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Laufberichte

Himalaya-Trekking im Ötztal

 

Sie rollt und rollt, die Trailrunning-Welle, und sie rollt bis in die hintersten Winkel der Alpen. Erreicht hat sie auch das Gurgler Tal, eines der entlegensten Alpentäler. Fast 50 lange Kilometer muss man sich zunächst vom Inntal aus südwärts durch das von eiszeitlichen Gletschern heraus gefräste Ötztal schlängeln. Erst dann gelangt man ins einsame Gurgler Tal, wo sich die Berggipfel der Ötztaler Alpen rundum bis zu 3.500 Meter hoch türmen.

Fels, Eis, karge Vegetation – das ist es, was sofort ins Auge springt, wenn man das Tal erreicht. Aber das verwundert nicht. Obergurgl, die „Kapitale“ des Tales, liegt auf immerhin 1.927 m üNN. Und da ist es vorbei mit klassischer Berglieblichkeit. Summa summarum knapp 600 Gurgler sind es, die sich auf Ober-, Hoch-, Untergurgl und ein paar weitere Weiler verteilen. Sie leben hier zwar nicht hinter dem Mond, aber man hat dennoch das Gefühl, dass man nicht weit davon entfernt sein kann.

Nichtsdestotrotz: Die Gurgler leben ganz prima mit und von ihrer Einsamkeit. Im Winter sind es die Wintersportler, die die Schneesicherheit der Region schätzen, im Sommer die Wanderer, die  jenseits ausgetretener Pfade die Weite der Bergwelt erleben wollen. Nicht zu vergessen: Die Biker, die von hier aus über das berühmte 2.474 m hohe Timmelsjoch den Sprung nach Italien wagen. Entsprechend gut ist das Angebot an Quartieren. Auch eventsportiv ist man am Puls der Zeit: Bekannt ist etwa der Ötztaler Radmarathon, etwas für ganz harte Pedaltreter. Gerade in den letzten Jahren hat man zudem das Trailrunning-Potenzial der Region erkannt. Mit dem nun auch in die Marathonliga aufgestiegenen Stuiben Trailrun im Herzen des Ötztals und dem Gletscher Trailrun im Gurgler Tal haben sich mittlerweile gleich zwei Veranstaltungen etabliert.

 

Trail-Kapitale Obergurgl

 

Der Gletscher Trailrun geht 2019 in die dritte Runde. Distanzen über 10, 22, 42 und 66 km, alle ausgestattet mit technisch anspruchsvollen Trails und Höhenmetern "satt", stehen im Angebot. Außer dem 10er durchbrechen alle die 3.000 Meter-Höhengrenze. Ich „begnüge“ mich mit dem klassischen Marathon, der auch auf immerhin stolze +/- 2.787 Höhenmeter kommt.

 

 

In Obergurgl ist man schon ganz auf das anstehende Sportereignis eingestellt. So klein die Gemeinde ist, so professionell ist der Auftritt, den man den insgesamt gut 450 gemeldeten Teilnehmern bietet. In einem Büro der Touristeninformation im Ortszentrum bekomme ich mein Startpaket. Konzeptionell erinnert nicht nur dies an den Stuiben Trairun, den ich im Mai erleben durfte.

Bereits am Freitagabend findet mit dem Top Mountain Run eine Art Prolog statt. Eigentlich sollte dieser über gut 12 km hinauf zum Top Mountain Star führen, einer exponiert auf einem Felsenkamm in über 3000 Meter Höhe thronenden Panoramabar, die äußerlich wie eine gläserne Jurte wirkt. Aber der noch reichlich vorhandene Schnee macht einen Strich durch die Rechnung. So geht es, mit nur halb so vielen Kilo- und Höhenmetern, auf die Hohe Mut, so etwas wie der Panoramahausberg Obergurgls und auch morgen bei den Hauptläufen ein Zwischenziel. Gestartet wird direkt vor der Talstation der Bergbahn zur Hohen Mut. Eine Bühne und eine imposante Videowand sind hier aufgebaut, dazu ein Biergarten und eine große Theke, alles schon für das morgige Hauptevent. Eher intim geht es beim Start um 18 Uhr zu. Aber der Moderator, rockige Musik und nicht wenige Zuschauer sorgen für einen stimmungsvollen Rahmen für die knapp zwei Dutzend Starter, bis diese davon sprinten.

