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Laufberichte

The harder I try

 

 

Erste Staffelwechselstelle auf über einem Kilometer in der Via Pagano. Da ist natürlich auch einiges an Anfeuerungsrufen für uns zu hören. In meinem Magen beginnt es zu grummeln. Dummerweise steht jetzt eine Begegnungsstelle in der Via Washington an. Noch drei Kilometer bis zum nächsten VP. Ich werde doch nicht in einer Bar Zuflucht suchen müssen? Ablenkung verschafft die Bühne des Radiosenders RDS, der dieses Jahr erstmals für die Stimmung beim Marathon zuständig ist. Aus meiner Sicht kein Glücksgriff: Acht Bühnen gibt es, nur bei einer sehe ich heute eine Karaoke-Sängerin. Ansonsten eine Talkrunde. Ich denke wehmütig an 2007 zurück, als der lokale Sender 105 wirklich super Musik für uns spielte. Eine gelbe Packstation hat es bis nach Mailand geschafft und leuchtet am Straßenrand. Hier sind auch einige Zuschauer, die uns anfeuern. Wir laufen am weißen Teatro Nazionale vorbei.

Auf dem ehemaligen Messegelände entsteht unter dem Namen CityLife ein neues Geschäfts- und Wohnviertel. Zwei der drei geplanten Wolkenkratzer sind schon fertig. Einer davon ist der von Arata Isozaki entworfene Allianz-Turm, entsprechend seiner Form auch „der Gerade“ genannt. Der zweite Wolkenkratzer, genannt „der Krumme“, wurde nach Plänen von Zaha Hadid für die Versicherungsfirma Generali realisiert. Der dritte, von Daniel Libeskind entworfene Turm („der Gebogene“) wird durch seine geschwungene Form sicher sehr interessant und soll 2018 fertiggestellt werden. Etliche Wohnhäuser mit der Bezeichnung „Residences“ gruppieren sich um die drei Wolkenkratzer. Bei uns in Deutschland wird ja kolportiert, dass sich die Südeuropäer stark im Immobilienmarkt engagieren. Hier in Mailand scheint es mir aber, dass man hochpreisigen Wohnraum nicht so einfach an die Kundschaft bringt. Viele Neubauten stehen noch leer.

Am nördlichen Ende des Areals liegt das neue Mailänder Congresscentrum MiCo, wo die Marathonmesse untergebracht war. Hier gibt es eine Sonderverlosung der Messe Mailand für den 37., 206., 1500. und 4298. Athleten, der vorbei kommt. Ich bin es nicht. Die Zahlen haben übrigens mit der Borsa Internazionale del Turismo zu tun, die hier zum 37. Mal stattfindet.

Rechts davor das Rund des Velodroms Maspes-Vigorelli. Neun Weltrekorde über die Stunde wurden auf der Freiluftbahn erzielt.

Ein kurzes Begegnungsstück hinter Kilometer 17. Einige neuere Hallen werden als „Fieracity“ weiter verwendet. Schön, dass die Spitzengruppe bei km 35 noch nicht vorbei ist. Ein kurzes Stück Autobahnzubringer steht auf dem Programm.  Man hört oft das Wort Stella (Stern), denn links liegt der Monte Stella, ein Hügel, von dem aus man einen schönen Blick über die Dächer der Stadt und auf die höchsten Alpengipfel hat. Phänomenal leuchteten gestern die schneebedeckten Bergspitzen in der Sonne – wobei ich sicher schon sieben Mal in Mailand war und von dort aus noch nie die Alpen gesehen habe. Glückssache halt. Dieses Gebiet bei der Metrostation QT8 empfiehlt sich für einen netten Spaziergang nach dem Lauf.

Kurz vor dem Halbmarathontor eine lange Mauer, die mit schönen Graffiti geschmückt ist. Ein Mitläufer macht mich auf das Hippodrom aufmerksam. Kann man riechen, aber nicht sehen. HM-Tor. Judith und ich sind seit einer Stunde und 56 Minuten unterwegs. Sub 4 ist also noch drin. Jetzt muss sich zeigen, wie es weitergeht. Zweiter Staffelwechsel. Am Eingang des Hippodroms eine 7,30 m hohe und 15 t schwere Pferdeskulptur von Leonardo da Vinci, auf die uns ein Schild am Wegrand hinweist.

