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Laufberichte

Abgesagt: So war es und so wird es wieder (15)

 
Autor: Klaus Duwe

Bereits am 17.3. steht fest: Der LIEPZIG MARATHON 2020 kann nicht stattfinden. Folgende Pressemitteilung wurde veröffentlicht:

Der für den 26. April 2020 geplante 44. LEIPZIG MARATHON findet aufgrund der COVID-19- Pandemie nicht statt. Das hat der Veranstalter nach Rücksprache mit den zuständigen Behörden bekanntgegeben. Eine Verschiebung der 44. Auflage des Frühjahrsklassikers auf den Herbst wurde geprüft und diskutiert, ist aber aus organisatorischen Gründen nicht umsetzbar.

„Diese Absage trifft uns alle sehr – die Sportlerinnen und Sportler, die darauf hintrainiert haben, die haupt- und ehrenamtlichen Organisatoren und Helfer, die Sponsoren und Dienstleister. Die aktuellen Regelungen zu Großveranstaltungen mögen im Einzelnen hart und schmerzlich sein – sie sind jedoch vernünftig und hoffentlich ein guter Weg, um die weitere Ausbreitung der Pandemie zu stoppen. Insofern bitten wir um Verständnis für diese Entscheidung“, so Michael Mamzed, Geschäftsführer des Veranstalters Stadtsportbund Leipzig.

 

Ich erinnere mich an meine erste Teilnahme am Leipzig Marathon. Das war 2007, die Strecke war zu Beginn noch etwas anders als heute. Aber lest bitte selbst:

 

 

2007: Stadt- und Laufgeschichte  -
Mit den Sportbrüdern fing es an

 

Der Leipziger Marathon hat die längste Tradition in Deutschland. Der erste Marathonlauf in der größten Stadt in Sachsen fand bereits 1897 statt und war damit einer der ersten in der Welt überhaupt. Am 5. September jenes Jahres gingen morgens um 6.00 Uhr 18 Läufer am Neuen Gasthof in Paunsdorf auf eine 40 Kilometer lange Wendepunktstrecke. Nach 3:35:31 Stunden hieß der erste Marathonsieger Theodor Schöffler. Im folgenden Jahr schrieben die „Sportbrüder Leipzig“ den Lauf offiziell aus und so fand dann am 3. Juli auf gleicher Strecke der erste offizielle Deutsche Marathonlauf statt. Gewonnen hatte unter 13 Teilnehmern der Berliner Arthur Techtow in 3:19:50 Stunden.

„Moment mal, das waren ja nur 40 Kilometer, das ist ja gar kein Marathon“, werden die Zweifler sagen. Stimmt – es waren „nur“ 40 km. Aber ein Marathon war es trotzdem. Auch bei  den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit in Athen 1896 war die Marathondistanz 40 km. Erst bei der Olympiade in London wurden genau 26 Meilen und 385 Yards (= 42,195 km) gelaufen. Die krumme Zahl kam zustande, weil der Marathon auf Wunsch der Queen vor Windsor Castle gestartet und vor der Königlichen Loge im Stadion beendet werden sollte. Und das ergab dann eben diese Distanz. 1921 wurden vom Internationalen Leichtathletikverband (IAAF) die 42,195 Kilometer offiziell als Marathondistanz festgelegt.

In den 30er Jahren fanden in Leipzig nur sporadisch Marathonläufe statt, so zum Beispiel 1938 als Gedächtnislauf „125 Jahre Völkerschlacht bei Leipzig“ mit 101 Teilnehmern. Später wurden in den 50er Jahren im Wechsel mit Berlin die DDR-Meisterschaften ausgetragen.

1977 beginnt dann für den Leipziger Marathon eine neue Zeitrechnung. Die Sportgemeinschaft der Universität veranstaltet als Alternative zu den leistungssportlichen Veranstaltungen und Eliterennen ihren ersten Marathon mit Volkslaufcharakter. 184 Läufer und 6 Läuferinnen nahmen teil, insgesamt kamen 98 ins Ziel. 1989, beim letzten Marathon vor der Wende, war die Teilnehmerzahl auf 859 angewachsen.