 

Morgenjog durchs Gurgler Tal

 

Ausschlafen ist am Laufsamstag nicht angesagt. Bereits um 6:30 Uhr treffen sich die Marathonis zum Race Briefing vor dem Startbogen im Herzen Obergurgls. Darüber beschweren sollte man sich aber nicht: Seit immerhin 2 Uhr sind schon die Starter des Gletscher Ultra Trails unterwegs.

Die Gipfel der umliegenden Berge erstrahlen im Licht der Morgensonne, ein herrlicher Tag steht bevor. Im schattigen Tal ist es noch empfindlich kühl, aber die Läufer sind gut gerüstet. Aktuelle Infos bekommen wir zu Markierungen, Beschaffenheit der Strecke und „Knackpunkten“ wie etwa Schneepassagen. Üppig klingt das Zeitpolster von 11 Stunden, das wir bis zum Zielschluss um 18 Uhr haben. Aber da sollte man sich nicht täuschen lassen: Jedem siebten wird auch diese Zeit nicht reichen.

 

 

Knapp 80 sind es, die mit mir dem Startschuss entgegen harren. Bevor wir in den Startkanal gelassen werden, wird das Pflichtgepäck kontrolliert, wobei vor allem darauf geachtet wird, dass mitgeführte Gels und Energyriegel mit der Startnummer beschriftet sind. Der Moderator und Musik a la AC/DCs „Hells bells“ drücken auf die Stimmungstube. Wobei die Starter tiefenentspannt wirken: Bis kurz vor dem Start fühlt sich kaum einer bemüßigt, sich an der Startlinie aufzureihen. Aber dann geht alles ganz flott: Hands up heißt es noch kurz für die Kameras, schon preschen wir durch den Startbogen. Ein paar Augenblicke verweilen wir in Obergurgl, schon geht es nach links hinaus aus dem Ort und hinein in die Natur.

Easy running ist auf den ersten Kilometern angesagt, auch wenn ich sofort merke, wie mir die dünne Höhenluft zusetzt. Sie führen unweit der Durchgangsstraße auf einem Naturweg zumeist leicht abschüssig durch die Almen im Talgrund des Gurgler Tals auswärts. Das wilde Rauschen der gletschergespeisten Gurgler Ache begleitet uns. Ein kurzes Wegstück müssen wir gar der Straße folgen, bis wir nach etwa fünf Kilometern in einer Höhe, die bei anderen Läufen ein Gipfelziel markieren würde, mit 1.765 m üNN den Streckentiefpunkt erreichen.

Nach links schwenken wir ab in den Hang hinein. Einem sich durch den Wald windenden Pfad folgend gewinnen wir schnell an Höhe, ehe wir nach 6,5 km - höhenmetermäßig wieder auf dem Niveau von Obergurgl - die Lenzenalm und damit den ersten von sechs Verpflegungsposten entlang der Strecke anlaufen.

 

Hinauf in luftige Höhen

 

Spätestens das Erreichen der Lenzenalm markiert das Ende der Gemütlichkeit. In Gegenrichtung und damit wieder taleinwärts geht es weiter. Nur führt der Weg jetzt steil bergan. Serpentine um Serpentine schraubt sich der schmale Pfad nach oben. Schnell gewinnen wir an Höhe und schnell ändert sich auch die uns umgebende Vegetation. Immer lichter wird der Wald, immer weniger Schutz haben wir vor der nun satt auf uns herunter brennenden Sonne. So schön Licht und Farben die noch morgendliche Landschaft ausleuchten, so sehr rinnt schon jetzt bei mir der Schweiß. Schwer schnaufen muss ich, aber zumindest lässt der anfängliche Höhenluftschock langsam nach. Für eine nette Abwechslung sorgen ein paar Kühe, die uns neugierig mustern und sich in keiner Weise bemüßigt fühlen, aus dem Weg zu gehen.