 

 

Vor uns liegt jetzt das Giuseppe-Meazza-Stadion, früher benannt nach dem Stadtteil San Siro. Wir verlassen Mailand und laufen am Parco di Trenno entlang.  Was auffällt: Die diesjährige Laufstrecke scheint die Autofahrer nicht so zu stören, wie wir das von früheren Veranstaltungen kennen. Nur an zwei, drei Stellen gibt es Hupkonzerte. Sehr schön.

VP 25: Wie immer gibt es nichts zu bemängeln: Wasser, Iso-Getränke, Bananen, Kekse: alles ok. Gut, 0,5-Liter-Plastikflaschen sind aus ökologischer Sicht nicht unproblematisch, zumal sie oft noch gut gefüllt wieder weggeworfen werden. Trotzdem: Ich bekomme immer alles angereicht und kann schnell weiter laufen. Leider sind die zwei Toilettenhäuschen belegt. Dann warte ich halt auf die nächsten...

Für mich ist die Ortschaft Trenno eine der stimmungsvollsten Ecken des Milano Marathons. Ein kleiner Ortskern mit vielen Zuschauern. Auch der RDS-Moderator ist hier aktiv. Kurz danach geht es an Wohnblöcken vorbei. Rechts noch mal Pferderennbahnen. Staffelwechsel 3 in Uruguay. Wenigstens heißt die Metrostation so. Und an denen ist auch immer viel los, da das offizielle Handbuch auch Tipps für Marathonbegleiter gibt. Sechsmal kann man „seinen“ Läufer sehen und ich bekannte Gesichter.

Ein paar Industriegebäude, dann sind wir im nächsten Wohngebiet der Vororte. Der Flieder blüht sehr schön, ansonsten scheint hier alles etwas trostlos, da die Anwohner sich wohl vor den Läufern in Sicherheit gebracht haben. Aber ich bin sowieso mit mir beschäftigt. Es läuft heute ganz gut. Wenn ich auf den kommenden 10 Kilometern nicht einbreche, klappt's mit sub 4 h. Ein kleines Highlight bei km 34: Wir müssen auf eine Fußgängerbrücke. So können die Autos auf der großen Ringstraße ungestört dahin brausen. Auf der anderen Seite das Gebäude des AC Milan samt Fanshop und Restaurant.

 

 

Wir dürfen noch durch ein Wohnviertel samt Kirchenbesuchern an einem Kreisverkehr und schwenken dann auf den monumentalen Corso Sempione ein, genauer gesagt auf die Straße am Rande des Corso. So haben wir einen schönen Blick auf allerlei Baureihen der Tram. Hier in Mailand verkehren auf 172 km noch Wagen von 1928 – passend zur Jahreszahl „Ventotto“ genannt. Natürlich gibt es auch nagelneue Typen für die Außenstrecken. Im Zentrum sieht man aber noch viele der historischen Wagen. Da kann man sich den Sightseeing-Bus sparen. Besonders schön finde ich auch die Rasengleisanlagen auf den platanenbesetzten Mittelstreifen großer Straßen.

Kilometer 35 vor der Stadtmesse versorgt uns mit Enervit Gelflüssigkeit. Ein Schild bei km 37,5 weist auf den Triumphbogen Arco della Pace hin, errichtet im 19. Jahrhundert zum Ruhm Napoleons und in Erinnerung an den Europäischen Frieden von 1815. Dumm nur, dass wir den von unserer Randlage aus nicht sehen und dass wir nun nach rechts abbiegen. Eine leichte Steigung veranlasst viele Marathonis zum Gehen. Ich halte mein Tempo. Wir laufen bei km 39 an der Rückseite des Castello Sforzesco vorbei. Links im Park sieht man den Triumphbogen nun endlich.