Mit der Bahn als Sponsor wurde 1990 der erste Marathon nach der Wiedervereinigung mit 1.943 Teilnehmern ausgetragen. Zusammen mit einem 10 km-Lauf und Walking kam man fast auf 3.000 Teilnehmer. Danach gingen die Zahlen zurück, die Bahn stieg als Sponsor aus und die Veranstaltung war praktisch am Ende.

Ohne Budget war ein Citylauf nicht die stemmen. Also zog man in den Auenwald (die 100 km-Läufer kennen das Gebiet) und lief dort auf 4 Runden von 1993 bis 1997, wobei 1997 mit 159 Teilnehmern das größte Läuferfeld am Start war.

Als man 1998 „100 Jahre Leichtathletik in Deutschland“ feierte, ging es mit viel Polit- und Medienrummel zurück in die Stadt. 735 Läuferinnen und Läufer (davon 333 Marathonis) starteten zum Jubiläumslauf vor dem Alten Rathaus. Gelaufen wurde auf einer 10,549 Kilometer langen Runde durch die Innenstadt. In der Folgezeit wechselten Strecke (2- und 4-Rundenkurs) und Start und Ziel mehrfach.

2007 ist das Start- und Zielgelände erstmals beim Zentralstadion. In der gleich gegenüber liegenden Universitätssporthalle, die man sich nicht als modernen Sportpalast, sondern eher als ein Überbleibsel aus „guten“ DDR-Zeiten vorstellen muss, gibt es die Startnummern, eine ordentliche Portion Nudeln und eine kleine Marathonmesse. Am Sonntag ist auch das Kleiderdepot hier eingerichtet. Parkmöglichkeiten sind im Umkreis ausreichend vorhanden, öffentliche Verkehrsmittel halten praktisch vor der Tür.

 

 

Pünktlich um 10.00 Uhr fällt der Startschuss für den 31. Leipzig Marathon. Der Applaus der vielen Zuschauer begleitet uns zur Jahnallee, in die wir gleich links einbiegen. Nach dem sehr schön restaurierten Waldplatz-Palais, in dem Olga und Francesco Scerra ein viel gelobtes Ristorante betreiben, geht es in die Elsterstraße. Der Name hat nichts mit dem Vogel zu tun, die Straße ist nach dem 257 Kilometer langen Nebenfluss der Saale benannt, der zur Unterscheidung eines gleichnamigen Elbezuflusses Weiße Elster genannt wird. Elster kommt in diesem Falle aus dem Slawischen und bedeutet der Eilende.

Schon von hier ist der markante, 114 Meter hohe Turm des Neuen Rathauses zu sehen. Er steht als höchster Rathausturm der Welt im Guinnessbuch des Rekorde. Rekordverdächtig sind auch die 600 Räume, mit denen das Leipziger Stadtparlament zu den weltweit größten Rathausgebäuden zählt. Bei Kilometer 2,5 sind wir auf dem Martin-Luther-Ring und sehen den Prachtbau in seiner vollen Größe.

Ein paar hundert Meter weiter kommt schon das Gewandhaus. Jeder hat schon einmal davon gehört – aber mal ehrlich, wer kann was damit anfangen? Seit dem Mittelalter versteht man darunter Messe- oder Lagerhallen, in denen „gewendete“ (gefaltete) Tücher gelagert und in Zuschnitten verkauft wurden. Gewandhäuser gibt es deshalb in vielen Städten, z.B. auch in Zwickau oder Braunschweig.

Das Leipziger Gewandhaus ist aber kein historischer Prachtbau, sondern zumindest äußerlich eher ein Protzbau aus DDR-Zeiten (1977). Das ursprüngliche Gewandhaus wurde 1498 tatsächlich als Lagerhaus in der Altstadt errichtet, 1781 teilweise zu einem Konzerthaus umgebaut und erlebte Uraufführungen von Beethoven, Schumann, Schubert, Wagner und Brahms.

Dass es das neue Gewandhaus gibt, ist maßgeblich Kurt Masur zu verdanken, der das Gewandhausorchester 1970 bis 1997 leitete und mit ihm Weltruhm erlangte. Kurt Masur war es auch, der mit anderen im Oktober 1989 bei den Montagsdemonstrationen 100.000 Leipziger zur Gewaltfreiheit aufrief.