 

 

Immer weniger und immer niedriger werden das Gehölz und dann auch das Gebüsch. Schließlich schlängelt sich der Pfad nur noch zwischen Fels und Grasmatten hindurch. Wir haben die letzte Vegetationszone der hochalpinen Landschaft erreicht. Und hier, um die 500 Meter höher seit der Lenzenalm, flacht der Weg zusehends ab. Zum Gefühl der Höhe gesellt sich bei mir ein emotionales Hochgefühl, denn endlich kann ich im leichten Trab die Weite und Tiefe des Gurgler Tales zu meiner Linken genießen, während eine kühlende Brise den Sonnenstrahlen die Hitze nimmt.

 

Bergidyll Nedersee

 

Inmitten der Bergeinsamkeit erreichen wir den kleinen Nedersee (2.436 m üNN). Im stillen Gebirgswasser spiegelt sich der umgebende Fels. Noch sehr viel spektakulärer ist jedoch die Szenerie, die sich vor unseren Augen jenseits des Sees auftut und im Folgenden mehr und mehr weitet: Das Panorama der schnee- und eisbedeckten Gipfel der Ötztaler Alpen, die das Gurgler Tal von drei Seiten umschließen. Aus der Höhe ist der Anblick noch viel gewaltiger als aus dem Tal heraus.

In stetem Auf und Ab folgen wir einem Höhenweg durch die vegetationsarme offene Landschaft, immer näher dem Talschluss entgegen. Kein Baum, kein Strauch „stört“ die Kulisse; allein die Grasmatten sorgen für grüne Schattierungen im Landschaftsbild. Zahllose Bäche kreuzen den Weg, immer wieder müssen wir von Stein zu Stein hüpfen, kleine Schneefelder ausbalancieren oder durch schlammigen Untergrund waten. Optisch wie technisch ist dieser Höhentrail jedoch vor allem eines: Ein läuferischer Traum. Und das über viele Kilometer.

 

 

Das Läuferband hat sich bereits weit auseinander gezogen. Einsamer Läufer in einsamer Bergwelt  - unwillkürlich assoziiere ich damit eine Gefühlslage, wie ich sie mir bei einem Hochgebirgstrekking im Himalaya vorstelle. Nur hier eben insgesamt etwas komfortabler.

Ein jäher Abstieg führt uns schließlich bergab, tief hinein ins Tal, der rauschenden Ache entgegen. Wie aus dem Nichts taucht hinter einer Biegung im steilen Hang die überaus malerisch gelegene Küppelehütte (2.302 m üNN) auf. Nach 16,8 km ist hier die nächste Verpflegungsstelle eingerichtet ist. Wasser, Isogetränk, Apfel – viel ist es nicht, was es gibt, aber mehr braucht es an diesem romantischen Ort nicht. Es lohnt sich ein wenig innezuhalten. In der Ferne, jenseits des Tales, blicke ich auf die Hohe Mut und in diesem Moment ist mir noch schleierhaft, wie es sein kann, nach 14 weiteren Kilometern da oben zu stehen. Im Hier und Jetzt wartet aber erst einmal eine ganz andere Herausforderung.

 

Jenseits der 3000 Meter

 

4,5 km, 700 Höhenmeter im Plus. Das ist der Steckbrief des folgenden Wegstücks. Unser Zwischenziel: Das Ramolhaus und damit das Durchbrechen der magischen 3000er-Höhengrenze. Das klingt einerseits motivierend, doch der Weg dorthin ist physisch eine wahre Herausforderung. Durch die Bergflanke führt der Pfad weithin sichtbar stetig nach oben, gar nicht mal so steil, aber eben beständig. Breiter werden die Bäche und größer auch die Schneefelder, die zu queren sind. Mächtiger wird auch die Kulisse der Bergriesen am Ende des Gurgler Tals, denen wir immer näher rücken. Ein vergleichsweise flacheres Wegstück sorgt für etwas Entspannung, aber mehr denn je spüre ich hier nun die sauerstoffarme Höhenluft.

