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Laufberichte

Maratona di San Valentino

19.02.12
Autor: Joe Kelbel

Ferentillo könnte auch ein netter Aperativ sein, ist aber der  Startort und die schönste Stadt der Valneria, wie das Tal der Nera genannt wird. Die zwei Stadtteile liegen sich im engen Tal der Nera gegenüber, man kann sich gegenseitig in die Fenster schauen. Unterhalb der Rocca, der Befestigungsanlage, werden wir nun zwei Stunden auf den Start warten, was aber absolut lustig ist. Ich weiss jetzt auch, wo Paletti wohnt.

Filmreif sind die Mumien: sie waren Darsteller im Film „Nosferatu-Phantom der Nacht“, sie wurden in der Krypta gefunden, deren trockenes, salziges Klima Grund für die Mumifizierungen ist. Museum der Mumien, leider noch nicht offen, so mache ich die Fototour durch den romantischen Ort, trinke guten, heissen Tee, esse diese traumhaften Kekse, quatsche hier und da. Wally scheint alle hübschen Läuferinnen zu kennen und meine m4y-Visitenkarten finden reißenden Absatz.

Auf den umliegenden Bergen, wenige Meter über uns, liegt Schnee. Letzte Woche gab es Minustemperaturen wie seit Menschengedenken nicht mehr, aber es ist eine Superstimmung. Auch wenn viele der hier anwesenden  Italiener noch nie ernsthaft gelaufen sind, so finde ich es sehr ok zwischen den hochhackigen Donnas in den Cafébars oder im Startbereich, die ihre „Helden“ begleiten. Es ist Italien und der Brocken-Challenge weit entfernt. Die Fotos aber machen schwer Eindruck. Visitenkarten arrivederci, Joevanni multi interessanto. Habe noch nie so lachend auf den Start gewartet.

Marcello, el Cheffe,  kommt auf mich zugeschossen. Ich müsse das Valentinsherz zusammen mit Sonja anzünden. Sonja ist „altra tedesci“. Die Marathonwelt ist klein, und während die Kameras auf uns gerichtet sind, bedauere ich Wally in seiner engen Funktionsunterwäsche.

Oben am Glockenturm wird das traditionelle Valentinsgeläut vorbereitet. Es dauert Ewigkeiten, bis die tonnenschweren Glocken per Hand in Schwung gebracht werden, und dann donnert der wundersame Klang durch das Tal, wird von den steilen Wänden zurückgeworfen und lässt unsere Lungen wummern. Ein kleiner Marathon mit ganz viel Herz.

Etwa 1200 Läufer stehen hier. Irgendwie bin ich total neben der Kappe. Das ist nicht der Brocken Challenge, das ist ein ganz lustiger lockerer Marathonlauf in einer wunderbaren Feriengegend, mit wunderbar lustigen Mensch um mich herum.

Wie in Italien üblich beginnt der Start mit einem Riesengebrüll: „ Chiao Mamma, chiao Francesca“. Um unauffällig zu bleiben, rufe ich einfach: „Chiao Mario“, was mir riesigen Beifall und heftiges Winken von allen Seiten  bringt. Italien ist klasse! Und die wenigen Meter aufwärts sind schnell vergessen.

Die Tage nach meinem Lauf auf dem Brocken waren schlimm, ich hatte alle Symptome die ein Läufer haben kann und nachts mehr im Badezimmer als im Bett verbracht. So will ich mir heute  Zeit lassen, schiesse zahlreiche Fotos von diesem wunderschönen Ort unterhalb der schneebedeckten Berge.

Km 5:  auf  einem Hügel (414 m) liegt Montefranco inmitten von Olivenhainen und Wäldern. Das Dorf wurde um die Festung Bufone (1000 n.Chr) gebaut. Und wie ich so schaue, fliegen meine Beine plötzlich los. Es ist der Punkt, wo die „Chiao Mamma“-Rufe verstummen und wo ich alle Italiener einsammele. Es ist eine helle Freude. „Amici tedesci“ rufen die mir zu, während ich sie überhole,  ich werde immer schneller.

Die kindliche Unbekümmertheit, mit der man in Italien Marathon läuft,  ist herzlich und ansteckend. Leider finden nicht viele Italiener den Weg zu unseren Marathonläufen, vielleicht laufen wir Deutschen auch zu verbissen und bei den Stadtmarathons gibt es nur lieblose, klebrige Pasta mit roter Sosse.

Der Ort Arrone, dann bei km 10 Collestatte und ruck-zuck km 12 Cascata delle Marmore, der Wasserfall der Verliebten, wo ich Pause und einige Fotos mache. Das Fest der Verliebten geht auf die Kelten zurück, die im Februar Riten für Fruchbarkeit und dem Erwachen der Natur abhielten. Von England kam der Brauch nach Italien, wo man liebevolle Zettelchen tausche, die „Valentini“.

Bei km 15 fängt das Schlemmen an den Stationen an. Unglaublich klasse, was hier auf den Tischen liegt! Die Getränke, Tee Iso sind nicht übersüßt, Cola gibt es später, aber die Kekse sind ein Traum. Wen es interessiert, die Speisekarte ist auf der Website erhältlich.