Links sehen wir das Krochhochhaus, das 1927 als erstes Hochhaus in Leipzig in Stahlbetonbauweise errichtet wurde. Vielen Bürgern war das Monstrum zu hoch, sodass nach heftigen Protesten die oberen 4 Stockwerke zunächst nur als Attrappen errichtet wurden, um die Auswirkungen auf das Stadtbild zu beurteilen. Für Marathonis von besonderer Bedeutung ist die Glocke auf dem Dach, weil sie von zwei Hammermännern geschlagen wird. Genau, zwei Hammermänner, Frankfurt hat nur einen.

Weiterhin erwähnenswert, dass hier eine Guggemusik aufspielt. Ich erwähne gerne meine Vorliebe für diese schräge Musik, die meist von bunt Kostümierten vorgetragen wird, ihre Heimat aber mehr im Allemannischen, also im Badischen und in der Schweiz hat. Ich bin begeistert und viele Leipziger sind es auch, denn es hat sich eine große Menschenmenge hier versammelt.

Überhaupt bin ich von der Resonanz bei der Bevölkerung überrascht. Schon am Startplatz hätte ich so früh am Morgen (10.00 Uhr ist sonntags für einen Nichtläufer doch früh, oder?) nie so viele Zuschauer erwartet. Im weiteren Verlauf stehen an der Strecke zwar keine Menschenmassen, vergleichbar mit Berlin usw., aber man ist nicht alleine und die Stimmung an den großen Verkehrskreuzungen oder bei den Aktionspunkten ist nicht schlecht. Es ist übrigens das erste Mal, dass man beim Leipziger Marathon Show- und Unterhaltungselemente einbaut.

Ein Stück laufen wir auf der breiten Prager Straße, wenig später sind wir auf der Straße des 18. Oktober. An diesem Tag wurde 1813 die Völkerschlacht bei Leipzig entschieden.

Bei km 6 sind wir an der Deutschen Nationalbibliothek. Es gibt in Deutschland ein Gesetz, nach dem von allen Druckerzeugnissen (Bücher, Zeitschriften usw.) zwei Belegexemplare der Nationalbibliothek zur Archivierung überlassen werden müssen.  Gleich darauf zieht die Russische Kirche alle Blicke auf sich. Richtig heißt sie „St. Alexei Gedächtniskirche zur Russischen Ehre“ – benannt nach Alexei, dem einzigen Sohn von Zar Nikolaus II. Sie erinnert an die 22.000 Russischen Gefallenen der Völkerschlacht bei Leipzig und wurde zum 100. Jahrestag dieses Ereignisses zeitgleich mit dem Völkerschlachtdenkmal eingeweiht.

 

 

10 Jahre später - Bilder aus 2017

 

 

Wir laufen rechts und sind wieder auf der Prager Straße. Weiter geht es in südöstlicher Richtung – und  weiter geht es auch mit dem Geschichtsunterricht. Unübersehbar ist das riesige doppelte M am Eingang der alten Messe. Die Geschichte der Märkte und Messen geht zurück auf das Jahr 1190 – damit ist Leipzig eines der ältesten Messestandorte der Welt. 1895 erfolgte die Umstellung von der Waren- zur weltweit ersten Mustermesse (daher das doppelte M als Markenzeichen). Zu DDR-Zeiten waren die Leipziger Frühjahrs- und Herbstmessen wichtigste Faktoren im Ost-West-Handel. Es bleibt kaum Zeit darüber nachzudenken, weshalb der Messestandort Leipzig im wiedervereinigten Deutschland so gravierend an Bedeutung verloren hat, obwohl die Neue Messe zu den modernsten in ganz Europa zählt.

Schon erhebt sich nämlich über den leuchtend grünen Bäumen das nächste Bauwerk der Superlative, das 91 Meter hohe Völkerschlachtdenkmal . Vom 16. bis 19. Oktober 1813 kämpften die Truppen Napoleons hier gegen die der Verbündeten (Russland, Preußen, Österreich). Dabei spielten sich die bis dahin fürchterlichsten Kriegshandlungen der Geschichte ab. Von 510.000 beteiligten Soldaten starben 150.000 – Napoleon musste fliehen und die Fremdherrschaft war beendet.