 

 

Erst ist es nur als ferner Punkt hoch oben am Himmel zu sehen, aber langsam und unaufhaltsam rückt es näher: Das Ramolhaus auf 3006 m üNN, eine der höchstgelegenen Schutzhütten Tirols. Am Südost-Hang des hinteren Gurgler Tals thront sie auf einem markanten Felskopf hoch über der abschmelzenden Zunge des Gurgler Ferners im Hauptkamm der Ötztaler Alpen. Schon äußerlich robust wirkt der trutzige Bau mit seinen unverputzten, felsgrauen Mauern. Einen freundlichen Akzent setzen die rot-weißen Fensterläden. Bereits vor fast 140 Jahren wurde es erbaut und in der Folgezeit, zuletzt 2005, erweitert. Als „höchstes Haus Hamburgs“ wird es auch bezeichnet, denn betrieben wird es – man glaubt es kaum –  von der DAV-Sektion der 1000 km fernen Hansestadt. Nur von Juni bis Mitte September wird das Ramolhaus bewirtschaftet.

Der „Gipfelsturm“ lässt noch ein wenig auf sich warten. Unterhalb des Felsenturms erreiche ich eine Gabelung, wo sich der Weg verzweigt und zwei Helfer den Läuferverkehr regeln: Nach links geht es steil hinunter ins Tal, aber nur für die, die schon oben waren, geradeaus weiter für die, die sich das Ramolhaus noch erkämpfen müssen. Und Kampf ist zumindest für mich der richtige Ausdruck. In einem weiten Bogen umrundet ein extrem steiler,  gerölliger Pfad den Felskopf. Ein paar Schritte gehen, einen Moment verschnaufen – in diesem Wechselmodus schleiche ich nach oben. Zumindest gibt mir das Gelegenheit, die Kamera ein um das andere Mal zu zücken und die Kulisse einzufangen. Nur ab und an traue ich mich nach oben zu schauen.

Aber irgendwann ist es auch für mich so weit: Nach 21,3 Kilometern betrete ich die Panoramaterrasse des Berghauses, werfe meine Stöcke und den Rucksack von mir, schlürfe eine heiße wohltuende Bouillon, esse leckeren Kirschkuchen und Bienenstich und genieße, nun aus vollem Herzen und mit allen Sinnen, was sich vor meinen Augen auftut: Den wohl grandiosesten Aussichtspunkt unseres Trails. Direkt vor mir quillt der Gurgler Ferner, der drittgrößte der noch verbliebenen Tiroler Gletscher, zwischen den bis über 3.500 aufragenden Gipfeln des Ramol- und des Schwärzenkamms gen Tal. Die Schmelze hat zwar auch diesem Gletscher stark zugesetzt, aber immerhin bedeckt das Eis noch eine Fläche von fast zehn Quadratkilometern. Wohin ich auch schaue, füllen die schroffen, grau-weiß gescheckten und in der Mittagssonne leuchtenden Felswände des Blickfeld. Umso mehr erscheint das Berghaus wie eine Oase in der Wüste.

Gerne hätte ich hier noch länger verweilt. Aber allzu sehr will ich das mir bleibende Zeitpolster bis zur Cut-Off-Zeit um 12:45 Uhr nicht strapazieren. Schweren Herzens, aber physisch wie mental gestärkt breche ich auf und stürze mich auf dem gleichen Weg, den ich nach oben genommen habe, nach unten.

 

Vom Ramolhaus zur Piccard Brücke

 

Eine anspruchsvolle Downhill-Passage steht an. 600 Höhenmeter abwärts gilt es zu überwinden, bis tief hinunter in die Schlucht des Gurgler Ferners. Auch diese Passage gehört zu den Highlights des Trails, denn neben läuferischen und orientierungstechnischen sind gewisse klettertechnische Fertigkeiten gefragt. Zunächst führt mich der Weg über den steilen Geröllpfad zurück zur Weggabelung, jetzt aber in einem Bruchteil der Zeit, die ich hinauf brauchte. Nur noch wenige erschöpfte Gestalten kommen mir auf dem Weg nach oben entgegen.