Rechts ein neuer Betonblock: Die deutsche Schule. Ein Stück weiter liegt Chinatown, nach ihrem Pendant in London die größte chinesische Community in Europa. Aber in der Via Paolo Sarpi sieht es nicht aus wie in China. Obwohl jedes Geschäft und jede Wohnung, die zum Verkauf ansteht, von Chinesen erworben wird, versucht die Mailänder Stadtverwaltung dies mit allerlei Hindernissen zu unterbinden, um den italienischen Charakter zu erhalten. Trotzdem einen Besuch wert. Und bei vielen chinesischen Lokalen in den Seitenstraßen merkt man schon an der Tür, dass man als „Langnase“ nicht gern gesehen ist. Die sollen lieber in den Touristenlokalen in der Paolo-Sarpi-Straße essen. Da gibt es die Speisekarte auch auf Englisch.

Auch die Via Crispi erwartet uns mit einer kleinen Erhebung auf die ehemalige Bastion. Die Piazza Repubblica kennen wir schon. Das kurze Stück Steinplatte stellt uns nun schon vor große Herausforderungen. Noch achthundert Meter. Die Staffeln werden von den Marathonis getrennt. Damit können nun die Staffelteilnehmer in der Gruppe ins Ziel laufen und stören nicht. Ich gebe richtig Gas. Die Bestzeit von München aus dem letzten Jahr – ohne Fotografiertätigkeit – ist unterboten. Was ist noch drin? Die Zuschauer jubeln.

 

 

Mit 3:54:04 laufe ich meine siebtbeste Zeit aus 102 Marathons. In den letzten vier Jahren war ich nur einmal schneller und zwar ausgerechnet am 7.4.2013 mit 3:53:43 in Mailand, wie ich erst jetzt feststelle. Wahnsinn. Und das nach 4:24 h in Montpellier vor zwei Wochen. Marathon ist wirklich die verrückteste Sache der Welt. „The harder I try“ gilt heute nicht für mich.

Judith folgt knapp hinter mir und dann bejuble ich noch die 4-Stunden-Pacer, die ich heute nur an Start und Ziel gesehen habe. Uns erwarten eine schöne, schwere Medaille und eine Verpflegungstüte mit Obst, Gebäck und Getränk. Die Finisher-Bereiche für Marathonis und Staffelläufer sind einmal mehr ordentlich getrennt.

Duschen gibt es leider keine, dafür sieht man einige nackte Läufer am Vedovelle- („kleine Witwen“-) Brunnen im Park.

 

Fazit:


-  Stadtmarathon mit der schnellsten Finisherzeit in Italien,
- Ziemlich flach, laut Veranstalter 125 Höhenmeter, laut meiner Uhr 40, aber mit einigen Kurven und auf 3,1 Kilometern (fast nur im ersten Viertel) unangenehmen Steinplatten.
-  Günstige Anmeldung von 49,- bis 79,-€ inklusive Laufshirt, schöner Medaille und allerlei Gadgets.
- Gute Organisation, Verpflegung, medizinische Versorgung
- Anmeldung über Sportverein oder mit Runcard und Gesundheitszeugnis.
- Wettbewerbe: Neben dem Marathon auch Vierer-Staffeln und Schülerläufe
- Eine sehenswerte Millionenstadt mit günstigen Hotel- und Restaurantpreisen.

 

Ergebnisse

Männer:
1.    Koech, Edwin Kipngetich (KEN) 2:07:13 (schnellste auf italienischem Boden gelaufene Marathonzeit)
2.    Mungara, Kenneth Mburu (KEN) 2:09:37
3.    Godana, Abdela (ETH) 2:10:05

Frauen:
1.    Chepkech, Sheila (KEN) 2:29:52
2.    Incerti, Anna (ITA) 2:29:58
3.    Chaltu Tafa, Waka (ETH) 2:31:38

Finisher Marathon: 5302 (gemeldet: 6309)
16 Österreich, 36 Schweiz, 76 Deutschland (davon 12 vom TSV Nördlingen)
Staffeln: 3059 (gemeldet)
Milano School Marathon: 6253

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Informationen: Milano City Marathon
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