Km 16 Terni „Le Acciaierie“ ein Filmdorf, nur in Felsen gehauene Kulisse. Dann unterhalb der Eisenbahnbrücke das gewaltige, klassizistische  Gebäude der stillgelegten Keksfabrik. Bei km 17 hole ich die 4 Stunden Pacer ein. Jetzt bin ich nicht mehr zu halten.

Terni (672 v. Chr gegründet) war über alle Jahrtausende Zankapfel zwischen Goten, Byzantiner, Langobarden . 1159 kam es  in den Machtbereich Friedrich Barbarossas, was den Umbriern gar nicht gefiehl. Der Kaiser liess Terni 1174 durch den Erzbischof Christian von Mainz zerstören. Die folgenden Jahre sind durch die Verwicklung Ternis in Kämpfe gegen das Römisch-Deutsche Reich, den Papst und andere Städte gekennzeichnet.Die Reste der Stadtmauern und das Aphittheater stammen aus Römischer Zeit (32 n.Chr.), doch wir laufen durch das Werksgelände von Thyssen-Krupp, dem Arbeitgeber von el Cheffe  Marcello, immer schnurgeradeaus auf die Piazza della Republica. Der Palazzo Communale rechter Hand und in der Mitte der Springbrunnen, wo Wally gestern beinahe meine Wette angenommen hätte: „Wally das Wasser ist warm und du kannst trocken hindurchlaufen!“

Piazza Tacito mit seinen Gebäuden aus der Zeit des Faschismus. Alles wiederaufgebaut nach den schweren amerikanischen Luftangriffen. Die HM-Läufer biegen nach links in die Altstadt ab, für uns geht es nun 10 Kilometer schnurgerade Richtung Narni. Regen setzt ein.  Ich bin erstaunt, wieviele HM-Läufer die Weiche verpasst haben und nun zurücklaufen.

Die Fantasy Filme, nach dem Episoden-Roman „Das Königreich Narnia“, wurden in Narni gedreht.  Narni ist der geografische Mittelpunkt Italiens und bewacht die Ebene von Terni. Die Festung (233v.Chr), weit weg und hoch über unserer Laufstrecke, diente der Sicherung der Via Flaniinia, auf der der Heilige Valentin in Richtung Terni entlanggetrieben, gefoltert und schnell verscharrt wurde, damit Tumulte der Christen unterbunden würden. Die Legende erzählt, daß drei Anhänger seine Leiche fanden und sie in Terni begruben.

Der Ponte di Augusto über den Fluss Nera steht heute noch. 30 Meter hoch, die größte von den Römern erbaute Brücke. Leider, leider führt der Marathonkurs nicht direkt an die Brücke.

Aus Italien kommt der Brauch, Liebesschlösser auf Brücken anzubringen. Auf das Schloss schreibt man die Initialien, dann wirft man den Schlüssel ins Wasser und schwört sich ewige Liebe.

Ihr mögt verzeihen, aber ich habe einen wunderbaren schnellen Lauf und die Kamera hält jetzt auf, also weg damit. Ohnehin ist hier in der weiten Ebene nicht viel zu sehen, denn die pitoresken Dörfer sind weit oben an die Berge geklebt. Die Beine fliegen, die Pastaparty und die kleine Flasche Olivenöl gestern haben mir Nahrung für diesen Lauf gegeben. Adonella läuft ihren 50ten, wird gefeiert wie ein Weltstar.

Km 30 Narni und die Ponte sul Fiumenera, die Brücke über die Nera, schlammige Feldwege, auf denen ich zahllose Läufer versägen kann. Ich bin geübt, hüpfe über die Pfützen und saue mich ein. Es ist herrlich, ich brauche nichts, ich fliege frei dahin, bis zu Kilometer 34, wo ich Wally mit dem hängenden Kopf aufwecke.

Ab da pushen wir uns gegenseitig die 8 Kilometer lange Steigung Richtung Terni empor, als gäbe es kein domani. Sobald ich nachlasse, klatscht er in die Hände, ich hebe meinen Kopf und weiter geht es, immer weiter, als sei der Brocken Challenge lange, lange her.

Terni. Zwei  mittelalterliche Türme: Castelli und Barbarasa. Km 41 wieder Überquerung der Nera, mir hängt die Lunge raus.  An der Piazza Europa thront der monumantale Palazzo Spada, der Wohnsitz der gleichnamigen Familie, doch wir müssen noch eine brutale Schleife über das Kopfsteinpflaster hin- und zurücklaufen.

Eine knallharte Schleife und dann sehen wir das  Ziel. Der süße Wally greift meine Hand und wir laufen gemeinsam mit 3:56 durch das Herzchen des Zielbogens. Und was macht der Kerl? Greift sich die Hübscheste der Medaillenmädchen und ich darf Fotos schiessen!

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Ich habe ihm verziehen! Sonja hat Bier dabei, Deutsche helfen sich gegenseitig in ausländischer  Not. In der Zielverpflegung  gibt es Schinken, direkt vom Knochen, Salami, Knoblauch-  und geröstetes Olivenbrot, dazu die witzigen Kiwilutscher vom MC.

Es ist ein Marathonwochenende vom Feinsten. Ganz, ganz viel Spass mit vielen, vielen Herzchen! Unvergesslich - und eine Bereicherung  in der Marathonwelt. Arrivederci amici!

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Informationen: Maratona di San Valentino
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