 

 

In steilen Serpentinen setzt sich der ausgesetzte Weg in die Tiefe fort, geradewegs hinein in ein großes Schneefeld. Der Marsch durch das rutschig-sulzige Weiß fordert den Gleichgewichtssinn. In der umliegenden Melange aus Fels, Matsch und Wasser verliere ich fast die Orientierung. Kein Mensch ist zu sehen und auch keine Wegmarkierung. Ein wenig verloren komme ich mir vor im wilden Gletschertal. Aber zumindest weiß ich: Es geht noch weiter hinunter, viel weiter. Und irgendwann sehe ich in der Ferne auch wieder andere einsame Gestalten auf Fährtensuche.

Ich trete ein in eine ganz neue Bergwelt: Rund und glatt geschliffen ist der Fels, farbig nuancierend in allen möglichen Rot- und Ockertönen. Der Gletscher hat hier einst ganze Arbeit geleistet und den Fels formvollendet, fast schon künstlerisch bearbeitet. Stahlseile sind für die Wanderer gespannt, Stahltritte und Griffe im Fels verankert. Pfeile und Punkte lotsen mich durch das verwunschen wirkende Felslabyrinth. Tiefer und tiefer führt der Klettersteig in die Gletscherschlucht. Ganz hinunter muss ich jedoch nicht: Denn seit dem 6. Juli 2017 wird der unwegsame Talboden, zum Schutz der Wanderer vor Steinschlag und Hochwasser, von einer stählernen Hängebrücke überspannt. 142 Meter lang und gerade einmal 70 Zentimeter breit ist die Piccard-Brücke. 82 Meter über dem Canyon der Gurgler Ache schwingt sie sich in 2.465 Meter Höhe kühn von einer Felsseite zur anderen.

Schon von weit oben kann ich einen ersten Blick auf das schmale, aus der Ferne irgendwie zerbrechlich wirkende Band zwischen den mächtigen Felswänden werfen. Und frage mich, wie man es überhaupt geschafft hat, diese Brücke zu spannen. Es dauert aber noch ein Weilchen, bis der winkelige Steig den Weg bis zum Brückenzugang findet.  

 

Erinnerung an eine Forscherlegende

 

23,3 Kilometer liegen hinter mir, als ich den Zugang zur Brücke erreiche und schon sehr gespannt bin, was mich erwartet. Die Querung ist ein einmaliges, vor allem auch schwankendes Erlebnis. Die Hand an der Reling fühle ich mich wie beim Gang über schwere See. Schwindelfrei sollte man da schon sein. Ober besser nicht durch den Gitterboden hinunter schauen. Während ich vorsichtig hinüber tapse, offenbart sich mir ein großartiger Blick hinein in die Gletscherschlucht bis zur spaltenzerrissenen Zunge des Gurgler Ferners.

 

 

Ihren Namen verdankt die Brücke einem historischen Ereignis. Im Mai 1931 musste der Höhenforscher Auguste Piccard unweit des Standorts der heutigen Brücke mitten auf dem seinerzeit noch deutlich voluminöseren Gletscher notlanden. Als erster Mensch hatte er zuvor mit einem Ballon die Stratosphäre erreicht. In 15.785 Meter Höhe konnte er als erster Mensch mit eigenen Augen die Erdkrümmung sehen. Wegen einer technischen Störung am Ballon musste Piccard jedoch ungeplant notlanden und eine eisige Nacht in der kugelförmigen Kapsel des Ballons auf dem Gletscher verbringen, ehe er wohlbehalten geborgen wurde. Immerhin hat er Obergurgl damals weltberühmt gemacht, was man ihm auf diese Weise nun besonders dankt.

 

Von Hütte zu Hütte zur Großen Mut

 

Am anderen Ende der Brücke angekommen wartet schon der Gegenanstieg über den Schwärzenkamm. Einmal mehr darf ich über Felsklammern am glatten bunten Fels kraxeln, nur jetzt nach oben und nicht mehr ganz so kühn wie auf der anderen Seite. Das heißt aber nicht, dass es nun einfacher würde. Denn weiter geht es auf einem überaus ausgesetzten, häufig seilversehrten Pfad, der sich durch den Felsenhang schluchtauswärts windet.

Zurück in der Zivilisation wähne ich mich, als ich nach gut 25 Kilometern die Langtalereck Hütte (2.430 m üNN) erspähe. Dank guter Erreichbarkeit ist die schon 1929 erbaute Schutzhütte ein beliebtes Ziel auch für weniger sportiv veranlagte Wanderer, um bei wundervoller Lage und Aussicht ins Schwärmen über die einsam-wilde Bergwelt kommen zu können. Auch für die Läufer ist außerplanmäßig ein kleiner Verpflegungsstand aufgebaut.