In der Connewitzer Straße empfängt uns eine Schalmeienkapelle und gleich  erreichen wir beim Bruno-Plache-Stadion die zweite Verpflegungsstelle. Angeboten werden Iso, Tee, Wasser, Kola, Äpfel und Bananen. Zahlreiche Helferinnen und Helfer sorgen für einen reibungslosen Ablauf und für gute Laune.

Auch das „Bruno“, wie das Stadion von den Fans genannt wird, hat seine Geschichte. 1922 erbaut, war es mit einem Fassungsvermögen von 40.000 Zuschauern das größte vereinseigene Stadion Deutschlands. Die 1932 erbaute Holztribüne ist noch fast original erhalten und Beispiel für die Tribünenbauweise der damaligen Zeit. Noch heute trägt der 1.FC Leipzig seine Heimspiele im jetzt 15.600 Zuschauer fassenden Stadion aus.

Auf den nächsten Kilometern in der Zwickauer und der anschließenden Richard-Lehmann-Straße bekommen wir erstmals die viel beschimpften Plattenbauten zu sehen. Ich will die ja nicht verniedlichen und auch nicht dort einziehen – aber ich finde, im Rahmen der Möglichkeiten hat man in der Zwischenzeit das Beste daraus gemacht. Die farblich sehr abwechslungsreich gestalteten Fassaden werten die einst tristen Gebäude doch erheblich auf. Für eine Innenbesichtigung fehlt mir allerdings die Zeit. Im Übrigen macht hier die „Blechlawine“, eine Trommlergruppe, mächtig Dampf.

Wir überqueren die Elster. Auf dem Wasser und an den Ufern herrscht reger Betrieb an diesem herrlichen Sommertag im April – 20 Grad wird das Thermometer inzwischen erreicht haben. Den Marathonis wird heiß.

Sehr schön wohnt man in der August-Bebel-Straße. Rechts und links der Straße stehen wunderbar renovierte Villen und Häuserblocks.  Dann sehen wir auf den Glasturm des MDR und auf die Media City, wo viele  junge Medienunternehmen über 1000 Arbeitsplätze geschaffen haben. Links steht der riesengroße ehemalige Gastankbehälter der Stadtwerke. Panometer wird er nach Umbau und Renovierung genannt, weil man mit moderner Vergrößerungs- und Simulationstechnik Panoramabilder von mehr 1000 qm Fläche entstehen lässt. Das Pilotprojekt „8848 Everest 360“ sahen 500.000 Menschen. Das neueste Projekt „312“ gewährt Einblicke in das antike Rom.

Wir ändern die Laufrichtung, in Plagwitz geht es nordwärts. Rund um den Tower von DJ Alex herrscht tolle Stimmung. „Nicht mehr weit“, meint er. Der muss da was verwechselt haben. Tatsächlich ist es nur noch gut einen Kilometer bis zum Zentralstadion, aber dann beginnt ja erst die zweite Runde.

Leipzig hat mich überrascht – die Strecke ist abwechslungsreich, interessant und schön. Ich freue mich auf den zweiten Durchlauf. Ich bin genau 30 Kilometer gelaufen, da holen mich die ersten Halbmarathonläufer ein, die um 12.30 Uhr, also 2 ½ Stunden nach uns gestartet sind. Nach und nach wird die Strecke belebter, was ich gar nicht schlecht finde.

Viele Zuschauer säumen den letzten Kilometer der Strecke und bereiten  den Läuferinnen und Läufer einen tollen Empfang.  Der Verpflegungsbereich ist  großzügig bestückt und gut sortiert.  Nicht nur die Mädels von Red Bull haben alle Hände voll zu tun, auch das Gratisbier fließt in Strömen. Erstaunliche Nachfrage herrscht auch nach dem warmen Schleim. Heute nicht, denke ich und hole mir nebenan lieber eine Thüringer.

 

Auf Wiedersehen am 18. April 2021
beim Leipzig Marathon

 

Informationen: Leipzig Marathon
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