stärkten und erfrischen die müden Gestalten.

Nachdem er reichlich versorgt und gestärkt war, konnte er, wie alle Treckers nach einem kurzen Fußmarsch zum zentralen Bad der Stadt den Schmutz und Schweiß abwaschen und sich in einem Pools mit angenehm gewärmtem, sprudelndem Wasser der körperlichen Erholung hingeben. Etwas anderes war nicht vonnöten, denn wiederum brachte die Teilnahme die sonstige, innerliche Erholung und das sich tief in ihm ausbreitenden Gefühl der der völligen Freiheit. Er war gekommen, um sich ohne Streit, Auseinandersetzungen und Kämpfen seinen Anteil am Schatz im Silbertal zu sichern, und er hat ihn vollumfänglich gefunden.

Die einzige Frage, die sich ihm stellte, als er wieder in seinem Planwagen saß und darüber nachdachte , war die, weshalb nicht mehr Leute dem Ruf des Mayors folgten und sich selbst mit diesem Unternehmen beschenkten, das durchaus auch für Novizen geeignet wäre?

Sieger Pheidippides-Treck

Männer

1. Florian Holzinger DE   3:05:05,8
2. Felix Schenk CH    3:18:06,8
3. Sven Holzmann AT   3:28:50,4

Frauen

1. Erzsebet Prokopp HU   3:52:36,9
2. Yvonne Sonderegger AT   3:56:43,5
3. Monika Felizeter-Keßler  AT   4:06:58,4

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