 

 

Nach den vielen anspruchsvollen Pfaden ist es fast schon ein ungewohntes Gefühl, von hier aus auf einem breiten Naturweg vergleichsweise entspannt und tendenziell abwärts weiterlaufen zu können. So vergeht die Zeit bis zur 3,5 km entfernten Schönwieshütte (2.266 m üNN) ausnahmsweise recht schnell.

Wunderschön ist die Lage der relativ modernen, mit Lärchenschindeln gedeckten Hütte am Eingang zum einsamen, in seinen Formen deutlich weicheren Rotmoostal, durch das ein Bach in einem breiten Kiesbett dahin mäandert. Dominiert wird die Szenerie jedoch von einem 400 Meter hohen Bergrücken, der sich vor uns aufwölbt und auf seiner Kuppe ein weiteres Berghaus trägt.

Ich ahne es schon: Da muss ich jetzt rauf. Es ist die Große Mut, das Ziel des gestrigen Prologs und für mich der letzte große Anstieg heute. Ich ergebe mich in mein Schicksal und mache mich auf, den schier endlos lang geradeaus durch den Wiesenabhang führenden Pfad empor zu stapfen. Für Belebung auf der Strecke sorgen nun die 10 km-Läufer, die mich einer nach dem anderen überholen.

Immer weiter reicht der Blick aus der Höhe hinein ins Rotmoostal, die Gerade will einfach nicht enden. Meine Lauflust tendiert zunehmend gegen Null. Aber einfach Stehenbleiben geht auch nicht. Endlich erreiche ich den Hügelrücken, doch noch längst nicht das Berghaus. Über den Hügelrücken setze ich, nun in umgekehrter Richtung und deutlich flacher, meinen Weg fort. Schnee und wassertriefendes Gras machen die Fortbewegung aber nicht unbedingt einfach. Die Kulisse der weißen Bergriesen drum herum ist aber einmal mehr ein besonderes Erlebnis.

Um kurz vor halb vier erreiche ich erschöpft das Berghaus am höchsten Punkt der Hohen Mut (2.636 m üNN). Dank der exponierten Lage ist sie ein sehr beliebtes und zudem einfach per Gondel von Obergurgl aus erreichbares Ausflugsziel der Region. Einen Rundumblick auf 21 Dreitausender und Gletscher verspricht die Werbung. Und so ist es auch. Großes Bergkino wird von dem erhöht auf dem flachen Bergrücken thronenden Bergrestaurant und der vorgelagerten Sonnenterrasse geboten. Nur bremsen mittlerweile dicke Wolken und ein kalter Wind den Besucheransturm.

 

Der lange Weg ins Ziel

 

Noch gut 11 km sind es von hier aus ins Ziel, 11 km auf und ab durch die Berge und irgendwie rechne ich damit, dass mir jemand am Verpflegungsstand andeutet: Sorry, das Zeitlimit ist gerissen, hier ist es vorbei für Dich, Du darfst mit der Gondel abfahren. Aber niemand sagt etwas, niemand hält mich auf. Dann muss ich wohl weiterlaufen.

Ein Oberschenkelmartyrium ist die folgende kurvige Passage bergab über die steile Skipiste, immer an den hohen Fangzäunen entlang. Ein paar 10 km-Läufer preschen an mir vorbei, wohl schon im Zieleinlaufmodus, denn unter mir blicke ich auf Obergurgl. Fast zum Greifen nahe erscheint der Ort und ich frage mich schon, ob ich vielleicht einen Abzweig verpasst habe. Habe ich aber nicht. Nach knapp zwei Kilometern habe ich Gewissheit: Leuchtend rote Pfeile geben für die unterschiedlichen Distanzen klar die Richtung vor. Und für mich heißt das: Schluss mit der Laufabfahrt, rechts abbiegen und einmal mehr ansteigen, über eine andere Skipiste, die hier einmündet.

 

 

Eher zufällig fällt mir auf, dass hinter mir, wie aus dem Nichts, eine aparte junge Frau auftaucht und sich an der Streckenmarkierung zu schaffen macht. Ich habe schon so eine Ahnung und kurz darauf Gewissheit: Es ist Edith, die Marathon-Schlussläuferin, die hinter mir Pfeile und Bänder einsammelt, also „aufräumt“. Ich bin der Letzte, der gerade noch das Zeitlimit auf der Hohen Mut geschafft hat. Und ich kann es nicht anders sagen: Edith ist meine Rettung. Fasziniert bin ich, wie locker, leicht und schnell sie noch auf den Beinen ist. Immerhin war sie die Gewinnerin des 22 km-Wettbewerbs im Vorjahr, und das mit fast einer halben Stunde Vorsprung. Und perfekt ist sie auch in ihrem „Job“ als Schlussläuferin: Freundlich, hilfsbereit, motivierend einerseits, nie drängend und immer wieder auch räumlich Abstand haltend andererseits.   

Richtig Laune macht der erneute längere Anstieg zwar nicht, aber ich reiße mich zusammen. Er führt zusehends wieder hinaus in die Bergeinsamkeit, vor allem aber weg von Obergurgl. Schön ist die offene, nun wieder deutlich grünere Landschaft, aber längst nicht so spektakulär, wie ich es heute schon erleben durfte. Andererseits sind die Pfade längst nicht mehr so extrem, was motivierenderweise mein Fortkommen beschleunigt und zunehmend die Hoffnung keimen lässt, es noch vor dem offiziellen Zielschluss um 18 Uhr nach Obergurgl zu schaffen. Zudem hat mir Edith schon signalisiert: Solange sie nicht im Ziel ist, bleibt das Ziel offen.

An der Mittelstation der Roßkarbahn (2.256 m üNN) hat nach  35,4 Kilometern ein letzter Verpflegungsposten nur noch für mich geöffnet. Knapp sieben Kilometer verbleiben damit. Und die Steigungen auf dem Weg über das Verwall- und Königstal nehmen kein Ende. Aber es läuft besser und just, als sich die Sonne ein letztes Mal für heute durch die mittlerweile dunklen Wolken kämpft und die Landschaft in ihr warmes Licht taucht, durchlaufe ich auf einem sanften Downhill Trail eine wundervolle Landschaft aus rot blühenden Alpenrosenbüschen und erhabenen Zirben. Allein dafür hat sich der weite Abstecher gelohnt.

Dem Talgrund nahe setzt sich der Pfad durch primär waldiges Gelände nunmehr direkt auf Obergurgl zusteuernd fort. Schon sehe ich den langgezogenen Ort im Tal unter mir. Weiterhin gilt jedoch: Nur downhill geht es nie. Aber ich weiß jetzt, ich werde es schaffen.

Während wir die letzte Schleife hinein zum Zielgelände drehen, meldet Edith per Smartphone schon mein Kommen bei der Rennleitung. Rappelvoll ist es im Biergarten am Zielbogen und das Publikum, Läufer wie Zuschauer, offensichtlich in Feierlaune. Lautstark vom Moderator angekündigt darf ich  unter Anfeuerungsrufen und dem Geklatsche Hunderter einen Zieleinlauf erleben, wie er mir noch nie in meiner Laufkarriere zuteil wurde. Bühnenauftritt inklusive, denn sofort werde ich vom Moderator aufs Podium gezogen und darf bestgelaunt meine Befindlichkeit der Welt kundtun.

Wow – ich bin ebenso geplättet wie einfach nur im siebten Himmel. 10:50 Stunden habe ich gebraucht für den längsten Marathon meines Lebens. Aber diese Zeit war eben gefüllt mit einmaligen Erlebnissen und Emotionen. Bei Bier und großem Buffet lasse jetzt auch ich es mir im Ziel gut gehen, erlebe die zahlreichen Siegerehrungen der verschiedenen Distanzen und Kategorien. Und auch wenn ich nicht zu den „offiziellen“ Siegern gehöre: Selten habe ich mich so siegreich gefühlt wie hier.  

 

Informationen: Gletscher Trailrun
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